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Gerhart Hauptmann
Ein Wanderer im Gebirge

Es gibt ein Gedicht von Hauptmann, in dem eine Erinnerung an Gräser festgehalten sein könnte. Das Gedicht hat den Titel 'Legende' (CA IV, 163). Es wurde am 8. Dezember 1909 niedergeschrieben.

Am 13. April des selben Jahres war Gusto Gräser durch Weimar gewandert und hatte dort unter anderen Johannes Schlaf aufgesucht. Er war auf der Suche nach Gönnern, die ihm eine Behausung für seine neugewonnene Familie finanzieren sollten. Wenn er schon in Thüringen war, ist anzunehmen, dass er auch ins nicht allzu ferne Schlesien kam und dort den seit langem mit Schlaf befreundeten Gerhart Hauptmann aufgesucht hat. Da er vor allem Dichter aufzusuchen pflegte, konnte er den damals bekanntesten nicht auslassen.



Wie eine Bestätigung dieser Vermutung erscheint nun, dass Hauptmann ein halbes Jahr später ein Gedicht niederschreibt, das die Begegnung mit einem Wanderer erzählt, einem Wanderer von ungewöhnlicher Art. Hauptmann legt die Begegnung ins Dämmerlicht der Legende, offenbar um dem Wunderbaren, Märchenhaften, ja "Überirdischen" der Erscheinung gerecht zu werden.

Das Gedicht ist mit 'Legende' überschrieben und erzählt von einem armen Holzfäller, der in stürmischer Nacht Schritte vor seiner Hütte hört.

Da hob er sich auf und dachte bei sich:
Da draußen ist einer, ärmer als ich!
Und sieh: des Kienspans Flackerlicht
leuchtet einem ins Angesicht.
Der war halbnackt und schwieg und stand
und regete weder Fuß noch Hand.
Aber er war von solcher Statur,
daß unser Holzfäller bei sich schwur:
hier winke ein weidlicher Gotteslohn,
er sei ein verirrter Königssohn! -
Die Wasser tosten zu Tale hinab.
Der Fremde kratzte die Sohlen ab,
schritt durch den holprigen Flur so leis
wie einer, der alle Wege weiß,
saß nieder am qualmigen Herde zur Rast
und ward des armen Konzen Gast. ...

Was ist das Besondere an diesem Wanderer und Gast? - Wie erfahren nicht mehr als: er ist arm, ärmer als ein Holzknecht, der immerhin seine eigene Hütte hat; er ist halbnackt, aber er wirkt wie ein verirrter Königssohn. Er lässt sich nicht herab zu bitten, er steht nur und schweigt. Er ist offenbar von großer Statur, alles andere als kümmerlich. Und er hat eine Art sich zu bewegen, die ebenfalls königlich ist: er schreitet auch dort noch, wo es holprig ist, und sein Gehen ist ein wissendes, ein bewusstes, ein tänzerisches Gehen: ein "Wandeln" fast.

Gräser ist ein besitzloser Wanderer, der allenthalben darauf angewiesen ist, an den Türen anzuklopfen und um ein Nachtlager zu bitten. Er ist hoch gewachsen und er geht halbnackt, wie gerade ein Dokument aus dem Sommer 1909 bezeugt. Am 24. Juli meldet die 'Tessiner Zeitung':

Gusto Gräser in Locarno verhaftet.

In der Via Romagna wurde gestern nachmittag der bekannte Propagandist der Nacktkultur Gustav Gräser verhaftet. Er trug eine allerdings im höchsten Grade auffällige "Bekleidung", die einen großen Teil des Körpers unbedeckt ließ. Obwohl wir für eine zweckmäßige Körperkultur und Natürlichkeit sehr eingenommen sind, eine derartige Herausforderung der Sitte empfinden wir als sinnlos und unmoralisch.“

Auch das Feuilleton von Schlaf erwähnt die nackten Arme Gräsers, der offenbar kein Hemd trägt, sondern lediglich einen gelblichbraunen Chiton sich über die Schultern geworfen hat. Und auch Schlaf betont, wie Hauptmanns Gedicht, die "hohe, schlanke, stattliche Gestalt von tadellos freier und ansprechender Haltung", hebt die "anmutigen Bewegungen" seines Gastes hervor und nennt sein Gehen ein "Schreiten".

„Und die hohe Gestalt schreitet mit schönstem und ungezwungenstem Anstand freischrittig und freundlich in mein Arbeitszimmer hinein; schreitet bis mitten ins Zimmer, schwingt schnell, mit einer sicheren und anmutigen Bewegung das netzförmige Bündel von der Schulter, und halb wirft, halb legt er es ohne weiteres auf die Chaiselongue.“                                                                              Johannes Schlaf: Gusto Gräser. In: Frankfurter Zeitung vom 25. April 1909

 

Gräsers Auftreten hatte ohne Zweifel etwas Königliches, auch in der Sicht von Schlaf. Gräser selbst sieht sich so:

Wandrer – wer ist's?
Freih wie der Wind, wie der Sonnenschein,
so - tritt - er - ein.
Wir fragen woher, wir fragen wohin? Von hier,
heisst es heiter, gradher wo ich bin!
Gibt frisch uns ein Lied, einen Ohrenschmaus -
Wahrhaftig - sind wir oder er hier zu Haus?...

Selbstbewusst tritt er auf, nicht wie ein Bettler sondern wie einer, der zu geben hat:

Wir fragen, wir drängen, wir wollen verstehn - - -
da sehn wir schon ferne den Wonnigen gehen.
Doch in uns fühlen wir uns selber bewährt –
uns Alle hat seine Nähe genährt.

Er, der "Wonnige", ist der Schenkende, der Nährende, tritt auf in der Gewissheit, dass er, weil "ichverloren, Urlebens König ist"!

