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Karl Heinrich Gräser

 
(1875-1920)

Karl Heinrich Gräser - Siedler, Bienenzüchter, Erfinder, Unternehmer, Naturphilosoph – war der ältere Bruder von Gustav Arthur und zugleich sein erster „Jünger“. Im Verhältnis zu ihm blieb er immer der Zweite, ein Schüler, der seinem Lehrer nur ein Stück weit folgen konnte, ein Abhängiger, der, obwohl schwächer, sich als Eigenständiger zu behaupten suchte. Für Gusto galt er als „Mammonknecht“, der sich von Besitz und Bürgerlichkeit nicht trennen mochte. Er dagegen sah seinen Bruder als einen von Güte und Schönheit Besessenen, einen, der sich übernahm und überschätzte.

Karl ging einen Weg, der ihm sicherer und solider schien. Versuchte sich als Philosoph, als Pädagoge, als Bienenzüchter, als Erfinder und Unternehmer – und scheiterte letztlich auf allen Feldern. Seine Ehe blieb kinderlos, sein Bienenbuch blieb ungedruckt, sein Handwerksbetrieb musste schließen, seine Lebensgefährtin wurde wahnsinnig, er selbst endete wie sie in einer Nervenheilanstalt und soll vor seinem Tode seine früheren Überzeugungen widerrufen haben.

Trotz alledem war er ein wichtiger Anreger. Als Gegenpart zu Oedenkoven verwirklichte er im Kleinformat die ursprüngliche Siedlungsidee der Gründer. Für Aussteiger und Militärflüchtige war sein Haus ein Zufluchts- oder Durchgangsort. An Erich Mühsam und andere vermittelte er durch sein Beispiel die Vorstellung einer Lebensgemeinschaft, die den Unterdrückten und Verfolgten dieser Erde eine Heimat bietet. Nicht zuletzt bot er seinem Bruder eine solche. Denn sein Haus und Grundstück gewährte Gusto und dessen Familie in den Jahren 1915 bis 1918 Obdach und Unterhalt. In seinem Haus fanden jene Gespräche mit Hermann Hesse statt, die in ‚Demian’ zu Dichtung geworden sind.


Das Gräserhaus auf dem Monte Verità

Die „Ruhinne“

Im Dezember 1901 trennten sich Karl und Jenny von Oedenkoven und Ida Hofmann. Die Zeit der Genossenschaft war zuende. Mit dem Geld von Jenny wurde ein eigenes Stück Land gekauft, unmittelbar angrenzend an das Gelände des Sanatoriums. Nach den späteren Angaben von Ludwig Häusser in einer Anzeige handelte es sich um ein Anwesen von 20.000 Quadratmetern mit angeblich 200 Bäumen. Damit hatten die Gräsers bedeutend mehr gärtnerisch-landwirtschaftlich nutzbare Fläche als das Sanatorium. Allerdings war Karl auf solche Erträgnisse auch angewiesen. Dass sie dennoch kaum zum Leben reichten, sollte sich in der Folge zeigen.

Am einen Ende des Grundstücks befand sich eine Weinberghausruine. Sie wurde von Karl ausgebaut, jedoch nur in der Form, dass er über dem unteren Stockwerk eine gemauerte Rückwand errichtete. Von dieser aus spannte er ein freitragendes Dach. Die anderen drei Seiten des Raumes blieben also frei, jedem Wind und Wetter offen. Karl übertrieb oder übertrumpfte also noch das Prinzip der Lufthütten auf dem Berg, die immerhin ringsum geschlossen waren.

Im Erdgeschoss hatte Karl seine Werkstatt, das luftige Obergeschoss diente als Schlafraum. Neben dem Ausbau des Hauses begann er sofort mit dem Wegbau. In einem Brief an die Gemeinde vom 20. Februar 1902 beantragt er das Übergangsrecht über Gemeindeboden und den Abbau von Felsgestein. Offenbar musste er den Weg erst planieren und dazu auch Bäume fällen, die er als Bauholz für sein Haus verwendete. Mit dem Fahrweg, der sein Grundstück teilte, wurde erstmals ein befahrbarer Zugang zum Monte Verità geschaffen, der bis dahin nur von der Rückseite des Berges, also von Losone her, mit Fahrzeugen erreichbar gewesen war. Der Weg führte und führt bis heute unmittelbar an seinem Haus vorbei, sodass Besucher, die von Ascona heraufkamen, sein Haus passieren mussten und ihn nicht übersehen konnten.

