|
Aus
Schriften von Johannes Guttzeit

Was
will der Naturprediger?
40
Lehrsätze des reinen Menschentums
1.
Er will eine veredelte Natur oder naturgemässe Kultur.
2.
Er will, dass die Menschheit
sich mehr und mehr als eine grosse Familie erkennen lerne. …
9.
Er will weder Knechte
noch Herren, sondern freie und wahre Menschen; Herrschaft
erkennt
er nicht an und lehnt es daher ab, als Herr behandelt zu werden. …
22. Er will, dass das weibliche
Geschlecht aus seiner alten Sklaverei befreit werde.
23. Er will Anerkennung
unseres natürlichen Rechts auf Leben, Gesundheit,
Liebe
und Freude. …
31. Er will, dass die Kinder
nicht mit unnützem Lernkram und auf sonstige Art
gequält,
abgemattet und eingebosst werden.
32. Er will, dass man auch die Tiere
als fühlende, daseins- und freiheitsberech-tigte
Wesen anerkenne. …
40. Er will dass Keiner den
Andern verdamme, weil Keiner unfehlbar ist.

Schöpfung
und Sündenfall.
Buchstäblich
oder geistig?
(Aus seiner
Selbstanzeige)
Unter
den mancherlei Reformbestrebungen, an denen sich der Verfasser,
vielfach als Vorkämpfer, beteiligte, stand von jeher, seit 30
Jahren, wo er aus der Landeskirche ausschied, um als freireligiöser
Prediger zu wirken, die Religions-Befreiung aus kirchlichen Fesseln
obenan. Insbesondere hat er seinen Kampf gegen den Missbrauch des
Alten Testaments als Sucht- und Volksbuch durch wiederholtes Erleiden
von Gefängnisstrafen besiegelt. Seine Schrift darüber
wurde, in 1. und 2. Auflage beschlagnahmt, in 3. unbeanstandet,
verschlungen. Hunderte von Bestellungen
konnten nicht berücksichtigt werden. Seitdem fortgesetzte
Nachfrage aus der alten und neuen Welt. Ihr wird nun zunächst
entsprochen durch Darbietung einer bedeutend erweiterten
Neubearbeitung des ersten Teiles. Die Schrift bringt ausser den
bewährten Geisteshieben gegen Buchstabenfrohn
und
Afterreligion die Begründung einer wahrhaften
Religionsfreiheit auf den ja selbst von der
Kirche anerkannten
Begriff der „religiösen Erfahrung“, ferner eine
eingehende, sich an Swedenborg lehnende Anleitung
zur
fruchtbarsten geistigen Deutung der Bibel, nimmt
auch Stellung
zu den verschiedenen evangelisch- und katolisch-teologischen
Zeitfragen, besonders den durch die morgenländischen Ausgrabungen
entstandenen, wobei auf lateinische,
griechische, hebräische und mögliche babylonische
Texte in gemeinverständlicher Weise eingegangen, manche
kirchliche Lehre, wie die von einem Schöpfer, als bibelwidrig
gezeigt, in der Vorrede die moderne Teosofasterei
gegeisselt,
endlich in einem Anhange das Axiom von der Gipfelstellung des
Menschen umgestossen wird und in einem zweiten 40
Lehrsätze
des reinen Menschentums aufgestellt werden.

Guttzeit
schreibt
im Sommer 1900 als Erklärung für das verspätete
Erscheinen seiner Zeitschrift ‚Der Neue Mensch’:
Seit Mitte März des
Jahres bin ich von Dresden fort. Ich hielt mich nach einigen
Reisevorträgen in Leipzig auf. Am 6. April sollte ich in
Hoyerswerda meine 3monatliche Gefangenschaft für die (von keinem
Juden empfundene) „Beschimpfung der jüdischen Religion“
antreten. Das ging nicht: 1. wegen mehrerer Vorträge, die ich
für die nächstfolgende Zeit zugesagt hatte, 2. wegen des
„Neuen Menschen“, und 3. wegen meines schon begonnenen Umzugs
nach Süden. Da ich auf mein Gesuch um Aufschub keine Antwort
erhielt, so musste ich mir den Urlaub selbst nehmen, aber – auf der
Hut sein.