Alle Schilderungen Gräsers stimmen auch darin überein, dass sie von seinem tänzerischen Schreiten berichten. So auch Hermann Hesse in der 'Morgenlandfahrt' von dem "Diener Leo", dessen Gestalt zweifellos auf Gusto Gräser zurückgeht. Die Szenerie von Hauptmanns Gedicht zeigt den Gast aber nicht nur als eine königliche, Ehrfurcht gebietende Erscheinung, sie deutet ihn geradezu als einen Sohn des Allerhöchsten, als den wandernden Gottessohn Jesus. So nämlich spricht des armen Conzen Gast:

"Dein Brot war gut! Dein Trank war rein!
Viel reiner strahlt deines Herzens Schrein.
Du hast mich an Leib und Seele erquickt,
Gott selber hat dir ins Auge geblickt.
Nun muß ich weiter, gedenke mein,
es soll dir, Bruder, vergolten sein!
Denn siehe, ich schreite durch Nacht und Graus
In meines Vaters goldenes Haus."

Die bescheidene Bewirtung, die der arme Hüttler und Holzfäller dem Wanderer bieten konnte, wandelt sich, wenn auch unausgesprochen, durch die Gegenwart des verborgenen Gottessohns zum heiligen Abendmahl von Brot und Wein. Es ist ein Geschehen, das nicht von ungefähr an ein Gedicht von Trakl erinnert, im Geschehnis sowohl wie in seiner Deutung: 'Ein Winterabend'. Denn auch dieses Gedicht dürfte durch einen Besuch Gräsers inspiriert worden sein. Dass Gräser Georg Trakl besucht hat, wissen wir von ihm selbst. Und dieser Besuch in oder bei Innsbruck ist von den Umständen her am ehesten in jenem Jahr 1913 zu denken, in dem 'Ein Winterabend' entstanden ist.

Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden ...

So auch nach Schlesien. Aber auch abgesehen von einer solchen (möglichen) Parallele: Es bedarf kaum einer Begründung, dass das Anklopfen eines Armen, der um Kost und Nachtlager bittet, bei jedem christlich erzogenen Menschen sofort die Erinnerung an den anklopfenden Jesus wachruft - selbst dann, wenn es sich um einen gewöhnlichen Bettler handelt. Wieviel mehr in dem Falle, wenn einer sichtlich vom Geist getrieben umherwandert, eintritt, spricht und auftritt mit der Würde eines solchen? Dass Gräser als ein Nachbild des wandernden Jesus erlebt werden musste und erlebt wurde, ist gar keine Frage und auch vielfach ausdrücklich bezeugt.

Wir haben allen Grund, auch in Hauptmanns Gedicht den Niederschlag einer solchen Erfahrung zu sehen - auch wenn dies, wie immer bei poetischen Schöpfungen, nicht bis ins Letzte beweisbar ist. Zumindest einen bestätigenden Hinweis in dieser Richtung können wir darin sehen, dass Hauptmann innerhalb vierzehn Tagen nach jener Niederschrift eine Planskizze zu 'Quint' entwirft, dem Roman eines Wanderers, der Jesus nachfolgt und als "Kohlrabiapostel" verspottet wird (siehe CA XI, 298-301; vgl. Sprengel 198). In den ersten Niederschriften zu dieser Erzählung findet sich die Notiz:  „Die Kolonie von Locarno“. Gemeint ist die Gründung Gusto Gräsers, der Monte Verità.




Der Sonnenanbeter Emanuel Quint


Auch Hauptmann hatte, wie Hesse, den bedürfnislosen Wanderer und Einsiedler Gusto Gräser zunächst als einen Nachfolger Jesu verstanden. Wie überrascht muss er gewesen sein, als eines Tages der vermeintliche Asket mit einem lebenslustigen Weib und einer ganzen Fuhre Kinder vor seiner Türe stand. Denn Gräser zog im Pferdewagen durch die Lande, predigte nicht Askese sondern “das heilige Genießen”. Im Frühjahr 1909 besuchte er Johannes Schlaf in Weimar und wird damals auch bei Hauptmann angeklopft haben.

Um diese Zeit entstand der Roman über den “Narren in Christo Emanuel Quint”, der in aller Regel als ein Jesusroman gedeutet wird. Dabei wird übersehen, dass dieser moderne “Narr in Christo” Züge trägt und Ansichten vertritt, die keineswegs auf den biblischen Jesus zurückzuführen sind: dass er die Sonne verehrt, sogar vor ihr niederkniet, dass er das Nacktbaden als “Feier” und “Andacht” pflegt, überhaupt Gott in der Natur findet und sich eher mit der Erde verbinden will als mit dem Himmel. Dass er den Staat und seine “scheußlichen Metzelfeste” als „blutigen Wahnsinn“ bekämpft, dass er barfuß geht und als „Kohlrabiapostel“ verhöhnt wird. Dass er den Gebrauch von Geld ablehnt. Besonders aber, dass er das Geschlechtsleben heiligt – und dies in ausdrücklichem Widerspruch gegen das Christentum. All dies sind Züge, die ihn mit dem „Narren“ Gusto Gräser verbinden, dem als „Kohlrabiapostel“ Verspotteten, und damit auch mit dem Monte Verità. Nicht von ungefähr erscheint in Hauptmanns Vorarbeiten zu ‚Quint’ die Notiz: „Die Kolonie in Locarno“ (Sprengel: Mythen 127).

Damit ist nichts anderes als die Kolonie auf dem Monte Verità gemeint. Dorthin zieht es am Ende auch den armen Quint. Auf dem Weg ins Tessin erfriert er beim Übergang über den Gotthard im Schnee: Symbol für Hauptmanns damalige Position. Es zieht ihn zwar zu den „glückseligen Inseln“, zu seinem „utopischen Archipelagus“. Aber er schafft den Übergang nicht. Die inneren Widerstände, die Ängste, die Kälte – sie sind noch zu stark. Der Druck von Krieg und Niederlage wird nötig sein, um diese Hemmungen zu überwinden. Im Frühjahr 1919 reist Hauptmann zum Monte Verità.

Wer Gräsers Leben und Denken kennt, wird ihn in den folgenden Auszügen auf Schritt und Tritt wiederfinden.


Gerhart Hauptmann:
Der Narr in Christo Emanuel Quint

„Siehst du den langen Menschen, Frau?“ fragte er, auf Emanuel hinweisend. (157)

Emanuel ging mit seinem langen, wiegenden Schritt und in einer sonderbar würdigen Haltung, die mit seinen unbekleideten Füßen, seinem unbedeckten Kopf sowie mit der Armseligkeit seiner Bekleidung überhaupt in Widerspruch stand. (11) ...

