Johannes Friedrich Guttzeit (1853-1935)

Naturprediger, Naturphilosoph, Dichter


Im Herbst 1898, als Gräser in der Himmelhof-Kommune von Diefenbach lebte, schloss sich eine Gruppe junger Leute dieser Gemeinschaft an, Schüler des Naturpredigers Johannes Guttzeit. Mit ihren urchristlichen Idealen – leben wie die Lilien auf dem Felde, brüderlich und ohne jede Gewalt - haben sie offenbar den ohnehin schon kritischen und zum Absprung bereiten Gusto Gräser beeindruckt und mitgerissen. Es kam zur Rebellion gegen den Meister und zum Ausscheiden der ganzen Gruppe. Durch seine Anhänger brachte Guttzeit einen wesentlichen Anstoß, über das gemäßigte Aussteigertum Diefenbachs hinauszugehen in ein Wanderleben ohne Geld, ohne Brotberuf, ohne Pass, ohne Besitz.




Drei Rebellen gegen Diefenbach:Wilhelm Walther (links mit Bart), Anton Losert (im Hintergrund) und der in eine ferne Zukunft ausblickende Gustav Arthur Gräser.
Himmelhof bei Wien, 31. August 1898

Wer war Guttzeit? - Wegen Krankheit quittierte der preußische Offizier 1879 den Militärdienst, lernte in Italien die vegetarische Lebensweise kennen, veröffent-lichte schon 1882 eine Schrift, die die Richtung seines Sinneswandels anzeigt: ‚Von der Kirche zur Natur’. 1884 gründet er den ‚Pythagoräer-Bund’, der später ‚Bruder-Bund’ heißt, seit 1885 mit dem Organ ‚Der Bruder. Zeitschrift des Bundes für volle Menschlichkeit.’

Diefenbach, der ihn vermutlich von diesem Blatt her kennt, wendet sich im selben Jahr 1885 um Hilfe an ihn, bittet um seinen Besuch. Zunächst kommt, am 10. Juli, dessen Schwester Elisabeth nach Höllriegelskreuth, dann, am 17. September, Guttzeit selbst. Er übernimmt die Aposteltracht von Diefenbach, betätigt sich als dessen Sekretär, führt ab 22. September das Tagebuch der „Humanitas“. Aber schon im November ist Diefenbach unzufrieden mit Guttzeit. Der reist am 24. Dezember ab – nach Italien.

Nach jahrelangen Wanderzügen und Aufenthalten im Süden lässt er sich in Dresden-Loschwitz nieder. Pfingsten 1888 tritt er in Zürich als Prediger auf und beeindruckt stark den jungen Gerhart Hauptmann, der ihm in der Novelle ‚Der Apostel’ ein reichlich verzerrtes Denkmal setzen wird. Guttzeit tritt in Naturheilvereinen, Vegetarier-Gesellschaften und ähnlichen Reformvereinen als hochgeschätzter Redner und Rezitator auf, wird als „der deutsche Tolstoi“ gesehen. Der Friedrichshagener Bruno Wille schreibt in ‚Die Freie Bühne’ über den Mann, der „den Titel ‚Herr’ und den Pluralis majestatis vermeidet, alle Welt duzt, mit ‚Bruder’ oder ‚Schwester’ anredet und die Höflichkeitsphrasen mit Peinlichkeit unterlässt. ... Ja, nichts Geringeres als die Herrschaft will Guttzeit abschaffen, die Vergewaltigung in jeder Form, politisch, militärisch, volks-wirtschaftlich, häuslich und diätetisch“. Darin ist ihm Gräser mit noch größerer Entschiedenheit gefolgt.