Zwar hielt ich danach noch 3
Vorträge; aber die Einschränkungen, die ich mir nun bei der
Wahl des Aufenthalts auferlegen musste, erschwerten unsäglich
die weitere Versendung und besonders die weiteren Arbeiten am
„Reform-Echo“. … Doch selbst in und bei München, wo ich
vor dem Eintritt in die ganz neuen Verhältnisse Heft 1 und 2
erledigen sollte, fand ich unter den (auch pekuniär) misslichen
Umständen keine Stätte, wo ich ruhig und sicher eine Reihe
von Tagen hätte arbeiten können …
Auch muss zur Erklärung
gesagt werden … Die Besteller-Zahl ist noch bei weitem nicht gross
genug, um durch das Bezugsgeld die Herstellungskosten zu decken,
geschweige denn dass etwas zur Deckung der Gründungskosten, für
die Versendung, für „Reklame“ oder zum Unterhalt für
den Herausgeber nebst Familie abfiele. …
Am 4. Juli endlich zu meiner
Familie zurückgekehrt, wurde ich schon nach einer Stunde
unversehens auf unmittelbare Veranlassung der Breslauer
Staatsanwaltschaft verhaftet, behufs Überführung nach
Ratibor, wo ich die 3monatliche Gefangenschaft verbüssen soll –
ohne meine Angelegenheiten vorher ordnen zu können.
In: Der Neue Mensch, 1. Jg.,
Mai und Juni 1900. Heft 2 und 3, letzte Seite
Ein
Wort über C. W. Diefenbach
In: Der Neue Mensch,
Heft 5 und 6,
November
und Dezember 1900.
...aus
einem Vortrage desselben ... in eigener
Weiterentwicklung ...
Karl
Wilhelm Diefenbach, der den meisten unserer
Leser wohl mehr als nur dem Namen nach bekannt sein dürfte
(139), ist einer von jenen allseitigen, weltumfassenden Geistern, von
denen man - wie Goethe von Shakespeare, nach ihm Andre von Goethe
gesagt haben, wie auch von Egidy gelten muss - sagen kann: dieser und
kein Ende. Das will heissen: fängt man von ihm zu reden an, so
weiss man nicht, wo aufhören, weil das Ganze des Menschen und
der Welt unter eine eigenartige Beleuchtung gelangt. ...
Wir
müssen uns vorbehalten, über ihn, als
einen der neuen Menschen, später noch mehr zu bringen …
Diefenbach
hat aus Wien (Himmelhof) weichen müssen,
weil er die für seine grossartigen Unternehmungen gemachten
Schulden nicht bezahlen konnte, Konkurs ankündigen musste, seine
Kunstschätzee meistbietend verkauft wurden, er auch noch in
andere Rechtshändel verwickelt und ihm durch all das der
Aufenthalt natürlich verleidet wurde. Er hat sich danach bei
Triest aufgehalten und weilt gegenwärtig auf der Insel Capri,
genaue Adresse: Anacapri, Villa Giulia. (140) …
Auf
der heurigen Hygiene-Ausstellung in Neapel gab
Diefenbach ein Flugblatt aus ... Als die Ursache aller Krankheiten
bezeichnet er die Fleischnahrung. Jedes Wesen, sagt er, ist eine
Ausströmung (Emanation) der Gottheit. Menschen und Tiere sind im
Wesen sich gleich, nur verschieden im Grad der Entwicklung. Die
Metzger sind bezahlte Mörder (142) ...
Der
göttliche Geist der Natur ruft dem zum
Raubtier entarteten Menschen zu: du sollst nicht töten!
Hier
ist schon der Einfluss zu erkennen, welchen die
sog. teosophischen Schriften neuerdings auch auf Dfb ausgeübt
haben, wie er mir denn ausdrücklich mitteilt, dass er in ihnen
"einen höheren Wert für die Erlösung und
Veredlung der Menschheit gefunden hat, als er in seinem seitherigen
überhetzten Leben zu finden glaubte". Auch darin pflichte
ich ihm bei, dass die Schriften von Annie Besant zur Einführung
in jenes Gedankenreich ganz besonders geeignet sind. (143f.)
Nachwort.
In: DNM, Heft 7 und 8, Juni 1901, S. 10
Der
Geist unserer mörderischen und
selbstmörderischen Zivilisation hat es fertig gebracht, diesen
Wort- und Tatprediger der Reinheit unter eifriger Benutzung jedes
sich darbietenden Scheines als sittenlos hinzustellen! – genau wie
er’s mit Sokrates machte – und hiermit den Wolf in der Fabel noch
zu übertreffen, der das Lamm anklagte, dass es ihm das Wasser
getrübt habe. Und das geschieht heute ihm nicht allein. Die
kranke, sich mit spielerischen Teilreförmchen betrügende
Gesellschaft versteht es meisterhaft, jeden Radikalreformer (wozu die
Parteihetzer als Pfleger der Unbrüderlichkeit nicht
gehören) und also ihre besten Aerzte zu boykottieren und sie für
ihre Wohltaten, wie im Gefühle der Unwürdigkeit, möglichst
abschreckend zu strafen.