Hans gestand sich, daß der Eindruck des vorüberschreitenden seltsamen Hirten an der Spitze der Herde ungewöhnlich gewesen war ... fand jedoch, daß der jesusähnliche Eindruck, den Emanuel machte, nicht leicht auf gekünstelte Äußerlichkeit zurückzuführen war ... und ebensowenig konnte das offene Hemd, das kurze Beinkleid, der Umstand, daß Quint einen langen Stab in der Rechten trug und barfuß ging, als absichtlich gedeutet werden. (217)

Das geflügelte Wort, das dem Narren durch Hundegebell entgegenschallte, war aber dies: Kohlrabi-Apostel. … Ganz besonders in dieser Stadt (Dresden) sah man bisweilen Leute in härenen Hemden, barfuß und einen Strick um den Leib, die Haare bis auf die Schultern reichend, durch die Straßen ziehen. (88)

Was göttlich sei, sagte er, das wandere. So wandere der Heiland, wandere der Gottessohn, wandere der Menschensohn über die Welt, wandere ein jeglicher, der aus dem Geiste geboren wäre, unbehaust, ohne bleibende Stätte, ohne Vermögen, ohne Dach, ohne Weib, ohne Kind, ohne auch nur eine Ruhestätte für sein Haupt. (276)

Seine Nahrung bestand aus Wasser, das er, flach ausgestreckt, von dem Spiegel der Quellen trank – er umging die Dörfer -, aus Wurzeln, die er hier und da den Feldern entnahm, gelegentlich aus frischen Salatblättern, und einige Male ward ihm, ohne daß er gebeten hatte, Brot und ein Trunk dünnen Kaffees zuteil. (45)

In die Gewohnheit, barfuß zu gehen, fiel Quint mit vollem Bewußtsein mitunter zurück. Er sagte, er wolle mit den Kräften der Muttererde verbunden bleiben. (218)

Vor allem war es die leider von Emanuel eigensinnig festgehaltene Wunderlichkeit, weder Geld zu nehmen noch auszugeben, die ihn immer wieder erheblich aufreizte. (237)

„Ich bin ein Gegner des Christentums. … Das Christentum hat … mit der Verdammung, Entheiligung und Entwürdigung des Geschlechtslebens allein schon maßloses Unheil angerichtet. … Ich betrachte das Christentum … als den wahren Krebsschaden unserer gesamten menschlichen Zustände.“ (369)

Die Wahrheit zu sagen, sah er in der Vereinigung der Körper überhaupt eine Sünde nicht! (429)

Von allen Bildern im Reich der Erscheinungen, die sein Auge zu fassen verstand, war ihm die Sonne, die aufging, und die Sonne, die unterging, das gewaltigste und zugleich das tiefste Symbol. (275)

Wenn sie heraufkam, erblickte sie Dörfer im Schlaf und den nackten Körper Emanuel Quints, der bereits am Ufer des Sees aus dem Bade stieg. … Dies Bad war für Emanuel ein erhabenes Glück, eine paradiesische Seligkeit. Es war noch mehr: es war eine Feier! Und die bezaubernde Andacht dieser Minuten heiligte seinen ganzen Tag. (221)

Er hatte staatsgefährliche Äußerungen … : Gegen die Monarchie! Gegen die Religion! Gegen die Kirche! Gegen den Staat! … Quint hatte sich für die freie Liebe erklärt und mit Entschiedenheit gegen das Privateigentum. (404)

Er bildete Jesum in sein Inneres. (300)

„Christus? Ich kenne ihn nicht oder bin es selbst!“ (348)

Das vornehmste Werkzeug der Offenbarung Gottes ist der Mensch, nicht irgendein Buch. (90)

„Der Geist ist immer mehr als der Buchstabe. Der Buchstabe aber steht im Buch, der Geist dagegen ist in mir.“ (155)

„Wer sich auf das Gesetz beruft, beruft sich auf das Gesetz, nicht auf  Gott. …  Oder meinet ihr wirklich, daß der Heiland eure Gerichte, die Lippen eurer Richter, die nach toten Buchstaben Unrecht sprechen … meint ihr, daß Jesus die Arbeit eurer Henker, die Mauern eurer Zuchthäuser, die Richtblöcke eurer Richtstätten segnen wird?  (296)

„Oder herrscht unter euch ein anderes Gesetz als Auge um Auge, Zahn um Zahn?“ fuhr Emanuel fort. „Habt ihr nicht die Völker bewaffnet, die Welt mit Myriaden von furchtbaren Mordinstrumenten bedeckt? Schwimmen nicht eure ungeheuren eisernen Mordmaschinen auf allen Meeren, und meinet ihr, daß der Heiland eure Kanonen, eure Gewehre und eure scheußlichen Metzelfeste segnen wird?“ (293)

Seine Wanderung … über Darmstadt, Heidelberg, Karlsruhe, Basel, Zürich, Luzern bis nach Göschenen und Andermatt … (413)

Er war auch derselbe … der oberhalb des Gotthardhospizes nach der Schneeschmelze im Frühjahr darauf erstarrt und zusammengekauert gefunden wurde. (414)

Aus Gerhart Hauptmann: Das erzählerische Werk. Frankfurt/M. 1964, Bd. 2







Alles hier Gesagte trifft auf Gusto Gräser zu – nur nicht der letzte Satz. Denn Gräser hat den Gotthard mehr als einmal überstiegen, von Süden und von Norden her. Dieser Wanderer ist nicht, wie Quint, in Angst und Kälte erfroren.







Gerhart Hauptmanns Insel-Utopie

Das Chaos, das uns umgab, schien uns seelenlos und überlebt zu sein.
Wir wollten fliehen,
wollten ein neues Leben anfangen, am liebsten auf einer entlegenen Insel im Ozean.
 Bei dem, was wir planten, wären wir im Bereiche der christlichen Zivilisation gestört,
ja verfemt worden. Ich erinnere mich, dass wir die Ehe nicht dulden wollten,
ebenso, dass wir die Weltverneinung des Christentums mit ihrer Verachtung des Leibes
 und der natürlichen Triebe als verderblichen Wahnsinn bekämpften.
 Unter "die Meinen" also verstand ich Freunde, verstand ich schöne junge Frauen,
die, einem Liebes- und Schönheitskult hingegeben,
meine Insel bevölkern sollten.
 Buch der Leidenschaft  
*
Er (Hauptmann) sah aus wie das unverdorbene Kind der Berge und Wälder, das schon durch sein äußeres Erscheinen allein Widerspruch gegen die Sitten der Weltstadt zu erheben schien. Er war ausgesprochener Natur- und Gesundheitsapostel und hatte in Zürich ein heiliges Gelöbnis abgelegt, seine Seele und seinen Leib
 nie wieder mit tierischer Kost und spirituösen Getränken zu beflecken.