Zahlreiche Publikationen kirchenkritischer, sozialkritischer und lebensreforme-rischer Richtung, zeitweise Predigertätigkeit für die Freie Gemeinde in Stettin. Ein gegen ihn 1890 angestrengter Prozeß wegen seiner Kleidertracht, die als „grober Unfug“ bezeichnet wird, endete in allen Instanzen mit seiner Frei-sprechung. Später lebte Guttzeit in Stuttgart, in Söflingen bei Ulm, nach seiner Verheiratung in Schmargendorf bei Berlin, wo er zu Moritz von Egidy in nähere Beziehung trat, danach in Loschwitz bei Dresden. Am 4. Juli 1900 wird er dort verhaftet, weil er eine dreimonatige Gefängnisstrafe wegen angeblicher „Beschimpfung der jüdischen Religion“ nicht angetreten hat. Grund war sein nicht antisemitisches, wohl aber religionskritisches Buch über ‚Unsinn und Unmoral im Alten Testament’. Er zieht noch im selben Jahr nach St. Peter bei Triest und geht dort, von seiner ersten Frau geschieden, eine Scheinehe ein mit einer jungen Frau, der er die Schande einer unehelichen Mutterschaft ersparen will. Vermutlich auf dem Weg dorthin besucht er einen seiner Anhänger, den ehemaligen Berufsschullehrer und sozialdemokratischen Agitator Anton Losert in Eppan bei Meran in Südtirol. Jenen Anton Losert, der 1898 zugleich mit Gusto Gräser in der Himmelhof-Kommune von Diefenbach gewesen war, gegen den Meister rebelliert hatte und zusammen mit Gräser ausgestoßen worden war. Von sozialdemokratischen Überzeugungen herkommend hatte sich Losert zunehmend in individual-anarchistische Richtung und schließlich zum urchristlich motivierten religiösen Radikalisten entwickelt.

In St. Peter betreiben Guttzeit und seine Frau Alma einen Versandhandel mit alternativen Schriften. Außerdem gibt er eine Zeitschrift heraus, die bis 1903 erscheint und dem neuen Jahrhundert das Stichwort gibt: ‚Der Neue Mensch’. Mitarbeiter sind u. a. die Naturärztin Anna Fischer-Dückelmann, die später auf den Monte Verità ziehen wird, die Vorkämpferin der Friedensbewegung Bertha von Suttner, zeitweise auch Fidus und Diefenbach. Die Zeitschrift hat jedoch zu wenige Bezieher und muss eingestellt werden. Guttzeit legt im Alter von 55 Jahren seine Apostelkutte ab und wird 1908 in Olching bei München sesshaft, wo er sich von nun an als Sachbuchautor betätigt. Im Juli 1908 nimmt er am Bundestag des Deutschen Vegetarierbundes in München teil, den auch Gusto Gräser und Hermann Hesse besuchen. Er stirbt 1935 im Alter von 82 Jahren.

In der Trias der frühen Naturpropheten Diefenbach-Guttzeit-Gräser ist er der Besonnene, Maßvolle, aufklärerisch Vernünftige. Er hat als einsamer Streiter in eindrucksvoller Breite und ohne jeden Hass all jene Missstände und Rückständigkeiten aufs Korn genommen, die damals noch selbstverständlicher Besitzstand waren und erst im Laufe eines Jahrhunderts als solche erkannt und nach und nach angegangen wurden: die Unterdrückung und Misshandlung von Frauen, von Kindern, von Soldaten, von Homosexuellen, die Unsitten in Kleidung und Ernährung, die Hochschätzung des Militärs, des Adels, des Krieges und der „Blut- und Eisenreligion“ (wie er sie nannte) des Alten Testaments. Kurz: gegen Machtstreben und Vergewaltigung in jeder Form. Ein Aufklärer und Erwecker der besten Art, der zu seiner Zeit verlacht und schnell vergessen wurde, der aber weiterlebt in seinem „Schüler“ Gusto Gräser und dessen Werk.



Einige Stimmen zu Guttzeit:

Niemals habe ich eine so augenfällige, gegenwartsstarke Illustration evangelischer Vorgänge vorher und nachher erlebt. Es war eine wahrhaft heilige Szene, die durch kein Oberammergau zu erreichen ist.

Gerhart Hauptmann über seine Begegnung mit Guttzeit

Guttzeit, unser deutscher Tolstoi und Schüler Diefenbachs, tritt als uner-schrockener Wahrheitsapostel auf. Der Naturarzt, Berlin

J. G. ist ein Apostel der Neuzeit und ihrer edelsten Bestrebungen. Er erhebt seine Stimme und redet gewaltig wie ein Prophet des alten Bundes zu der irrenden Menschheit. … mit Bewunderung erfüllt von dem gewaltigen Feuergeiste, der aus J. G. spricht. Aber unser Johannes predigt nicht etwa eine unfassbare Lehre, sondern er lebt sie uns auch praktisch vor. Anti-Korruption

Kämpfer gegen die “Schlachthaus-Zivilisation“ …Das Symbol des durch einen Apfel zerbrochenen Schwertes schmückt die Titelblätter seiner Bücher.