Am 31. Mai des Jahres wandte er sich wiederum an die Gemeinde mit dem Wunsch, das Schilfgebiet „Canneto“ zu erwerben. Damals gab es in der Umgebung noch mehrere Teiche, und offenbar war Karls Haus nach starken Regenfällen von Überschwemmung bedroht. Dem Wunsch wurde allerdings nicht stattgegeben. Es scheint aber, dass die Gräsers aus diesen Teichen zumindest ihr Waschwasser bezogen haben. Eine Wasserleitung hatten sie nicht, und ein Besucher erzählt, dass Frau Jenny das Wasser zum Waschen erst hertragen musste.

Im Juli 1902 war das Häuschen anscheinend schon so wohnlich, dass Grossika, wie die Mutter der Gräserbrüder genannt wurde, zu einem vierwöchigen Besuch kommen konnte. Sie schreibt darüber in ihrem Tagebuch:

"Den 1sten Juli 1902 trat ich meine große Reise zu den Kindern in die Schweiz an. Ich fuhr über Pest, Agram, Fiume, über das adriatische Meer nach Venedig, von Venedig nach Verona - Mailand - Como -Bellinzona - Locarno - Ascona. ... Die Kinder ahnten mein Kommen noch nicht, weil sie dachten, ich würde auch in Venedig übernachten. Ich ging und ging mit einem Schweizer Buben, der mir den größeren Koffer trug, in großer Hitze bergauf, verzweifelte schon, den rechten Weg gegangen zu sein, da, vor einem Grundstück, welches nichts besonders Auffallendes hatte vor den anderen Grundstücken, rief ich aufs Geratewohl: Karl! Karl! - und wie hervorgezaubert springen mir alle drei [Karl, Gusto und Ernst] und Jenny in die Arme. Wir hatten uns. Wie dankbar war ich der Vorsehung, meine Kinder auf diesem Fleckchen Erde so beisammen und glücklich angetroffen zu haben.

Vier Wochen war ich bei ihnen. Es war gut. Ich habe ihr reines, natürliches Leben kennengelernt. Die freie Kleidung und die langen Haare meines Karls haben mich am meisten befremdet.“ (Grossika 45f. )

Seine Brüder Ernst und Gusto waren also zeitweilig zu Besuch. Es muss recht eng zugegangen sein in dem kleinen Häuschen. Andere Besucher kamen. So die Schauspielerin und Puppenmacherin Käthe Kruse, der anarchistische Schriftsteller Erich Mühsam, der theosophische Journalist Edmund Dennert, der Schriftsteller und Sozialreformer Frederik van Eeden aus Holland, der italienische Schriftsteller Angelo Nessi, um nur einige der bekannteren zu nennen. An Ostern 1905 besuchte ihn sein ehemaliger Vorgesetzter beim Militär, der Ex-Erzherzog Leopold von Toskana mit seiner Frau. Karl war eine gesuchte Persönlichkeit, eine Sehenswürdigkeit schon seines Äußeren und seiner Lebensweise wegen.


Wilma Adamovic, die Frau von Wölfling (Mitte), besucht die Gräsers
(links) auf dem Monte Verità. Um 1905. (Pressezeichnung)

Das geht auch aus den Schriften der Chronisten hervor. In allen Berichten der frühen Jahre über den Monte Verità, ob bei Grohmann, Mühsam, Dennert, Freimark, Nessi oder Kruse nimmt Karl einen gewichtigen Raum ein, bei Mühsam und Wölfling steht er im Mittelpunkt, ähnlich auch bei Grohmann. Für Dennert ist Karl „der interessanteste Anachoret von Askona“ (Dennert 125), für Mühsam die „interessanteste, tiefste und bedeutendste Persönlichkeit unter allen Colonisten“ (Askona 29). „Er ist der Theoretiker, Dogmatiker und Philosoph in der Gruppe der Externen“ schreibt Grohmann (33).

Im März 1905 besuchte ihn der theologische Schriftsteller Eberhard Dennert. Er erzählt:

Nach dem Essen stiegen wir zum Monte Verità hinauf. Der Weg geht zwischen Mauern und dann zwischen Weinbergen empor. Er bietet schöne Blicke auf See und sonnenbeglänztes Berggelände. Mit großer Spannung warten wir dessen, was wir nun erleben solle; denn unser nächster Besuch gilt einem der interessantesten Anachoreten von Askona.

Es ist ein Schwager von Herrn N.N.1, ein früherer österreichischer Offizier, der als Tolstoianer desertierte, weil er den Militärdienst für verwerflich hielt2. Hier in den Bergen des Tessin hat er sich niedergelassen. Auf seine jetzige Frau3 hat er einen derartig faszinierenden suggestiven Einfluß ausgeübt, dass sie ihm in die Einöde folgte und nun mit ihm als sein Weib, ohne Trauung, ohne Standesamt lebt. Wir sahen ein früheres Bild von ihr: ein anziehendes junges Mädchen in elegantester Toilette. Sie hatte in den ersten Gesellschaftskreisen gelebt und dieselben durch ihre herrliche Stimme begeistert – und jetzt?