Julius Hart  
*










Die Brissago-Inseln im Lago Maggiore









Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs dachte Hauptmann daran, sie zu erwerben.






*
Denn wir sind übereingekommen ...
auf jungfräulichem Land einen Staat,
eine Siedlung zu gründen
und in ihr die größtmögliche Summe
von Glück allbereits hier
auf der Erde den Bürgern der Kolonie
 zu vermitteln.

Anna  
*
Ikarien hieß die Kolonie, die Kolonisten also Ikarier.
Der lichtbegierige Ikarus wollte mit Flügeln aus Wachs die Sonne erreichen.
 So verstanden, waren auch wir Ikarier.                                              
Das Abenteuer meiner Jugend  
*
Was uns verbindet und verband, ist eine gemeinsame Utopie. …
Jeder, er sei, wer er wolle, arbeitet täglich an seiner Utopie. ….
Und ebenso arbeitet die Masse, die Nation, die Menschheit an ihrer Utopie ….
 Über jedem Dorf, wieviel mehr über jeder Stadt, schwebt millionenfältig die Utopie.
 Wir waren jung, wir waren glückselig.
Auf Grund dieses Umstandes, auf Grund der Neigung, die uns zusammenschloß,
erstrebten wir eine noch höhere, ja die höchste Glückseligkeit.

Buch der Leidenschaft  
*
Der Leitsatz, der immer wiederkehrte, hieß: Rückkehr zur Natur. …
Wir stellten dem Heiligen Geiste den heiligen Leib gegenüber, weil wir der Ansicht waren,
dass ein heiliger, reiner Leib allein für den Heiligen Geist bewohnbar sei ...
Wir dürsteten alle nach Schönheit! Wir lechzten danach ...
Wir schwärmten für nackte Spiele und Ringkämpfe in der Palästra und dachten dabei
an das heitere Wohlgefühl, das den nackten, klaren Leib überkommt,
sofern er die Kleider, Lumpen und Fetzen von sich geworfen.
Schönheit!
Schon im Suchen danach empfanden wir Glück.

Der Venezianer 
*



Gerhart Hauptmann auf dem Berg der Wahrheit


Im Januar 1919 ist Gerhart Hauptmann verzweifelt. Seit Tagen toben in Berlin blutige Straßenkämpfe. Der Dichter sieht nur noch "Brand, Mord, Raub, Diebstahl, Vergewaltigung" (Diarium 1917 bis 1933, S. 35). Er flüchtet sich nach Ascona, besteigt den Monte Verità.

Warum Ascona? Was oder wen sucht der Dichter auf dem „Berg der Wahrheit“?

Hauptmann sieht den Untergang der abendländischen Werte vor Augen. Er vermerkt dazu in seinem Tagebuch am 8. Januar 1919: "Schöpfer dieser Werte sind freilich zumeist Besitzlose. ... Arm waren, um nur wenige der reichsten aller Menschen zu nennen, Gotamo Buddho, Sokrates, Jesus von Nazareth" (Diarium S. 32). Die Parole des Zeitgeistes aber scheint ihm zu sein: "Nichts sei euch heilig, etwas Heiliges gibt es nicht" (Diarium 35). Dieses verlorene Heilige sucht er in Ascona, bei den reichen Armen des Monte Verità.

"Der nackte Leib und seine Reinheit und Kultus, wie ich ihn mit siebzehn Jahren trieb", notiert sich Gerhart Hauptmann, etwas wehmütig, im Jahre 1906 (GH und Ida Orloff, S. 52). Als Schüler hatte er mit Kameraden einen Bund gegründet. "Der Jünglingsbund, den wir bildeten, mußte, durch Sympathie geschaffen, naturgemäß kommunistisch sein. Da gab es nichts, materiell oder ideell, was wir uns gegenseitig nicht mitteilten. ... Das Chaos, das uns umgab, schien uns seelenlos und überlebt zu sein. Wir wollten fliehen, wollten ein neues Leben anfangen, am liebsten auf einer entlegenen Insel im Ozean. Bei dem, was wir planten, wären wir im Bereiche der christlichen Zivilisation gestört, ja verfemt worden. Ich erinnere mich, dass wir die Ehe nicht dulden wollten, ebenso, dass wir die Weltverneinung des Christentums mit ihrer Verachtung des Leibes und der natürlichen Triebe als verderblichen Wahnsinn bekämpften. Unter die "Meinen" also verstand ich Freunde, verstand ich schöne junge Frauen, die, einem Liebes- und Schönheitskult hingegeben, meine Insel bevölkern sollten. (SW VII, 207)

Hauptmann entwarf einen Tempelbau und reiste sogar nach Amerika in der Absicht, dort "eine neue Gesellschaftsordnung auf einer natürlichen Grundlage zu errichten" (SW X, 93). Er zog aufs Land, grub die Erde um, trug Jägersche Reformtracht, schlief im Jägerschen Wollsack. Auch war er unter dem Einfluss von Auguste Forel zum Alkoholgegner geworden.

Kurz: Bevor es einen Monte Verità gab, gab es schon einen heimlichen Monteveritaner - Gerhart Hauptmann. Wovon er jahrelang geträumt, was er über Jahrzehnte geplant und dann doch nicht geschaffen hatte, das verwirklichten die Siedler von Ascona. Es versteht sich von selbst, dass dieses Unternehmen ihn brennend interessieren musste.

Schon 1888 hatte er in Zürich den Naturapostel Johannes Guttzeit kennengelernt; um 1904, wenn nicht schon früher, lernte er Gusto Gräser kennen. Seit diesen Begegnungen zieht die Gestalt eines wandernden, sonnenanbetenden, eines jesuanischen Naturpredigers durch seine Dichtung. Er erscheint zunächst als christlich-dionysischer "Apostel", dann als "Narr in Christo Emanuel Quint" und wandelt sich schließlich im "Ketzer von Soana-Ascona" zum offenen Verkünder des Dionysos. Alle drei sind sie Sonnenanbeter - wie Hauptmann selbst.

