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Demian |
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Während des Ersten Weltkriegs erlebt Hesse „die brennendste Epoche seines Lebens“, eine Wandlung von Grund auf. Nach einem seelischen Zusammenbruch kehrt er reumütig zu seinem Freund und Meister zurück. Jede freie Zeit verbringt er in seiner alten „Zuflucht“ im Tessin, seiner „thebaischen Wüste“, seinem „heiligen Land“, in Gemeinschaft mit Gusto Gräser und dessen Frau Elisabeth. Der einstige Kriegsfreiwillige wird zum entschiedenen Kriegsgegner. In einem Roman gestaltet er seine neuen Erkenntnisse. Gusto Gräser, sein „Freund und Führer“, wird ihm zu „Demian“, Frau Elisabeth zum Symbol der Urmutter Eva. |
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Heimkehr zum Freund Am 5. September 1916 kehrt Gräser aus Siebenbürgen auf den Monte Verità zurück. Zwei Tage später trifft er sich im Hause Neugeboren in Locarno-Monti mit Hermann Hesse. Nach neunjähriger Flucht und Entfremdung findet Hesse zurück zu seinem „Freund und Führer“. Der zweite Teil des ‚Demian’ erzählt die Geschichte seines Lebens zwischen 1915 und 1917. Hesse-Sinclair lernt erst Beatrice kennen – Hilde Neugeboren, die Tochter einer Gräserfreundin - , dann Pistorius – seinen Analytiker Josef Bernhard Lang - , schließlich findet er seinen alten Freund Max Demian wieder – Gusto Gräser – und verliebt sich in dessen „Mutter“, Frau Eva, die in Wirklichkeit Gräsers Gefährtin ist – Frau Elisabeth. Seit September 1916 verbringt er jeden Urlaub in Locarno, von wo aus er den Freund jederzeit erreichen kann. Unter dessen Einfluss wandelt sich der ehemalige Kriegsfreiwillige zu einem Apostel des Friedens und der Gewaltlosigkeit. Er macht sich die Anschauungen Gräsers zu eigen, die er in den Reden Demians sinngemäß wiedergibt. Er erlebt in Gräser die Verkörperung des Selbst, in Frau Elisabeth die der Großen Mutter. Er fühlt sich aufgenommen in einen Bund von Zukünftigen, die das werdende Neue ahnen und für es bereit sein wollen. Das Gräserhaus auf Monte Verità wird ihm eine Trauminsel der Erfüllung, Beispiel und Vorbild „einer anderen Möglichkeit zu leben“. |
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Wer war Demian? Niemand
hätte ich von meinen Träumen, meinen Erwartungen, meiner
inneren Umwandlung ein Wort sagen können, auch nicht, wenn ich
gewollt hätte. Aber wie hätte ich dies wollen können? Hermann Hesse:
"Demian"
An den Geheimnissen, zu welchen die Kritik nicht vordringt, bleibt dem Dichter nach wie vor sein stilles Recht, sein kleines, behütetes Geheimnis. Hermann Hesse: "Demian“ Er
konnte nicht davon sprechen, damals nicht und in seinem ganzen Leben
nicht.
Hermann Hesse: "Glasperlenspiel"
Urbild von Hesses Demian ist jener „Freund und Führer“, zu dem er in der Not der Kriegsjahre zurückgefunden hatte. In der ersten Hälfte seines Romans verarbeitet er Erlebnisse seiner Kindheit und Jugend, in der zweiten Hälfte seine Begegnung mit Gusto Gräser von 1916/17. Beide Erfahrungen ließen sich in der Traumgestalt des Demian deshalb leicht verbinden, weil Hesse in Gusto Gräser sein eigenes alter ego, sein tieferes Ich wiedererkannte. Er selbst war ja in jungen Jahren ein Aufrührer gewesen, ein potenzieller Aussteiger, der ohne Hut und Mantel einfach loswanderte, ins Blaue hinein, ein "Anarchist", ein "Nihilist", ein Gefangener und "Verrückter", der den Gott der Christen zum Teufel jagen, der lieber sterben als gehorchen wollte. Nach diesen Ausbrüchen des Fünfzehn- und Sechzehnjährigen hatte er sich wieder unter das Joch der Konventionen und "Realitäten" gebeugt, war ein besonders braver, strebsamer und äußerlich angepasster Jungbürger geworden. Als ihm nun in Gusto Gräser einer entgegentrat, der all das, wovon er einst geträumt hatte, wonach er einst gedrängt hatte, in voller Konsequenz verwirklichte, da musste er gebannt und überwältigt sein von dieser Manifestation