Das Besitztum des Herrn G. [Gräser] lag vor uns. Am Eingang steht ein altes Mauerwerk, das mit Holzbrettern weit überdacht ist. Etwas weiter abwärts befindet sich eine zweite Hütte. Herr N. N. ging wieder vor, um einer zu mangelhaften Bekleidung der Bewohner vorzubeugen, denn die Einsiedler bringen es fertig, sich den Besuchern im Adamskostüm vorzustellen. Sie behaupten eben, die Schamhaftigkeit gehöre nicht zum Wesen des Menschen, und er müsse sie daher ablegen, zeigt doch die Natur im Tiere auch keine Schamhaftigkeit.














Jenny Hofmann-Gräser um 1912


Wir gingen zur Hütte hinab, aus ihr trat Frau G. heraus, sie sah wie eine Arbeiterfrau aus, das Haar hing ihr in Strähnen um den Kopf, sie trug eine blaue Arbeiterschürze.“

Unten erschien der Herr der Ansiedlung. Zum Glück war er bekleidet. Auf dem Rücken trug er einen kleinen Jungen. Sein Aussehen erinnerte etwa an Robinson, wenn er auch kein Fell trug, sondern eine schäbige gestrickte Wolljacke. Wir gingen zur Hütte hinab, aus ihr trat Frau G. heraus, sie sah wie eine Arbeiterfrau aus, das Haar hing ihr in Strähnen um den Kopf, sie trug eine blaue Arbeiterschürze. Der Mann trug Sandalen, die er selbst gemacht hatte: einige Lederstücke waren grob zusammengenäht, so daß ihn meine Frau mitleidig fragte, ob ihn die dicken Nähte nicht drückten. Langes, lockiges Haar fiel auf die Schultern herab, ein Streifen von geflochtenem Bast war um die Stirne gelegt, das volle und gesundrotwangige Gesicht war von einem kurzen Bart umrahmt. Wir wurden vorgestellt und die Bewohner der Hütten reichten uns ihre rauen schwieligen Hände, die einst wohlgepflegt und zart, die Kennzeichen höheren Standes gewesen waren.

In dem Gesicht des Mannes lag Misstrauen und Zurückhaltung, als wollte er von uns, die wir von der Welt herkamen, in seiner Einsamkeit nichts wissen. Herr N. N. erzählte uns, dass er jeden Besucher ansehe als einen, den entweder bloße Neugier herbei führte, oder das Bedürfnis, von ihm etwas zu hören und zu gewinnen. Jedem Besucher etwas mitzugeben, das sei sein Bestreben, und dazu fühlte er in sich die Mission; das konnte man auch aus seiner Frage heraus hören: „Was führt Sie hierher, was ist Ihr Wunsch?“ … (126f.)










Karl Gräser

Sein Aussehen erinnerte etwa an Robinson, wenn er auch kein Fell trug, sondern eine schäbige gestrickte Wolljacke. Der Mann trug Sandalen, die er selbst gemacht hatte: einige Lederstücke waren grob zusammengenäht, so daß ihn meine Frau mitleidig fragte, ob ihn die dicken Nähte nicht drückten.“

Man muß dem Mann lassen, dass er interessant ist, sein ganzes Gepräge zwingt dazu. In seiner Art zu sprechen liegt eine unbezwingliche philosophische Ruhe, die sich offenbar durch nichts aus der Fassung bringen lässt, ja man kann nicht anders sagen, als dass eine gewisse Abklärung der Einsamkeit über dieser Persönlichkeit liegt, obwohl sie nicht gerade sympathisch wirkt. … (127)

Er glaubt an dem Busen der Natur zu liegen und sie mit scharfem Auge zu beobachten, um daraus dann die Prinzipien abzuleiten, nach denen er selbst leben muß, um seines Daseins Zweck und Ziel zu erreichen. … (128)

Im Grunde hat er sicher keinen Gottesglauben; denn in seinen Reden spielte andauernd die gute Mutter „Natur“ eine Rolle. Sie muß ja immer als Surrogat herhalten, wenn Gott abgesetzt ist. …