Freilich, die Zweifel und Ängste, die ihn schon an der Verwirklichung seines Siedlungsprojekts gehindert hatten, bleiben Hauptmann treu. Sinnbildlich dafür erfriert sein Emanuel Quint im Schnee der Alpen, auf dem Weg ins Tessin. Als dann aber im revolutionären Deutschland für Hauptmann die tradierten Werte untergehen, da leuchtet ihm umso heller das Licht seiner Sonnen-Leib-Liebes-und Natur-Utopie – im fernen Ascona. Er besteigt den Monte Verità, sucht den Mann, der dieses Licht wie kein anderer verkörpert, sucht Gusto Gräser. Er findet ihn nicht. Wie später der Till seiner Dichtung brütet Hauptmann in einer Taverne von Locarno, verzweifelnd und hoffend. Sein Till, im Epos, hat am selben Ort eine Vision: Ein von Wunden befreiter, ein apollinischer Heiland lädt ihn ein, ihn auf seinem Berg, den Almen über der Maggia, zu besuchen, "wo still meine Lämmer Jahrtausende weiden". Till sucht ihn, findet ihn nicht, versinkt in den Strudeln der Maggia.

Für Hauptmanns Ascona-und-Locarno-Zeit gibt es einen Zeugen. Ein Schweizer Student aus berühmter Familie, der spätere Gelehrte Christoph Bernoulli erzählt, wie er Hauptmann im März 1919 im Zug kennengelernt hat und ihm dann im Hotel in Locarno wieder begegnet:

„Als ich am Abend des Ankunftstages beschloß, einen Orientierungsgang durchs ganze Hotel zu tun, stieß ich im Kellergeschoß in der Taverne auf den Dichter, der alleine hinter einer Flasche Chianti Platz genommen hatte und mit einer einladenden Handbewegung mich fragte, ob ich nicht ein Glas Wein mit ihm trinken wolle, worauf ich unbeholfen und zögernd antwortete: ‚Doch, sehr gerne.’ In diesem Augenblick stand Hauptmann auf, verbeugte sich leicht ironisch und sagte zu meinem nicht geringen Erstaunen: ‚Ich heiße Dr. Hauptmann.’ (218) ...

In den kommenden Wochen gingen wir manchen Vormittag spazieren, an den Nachmittagen unternahm man en famille Ausfahrten in die Locarneser Täler, nicht selten aßen wir gemeinsam in einer Trattoria des Centovalli, und manchmal bat mich der Dichter am Abend in sein Kellerrefugium, um zu plaudern. Zu Hauptmanns gestoßen waren inzwischen ihr jüngster Sohn Benvenuto, zusammen mit Martin Bodmer. Eugen d'Albert, der mit seiner wienerischen Frau ebenfalls in unserem Hotel wohnte, war oft mit von der Partie. ... Hin und wieder erschien der in der Nähe lebende Emil Ludwig und las aus seinem neugebackenen ‚Goethe’ vor. (219) ...

Gerhart Hauptmann mit Emil Ludwig in Ascona

Gerhart Hauptmann mit Emil Ludwig in Ascona

Auf dem Monte Verità lebten damals die letzten Vertreter jener ‚Zurück-zur-Natur-Bewegung’, die zivilisationsfeindlich einem Troglodysmus huldigten, Milch vom Euter der Ziegen tranken, ihr Brot selber buken, Früchte vom Baum und Zweig aßen und in weltanschaulichen Lufthemden herumgingen. Sie hatten ungeschnittenes Haupthaar, lange Bärte und sahen aus wie Propheten oder wilde Männer und waren die lebendigen Vertreter eines organisierten Fluchtversuches, die den Gleichgewichtszustand mit den heiligen Gesetzen der Natur auf gewaltlosem Wege erreichen wollten.

Bei einem unserer Spaziergänge auf dem ‚Hügel der Wahrheit’ begegneten wir einem schönen bärtigen Greise in härenem Gewande und Schlapphut und kamen mit ihm ins Gespräch. Er betonte, wie glücklich er hier lebe, und sagte, daß er niemals mehr sein geruhsames, naturverbundenes Leben mit dem eines Bürgers der geschäftigen Welt tauschen würde. Ich fragte ihn dann höflich, ob er wisse, mit wem er spreche, und als ich den Namen Gerhart Hauptmann aussprach, verneigte er sich leicht und sagte: ‚Ich grüße den Schöpfer der Weber.’ Und dieser Herr, ich wies auf d'Albert, sei der Komponist der Oper Tiefland. Herr Emil Ludwig dagegen sei ein bekannter Schriftsteller und ein Nachbar aus Ronco. Der schöne Alte hob nur die Achseln und meinte, in die Oper gehe er prinzipiell nicht, sie sei für ihn das Denaturierteste, was er kenne, und neuere Bücher lese er auch nicht - und mit einer weltmännischen Verbeugung gegen uns alle und einem freundlichen ‚Ich bedaure’ ließ er uns stehen und ging seines Weges. Zwei Welten hatten sich kurz berührt.“ (220)

(Aus: Christoph Bernoulli: Erinnerungen an Gerhart Hauptmann. In: Derselbe, Ausgewählte Vorträge und Schriften. Hg. von Peter Nathan. O. O., o. J., S. 217-220.)

In der Tat: zwei Welten, die sich da berührten. Auf der einen Seite die Welt von Besitz, Kultur und Männermoral, kurz: der Zivilisation, auf der andern Seite die Welt der Natur, des Mythos und der weiblich-mütterlichen Urmoral. Denn unverkennbar und vermutlich ungewollt vom Verfasser schleichen sich mythische Züge in seine Darstellung. Dass die Bewohner des Berges troglodytisch in Höhlen gewohnt und Milch vom Euter der Ziegen getrunken hätten, kann nicht auf Augenschein beruhen. Vielmehr schlagen hier mythische oder zumindest archaisch-antikische Urmuster durch. Auch glaubt man die Stimme Gerhart Hauptmanns durchzuhören, der das Wort "troglodytisch" gern im Munde führte und in der Gestalt des Hirten so etwas wie einen menschlichen Archetypus erblickte.1 Sein "Ketzer von Soana" wird vom Priester zum Ziegenhirten; sein Till ist bei Locarno auf der Suche nach einem göttlichen "Hirten". Und den schönen Alten vom Berg umgibt in der Darstellung Bernoullis der freundlich-prophetische Glanz des "edlen Wilden".