Diefenbach
ist einer von jenen Unzähligen, die,
mit einer unendlichen Liebe zur ganzen Menschheit, ja zu Allem, was
lebt, beseelt, durch hervorragende Geistesfähigkeiten, an
rechter Stelle richtig verwertet, der Menschheit hochwichtige Dienste
leisten könnten, aber durch die Undankbarkeit endlich genötigt
werden, zur blossen Sicherung ihrer eigenen Existenz sich „in’s
Privatleben zurückzuziehen“, da Jeder sich selbst der Nächste
ist.
Ich bin noch nicht so
weit, wiewohl mir, jemehr ich von Teil- und Scheinreförmchen
auf’s Ganze ging, und nach meinem verselbständigten Gewissen
auch lebte, grade von Seiten derer, die mir geistig die Nächsten
sein sollten, desto dringender durch Tat und Wort der Rücktritt
nahegelegt worden ist! Noch stehe ich, noch wirke ich, noch bin ich
nicht ausgehungert. Aber wenn man uns unter den Stein gebracht haben
wird, so erdreiste sich wenigstens Keiner, unser Andenken zu feiern,
wenn er daneben Andere, die das schwierige Werk einer allseitigen und
gründlichen Menschheits-Erneuerung weiterführen,
verleugnet, oder verhungern lässt. Johannes
Neumenschliche
Gedanken
Die
Geister, welche das alte Zeitalter stützen,
sind verbunden und organisirt. Die Edeln jedoch, in welchen der
Zündstoff zur Entflammung des neuen Weltentages
gelegt
ist, sind noch zerstreut und nur zum kleinen Teile in kleinen Gruppen
notdürftig gesammelt. Du Minderzahl, ermanne dich! Mache dir
deine hohe Bestimmung bewusst! Ebd.,
S.
11
Von
keiner Sekte komm’ ich ausgesandt,
Und keine Macht
hat mich in ihrem Solde;
Mir schrieb
kein Kirchenrat auf meine Kanzel,
Was ich zu
lehren, zu verschweigen habe.
A l l e i n der Gott
in meiner eig’nen Brust
Hat mich
berufen, vor euch hinzutreten,
Für meine
Worte die Beglaubigung,
Sie ward mir
nicht auf ein Papier gestempelt;
Doch mögt
ihr sie im eignen Herzen suchen.
Denn Andres
komm’ ich nichts euch zu verkünden,
Als was im
Grunde eures Herzens lebt,
Doch fast
erstickt ward in dem Lärm des Tages,
In der Parteien
Werb- und Kampfgeschrei.
In: Der Neue
Mensch, 1. Jg., Mai und Juni 1900,
Heft 2 und 3, S. 1
Sinnsprüche
Wenn
der Erkenntnis Sonne dich traf mit dem göttlichen Urlicht,
sei
du den Geistern ein Mond, bis sie der Morgen erfreut!
*
Seht
den Reichen! Ihn jammert nicht mal der eigene Magen;
wie
viel Arbeit packt täglich dem armen er auf!
*
Manche,
die Börse voll Gold, sie sind in dem Herzen doch Bettler;
mancher,
der Gold nicht gesehn, hat doch ein goldenes Herz.
*
Wer
aus Liebe verlor den Verstand, ihn schätz ich doch höher,
als
den, der aus Verstand vollends die Liebe verlor.
*
„Von
Kindern und Narren kann Wahrheit man hören.“
So
nennt mich nur Narr, aber folgt meinen Lehren.
*
Wer
an Entgelt beim Geben denkt,
der
hat verkauft und nicht verschenkt.
*
Folge
deinem edlen Triebe,
wag
es, recht ein Mensch zu sein,
kräftigen
wird dich die Liebe
und
die Wahrheit dich befrein.
*
Noch
sah ich keine Rose der andern Rose winken:
Dem
Guten wolln wir duften, dem Schlechten aber stinken.
Noch
hört ich keine Sonne mit andern danach trachten:
Wir
wolln den Guten leuchten, die Schlechten mehr
umnachten.
*
Von
keiner Sekte komm ich ausgesandt,
und
keine Macht hat mich in ihrem Solde;
mir
schrieb kein Kirchenrat auf meine Kanzel,
was
ich zu lehren, zu verschweigen habe.
Allein
der Gott in meiner Brust
hat
mich berufen, vor euch hinzutreten.
*
|