Frecot/Geist/Kerbs: Fidus

Ja, nichts Geringeres als die Herrschaft will Guttzeit abschaffen, die Verge-waltigung in jeder Form, politisch, militärisch, volkswirtschaftlich, häuslich und diätetisch. Bruno Wille in Freie Bühne

J. G. gehört zu den besten, allerbesten Söhnen unseres Volkes.

Moritz von Egidy


Einige Titel von Guttzeit:

  • Der volle Mensch oder Freier Fortschritt zum Ideale’. Loschwitz 1891;
  • Das Prügeln in der Schule. Eine Gefahr für Bildung und Sittlichkeit“. Zürich 1892;
  • Verbildung-Spiegel. Untersuchung über unsere moralischen Krankheiten. Eine Vorschule der Wiedergeburt“. 1. Band: Scheinsucht, Grossenhain 1893;
  • Über Soldatenmisshandlungen und Beschwerderecht“, Zürich 1892;
  • Über Schmerzzufügungen. Prügelkuren – Massage – Schläge als Weihe – Hang zur Grausamkeit”, Leipzig 1992;
  • Spiel und Ernst mit Reformen: Drei Gespräche”. Dresden 1893;
  • Auch ein heiliger Rock: Vernunft, Geschmack und Gewissen im Kampfe gegen die Mode”, Dresden 1893; „Spiritualistische Briefe”, Leipzig 1893;
  • „Zukunfts-Menschlichkeit und Gegenwarts-Philosophistik. Zwei kritische Tänze mit Eduard von Hartmann“. Leipzig 1893;
  • Das Buch der Liebe. Ein Stück Herzensgeschichte in Gedichten”, Dresden-Loschwitz 1893;
  • Die Macht des Glaubens und des Willens”, Berlin 1893;
  • Unsterblichkeit auf Erden. Ein Beitrag zur Versöhnung des Gefühls mit der Einsicht”, Rudolstadt 1893;
  • Himmel und Erde, Hübbe und Egidy oder Mein Reich ist von dieser Welt”, Berlin 1895;
  • Reinmenschliche Kindererziehung. Grundzüge einer Gesundheitspflege der Kindesseele”, Leipzig 1895.
  • Meine Ehe. Aufhebung des Gegensatzes zwischen Ehe und freier Liebe“. Schmargendorf bei Berlin. 1896;
  • Wer lästert Gott? Nachweis der Seelenvergiftung an Kindern und Volk durch Missbrauch des Alten Testaments’. Leipzig 1896.;
  • Leitsterne. Sinngedichte’. Berlin 1897;
  • Edle Sinnlichkeit. Brief an einen jungen Ehemann’. Schmargendorf 1897;
  • Was will der Naturprediger? 40 Lehrsätze des reinen Menschentums”, Schmargendorf 1898.
  • Belzebub. Über Willkür und Rache beim Strafen’. Dresden 1899;
  • „Naturrecht oder Verbrechen? Über Liebe zum gleichen Geschlecht (urnische Liebe)“. Leipzig 1900.
  • Schamgefühl, Anstand und Sittlichkeit“. Leipzig 1920.


Aus Schriften von Johannes Guttzeit


Johannes Guttzeit

Was will der Naturprediger?
40 Lehrsätze des reinen Menschentums

1.  Er will eine veredelte Natur oder naturgemässe Kultur.

2.  Er will, dass die Menschheit sich mehr und mehr als eine grosse Familie erkennen lerne. …

9. Er will weder Knechte noch Herren, sondern freie und wahre Menschen; Herrschaft erkennt er nicht an und lehnt es daher ab, als Herr behandelt zu werden. …

22. Er will, dass das weibliche Geschlecht aus seiner alten Sklaverei befreit werde.

23. Er will Anerkennung unseres natürlichen Rechts auf Leben, Gesundheit, Liebe und Freude. …

31. Er will, dass die Kinder nicht mit unnützem Lernkram und auf sonstige Art gequält, abgemattet und eingebosst werden.

32. Er will, dass man auch die Tiere als fühlende, daseins- und freiheitsberech-tigte Wesen anerkenne. …

40. Er will dass Keiner den Andern verdamme, weil Keiner unfehlbar ist.



Schöpfung und Sündenfall.

