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Gerhart Hauptmann
Ein Wanderer im Gebirge Es
gibt ein Gedicht von Hauptmann, in dem eine Erinnerung an Gräser festgehalten
sein könnte. Das Gedicht hat den Titel 'Legende' (CA
IV, 163). Es wurde am 8. Dezember 1909 niedergeschrieben. Am 13. April des selben Jahres war Gusto Gräser durch Weimar gewandert und hatte dort unter anderen Johannes Schlaf aufgesucht. Er war auf der Suche nach Gönnern, die ihm eine Behausung für seine neugewonnene Familie finanzieren sollten. Wenn er schon in Thüringen war, ist anzunehmen, dass er auch ins nicht allzu ferne Schlesien kam und dort den seit langem mit Schlaf befreundeten Gerhart Hauptmann aufgesucht hat. Da er vor allem Dichter aufzusuchen pflegte, konnte er den damals bekanntesten nicht auslassen.
Wie
eine Bestätigung dieser Vermutung erscheint nun, dass Hauptmann ein halbes Jahr
später ein Gedicht niederschreibt, das die Begegnung mit einem Wanderer
erzählt, einem Wanderer von ungewöhnlicher Art. Hauptmann legt die Begegnung
ins Dämmerlicht der Legende, offenbar um dem
Wunderbaren, Märchenhaften, ja "Überirdischen" der Erscheinung
gerecht zu werden. Das
Gedicht ist mit 'Legende' überschrieben und
erzählt von einem armen Holzfäller, der in stürmischer Nacht Schritte vor
seiner Hütte hört. Da hob er sich auf und dachte bei sich:
Da draußen ist einer, ärmer als ich! Und sieh: des Kienspans Flackerlicht leuchtet einem ins Angesicht. Der war halbnackt und schwieg und stand und regete weder Fuß noch Hand. Aber er war von solcher Statur, daß unser Holzfäller bei sich schwur: hier winke ein weidlicher Gotteslohn, er sei ein verirrter Königssohn! - Die Wasser tosten zu Tale hinab. Der Fremde kratzte die Sohlen ab, schritt durch den holprigen Flur so leis wie einer, der alle Wege weiß, saß nieder am qualmigen Herde zur Rast und ward des armen Konzen Gast. ... Was
ist das Besondere an diesem Wanderer und Gast? - Wie erfahren nicht mehr als:
er ist arm, ärmer als ein Holzknecht, der immerhin seine eigene Hütte hat; er
ist halbnackt, aber er wirkt wie ein verirrter Königssohn. Er lässt sich nicht
herab zu bitten, er steht nur und schweigt. Er ist offenbar von großer Statur,
alles andere als kümmerlich. Und er hat eine Art sich zu bewegen, die ebenfalls
königlich ist: er schreitet auch dort noch, wo es holprig ist, und sein Gehen
ist ein wissendes, ein bewusstes, ein tänzerisches Gehen: ein
"Wandeln" fast. Gräser ist ein besitzloser Wanderer,
der allenthalben darauf angewiesen ist, an den Türen anzuklopfen und um ein
Nachtlager zu bitten. Er ist hoch gewachsen und er geht halbnackt, wie gerade
ein Dokument aus dem Sommer 1909 bezeugt. Am 24. Juli meldet die 'Tessiner
Zeitung': „Gusto Gräser in Locarno verhaftet. In der Via Romagna wurde gestern nachmittag
der bekannte Propagandist der Nacktkultur Gustav Gräser verhaftet. Er trug eine
allerdings im höchsten Grade auffällige "Bekleidung", die einen
großen Teil des Körpers unbedeckt ließ. Obwohl wir für eine zweckmäßige
Körperkultur und Natürlichkeit sehr eingenommen sind, eine derartige
Herausforderung der Sitte empfinden wir als sinnlos und unmoralisch.“ Auch
das Feuilleton von Schlaf erwähnt die nackten Arme Gräsers, der offenbar kein
Hemd trägt, sondern lediglich einen gelblichbraunen Chiton sich über die
Schultern geworfen hat. Und auch Schlaf betont, wie Hauptmanns Gedicht, die
"hohe, schlanke, stattliche Gestalt von tadellos freier und ansprechender
Haltung", hebt die "anmutigen Bewegungen" seines Gastes hervor
und nennt sein Gehen ein "Schreiten". „Und die hohe
Gestalt schreitet mit schönstem und ungezwungenstem Anstand freischrittig und
freundlich in mein Arbeitszimmer hinein; schreitet bis mitten ins Zimmer,
schwingt schnell, mit einer sicheren und anmutigen Bewegung das netzförmige
Bündel von der Schulter, und halb wirft, halb legt er es ohne weiteres auf die
Chaiselongue.“
Johannes Schlaf: Gusto Gräser. In: Frankfurter
Zeitung vom 25. April 1909 Gräsers
Auftreten hatte ohne Zweifel etwas Königliches, auch in der Sicht von Schlaf.