Wem sind die Wanderer auf dem Berg damals begegnet? Die kecke Freimütigkeit des Alten, sein gelassener Stolz scheinen ganz auf Carlo Vester zu passen, der damals mit der Verwaltung des Anwesens betraut war. Er war der Herr in diesem Revier. Doch konnte man ihn als Greis bezeichnen? Vester, im gleichen Jahr wie Gräser geboren, war damals vierzig Jahre alt. Seine zottelige Mähne und sein von Falten durchfurchtes Gesicht ließen ihn allerdings älter erscheinen.

Carlo Vester
Carlo Vester mit Sohn
Carlo Vester Carlo Vester mit Sohn

Doch wie auch immer: Hier sollte nur darauf aufmerksam gemacht werden, dass Bernoullis Bild der Bergbewohner durch seine Gespräche mit Hauptmann geprägt erscheint. Er sieht sie mit den Augen des Dichters, und der projiziert seinen eigenen Mythos in die Landschaft: den des urtümlichen Hirten, der durch seine Verwobenheit in Natur den "metaphysischen Keim" in sich zu kraftvoller Blüte entfaltet hat. Hauptmann sucht den "göttlichen Hirten", den dionysischen Naturheiligen, den heidnischen Heiland. Er sucht ihn dort, wo Gräser seine Felshöhle hatte: in einer Steilwand hoch über den Strudeln der Maggia bei Ponte Brolla.

Im Krieg hatte er die Novelle 'Der Ketzer von Soana' geschrieben, die schon im Titel, anagrammatisch, das Wort AS(C)ONA enthält. Sobald die Grenzen geöffnet waren, fuhr er dorthin. In seinem 1928 veröffentlichten Epos verarbeitet er seine vergebliche Suche nach dem "Ketzer von Ascona".

Und Till, er brach auf, denn er wollte die Maggia
sehn. Es trieb ihn, den Ort seines nahenden Tods zu erreichen. ...
Ponte Brolla! hier raset das Kind, und es tobet heraklisch
durch das zwängende Tor ...
Till verbrachte die Zeit bis zum Abend ...
Wo verschlaf ich die Nacht? sinnt er endlich. Der Herbergen bieten
viele sich, und sie haben vertrauenerweckende Schilder: ...
Eine nennet sich: Sprung in den Himmel und eine: Zum Heiland.
Nun, der Sprung in den Himmel hat Zeit, denkt der Pilgrim und bückt sich
allbereits in der Tür, die ins Wirtshaus Zum Heiland hineinführt. ...
Und Till schläfert's ... Denn er sah einen Mann, einen Hirten, der schweigend hereintrat.
Er allein, niemand sonst sah den Gast. ... Es umgab ihn ein Lichtschein. ...
"Ich bin der, den du kennst", sagt der Fremdling,
"dessen Name dich lud, hier im Hause dein Nachtmahl zu essen.
Wunden weis' ich dir nicht oder Narben an Händen und Füßen,
kein zermartertes, blutendes Haupt, das, von Dornen zerrissen,
eitrig starrt, noch den schwarzen, von Striemen geborstenen Rücken.
Alles dieses ist lange verheilt und verharscht und vergessen.
Bester, sei mir willkommen, und morgen dann gehst du den Weg wohl
nach der Klamm deines Stroms, nach den brausenden Schnellen der Maggia,
wenig Schritte von hier. Und darüber hinaus in die Höhen,
eines Tages, wo still meine Lämmer Jahrtausende weiden.
Sieh, es geht ein Gerücht, ich sei nicht am Balken gestorben,
sondern lebend von liebenden Händen heruntergenommen. ...
Willst du mehr von mir wissen, besuche mich, Till!"
... Till erreichte die Tobel der Maggia
und erquickete Augen und Herz. ...
"Hört", so fragt er den Landmann, der tief seine Hacke hineinschlägt
in den knirschenden Grund, "hört und sagt mir, wo ist hier ein Hirte,
so und so von Gestalt? Und wo weidet der Hirt seine Herden?" -
... Ach, es war in dem Narren ein Wille
aufgebrochen, womöglich am Feuer des Hirten zu schmelzen
und sein heitres und letztes Geheimnis von ihm zu erfahren.
Und zu trinken begehrete er aus demselbigen Quellbrunn,
der die Herden des Hirten mit ewiger Wonne beglückte.

(Aus Gerhart Hauptmann: Till Eulenspiegel.
In: Das erzählerische Werk. Frankfurt/M. 1964, Bd. 4, S. 452-457)

Hauptmann zitiert einmal zustimmend ein Wort von Balzac: "Vor Gott gehöre ich der Religion des heiligen Johannes an" (SW VIII, 1054). Die Gestalt des Vaters Johannes zieht sich durch eine ganze Reihe von Werken bis hin zu seinem letzten unvollendeten Roman 'Der neue Christophorus'. Er ist "der Jünger, den der Herr am meisten liebte, / und der den Tod nicht sah noch sehen sollte" (in Gregor 423), der also auch in unseren Tagen unterwegs ist. Ein Wanderer wie der ewige Jude, aber ein Schuldloser, ein Lichtbringer. Ihm glaubt Hauptmann begegnet zu sein:

Mir ist Johannes einst begegnet: Er! ...
Er ging vorüber nur, und doch: es blieb in mir
unsterblich, was in seiner Seele Umkreis,
durch den ich schritt, in meine Seele drang:
es wahrhaft nennen - das vermag kein Wort.

(Zit. n. Gregor 423)

Dieser Pater Johannes liebt "mit allem Gut und Böse die Welt" (SW X, 860). Er ist ein Weltfrommer, ein Weltfreund. Er trägt Rübezahlzüge und, wie Till, die Schellen eines Narren. Im Epos 'Till Eulenspiegel' erscheint er als Naturapostel mit den bekannten Zügen Gusto Gräsers. In seinem unvollendeten Spätwerk wird er so etwas wie der leitende Schutzgeist des neuen Heilands namens Erdmann, von dem der Dichter sagt: "Das wäre also meine Absicht mit diesem Merlin-Erdmann: den Menschen mit der Erde inniger und auf religiöse Art zu verbinden" (SW X, 1088).