seines geheimen, seit Jahren unterdrückten alter ego. Nur so ist zu erklären, dass der junge Ehemann und frischgebackene Vater, während der Bau seines ersten Hauses in vollem Gange ist, unverzüglich aufbricht, um dem durchwandernden Gusto Gräser in dessen Felshöhle in den Südalpen zu folgen. Er hat diesen Nachfolgeversuch nicht durchhalten können, kehrt zu seiner Familie zurück, macht einen zweiten fast zehn Jahre dauernden Versuch der Anpassung an die gesellschaftlichen Normen. Vergebens. Auf Fluchtversuche bis nach Hinterindien, auf mehrere Therapien und Klinikaufenthalte folgt im März 1916 der seelische Zusammenbruch. Er kehrt zu seinem ehemaligen Freund und Meister, zu Gusto Gräser zurück. Es macht also Sinn, dass er seine Jugendgeschichte mit der Gegenwart von 1916/17 verknüpft. In Demian verschmilzt seine eigene geheime Grundfigur mit der seines Freundes. Es kommt hinzu, dass er, als er im September 1916 den Kriegsdienstverweigerer Gräser in Ascona besucht, auf dessen Lebensgefährtin Elisabeth Doerr trifft, eine Mutter von sieben Kindern, die das jüngste, eben drei Tage alt, im Arm und an der Brust hält. Sie erfüllt sowohl seine verdrängte Muttersehnsucht wie auch seine unbefriedigte Erotik, passt dazuhin hervorragend in das von Bachofen, C.G. Jung und auch Gräser selbst vorgezeichnete Urbild der "Großen Mutter". Kein Wunder, dass er den Eintritt in dieses Haus, so weltfern und unberührt von allen Scheußlichkeiten des Weltkriegs, wie einen Feiertag und eine Konfirmation erlebt, als jubelnde Bestätigung und Befestigung seines Innersten: seines Widerstands gegen den Krieg, gegen die Bürger- und Geschäftswelt, gegen die überkommene christlich-pietistische Tradition; als Befriedigung seiner Sehnsüchte nach Freiheit, nach Eigensein, nach warmer Mütterlichkeit, vor allem aber als Erfüllung seiner Hoffnung auf ein zukunftsfähiges Gegenbild zur zusammen-brechenden patriarchal-autoritären Herrschaftstradition. All dies konnte er in Gusto Gräser finden, zugleich aber in ihm auch die lebendige Verkörperung der ihm durch C. G. Jung nahegebrachten archetypischen Visionen, namentlich der zentralen des heldischen, christusförmigen Selbst. Hesse ist so begeistert, dass er nach seinem dreiwöchigen Aufenthalt bei Ascona sich auf Dauer in der Nähe der Gräsers niederlassen will. Er beauftragt seinen Freund Gustav Gamper, ihm in der Gegend von Locarno ein Häuschen zu besorgen. Dies geschieht, ein ideal passendes Objekt wird gefunden (vgl. 'Die Zuflucht'). Doch nun will Hesse nicht mehr. Denn inzwischen war Gräser in Zürich und Bern verhaftet worden, vor seiner Haustür sozusagen, und Hesse wird bewusst, in welche Gefahr er sich begibt. Immerhin schreibt er dann im Januar 1917 an den Maler Hans Sturzenegger, er sei bereit, den Bruch mit Heimat, Familie und Stellung zu vollziehen, bekennt sich auch erstmals zu den Kriegsdienstverweigerern. Er versucht sich aus dem Dienst bei der Botschaft zu lösen, wird auf unbegrenzte Zeit beurlaubt. Hesse steht vor dem Absprung, vor einer einschneidenden Entscheidung. Um Zeit für eine unbeeinflusste Selbstprüfung zu gewinnen, zieht er nicht nach Ascona sondern verbringt die Wintermonate in einer Hütte seines Freundes Emil Molt im Engadin. Das Ergebnis seines Nachdenkens: Er wird nicht Gräser nachfolgen, er wird einen Roman schreiben. Einen Roman über seine Gespräche mit diesem "Freund und Führer", ein enthusiastisches Bekenntnis zu ihm, aber doch so gefasst, dass weder er als Autor noch Gräser als die gemeinte Person zu erkennen sein wird. Er wird Demian zu einem Soldaten machen und damit dem Zeitgeist und dem Geschmack des Publikums entgegenkommen. Ein solcher Schritt war schon ein halber Verrat am Freund, dem er sein Dichtwerk ebensowenig als sein eigenes vorlegen konnte wie der übrigen Umwelt. Der Weg zu Trennung und Entfremdung war damit eingeschlagen. Aus dieser Seelenlage resultiert das Widersprüchliche des Romans und insbesondere der Gestalt des Demian. Das ist einer, der in seinen Reden den absoluten Widerstand gegen die herrschenden Ideen und Mächten verkörpert, der die volle Deckungsgleichheit von Tun und Denken fordert – und der dann doch den herrschenden Mächten sich zur Verfügung stellt. Es ist der Widerspruch in Hesse selbst, nicht der von Gusto Gräser. |