Gräser selbst sieht sich so: Wandrer – wer ist's?
Freih wie der Wind, wie der Sonnenschein, so - tritt - er - ein. Wir fragen woher, wir fragen wohin? Von hier, heisst es heiter, gradher wo ich bin! Gibt frisch uns ein Lied, einen Ohrenschmaus - Wahrhaftig - sind wir oder er hier zu Haus?... Selbstbewusst tritt er auf, nicht
wie ein Bettler sondern wie einer, der zu geben hat: Wir fragen, wir drängen, wir wollen verstehn - - -
da sehn wir schon ferne den Wonnigen gehen. Doch in uns fühlen wir uns selber bewährt – uns Alle hat seine Nähe genährt. Er,
der "Wonnige", ist der Schenkende, der Nährende, tritt auf in der
Gewissheit, dass er, weil "ichverloren, Urlebens
König ist"! Alle Schilderungen
Gräsers stimmen auch darin überein, dass sie von seinem tänzerischen Schreiten
berichten. So auch Hermann Hesse in der 'Morgenlandfahrt'
von dem "Diener Leo", dessen Gestalt zweifellos auf Gusto Gräser
zurückgeht. Die Szenerie von Hauptmanns Gedicht zeigt den Gast aber nicht nur
als eine königliche, Ehrfurcht gebietende Erscheinung, sie deutet ihn geradezu
als einen Sohn des Allerhöchsten, als den wandernden Gottessohn Jesus. So
nämlich spricht des armen Conzen Gast: "Dein Brot war gut! Dein Trank war rein!
Viel reiner strahlt deines Herzens Schrein. Du hast mich an Leib und Seele erquickt, Gott selber hat dir ins Auge geblickt. Nun muß ich weiter, gedenke mein, es soll dir, Bruder, vergolten sein! Denn siehe, ich schreite durch Nacht und Graus In meines Vaters goldenes Haus." Die bescheidene Bewirtung, die
der arme Hüttler und Holzfäller dem Wanderer bieten konnte, wandelt sich, wenn
auch unausgesprochen, durch die Gegenwart des verborgenen Gottessohns zum
heiligen Abendmahl von Brot und Wein. Es ist ein Geschehen, das nicht von
ungefähr an ein Gedicht von Trakl erinnert, im Geschehnis sowohl wie in seiner
Deutung: 'Ein Winterabend'. Denn auch dieses
Gedicht dürfte durch einen Besuch Gräsers inspiriert worden sein. Dass Gräser
Georg Trakl besucht hat, wissen wir von ihm selbst. Und dieser Besuch in oder
bei Innsbruck ist von den Umständen her am ehesten in jenem Jahr 1913 zu
denken, in dem 'Ein Winterabend' entstanden ist.
Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden ... So
auch nach Schlesien. Aber auch abgesehen von einer solchen (möglichen)
Parallele: Es bedarf kaum einer Begründung, dass das Anklopfen eines Armen, der
um Kost und Nachtlager bittet, bei jedem christlich erzogenen Menschen sofort
die Erinnerung an den anklopfenden Jesus wachruft - selbst dann, wenn es sich
um einen gewöhnlichen Bettler handelt. Wieviel mehr in dem Falle, wenn einer
sichtlich vom Geist getrieben umherwandert, eintritt, spricht und auftritt mit
der Würde eines solchen? Dass Gräser als ein Nachbild des wandernden Jesus
erlebt werden musste und erlebt wurde, ist gar keine Frage und auch vielfach
ausdrücklich bezeugt. Wir
haben allen Grund, auch in Hauptmanns Gedicht den Niederschlag einer solchen
Erfahrung zu sehen - auch wenn dies, wie immer bei poetischen Schöpfungen,
nicht bis ins Letzte beweisbar ist. Zumindest einen bestätigenden Hinweis in
dieser Richtung können wir darin sehen, dass Hauptmann innerhalb vierzehn Tagen
nach jener Niederschrift eine Planskizze zu 'Quint'
entwirft, dem Roman eines Wanderers, der Jesus nachfolgt und als "Kohlrabiapostel"
verspottet wird (siehe CA XI, 298-301; vgl. Sprengel 198). In den ersten
Niederschriften zu dieser Erzählung findet sich die Notiz: „Die Kolonie von Locarno“. Gemeint ist die
Gründung Gusto Gräsers, der Monte Verità. |
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Das Chaos, das
uns umgab, schien uns seelenlos und überlebt zu sein.
Wir wollten fliehen, wollten ein neues Leben anfangen, am liebsten auf einer entlegenen Insel im Ozean. Bei dem, was wir planten, wären wir im Bereiche der christlichen Zivilisation gestört, ja verfemt worden. Ich erinnere mich, dass wir die Ehe nicht dulden wollten, ebenso, dass wir die Weltverneinung des Christentums mit ihrer Verachtung des Leibes und der natürlichen Triebe als verderblichen Wahnsinn bekämpften. Unter "die Meinen" also verstand ich Freunde, verstand ich schöne junge Frauen, die, einem Liebes- und Schönheitskult hingegeben, meine Insel bevölkern sollten. Buch der Leidenschaft
*
Er (Hauptmann) sah aus wie das unverdorbene Kind der Berge und Wälder, das schon durch sein äußeres Erscheinen allein Widerspruch gegen die Sitten der Weltstadt zu erheben schien. Er war ausgesprochener Natur- und Gesundheitsapostel und hatte in Zürich ein heiliges Gelöbnis abgelegt, seine Seele und seinen Leib nie wieder mit tierischer Kost und spirituösen Getränken zu beflecken. Julius Hart
*
Denn wir sind übereingekommen ... auf jungfräulichem Land einen Staat, eine Siedlung zu gründen und in ihr die größtmögliche Summe von Glück allbereits hier auf der Erde den Bürgern der Kolonie zu vermitteln. Anna
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Ikarien hieß die Kolonie, die Kolonisten also Ikarier. Der lichtbegierige Ikarus wollte mit Flügeln aus Wachs die Sonne erreichen. So verstanden, waren auch wir Ikarier. Das Abenteuer meiner Jugend
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Was uns verbindet und verband, ist eine gemeinsame Utopie. … Jeder, er sei, wer er wolle, arbeitet täglich an seiner Utopie. …. Und ebenso arbeitet die Masse, die Nation, die Menschheit an ihrer Utopie …. Über jedem Dorf, wieviel mehr über jeder Stadt, schwebt millionenfältig die Utopie. Wir waren jung, wir waren glückselig. Auf Grund dieses Umstandes, auf Grund der Neigung, die uns zusammenschloß, erstrebten wir eine noch höhere, ja die höchste Glückseligkeit. Buch der
Leidenschaft