Buchstäblich oder geistig?

(Aus seiner Selbstanzeige)

Unter den mancherlei Reformbestrebungen, an denen sich der Verfasser, vielfach als Vorkämpfer, beteiligte, stand von jeher, seit 30 Jahren, wo er aus der Landeskirche ausschied, um als freireligiöser Prediger zu wirken, die Religions-Befreiung aus kirchlichen Fesseln obenan. Insbesondere hat er seinen Kampf gegen den Missbrauch des Alten Testaments als Sucht- und Volksbuch durch wiederholtes Erleiden von Gefängnisstrafen besiegelt. Seine Schrift darüber wurde, in 1. und 2. Auflage beschlagnahmt, in 3. unbeanstandet, verschlungen. Hunderte von Bestellungen konnten nicht berücksichtigt werden. Seitdem fortgesetzte Nachfrage aus der alten und neuen Welt. Ihr wird nun zunächst entsprochen durch Darbietung einer bedeutend erweiterten Neubearbeitung des ersten Teiles. Die Schrift bringt ausser den bewährten Geisteshieben gegen Buchstabenfrohn und Afterreligion die Begründung einer wahrhaften Religionsfreiheit auf den ja selbst von der Kirche anerkannten Begriff der „religiösen Erfahrung“, ferner eine eingehende, sich an Swedenborg lehnende Anleitung zur fruchtbarsten geistigen Deutung der Bibel, nimmt auch Stellung zu den verschiedenen evangelisch- und katolisch-teologischen Zeitfragen, besonders den durch die morgenländischen Ausgrabungen entstandenen, wobei auf lateinische, griechische, hebräische und mögliche babylonische Texte in gemeinverständlicher Weise eingegangen, manche kirchliche Lehre, wie die von einem Schöpfer, als bibelwidrig gezeigt, in der Vorrede die moderne Teosofasterei gegeisselt, endlich in einem Anhange das Axiom von der Gipfelstellung des Menschen umgestossen wird und in einem zweiten 40 Lehrsätze des reinen Menschentums aufgestellt werden.

Guttzeit schreibt im Sommer 1900 als Erklärung für das verspätete Erscheinen seiner Zeitschrift ‚Der Neue Mensch’:

Seit Mitte März des Jahres bin ich von Dresden fort. Ich hielt mich nach einigen Reisevorträgen in Leipzig auf. Am 6. April sollte ich in Hoyerswerda meine 3monatliche Gefangenschaft für die (von keinem Juden empfundene) „Beschimpfung der jüdischen Religion“ antreten. Das ging nicht: 1. wegen mehrerer Vorträge, die ich für die nächstfolgende Zeit zugesagt hatte, 2. wegen des „Neuen Menschen“, und 3. wegen meines schon begonnenen Umzugs nach Süden. Da ich auf mein Gesuch um Aufschub keine Antwort erhielt, so musste ich mir den Urlaub selbst nehmen, aber – auf der Hut sein.

Zwar hielt ich danach noch 3 Vorträge; aber die Einschränkungen, die ich mir nun bei der Wahl des Aufenthalts auferlegen musste, erschwerten unsäglich die weitere Versendung und besonders die weiteren Arbeiten am „Reform-Echo“. … Doch selbst in und bei München, wo ich vor dem Eintritt in die ganz neuen Verhältnisse Heft 1 und 2 erledigen sollte, fand ich unter den (auch pekuniär) misslichen Umständen keine Stätte, wo ich ruhig und sicher eine Reihe von Tagen hätte arbeiten können …

Auch muss zur Erklärung gesagt werden … Die Besteller-Zahl ist noch bei weitem nicht gross genug, um durch das Bezugsgeld die Herstellungskosten zu decken, geschweige denn dass etwas zur Deckung der Gründungskosten, für die Versendung, für „Reklame“ oder zum Unterhalt für den Herausgeber nebst Familie abfiele. …

Am 4. Juli endlich zu meiner Familie zurückgekehrt, wurde ich schon nach einer Stunde unversehens auf unmittelbare Veranlassung der Breslauer Staatsanwaltschaft verhaftet, behufs Überführung nach Ratibor, wo ich die 3monatliche Gefangenschaft verbüssen soll – ohne meine Angelegenheiten vorher ordnen zu können.