Sie stehen nämlich auf dem Standpunkt, dass es unrecht sei, fremde Arbeit für sich in Anspruch zu nehmen. … Im ganzen scheinen sie allerdings an dem Prinzip der Selbsthilfe festzuhalten. … An Stelle eines verlorenen Knopfes an ihrer Taille saß ein – Dattelkern, der durch den Gebrauch schon ganz glatt und blank geworden war. Sie hatte in denselben zwei Löcher gebohrt und ihn dann als Knopf angenäht: ganz gewiß eine Findigkeit, die eines Robinson würdig ist. … (129)

Vor dem Hause lag ein hübsch behauener Stößer, mit dem sie offenbar Getreidekörner usw. zerschroten. An dem anderen Hause sah man eine große, nicht ganz fertige Tür … Statt des Geldes benutzen sie Waren zum Eintausch: wenn sie irgend etwas nötig haben, so steigen sie mit den Erzeugnissen ihres Landes zu Tal und suchen es für diese einzutauschen. … Nur mit der Natur leben, ihr ablauschen, wie sie es mache, das sei das Richtige, nur dann könne man gesunden. … (130)

Es sei ganz falsch, wenn der Mensch sich um die Zukunft sorge und für sie arbeite. Das tue die Natur auch nicht … (131)

Ich wies ihn darauf hin, dass er selbst nicht ganz der modernen Kultur entfliehen könne, denn durch sein Grundstück hindurch zog sich von Stange zu Stange ein Kabeldraht, der den für elektrisches Licht bestimmten Strom leitete, diese modernste Errungenschaft des modernen Kulturlebens. Ich hätte ihm noch eine ganz andere Tatsache entgegenhalten können, die ich erst nachher erfuhr: in einem Raum der Familie stand ein schöner Flügel, den die hochmusikalische Frau in die Einöde hinüber gerettet hatte. … (133)

Er sagt, die Menschheit habe zunächst in einer Zeit des Fleischessens gelebt. Diese Zeit neige sich nun ihrem Ende zu, und es beginne nun die zweite große Epoche, die Zeit des Pflanzengenusses, der einzig natürlichen Ernährung. … (134)

Er hat nämlich einmal seinem Schwager gegenüber geäußert: Er habe den 3000 (!) Menschen, die ihn wohl schon besucht hätten, stets irgend etwas mitgegeben. Stolz lieb ich mir den Spanier! … (135)

Ob das Kind den Großen es wohl einmal danken wird, dass sie ihm in dieser Weise das Leben vorenthalten haben? Frau G. hat eine Fehlgeburt durchgemacht und war in allergrößter Gefahr. Da haben ihre Verwandten einen Arzt hinaufgesandt, der zur rechten Zeit kam, sie zu retten. Und was tat da der Gatte, der selbst den Arzt nicht gerufen hatte? Er stand kopfschüttelnd daneben und sagte dann: ‚Was du da tust ist Unrecht. Es ist ganz natürlich und gesetzmäßig, wenn meine Frau jetzt untergehen muß. Wir haben gar nicht das Recht, hier einzugreifen. Wenn sie sterben soll, dann hilft das nichts, dann stirbt sie auch mit deiner Hilfe. Soll sie leben bleiben, so tut sie es auch ohne dich. Ich glaube nicht, dass ich dir ein anderes Mal diese unnatürlichen Eingriffe gestatten würde!’

Armer, verblendeter Tor! … (136)

Drei Jahre sind in das Land gegangen, seitdem ich die Anachoreten von Askona besuchte. Nun flog eine traurige Kunde zu mir hinüber. Zur „Lotte“ hat Nietzsche den Weg gefunden und hat den armen, schon beängstigend krankhaften Geist vollends verwirrt. Ihr Vater hatte die Unglückliche heimgeholt. Allein, als es mit ihr besser wurde, trieb es sie nach Askona zurück, und dort endete sie mit Morphium. Auch Frau G. weilte eine Zeitlang umnachtet in einer Heilanstalt. Einen anderen Anachoreten rettete Herr N. N. aus dem See, in den er sich gestürzt hatte, und wieder ein anderer fand in ihm den gesuchten Tod. Das ist der Schluß! Dahin führt dieses Naturleben.“ (139)

Soweit der Bericht von Dr. D. Eberhard Dennert (1861-1942), seines Zeichens Professor der Theologie und Verfasser antidarwinistischer Schriften. Für den Vertreter der Schöpfungstheologie war der naturfromme Karl Gräser selbst-verständlich ein arg verirrter Leugner der rechten Lehre. Karl hatte an die Stelle Gottes die Mutter Natur gesetzt. Unter diesem Vorzeichen kann man seine „Ruhinne“ als Tempel der neuen Göttin sehen und ihn als ihren Apostel.