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Der Leitsatz, der immer wiederkehrte, hieß: Rückkehr zur Natur. … Wir stellten dem Heiligen Geiste den heiligen Leib gegenüber, weil wir der Ansicht waren, dass ein heiliger, reiner Leib allein für den Heiligen Geist bewohnbar sei ... Wir dürsteten alle nach Schönheit! Wir lechzten danach ... Wir schwärmten für nackte Spiele und Ringkämpfe in der Palästra und dachten dabei an das heitere Wohlgefühl, das den nackten, klaren Leib überkommt, sofern er die Kleider, Lumpen und Fetzen von sich geworfen. Schönheit! Schon im Suchen danach empfanden wir Glück. Der Venezianer
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Gerhart Hauptmann auf dem Berg der Wahrheit Im Januar 1919 ist Gerhart Hauptmann verzweifelt. Seit Tagen toben in Berlin blutige Straßenkämpfe. Der Dichter sieht nur noch "Brand, Mord, Raub, Diebstahl, Vergewaltigung" (Diarium 1917 bis 1933, S. 35). Er flüchtet sich nach Ascona, besteigt den Monte Verità. Warum Ascona? Was oder wen sucht der Dichter auf dem „Berg der Wahrheit“? Hauptmann sieht den Untergang der abendländischen Werte vor Augen. Er vermerkt dazu in seinem Tagebuch am 8. Januar 1919: "Schöpfer dieser Werte sind freilich zumeist Besitzlose. ... Arm waren, um nur wenige der reichsten aller Menschen zu nennen, Gotamo Buddho, Sokrates, Jesus von Nazareth" (Diarium S. 32). Die Parole des Zeitgeistes aber scheint ihm zu sein: "Nichts sei euch heilig, etwas Heiliges gibt es nicht" (Diarium 35). Dieses verlorene Heilige sucht er in Ascona, bei den reichen Armen des Monte Verità. "Der nackte Leib und seine Reinheit und Kultus, wie ich ihn mit siebzehn Jahren trieb", notiert sich Gerhart Hauptmann, etwas wehmütig, im Jahre 1906 (GH und Ida Orloff, S. 52). Als Schüler hatte er mit Kameraden einen Bund gegründet. "Der Jünglingsbund, den wir bildeten, mußte, durch Sympathie geschaffen, naturgemäß kommunistisch sein. Da gab es nichts, materiell oder ideell, was wir uns gegenseitig nicht mitteilten. ... Das Chaos, das uns umgab, schien uns seelenlos und überlebt zu sein. Wir wollten fliehen, wollten ein neues Leben anfangen, am liebsten auf einer entlegenen Insel im Ozean. Bei dem, was wir planten, wären wir im Bereiche der christlichen Zivilisation gestört, ja verfemt worden. Ich erinnere mich, dass wir die Ehe nicht dulden wollten, ebenso, dass wir die Weltverneinung des Christentums mit ihrer Verachtung des Leibes und der natürlichen Triebe als verderblichen Wahnsinn bekämpften. Unter die "Meinen" also verstand ich Freunde, verstand ich schöne junge Frauen, die, einem Liebes- und Schönheitskult hingegeben, meine Insel bevölkern sollten. (SW VII, 207) Hauptmann entwarf einen Tempelbau und reiste sogar nach Amerika in der Absicht, dort "eine neue Gesellschaftsordnung auf einer natürlichen Grundlage zu errichten" (SW X, 93). Er zog aufs Land, grub die Erde um, trug Jägersche Reformtracht, schlief im Jägerschen Wollsack. Auch war er unter dem Einfluss von Auguste Forel zum Alkoholgegner geworden. Kurz: Bevor es einen Monte Verità gab, gab es schon einen heimlichen Monteveritaner - Gerhart Hauptmann. Wovon er jahrelang geträumt, was er über Jahrzehnte geplant und dann doch nicht geschaffen hatte, das verwirklichten die Siedler von Ascona. Es versteht sich von selbst, dass dieses Unternehmen ihn brennend interessieren musste. Schon 1888 hatte er in Zürich den Naturapostel Johannes Guttzeit kennengelernt; um 1904, wenn nicht schon früher, lernte er Gusto Gräser kennen. Seit diesen Begegnungen zieht die Gestalt eines wandernden, sonnenanbetenden, eines jesuanischen Naturpredigers durch seine Dichtung. Er erscheint zunächst als christlich-dionysischer "Apostel", dann als "Narr in Christo Emanuel Quint" und wandelt sich schließlich im "Ketzer von Soana-Ascona" zum offenen Verkünder des Dionysos. Alle drei sind