In 'Till' hatte Hauptmann den Naturapostel Johannes noch mit mildem Spott behandelt; von seiner Wiederkehr im 'Neuen Christophorus' sagt er: "Der sogenannte neue Christophorus läßt mich nicht los. Was er erstrebt, habe ich zu verspotten nicht angestanden, heut aber bin ich für die Erlösung der Menschheit umgestimmt" (SW X; 860). Der immer zweifelnde und schwankende Dichter hat sich am Ende für die Utopie des "Narren" entschieden, für die Hoffnung, "den Menschen mit der Erde inniger und auf religiöse Art zu verbinden".

 

Die Brissago-Inseln im Lago Maggiore

 Die allerglückseligsten Inseln

Gerhart Hauptmanns konkrete Utopie

Merkwürdigerweise ist das Motiv "Lebensreform" in Leben und Werk von Gerhart Hauptmann bisher kaum behandelt worden. Ein Ansatz in dieser Richtung findet sich in dem Aufsatz von Felix A. Voigt 'Die Insel der Seligen' in der Germ.-Romanischen Monatsschrift 22 von 1934. Allerdings sieht Voigt, sicher zu Unrecht, den Hauptmannschen Traum von der "Sonneninsel" vorwiegend literarisch inspiriert.

Immerhin geht aus seiner Übersicht hervor, dass Hauptmanns Beschäftigung mit diesem Motiv im Zeitraum um 1918/19/20 ihren Höhepunkt erreicht. In diesen Jahren entstehen, nach dem Abschluss des KETZER VON SOANA (1917), das Dramenfragment DIE BÜRGERIN (1918), die kleine Schrift VELAS TESTAMENT (um 1918?), eine Episode der Idylle JUNGLICHT (1919), zugleich auch schon die Anfänge von DIE INSEL DER GROSSEN MUTTER (1919) und, etwas später, das kleine Epos DIE BLAUE BLUME (1923). In allen diesen Werken findet Voigt das Motiv der Sonneninsel, die bei Hauptmann nicht etwa nur als sinnliches Südseeparadies vorgestellt wird sondern, wie aus dem frühen Drama HELIOS von 1896 deutlich genug hervorgeht, als bewusster mythischer Gegenentwurf zu christlicher Weltentsagung. (Die Namen Helios und Helixoia wählt Hauptmann in vielleicht ungewollter aber dennoch bezeichnender Parallele zu Diefenbach, der seinen erstgeborenen Sohn, ein Dutzend Jahre früher, Helios genannt hatte. Und der auf Capri seine Sonneninsel fand.)

Wenn also Hauptmann im Frühjahr 1919 den Monte Verità besteigt, wenn er begehrliche Blicke über die Brissago-Inseln im Lago Maggiore schweifen lässt, wenn er das Castello Materno in Ascona in Augenschein nimmt und erwerben will, und wenn er gleichzeitig mit brennendem Eifer sich auf die Schriften von Bachofen stürzt, dann leitet ihn ohne Zweifel in alledem der Traum seiner Utopie. Es ist ja auch nicht so, dass die mehrmaligen Umgänge auf Monte Verità, wie Bernoulli sie bezeugt, nur Verdauungsspaziergänge ums Haus gewesen wären. Vom Hotel in Locarno ist der Monte Verità drei Kilometer entfernt. Hauptmann musste erst nach Ascona oder Losone fahren und dann entweder zu Fuß den steilen Aufstieg von Ascona her auf sich nehmen (eine Fahrstraße vom Ort her gab es damals noch nicht) oder den längeren Weg im Norden des Berges von Losone her. Oder er musste ein Fahrzeug mieten und sich auf den Berg kutschieren lassen. Will sagen: ein erheblicher Aufwand an Energie war nötig, eine bewusste Zielsetzung. Es handelte sich also nicht um zufällige und beliebige "Spaziergänge", vielmehr um gezielte Exkursionen, ja, wenn man Hauptmanns Motivlage kennt, muss man sagen: um Explorationen. 

Von der Sonneninsel in HELIOS sagt Voigt:

„Die im Herzen heidnisch gebliebene Bevölkerung [auf dem Festland] sehnt sich nach den Frühlings- und Götterfesten, die früher drüben auf der Insel gefeiert wurden.“

Und er zitiert den lockenden Ausruf des Knaben Helios:

"Dort lebt ein Volk, ganz anders als Ihr. Und immer im neunzehnten Jahre kommt Apollo zu ihnen herab, tanzend, Kithara spielend, von kreisenden Schwärmen singender Schwäne begleitet". (Voigt a. a. O., S.283)

Kreidezeichnung von Rudolf von Laban

So ähnlich sehnt sich Hauptmann im Frühjahr 1919 nach den Sonnenfesten (ob er sie kannte oder nicht), die früher auf dem Berg gefeiert wurden, träumt noch einmal seinen Jugendtraum. Er hofft auf das Kommen des (oder auf die Begegnung mit dem) tanzenden und singenden Apoll. (Den sucht am selben Ort sein Till!)

          Das Sonnenfest von 1917

 Die Tänzertruppe von Laban

Aber die Stätte ist verlassen, die Häuser sind verschlossen, die Hütten stehn verwaist. Die Utopie, so musste Hauptmann es erleben, war, wieder einmal, gescheitert. Der Dichter bewegt sich in einer toten Stadt, einer "Totenstadt" – wie sie im GROSSEN TRAUM dann dichterisch wiederkehrt. Dass er dort die Verwirklichung der Utopie für unmöglich erklärt, mag auch Reflex der Enttäuschung sein, die er auf dem „Berg der Wahrheit“ erlebt hat.