Stuhl und Bett von Karl Gräser in der (später so genannten)
Casa Francesco

Karls Hütte

Das Besitztum des Herrn G. lag vor uns. Am Eingang steht ein altes Mauerwerk, das mit Holzbrettern weit überdacht ist. Etwas weiter abwärts befindet sich eine zweite Hütte. (126)… Vor dem Hause lag ein sehr hübsch behauener Stößer, mit dem sie offenbar Getreidekörner usw. zerschroten. An dem anderen Hause sah man eine große, nicht ganz fertige Tür. (130)


Tür an Karl Gräsers ehemaligem Haus, einst „Ruhinne“,
jetzt Casa Bambu, bis heute erhalten.


Die erste Behausung von Karl Gräser und Jenny Hofmann: eine ehemalige Weinberghausruine. Zu erkennen ist das freitragende Dach über dem Schlafraum; im unteren Stockwerk befand sich die Werkstatt. Zwei Journalisten haben im Abstand von eineinhalb Jahren das Anwesen besichtigt und beschrieben: im Oktober 1903 und im März 1905.

Wir sahen uns noch das Schlaf- - ja was denn? – Gemach kann man doch nicht gut sagen, also den Schlafraum an. Er bestand in dem oberen Teil der Steinhausruine, der ein großes Dach und zwei Seitenmauern hatte, nach vorn jedoch ganz offen war. Gewiß recht luftig und frisch! Hier lagen 3 Strohmatratzen auf dem Boden. Bettstellen waren nicht vorhanden, die Decken hingen an Seilen zum Lüften. Jede Bequemlichkeit fehlte. (135)

(Eberhard Dennert: Die Anachoreten von Askona)

Es sind Deutsche, die Frau ist Holländerin [?]. Sie zeigen mir eine Ruine in der Nähe, unter den Bäumen; es ist ihre Wohnung, ihr Kapitol. Ich besichtige es. Es hat zwei Stockwerke. Ich gelange ohne Schwierigkeit in den oberen Stock; die Tür... es gibt keine: die ganze Wand fehlt; es fehlt auch die zweite, es fehlt fast die ganze dritte: nichts ist ganz und stabil außer dem Dach und der vierten Wand.

In diesem Raum von vier auf fünf Metern besteht der einzige Luxus in einem Boden aus Holz. In einer Ecke liegen die Strohsäcke; die Decken und, wie mir scheint, auch ein Fetzen Leintuch sind draußen an der Sonne. Anderes habe ich nicht gesehen.

Ich schlitterte einige Meter den Abhang hinunter und gelangte auf die untere Ebene. Hier ist die Werkstatt, rundum sorgfältig verschlossen. Hier stehen eine Werkbank, ein Amboß, ein Schleifstein und ähnliche Geräte. Ich habe keine Spur einer gemachten Arbeit gesehen, und die Frage beschäftigt mich, ob es sich bei dieser Werkstatt um ein Ausstellungsstück handle, dazu errichtet, daß man die naturistischen Besitzer nicht für Faulenzer halte, oder um eine reale Sache. Ich weiß es nicht und will das Rätsel auch nicht lösen. Ich weiß nur, daß im ganzen dieses... (wie es nennen? Haus, Wohnung, Höhle?) mir wie ein Unterschlupf von Höhlenbewohnern erscheint, ein sehr gemäßigter allerdings, dem die Rauheit und Wildheit abgeht, die wir den alten und echten Wohnhöhlen zuzuschreiben geneigt sind.

(Corriere della Sera, Oktober 1903)

Karls Stuhl


Der  handgemachte Stuhl von Karl Gräser ist zu sehen im Museum Casa Anatta auf dem Monte Verità. Er wurde in Ausstellungen in ganz Europa gezeigt, zuletzt in Barcelona, Darmstadt und Zürich, und wurde so zu einer Ikone, die von dem ebenso harten wie naturromantischen Lebensstil der Gräserbrüder zeugt. Es handelt sich jedoch nicht um jenes Stück, das auf dem Foto von Karls Schlafzimmer zu sehen ist. Vielmehr um ein Exemplar, das sich im Maggiatal erhalten hatte. Die Machart ist jedoch ganz die gräserische, sodass anzunehmen ist, dass Karl dieses Erzeugnis seiner Hände mehrfach angefertigt und verkauft oder verschenkt hat.

In seiner Einfachheit und Schönheit ist hier ein Gebrauchs-ding zu einem Kunstwerk geworden, das weniger auf den schaffenden Künstler / Handwerker / Menschen als auf die ursprünglich schaffende Natur verweist.