sie Sonnenanbeter - wie Hauptmann selbst. Freilich, die Zweifel und Ängste, die ihn schon an der Verwirklichung seines Siedlungsprojekts gehindert hatten, bleiben Hauptmann treu. Sinnbildlich dafür erfriert sein Emanuel Quint im Schnee der Alpen, auf dem Weg ins Tessin. Als dann aber im revolutionären Deutschland für Hauptmann die tradierten Werte untergehen, da leuchtet ihm umso heller das Licht seiner Sonnen-Leib-Liebes-und Natur-Utopie – im fernen Ascona. Er besteigt den Monte Verità, sucht den Mann, der dieses Licht wie kein anderer verkörpert, sucht Gusto Gräser. Er findet ihn nicht. Wie später der Till seiner Dichtung brütet Hauptmann in einer Taverne von Locarno, verzweifelnd und hoffend. Sein Till, im Epos, hat am selben Ort eine Vision: Ein von Wunden befreiter, ein apollinischer Heiland lädt ihn ein, ihn auf seinem Berg, den Almen über der Maggia, zu besuchen, "wo still meine Lämmer Jahrtausende weiden". Till sucht ihn, findet ihn nicht, versinkt in den Strudeln der Maggia. Für Hauptmanns Ascona-und-Locarno-Zeit gibt es einen Zeugen. Ein Schweizer Student aus berühmter Familie, der spätere Gelehrte Christoph Bernoulli erzählt, wie er Hauptmann im März 1919 im Zug kennengelernt hat und ihm dann im Hotel in Locarno wieder begegnet: „Als ich am Abend des Ankunftstages beschloß, einen Orientierungsgang durchs ganze Hotel zu tun, stieß ich im Kellergeschoß in der Taverne auf den Dichter, der alleine hinter einer Flasche Chianti Platz genommen hatte und mit einer einladenden Handbewegung mich fragte, ob ich nicht ein Glas Wein mit ihm trinken wolle, worauf ich unbeholfen und zögernd antwortete: ‚Doch, sehr gerne.’ In diesem Augenblick stand Hauptmann auf, verbeugte sich leicht ironisch und sagte zu meinem nicht geringen Erstaunen: ‚Ich heiße Dr. Hauptmann.’ (218) ... In den kommenden Wochen gingen wir manchen Vormittag spazieren, an den Nachmittagen unternahm man en famille Ausfahrten in die Locarneser Täler, nicht selten aßen wir gemeinsam in einer Trattoria des Centovalli, und manchmal bat mich der Dichter am Abend in sein Kellerrefugium, um zu plaudern. Zu Hauptmanns gestoßen waren inzwischen ihr jüngster Sohn Benvenuto, zusammen mit Martin Bodmer. Eugen d'Albert, der mit seiner wienerischen Frau ebenfalls in unserem Hotel wohnte, war oft mit von der Partie. ... Hin und wieder erschien der in der Nähe lebende Emil Ludwig und las aus seinem neugebackenen ‚Goethe’ vor. (219) ...
Auf dem Monte Verità lebten damals die letzten Vertreter jener ‚Zurück-zur-Natur-Bewegung’, die zivilisationsfeindlich einem Troglodysmus huldigten, Milch vom Euter der Ziegen tranken, ihr Brot selber buken, Früchte vom Baum und Zweig aßen und in weltanschaulichen Lufthemden herumgingen. Sie hatten ungeschnittenes Haupthaar, lange Bärte und sahen aus wie Propheten oder wilde Männer und waren die lebendigen Vertreter eines organisierten Fluchtversuches, die den Gleichgewichtszustand mit den heiligen Gesetzen der Natur auf gewaltlosem Wege erreichen wollten. Bei einem unserer Spaziergänge auf dem ‚Hügel der Wahrheit’ begegneten wir einem schönen bärtigen Greise in härenem Gewande und Schlapphut und kamen mit ihm ins Gespräch. Er betonte, wie glücklich er hier lebe, und sagte, daß er niemals mehr sein geruhsames, naturverbundenes Leben mit dem eines Bürgers der geschäftigen Welt tauschen würde. Ich fragte ihn dann höflich, ob er wisse, mit wem er spreche, und als ich den Namen Gerhart Hauptmann aussprach, verneigte er sich leicht und sagte: ‚Ich grüße den Schöpfer der Weber.’ Und dieser Herr, ich wies auf d'Albert, sei der Komponist der Oper Tiefland. Herr Emil Ludwig dagegen sei ein bekannter Schriftsteller und ein Nachbar aus Ronco. Der schöne Alte hob nur die Achseln und meinte, in die Oper gehe er prinzipiell nicht, sie sei für ihn das Denaturierteste, was er kenne, und neuere Bücher lese er auch nicht - und mit einer weltmännischen Verbeugung gegen uns alle und einem freundlichen ‚Ich bedaure’ ließ er uns stehen und ging seines Weges. Zwei Welten hatten sich kurz berührt.“ (220) (Aus: Christoph Bernoulli: Erinnerungen an Gerhart Hauptmann. In: Derselbe, Ausgewählte Vorträge und Schriften. Hg. von Peter Nathan. O. O., o. J., S. 217-220.) In der Tat: zwei Welten, die sich da berührten. Auf der einen Seite die Welt von Besitz, Kultur und Männermoral, kurz: der Zivilisation, auf der andern Seite die Welt der Natur, des Mythos und der weiblich-mütterlichen Urmoral. Denn unverkennbar und vermutlich ungewollt vom Verfasser schleichen sich mythische Züge in seine Darstellung. Dass die Bewohner des Berges troglodytisch in Höhlen gewohnt und Milch vom Euter der Ziegen getrunken hätten, kann nicht auf Augenschein beruhen. Vielmehr schlagen hier mythische oder zumindest archaisch-antikische Urmuster durch. Auch glaubt man die Stimme Gerhart Hauptmanns durchzuhören, der das Wort "troglodytisch" gern im Munde führte und in der Gestalt des Hirten so etwas wie einen menschlichen Archetypus erblickte.1 Sein "Ketzer von Soana" wird vom Priester zum Ziegenhirten; sein Till ist bei Locarno auf der Suche nach einem göttlichen "Hirten". Und den schönen Alten vom Berg umgibt in der Darstellung Bernoullis der freundlich-prophetische Glanz des "edlen Wilden". Wem sind die Wanderer auf dem Berg damals begegnet? Die kecke Freimütigkeit des Alten, sein gelassener Stolz scheinen ganz auf Carlo Vester zu passen, der damals mit der Verwaltung des Anwesens betraut war. Er war der Herr in diesem Revier. Doch konnte man ihn als Greis bezeichnen? Vester, im gleichen Jahr wie Gräser geboren, war damals vierzig Jahre alt. Seine zottelige Mähne und sein von Falten durchfurchtes Gesicht ließen ihn allerdings älter erscheinen.
Doch wie auch immer: Hier sollte nur darauf aufmerksam gemacht werden, dass Bernoullis Bild der Bergbewohner durch seine Gespräche mit Hauptmann geprägt erscheint. Er sieht sie mit den Augen des Dichters, und der projiziert seinen eigenen Mythos in die Landschaft: den des urtümlichen Hirten, der durch seine Verwobenheit in Natur den "metaphysischen Keim" in sich zu kraftvoller Blüte entfaltet hat. Hauptmann sucht den "göttlichen Hirten", den dionysischen Naturheiligen, den heidnischen Heiland. Er sucht ihn dort, wo Gräser seine Felshöhle hatte: in einer Steilwand hoch über den Strudeln der Maggia bei Ponte Brolla. Im Krieg hatte er die Novelle 'Der Ketzer von Soana' geschrieben, die schon im Titel, anagrammatisch, das Wort AS(C)ONA enthält. Sobald die Grenzen geöffnet waren, fuhr er dorthin. In seinem 1928 veröffentlichten Epos verarbeitet er seine vergebliche Suche nach dem "Ketzer von Ascona". Und
Till, er brach auf, denn er wollte die Maggia
sehn. Es trieb ihn, den Ort seines nahenden Tods zu erreichen. ... Ponte Brolla! hier raset das Kind, und es tobet heraklisch durch das zwängende Tor ... Till verbrachte die Zeit bis zum Abend ... Wo verschlaf ich die Nacht? sinnt er endlich. Der Herbergen bieten viele sich, und sie haben vertrauenerweckende Schilder: ... Eine nennet sich: Sprung in den Himmel und eine: Zum Heiland. Nun, der Sprung in den Himmel hat Zeit, denkt der Pilgrim und bückt sich allbereits in der Tür, die ins Wirtshaus Zum Heiland hineinführt. ... Und Till schläfert's ... Denn er sah einen Mann, einen Hirten, der schweigend hereintrat. Er allein, niemand sonst sah den Gast. ... Es umgab ihn ein Lichtschein. ... "Ich bin