Voigt berichtet des weiteren über eine visionäre Szene der Idylle JUNGLICHT, die um diese Zeit entstanden sein soll:

In einer Vision Maxens (der später Lutz heißt) wird geschildert, wie durch den Bekehrungseifer der Herrnhuter Apostel alles Ideale aus dem Hause hinausgeworfen wird: die Musikinstrumente fliegen hinaus, Komponisten und Dichter verlassen es fluchtartig ... Alles aber nimmt Helios auf seinen Wagen, um sie zu den allerglückseligsten Inseln zu bringen. (Voigt, a. a. O., S. 286)

So auch, scheint mir, sah Hauptmann im Winter 1919 durch Niederlage und Revolution mehr als je "alles Ideale aus dem Hause hinausgeworfen", verließ fluchtartig das in Hass und Hader untergehende Deutschland und suchte seinen Idealen auf  den "allerglückseligsten Inseln" im und am Lago Maggiore eine neue Heimat zu geben – die er dann doch nicht gefunden hat. Noch im KETZER VON SOANA hatte seine Utopie in sinnlichen Farben geglüht. Jetzt, auf dem Höhepunkt seines durch die Kriegsnot neu entzündeten, zur Erlösungshoffnung gesteigerten Phantasierens, folgt die Enttäuschung, die Ernüchterung, der Absturz. Till stürzt ab, lässt sich fallen in die mütterlichen Strudel. Der Abstieg in den "Großen Traum" beginnt.

Dass Hauptmann, wie Gräser, die auf Erden nicht zu verwirklichende Utopie dann umgeschmolzen hat in einen Mythos der Utopie, das steht auf einem anderen Blatt. Damit beginnt, hier wie dort, die dichterische Fort- und Umsetzung der "Sonneninsel" von Ascona.

Lotte Hattemer auf dem Monte Verità


Tills letzte Landschaft


Dies ist eine historische Aufnahme, etwa um 1900: Blick vom Monte Verità auf Losone und das Maggiatal. Ziemlich genau in der Bildmitte sieht man den Kirchturm von San Giorgio aufragen. Hinter San Giorgio beginnt ein Fußweg, hinauf in die bewaldeten Hügel und Hänge, der zur Grotte Gusto Gräsers führt. Hermann Hesse ist diesen Weg oft gegangen, er nannte ihn seinen „Eremitensteig“. Auch Gerhart Hauptmann ist auf den Höhen über Losone gewandert, als er im Frühjahr 1919 sich monatelang in Locarno aufhielt. Auch sein Ziel, wie Hesses, muss die „Pagangrott“ gewesen sein, die sich in den Abhängen am linken Bildrand befindet. Dafür und davon spricht seine Dichtung.

Von seinem Hotel in Locarno hatte er in etwa diesen Blick, freilich aus einer anderen Perspektive. Am rechten Bildrand sind in halber Höhe in der Verlängerung die in Hauptmanns ‚Till’ erwähnten „brausenden Schnellen“ (455) oder „Tobel der Maggia“ (457) zu denken: der Felsgrotte Gräsers genau gegenüber. Es handelt sich also um die Landschaft, in der Tills letztes Abenteuer spielt, wo er sein „Grab an den Schnellen der Maggia“ findet (462).

Hermann Hesse mit seinen Söhnen beim Baden in der Maggia bei Ponte Brolla,

 1918

 

Die Schnellen der Maggia

 

 

Ein Jahr vor Hauptmann hielt sich auch Hesse in der Gegend von Locarno auf. Auch er war, und dies schon seit vielen Jahren, auf der Suche nach dem seltsamen „Hirten“, auch er ließ die Blicke kreisen über den Talgrund, „wo der Ort für ein Hüttchen sich böte, die kleine Behausung“, wo er finden könnte, was er suchte: „den seligen Stillstand“ (457). Schon 1916 hatte er seinen Freund Gustav Gamper beauftragt, ein Häuschen in Waldnähe für ihn zu suchen, und 1918 schrieb er an Emil Molt, er würde gern in Ascona sich ankaufen.

So auch Gerhart Hauptmann 1919. Er hatte ein Auge auf das „Castello San Materno“ geworfen, „ein altes Schloß langobardischen Ursprungs“, das dann die Eltern der Tänzerin Charlotte Bara kauften. „Das Schloß gehörte damals dem französischen Grafen de Loppinot, der sich geweigert hatte, es einem anderen Interessenten – dem Dichter Gerhart Hauptmann – zu verkaufen, weil dieser ihm – man schrieb das Jahr 1919! – als ‚boche’ nicht genehm war“ (Riess 1964, S. 116).

Das Castello San Materno in Ascona

Früher schon, noch vor seiner Abreise in den Süden, hatte Hauptmann eine andere, noch attraktivere Ansiedlungsmöglichkeit im Blick gehabt: die große Brissago-Insel im Lago Maggiore. Offenbar wollte er bewusst dort seinen seit Jugendtagen geträumten Sonnenstaat verwirklichen, seine matriarchale „Insel der Großen Mutter“.

Immer wieder schwebt Hauptmann in diesen Jahren das Bild einer einsamen Insel vor. Einer Ozeaninsel mit südlicher Vegetation galt schon ein Traum von 1898; letztlich ist es, wie Hauptmann selbst bemerkt, die Robinson-Crusoe-Begeisterung seiner Kindheit, die in ähnlichen Äußerungen seines „Isolierungsdrangs“ fortlebt. 1918 oder 1919 erkundigt sich Hauptmann nach der Möglichkeit, die Brissago-Inseln im Lago Maggiore käuflich zu erwerben; glücklicherweise kommt er bald von dem Plan ab … Was sich im Leben nicht verwirklichen läßt, wird Literatur. (Sprengel: Mythen, S. 118f.)

Aus beiden Hoffnungen oder Absichten ist also nichts geworden. Nicht er, der hamburgische Kaufhausbesitzer Emden konnte auf dem subtropischen Eiland im See seine erotischen Wünsche sich erfüllen. Hauptmann fand einen bescheideneren Ankerplatz für seine Utopie dann auf einer anderen Insel, hoch im Norden, auf Hiddensee.

         Foto:Gela

Venus auf der Brissago-Insel




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1 "Hier ist an die außerordentlich hohe Wertung zu erinnern, die das Hirtendasein im Hauptmanns Griechischem Frühling erfährt: als ursprünglichste Lebensform und 'beste Ernährung für den metaphysischen Keim im Menschen‘ (CA VII 78), Grundlage somit aller Mythen- und Religionsbildung." (Peter Sprengel: Gerhart Hauptmann. Epoche - Werk - Wirkung. München 1984, S. 219)


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