Abbildung: Schweizerisches Landesmuseum Zürich



Karls Erfindungen

1914 kam der der seit langem mit Gusto befreundete Hans Brandenburg auf den Berg. Brandenburg, ein in Schwabing lebender Lyriker, Romancier und Tanzkritiker, arbeitete mit Rudolf von Laban zusammen, förderte ihn und Mary Wigman und andere Vertreter des neu entstehenden Ausdruckstanzes mit seinen Schriften. Während er in der Casa Anatta wohnte, versorgte er sich mit Bettwäsche von Karl.

Hans hatte … Bettwäsche … von seinem nächsten Nachbarn freundlich geliehen bekommen. Das war ein Naturmensch, dessen Haarlänge diejenige der anderen noch beträchtlich übertraf und der alle Kultur noch ingrimmiger verachtete; er hatte seine Hütte selber gebaut und auch alle Möbel darin, deren Beine und Lehnen aus gewundenen Ästen und Zweigen bestanden. Ein Bücherbrett, das er merkwürdigerweise doch nicht entbehren mochte, war eine halbe Baumkrone, deren Gabelung ein vielbändiges Lexikon hielt, welches freilich die ganze Bibliothek bildete. Immerhin tadelte Hans vor dem Siedler diesen Verstoß gegen dessen Grundsätze, ebenso einen weiteren, nämlich einen Automaten, den der Mann am Weg vor seinem Hause mitten in der Wildnis aufgestellt hatte und der, gegen Einwurf eines Geldstückes, eine von jenem erfundene und bereitete ungenießbare Hartmarmelade hergab. Aber auf dem rauhen selbstgesponnnenen Linnen seines Nachbarn schlief Hans vortrefflich, und die Knöpfe der Kissenbezüge, Dattelkerne, die mit einer glühenden Nadel durchbohrt worden waren, fand er reizend.“

(Hans Brandenburg: Das Zimmer der Jugend. Roman. Stuttgart Düsseldorf 1920, S. 316)

Karl hatte einen verbesserten Bienenkasten konstruiert und patentieren lassen. Schon 1909 wurde sein „Reformstock“ prämiert und 1911 mit einer silbernen Medaille der Landwirtschaftlichen Ausstellung in Konstanz ausgezeichnet. Weitere Auszeichnungen gab es 1910 in Lausanne und 1913 in Locarno, Lugano und Comotau (Böhmen). 1914 wurde ein illustrierter Prospekt seiner Bienenkastenfabrik in Ascona gedruckt. Kurz darauf war das Manuskript für ein Buch über Bienenzucht fertiggestellt:

Die vereinfachte, großzügige Bienenzucht in der Bienenlade.

Für Anfänger, Leute aus Stadt und Land, die ohne große Vorkenntnisse nutzbringende Bienenzucht betreiben wollen. Vor allem für Kriegsbeschädigte.

Von Karl Graeser.

Verlag: Heinrich Thic, Wolfenbüttel.

Der Ausbruch des Krieges mit seinen Folgen muss das Erscheinen des Buches verhindert und auch die eben aufgebaute Bienenkastenfabrik Karls in den Ruin getrieben haben. Nachdem schon seine Frau mehrere Fehlgeburten gehabt und dem Wahnsinn verfallen war, brachen diese schweren Rückschläge – das Haus war nunmehr mit einer Hypothek von 40.000 Franken belastet – die seelische Kraft des immer schon zur Schwermut neigenden Karl. Er versank in tiefe Depression und musste in einer Nervenheilanstalt untergebracht werden.


Karls Bienenkastenfabrik

Karl Gräser hat sich in Ascona schon früh mit Bienenzucht beschäftigt. Er konstruierte einen verbesserten „Reform-Bienenkasten“, der mehrfach prämiert wurde, und schrieb ein Buch über Bienenzucht. Als der Krieg ausbrach, hatte er eben eine kleine Bienenkastenfabrik aufgebaut. Dieses Unternehmen ist vermutlich durch die Umstände des Krieges (Exportstopp) gescheitert, und an diesem Scheitern seiner Hoffnungen scheint Karl auch seelisch zerbrochen zu sein. Das Bild zeigt ihn links am Reformkasten stehend, mit Pelzmütze. Aus seinem Prospekt:


Das Scheitern seiner Firma war nur eine der vielen Niederlagen, die Karl Gräser einstecken musste. Nach mehreren Fehlgeburten seiner Frau war ihre Ehe kinderlos geblieben, Jenny war wahnsinnig geworden. Sie endete ihr Leben in einer Wiener Nervenheilanstalt. Auch Karl, immer schon zu Schwermut neigend, wurde gemütskrank und kam ebenfalls in eine Irrenanstalt. Die großen Hoffnungen, mit denen er sein Werk in Ascona begonnen hatte, haben sich nicht erfüllt. Im Schatten seines Bruders stehend blieb er am Ende der Verlierer.