der, den du kennst", sagt der Fremdling, "dessen Name dich lud, hier im Hause dein Nachtmahl zu essen. Wunden weis' ich dir nicht oder Narben an Händen und Füßen, kein zermartertes, blutendes Haupt, das, von Dornen zerrissen, eitrig starrt, noch den schwarzen, von Striemen geborstenen Rücken. Alles dieses ist lange verheilt und verharscht und vergessen. Bester, sei mir willkommen, und morgen dann gehst du den Weg wohl nach der Klamm deines Stroms, nach den brausenden Schnellen der Maggia, wenig Schritte von hier. Und darüber hinaus in die Höhen, eines Tages, wo still meine Lämmer Jahrtausende weiden. Sieh, es geht ein Gerücht, ich sei nicht am Balken gestorben, sondern lebend von liebenden Händen heruntergenommen. ... Willst du mehr von mir wissen, besuche mich, Till!" ... Till erreichte die Tobel der Maggia und erquickete Augen und Herz. ... "Hört", so fragt er den Landmann, der tief seine Hacke hineinschlägt in den knirschenden Grund, "hört und sagt mir, wo ist hier ein Hirte, so und so von Gestalt? Und wo weidet der Hirt seine Herden?" - ... Ach, es war in dem Narren ein Wille aufgebrochen, womöglich am Feuer des Hirten zu schmelzen und sein heitres und letztes Geheimnis von ihm zu erfahren. Und zu trinken begehrete er aus demselbigen Quellbrunn, der die Herden des Hirten mit ewiger Wonne beglückte. (Aus
Gerhart Hauptmann: Till Eulenspiegel. Hauptmann zitiert einmal zustimmend ein Wort von Balzac: "Vor Gott gehöre ich der Religion des heiligen Johannes an" (SW VIII, 1054). Die Gestalt des Vaters Johannes zieht sich durch eine ganze Reihe von Werken bis hin zu seinem letzten unvollendeten Roman 'Der neue Christophorus'. Er ist "der Jünger, den der Herr am meisten liebte, / und der den Tod nicht sah noch sehen sollte" (in Gregor 423), der also auch in unseren Tagen unterwegs ist. Ein Wanderer wie der ewige Jude, aber ein Schuldloser, ein Lichtbringer. Ihm glaubt Hauptmann begegnet zu sein:
Mir ist Johannes
einst
begegnet: Er! ...
Er ging vorüber nur, und doch: es blieb in mir unsterblich, was in seiner Seele Umkreis, durch den ich schritt, in meine Seele drang: es wahrhaft nennen - das vermag kein Wort. (Zit. n. Gregor 423) Dieser Pater Johannes liebt "mit allem Gut und Böse die Welt" (SW X, 860). Er ist ein Weltfrommer, ein Weltfreund. Er trägt Rübezahlzüge und, wie Till, die Schellen eines Narren. Im Epos 'Till Eulenspiegel' erscheint er als Naturapostel mit den bekannten Zügen Gusto Gräsers. In seinem unvollendeten Spätwerk wird er so etwas wie der leitende Schutzgeist des neuen Heilands namens Erdmann, von dem der Dichter sagt: "Das wäre also meine Absicht mit diesem Merlin-Erdmann: den Menschen mit der Erde inniger und auf religiöse Art zu verbinden" (SW X, 1088). In 'Till' hatte Hauptmann den Naturapostel Johannes noch mit mildem Spott behandelt; von seiner Wiederkehr im 'Neuen Christophorus' sagt er: "Der sogenannte neue Christophorus läßt mich nicht los. Was er erstrebt, habe ich zu verspotten nicht angestanden, heut aber bin ich für die Erlösung der Menschheit umgestimmt" (SW X; 860). Der immer zweifelnde und schwankende Dichter hat sich am Ende für die Utopie des "Narren" entschieden, für die Hoffnung, "den Menschen mit der Erde inniger und auf religiöse Art zu verbinden".
1 "Hier ist an die außerordentlich hohe Wertung zu erinnern, die das Hirtendasein im Hauptmanns Griechischem Frühling erfährt: als ursprünglichste Lebensform und 'beste Ernährung für den metaphysischen Keim im Menschen‘ (CA VII 78), Grundlage somit aller Mythen- und Religionsbildung." (Peter Sprengel: Gerhart Hauptmann. Epoche - Werk - Wirkung. München 1984, S. 219) |
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