In: Der Neue Mensch, 1. Jg., Mai und Juni 1900. Heft 2 und 3, letzte Seite


Ein Wort über C. W. Diefenbach

In: Der Neue Mensch, Heft 5 und 6,

November und Dezember 1900.

...aus einem Vortrage desselben ... in eigener Weiterentwicklung ...

Karl Wilhelm Diefenbach, der den meisten unserer Leser wohl mehr als nur dem Namen nach bekannt sein dürfte (139), ist einer von jenen allseitigen, weltumfassenden Geistern, von denen man - wie Goethe von Shakespeare, nach ihm Andre von Goethe gesagt haben, wie auch von Egidy gelten muss - sagen kann: dieser und kein Ende. Das will heissen: fängt man von ihm zu reden an, so weiss man nicht, wo aufhören, weil das Ganze des Menschen und der Welt unter eine eigenartige Beleuchtung gelangt. ...

Wir müssen uns vorbehalten, über ihn, als einen der neuen Menschen, später noch mehr zu bringen …

Diefenbach hat aus Wien (Himmelhof) weichen müssen, weil er die für seine grossartigen Unternehmungen gemachten Schulden nicht bezahlen konnte, Konkurs ankündigen musste, seine Kunstschätzee meistbietend verkauft wurden, er auch noch in andere Rechtshändel verwickelt und ihm durch all das der Aufenthalt natürlich verleidet wurde. Er hat sich danach bei Triest aufgehalten und weilt gegenwärtig auf der Insel Capri, genaue Adresse: Anacapri, Villa Giulia. (140) …

Auf der heurigen Hygiene-Ausstellung in Neapel gab Diefenbach ein Flugblatt aus ... Als die Ursache aller Krankheiten bezeichnet er die Fleischnahrung. Jedes Wesen, sagt er, ist eine Ausströmung (Emanation) der Gottheit. Menschen und Tiere sind im Wesen sich gleich, nur verschieden im Grad der Entwicklung. Die Metzger sind bezahlte Mörder (142) ...

Der göttliche Geist der Natur ruft dem zum Raubtier entarteten Menschen zu: du sollst nicht töten!

Hier ist schon der Einfluss zu erkennen, welchen die sog. teosophischen Schriften neuerdings auch auf Dfb ausgeübt haben, wie er mir denn ausdrücklich mitteilt, dass er in ihnen "einen höheren Wert für die Erlösung und Veredlung der Menschheit gefunden hat, als er in seinem seitherigen überhetzten Leben zu finden glaubte". Auch darin pflichte ich ihm bei, dass die Schriften von Annie Besant zur Einführung in jenes Gedankenreich ganz besonders geeignet sind. (143f.)

Nachwort.

In: DNM, Heft 7 und 8, Juni 1901, S. 10

Der Geist unserer mörderischen und selbstmörderischen Zivilisation hat es fertig gebracht, diesen Wort- und Tatprediger der Reinheit unter eifriger Benutzung jedes sich darbietenden Scheines als sittenlos hinzustellen! – genau wie er’s mit Sokrates machte – und hiermit den Wolf in der Fabel noch zu übertreffen, der das Lamm anklagte, dass es ihm das Wasser getrübt habe. Und das geschieht heute ihm nicht allein. Die kranke, sich mit spielerischen Teilreförmchen betrügende Gesellschaft versteht es meisterhaft, jeden Radikalreformer (wozu die Parteihetzer als Pfleger der Unbrüderlichkeit nicht gehören) und also ihre besten Aerzte zu boykottieren und sie für ihre Wohltaten, wie im Gefühle der Unwürdigkeit, möglichst abschreckend zu strafen.