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Grundlegendes Thema des Romans ist die Suche nach dem Selbst. Dem suchenden Sinclair tritt sein tieferes Ich im Freund entgegen, in einem charismatisch-messianischen Menschen, in Demian. Der Freund ist Statthalter und Repräsentant seiner noch ungekannten Tiefe. Es ist ein Irrtum der Hesseforschung, dass Hesse die Idee des Selbst-Archetyps und seiner symbolischen Verkörperung im Freund von C. G. Jung übernommen habe. In Wirklichkeit hatte Jung diese Idee zu jener Zeit noch gar nicht entdeckt. "Es ist zu bedenken", schreibt einer seiner Biographen, "daß das Symbol des Selbst um 1916/17 von ihm (C. G. Jung) noch gar nicht in seiner vollen Bedeutung entdeckt worden war. Erst vom Jahr 1928 an wurde von ihm das Selbst als Bildausdruck einer totalen Persönlichkeit und als eine dem bewußten Ich übergeordnete Ganzheit geschildert." (Gerhard Wehr: C. G. Jung und Rudolf Steiner. Stuttgart 1972, S. 186) Dagegen hat Gräser das Konzept des Selbst, verkörpert im archetypischen FREUND, schon seit mindestens 1911 verkündet und, was mehr ist, in seiner Person darzustellen versucht. Gräser ist durch die Lande gezogen und hat sich allenthalben vorgestellt als der große FREUND, als Repräsentant und Statthalter unseres allgemeinsamen Selbst, nach dem wir alle auf der Suche sind. So in seinem Flugblatt von 1911/12: "Ein Freund ist da – mach auf! ... Mein ich den Himmel? Mein ich die Erde? – Dich Selber mein ich ... zu Dir Selber will ich Dich locken ... " (GG: Ein Freund ist da – mach auf! Berlin, um 1912. S. 3) Und, in erweiterter Fassung, in 'Winke zur Dornenrose': " "Ein Freund ist da – mach auf! Ein Freund?! ... - Du Selbst, der Du Dich aufmachst – Du Selbst, der Du wagst Dich offen freundlich zu geben statt feige höflich zu benehmen ... Ein Freund ist da, mitfühlend tapfer da, der Feind aber schweift feige spekulierend in trüben Fernen ...Also wohlauf! Was Ziel, was Zweck? Woher und Wohin? ... Ein Freund ist dem Dasein heiter ergeben, dem Dasein immerda. ... Wohlauf, sei da, sei Du, sei ein Freund!" (GG: Winke eines Wirklichkeitfrommen zur Dornenrose als zur Aufheitrung unsres Lebens.Typoskript, um 1930. S. 108) Gräsers Botschaft ist die Ethik der Selbstverwirklichung, der Selbstwerdung, der Freundwerdung – und Hesse hat sie vernommen und in seinem Werk weitergegeben. Die Jungsche Psychologie mag für Hesse hilfreich gewesen sein, diesen dichterisch und menschlich vorgegebenen Entwurf theoretisch zu untermauern. Gräser und Hesse gehen jedoch Jung in der Konzeption voraus. Ja sie haben möglicherweise diesem einen Anstoß gegeben. Der 'Demian' habe auf ihn gewirkt "wie ein Leuchtturm in der Nacht" schrieb Jung an Hesse. Es kann also kaum die Frage sein, wer hier wen "erleuchtet" hat. Es geht jedoch nicht um Prioritätseitelkeiten sondern um die tiefere Fassung einer neuen Ethik und eines neuen Menschenbildes, wie sie, im Unterschied zu allerlei Kompromiss-bildungen, in reiner Form von Gräser ausgesprochen und verkörpert worden ist. Der Siebenbürger, der sich auch "A. T. Räumer" nannte, ruft uns zu Selbstsein, Selbst-werden und Selbstbestimmung (1). Das Selbst ist gekennzeichnet durch Spontaneität, es wirkt und verwirklicht sich ohne Druck und Zwang, von selbst (2). In dem Es wirkt, der wird zum Freund (3). Er lebt im Bund mit allen Menschen und Wesen (4). In diesem Bund verwirklicht sich das "Ringruhreich" oder "Erdsternreich" (5). (1) Willkommen bei Dir Selbst! Wir im engern Kreis ... empfanden einzig das als Pflicht und Schicksal: daß jeder von uns ... ganz er selbst werde. (HH: Demian. GW V, 144) * Hast Du Heimweh, hör, nicht nach Dir Selber? ... * "Es stünd besser um die Menschheit, gäbe es mehr Jünger ihres eigensten Selbst." (GG in Gustav Nauman: Vom Lärm auf dunklen Gassen. Berlin 1907) * "SELBST" heilt die Welt! * "Vonselbst" lebst Du – "allein". * Ein Freund ist da – mach auf! ... Mein ich den Himmel? Mein ich die Erde? – Dich Selber mein ich, Du Mensch ... Zu Dir selber will ich Dich locken ... Lieber will ich Dir keine meiner Früchte, und noch viel weniger will ich Dir Lehren geben, die magst Du Dir Selber ziehen ... auf daß Du mir ja kein Anhänger werdest, vielleicht aber ein Freund! (GG: Ein Freund ist da – mach auf! Berlin, um 1912) * Wohlauf,
o Freund, im Eigentlichen freih, Selbst, dem
innig einfaltgroßen, * "Eine uns moderne Menschen zunächst fremd anmutendes Bild ... eine Täufer-Johannes-Gestalt, welche die Menschen zur 'Heimkehr zu sich selbst' aufmuntert. Man könnte sich auch an Zarathustra erinnert fühlen, wie ihn der Weise von Sils-Maria uns gezeichnet hat. Aber hier ist mehr als Zarathustra, sofern die Tat mehr ist als das Wort. (Alfred Daniel in: Stuttgarter Tagblatt, 1913) * Freund, komm heim ... heim zu dir Selber wagen! (GG: An Dich, mein Freund ... , Flugblatt, Ascona 1917) * Allselbst ist Heil. * Urselbst, das wartet dein. * (2) Das heilige Vonselber Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollte. Warum war das so sehr schwer? HH: Demian. GW V, 7 * Selbständig,
selbstherrlich, selbstbewusst – o weh! * Vonselber
lebt die Welt! * Vonselberwirklichkeit * Nur
innig beginnen! – Eins aus dem Andern, von selber kommt es, * Vonselbersein * ...
Eins aus dem Andern still bindentbindt, ohn Suchen findt * Drum
bescheidet in Einfalt der Weise sich – * Der BAUM des Lebens keimt und kommt ja doch nur von Selber! (Gusto Gräser an Hermann Hesse, 30. 12. 1918) * (3)
Zum Freund So entsteht eines der seltsamsten und tiefsten Bücher unserer Literatur: ein hohes Lied vom Freunde, der in die Mysterien einweiht und Züge der Vorsehung in seinem rätselhaften Gesichte trägt. Hugo Ball: Hermann Hesse * Sag
mal: * Der
Spott verklingt in ungeliebter Ferne, * Denke nimmer ans Entrinnen, aber an den Freund Alldrinnen! * Tritt
ein, tritt aus, * Zum
Heiland da Drinn! * (4)
Zum Bund der Lebendigen Das war nun meine Glückszeit gewesen, die erste Erfüllung meines Lebens und meine Aufnahme in den Bund. HH: Demian. GW V, 155 * Heran alle, die ihr – satt des höflich verlogenen Treibens – nach freundlich tapferem Leben sehnet und ringet – heran, die ihr hungrig nach menschenwürdig edler Geselligkeit, keiner noblen Herde, keinem behäbigen Haufen mehr dienen könnt – heran zu Unsrem freien Bund! (GG: Heimat, Berlin 1912) *
Den Menschen zu erringen,
ihr Redlichen, heran,
(GG:
Denkblätter zur Mahnung an den Freund. * Urbändig notwillig leben – so wächst lebendiger Bund. (GG: Wortfeuerzeug, Berlin 1931) * Durch
Bund nur wird lebendig unsre Welt. (GG: Dreibuch Leben, München, um 1946) * Zu
Erbauung des allnotwendigsten (GG: Plakat, München, um 1950) * (5) Zum Menschenreich! (Demian) predigt ein kommendes Reich und belehrt die Schar seiner Jünger durch Gleichnisse. ... Im Mittelpunkt seiner Lehre steht das Kommen eines neuen geistigen Reichs, für das sich die Menschen bereiten sollen. Theodor Ziolkowsky * Wenden
zum Reich, dem rauhtraut Redlichen, * Trachtest
Du noch nach Anderem als nach dem Reinreich, Du, * Das
Menschenreich! * Wo
ganz der Mann, blüht bald auch ganzes Weib, . . . Hah,
schon hebt sich Ringreichkron – fahr dahin, du Staatsfrostfron! * So
freuet Euch – hah, feuert Euch – * |
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Von Hilde zu Gusto Chronologie der biographischen Ereignisse in 'Demian'
Der Demian-Roman setzt sich, biographisch gesehen, aus zwei getrennten Teilen zusammen: 1. aus Hesses Kindheits- und Jugendzeit bis etwa 1893 (Kapitel 1 bis Mitte von Kapitel 4), 2.