Karl soll in seinen letzten Jahren von seiner Schwägerin Lilly Hofmann-Brepohl in der Nähe von Kassel gepflegt worden sein. Er starb dort 1919 oder 1920.


Fotoübermalung von Till Gerhard


Fussnoten:

1 Karl von Schmidtz, geb. 1879 in Essen, der sich nach seiner Adoption Friedrich Wilhelm Brepohl nannte. Er hatte Lilly Hofmann geheiratet, die Schwester von Ida und Jenny, und wurde dadurch zum Schwager von Karl.

2 Von Desertion kann nicht die Rede sein, er quittierte den Dienst in der Armee.

3 Jenny Hofmann-Gräser.

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Besuch bei  dem „Erdenbürger von Ascona“ Ein Bericht aus dem Jahr 1907 von Theodor Stern

Das von Karl und Gusto Gräser erbaute Haus um 1907

Ueber die Vegetarierniederlassungen in Askona wurde in letzter Zeit wieder viel Lärm geschlagen in den Zeitungen. Es erschienen Spottartikel, in denen die Naturmenschen in Grund und Boden verdammt und lächerlich gemacht waren, in italienischen Blättern soll namentlich gegen das Sanatorium wütend gehetzt werden. Dann wieder folgten andere Stimmen, die die Leute und ihr Treiben in Schutz nahmen und über den Monte Verità viel Lobenswertes berichteten. Aus all dem scheint mir mit Sicherheit hervorzugehen, daß die Welt an den Versuchen einer Lebens-Reform, wie sie in Askona gemacht werden, regen Anteil nimmt, wenn auch fast wider Willen oder ohne es sich einzugestehen, ja dieselben mit Spannung verfolgt, weil sie im Grunde mit sich selbst sehr unzufrieden und von einer tiefen Sehnsucht nach bessern Zuständen erfüllt ist. …

Am bekanntesten ist die Naturmenschenfamilie Gräser, die wenig unterhalb des Sanatoriums wohnen und die ich vor drei Jahren [1905] auch schon besucht hatte. Ich muß gestehen, daß mir damals die Geschichte ziemlich verrückt vorkam und ich nicht recht begreifen konnte, daß Leopold Wölfling, ein früherer Waffenkamerad des ehemaligen österreichischen Offiziers Karl Gräser, diesem Leben und Treiben Geschmack abgewinnen konnte. Er war damals mit seiner inzwischen geschiedenen Frau gerade auf Besuch bei Gräsers. Auch was ich seither gehört, war nicht dazu angetan, mich mit großem Vertrauen zu erfüllen.

Bei meinem diesmaligen Besuch aber bekam ich einen ganz anderen Eindruck. Schon von weitem war ich überrascht, als ich die im italienischen Charakter ausgebauten und zum Teil mit Blech, zum Teil mit Steindach versehenen Häuser durch das Laub schimmern sah. Vor 3 Jahren hatten die Leute nämlich noch in Ruinen gewohnt. Solche Ruinen finden sich hier in ziemlicher Anzahl zerstreut im Walde – Askona soll im Mittelalter auf dem Berg gestanden haben – und manche Vegetarier richteten sich darin häuslich ein, denen die Mittel oder der Sinn für größeren Comfort abgehen. Karl Gräser fand ich eifrig damit beschäftigt, in dem einen Hause, worin sich unten die Werkstatt mit Hobelbank etc. und oben die Ausstellung des jüngsten Bruders Ernst, des Malers, befindet, einen Cementboden zu legen. Er erzählte mir, daß er das Wohnhaus mit Hülfe von Arbeitern selbst ausgebaut habe nach eigenem Geschmack. Die Holzarbeiten hatte er zum Teil ganz allein gemacht, so die sehr originell aus Baumstämmen und Aesten hergestellten Möbel. Für die Lehne der außen zum ersten Stock heraufführenden Treppe und das Balkongeländer war ein ganzer Baum benutzt worden, was eine sehr malerische Wirkung hervorbrachte. Das Ganze hat nun etwas durchaus Wohnliches und fügt sich harmonisch der Landschaft ein. Auch die Obstanlagen des Grundstückes scheinen gut gepflegt, es finden sich Pfirsiche, Feigen, Mandeln, Erdbeeren, Aepfel, Birnen etc. und alles ist nach eigenen Erfahrungen und sorgfältigen Ueberlegungen eingerichtet.