Diefenbach ist einer von jenen Unzähligen, die, mit einer unendlichen Liebe zur ganzen Menschheit, ja zu Allem, was lebt, beseelt, durch hervorragende Geistesfähigkeiten, an rechter Stelle richtig verwertet, der Menschheit hochwichtige Dienste leisten könnten, aber durch die Undankbarkeit endlich genötigt werden, zur blossen Sicherung ihrer eigenen Existenz sich „in’s Privatleben zurückzuziehen“, da Jeder sich selbst der Nächste ist.

Ich bin noch nicht so weit, wiewohl mir, jemehr ich von Teil- und Scheinreförmchen auf’s Ganze ging, und nach meinem verselbständigten Gewissen auch lebte, grade von Seiten derer, die mir geistig die Nächsten sein sollten, desto dringender durch Tat und Wort der Rücktritt nahegelegt worden ist! Noch stehe ich, noch wirke ich, noch bin ich nicht ausgehungert. Aber wenn man uns unter den Stein gebracht haben wird, so erdreiste sich wenigstens Keiner, unser Andenken zu feiern, wenn er daneben Andere, die das schwierige Werk einer allseitigen und gründlichen Menschheits-Erneuerung weiterführen, verleugnet, oder verhungern lässt. Johannes


Neumenschliche Gedanken

Die Geister, welche das alte Zeitalter stützen, sind verbunden und organisirt. Die Edeln jedoch, in welchen der Zündstoff zur Entflammung des neuen Weltentages gelegt ist, sind noch zerstreut und nur zum kleinen Teile in kleinen Gruppen notdürftig gesammelt. Du Minderzahl, ermanne dich! Mache dir deine hohe Bestimmung bewusst! Ebd., S. 11
 

Von keiner Sekte komm’ ich ausgesandt,
Und keine Macht hat mich in ihrem Solde;
Mir schrieb kein Kirchenrat auf meine Kanzel,
Was ich zu lehren, zu verschweigen habe.
A l l e i n  der Gott in meiner eig’nen Brust
Hat mich berufen, vor euch hinzutreten,
Für meine Worte die Beglaubigung,
Sie ward mir nicht auf ein Papier gestempelt;
Doch mögt ihr sie im eignen Herzen suchen.
Denn Andres komm’ ich nichts euch zu verkünden,
Als was im Grunde eures Herzens lebt,
Doch fast erstickt ward in dem Lärm des Tages,
In der Parteien Werb- und Kampfgeschrei.

In: Der Neue Mensch, 1. Jg., Mai und Juni 1900, Heft 2 und 3, S. 1


Sinnsprüche

Wenn der Erkenntnis Sonne dich traf mit dem göttlichen Urlicht,
sei du den Geistern ein Mond, bis sie der Morgen erfreut!
*
Seht den Reichen! Ihn jammert nicht mal der eigene Magen;
wie viel Arbeit packt täglich dem armen er auf!
*
Manche, die Börse voll Gold, sie sind in dem Herzen doch Bettler;
mancher, der Gold nicht gesehn, hat doch ein goldenes Herz.
*
Wer aus Liebe verlor den Verstand, ihn schätz ich doch höher,
als den, der aus Verstand vollends die Liebe verlor.
*
Von Kindern und Narren kann Wahrheit man hören.“
So nennt mich nur Narr, aber folgt meinen Lehren.
*
Wer an Entgelt beim Geben denkt,
der hat verkauft und nicht verschenkt.
*
Folge deinem edlen Triebe,
wag es, recht ein Mensch zu sein,
kräftigen wird dich die Liebe
und die Wahrheit dich befrein.
*
Noch sah ich keine Rose der andern Rose winken:
Dem Guten wolln wir duften, dem Schlechten aber stinken.
Noch hört ich keine Sonne mit andern danach trachten:
Wir wolln den Guten leuchten, die Schlechten mehr
umnachten.
*
Von keiner Sekte komm ich ausgesandt,
und keine Macht hat mich in ihrem Solde;
mir schrieb kein Kirchenrat auf meine Kanzel,
was ich zu lehren, zu verschweigen habe.
Allein der Gott in meiner Brust
hat mich berufen, vor euch hinzutreten.
*