Das Gräserhaus um 2005

Da keine Tiere gehalten werden, die Mist liefern, wird alles Gras zu Compost gemacht, was bekanntlich einen vorzüglichen Dung abgibt, der alle notwendigen Stoffe in richtiger Mischung enthält. Auch eine ziemlich ausgedehnte Bienenzucht wird betrieben. Kurz, so einfach und primitiv alles ist, so ist es eben doch selber errungen, mühsam und allmählich sich und den Verhältnissen abgerungen, und hat darum einen besonderen Wert. Man ist selber etwas dabei geworden und dies gilt hier als der einzige Zweck, alles andere ist dazu nur Mittel. Gräser macht nichts gedankenlos nach, sondern grübelt an allem herum, studiert und probiert fortwährend. Dadurch, daß er überhaupt alles selbst herzustellen sucht, lernt er die Dinge von Grund aus kennen und findet oft neue Wege und Formen. Seine Sandalen z. B. sind sehr praktisch und bequem, dazu schön, und endlich sehr dauerhaft. Im Sandalenmachen besitzt er, nebenbei gesagt, schon große Fertigkeit und verfertigt ein Paar in erstaunlich kurzer Zeit. Auch seine Tracht, die er beim Ausgehen anlegt, ist neu, einfach und durchaus schön. Sein Sinn ist nicht blos auf das Praktische gerichtet, sondern auch auf das Künstlerische, das ist seine Besonderheit und übrigens Familien-Erbteil, das allen drei Brüdern eigen. Gräser ist der Meinung, daß das immerwährende Kaufen und Andere machen lassen uns vom Leben, von der Wirklichkeit loslöst und innerer Armut und schließlich dem Ruin zutreibt. Man wird und wächst nicht dabei, Hand und Auge und Verstand werden nicht geübt und verkümmern. Man pflegt nur Theorie statt Praxis: liest und schreibt, aber tut nicht, und darum lernt man nicht, und lebt eigentlich nicht. Man will nur genießen und geht zu Grunde an seiner Faulheit, es fehlt die gesunderhaltende, kräftigende Arbeit.

Luftbild des Monte Verità von 1929. Im unteren rechten Viertel das Grundstück und die beiden Häuser von Karl. Der weiße rhombische Fleck in der unteren Bildmitte lässt erkennen, dass Karls erstes Haus, die ehemalige Weinbergruine, zu dieser Zeit noch immer mit Blech gedeckt war. Im ansteigenden Garten ist der gewundene Weg zu sehen, der aufwärts zum Park des Sanatoriums führt.

Bild mit Dank von ymago.net

Es ist nicht zu leugnen, daß Gräser im Grunde Recht hat. Dem Menschen sollte viel weniger in die Hand gegeben, er vielmehr in der Jugend zum Selbermachen angeleitet werden um seiner selbst willen. Letzteres sollte die Hauptaufgabe der ganzen Erziehung sein. Später wählt er sich dann einen Zweig aus und macht seinen Beruf daraus. So würde der unseligen Zersplitterung von heute gesteuert und ein gewisser Zusammenhang gewahrt, der für die moralische Gesundheit unerläßlich. So kämen auch alle Fähigkeiten zur Entfaltung und die Menschheit in kurzer Zeit unendlich weiter. Mit den Grundarbeiten des Menschen würde jeder vertraut und würde sie auch sein Lebenlang beibehalten, denn ein normaler Mensch ohne Gartenbau ist undenkbar, Jedermann muß Spaten und Axt und Säge zu handhaben wissen. Das Wandern ist schön und der Gesundheit sehr zuträglich, doch nur dann, wenn der Mensch ein Heim hat, das er pflegt und baut. Und neben der Arbeit tritt dann auch das Spiel in seine Rechte.

Gräser selbst sind diese Gedanken erst nach und nach recht klar geworden. Früher wußte er nicht deutlich, was er wollte, sondern folgte mehr einem dunkeln Drange. Seine Rede war verworrener und er tat auch manchen Mißgriff, wie er jetzt einsieht. Seitdem ihm die freundlich-verständige Mutter das Hauswesen führt, geht es ihm auch äußerlich besser. Zudem hilft ihre Pension noch etwas nach, da die Pflanzung noch zu jung, um die Brüder ganz zu ernähren.

Der jüngste Bruder scheint recht begabt zu sein und manch ansprechendes Bild hängt in der interessanten Ausstellung, die auch Sachen des mittleren Bruders Gustav (Hinweis: Brief von Karl an Gustav <Gusto> ca. 1907) enthält, der früher ebenfalls malte. Leider dunkelte es schon, als ich die Ausstellung betrat und die Besichtigung wurde dadurch beeinträchtigt.

Aus Theodor Stern: Eine Schweizerreise im Naturkostüm. In: Gesundheit, 7. August 1909
Mit Dank an den Finder Edi Goetschel

Karl (links) und Ernst Gräser in jungen Jahren


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