aus seinen Erlebnissen der
letzten zweieinhalb Jahre vor Niederschrift des Romans
Ein Vergleich ergibt: Die Zeitangaben im Roman entsprechen genau den Zeitmaßen in Hesses Biographie. Der Dichter hat sich die Mühe erspart, eine andere Zeitstruktur zu erfinden. Wenn auch in die Gestaltung der Charaktere sicher ein Mehr von Phantasie und Stilisierung eingeflossen ist, so gilt doch im Kern auch für sie: Hesse schreibt seinen Roman als Autobiographie.
Die Personen Aus Hildegard Neugeboren (1891-1979), Tochter der Gräserfreundin Albine Neugeboren in Locarno-Monti, einer jungen, noch unverheirateten Frau von vierundzwanzig Jahren, Mitglied der abstinenten Wandervögel, Hesse-Verehrerin, die den Verehrten 1915 brieflich zu sich einlädt und ihm in den folgenden Jahren ihr Gartenhaus zur Verfügung stellt, wird die von Sinclair in scheuer Anbetung verehrte Beatrice. Aus dem Psychoanalytiker Josef Bernhard Lang wird der Orgelspieler Pistorius. Der ebenso symbolkundige Griechischlehrer Doktor Follen ist offenkundig angeregt durch das Vorbild Carl Gustav Jungs. Aus dem Maler, Musiker und Dichter Gustav Gamper (1873-1948), der 1916 als Soldat in Locarno stationiert ist, sich für die Theosophen des Monte Verità begeistert und Hesse im Malen unterrichtet, wird im Roman der spiritistisch-theosophisch interessierte Mitschüler Knauer. Der Philosoph Ernst Bloch, der 1917 im Haus von Hilde Neugeboren wohnte, erscheint im Roman als ein Kenner alter Sprachen, Symbole und Riten, der die Religionen als Zukunftsträume der Menschheit deutet. Aus dem chinesischen Akrobaten in Askona, mit dem zusammen Franziska von Reventlow auf Tournee gehen wollte, wird im Roman der kleine Chinese. Aus Gustav Arthur Gräser wird Max Demian, aus Frau Elisabeth Frau Eva, aus Hermann Hesse Emil Sinclair. Die Bewohner des Monte Verità werden unverhüllt vorgestellt als das, was sie sind: Pflanzenesser, Tolstoianer, Pfleger indischer Übungen, Anhänger neuer Sekten, Neobuddhisten, Kabbalisten. Hesse gibt jedoch keine naturalistischen Abbildungen, 'Demian' ist kein Schlüsselroman. Die lebensgeschichtlichen Anreger sind dichterisch umgeformt und im Falle von Gräser und dessen Frau im Sinne von Jungs Symbollehre archetypisch überhöht. Der zeitliche Ablauf Berücksichtigt
man, dass Hesse im 'Demian' den vorpatriarchalen
Mutter-Mythos
neu beleben will, ersetzt man "Mutter Eva" durch Frau
Elisabeth, die Ortsangabe H. (= Heidelberg) durch Ascona-Locarno,
wischt man einige andere Ver-kleidungsfetzen (studentisches Milieu,
Altersverschiebung, Zeitverschiebung usw.) beiseite, so zeichnet sich
im Demian-Roman – in Kapitel 7 und Anfang von 8 –
Hesses
Lebensgang von 1916/17 genau so ab, wie er uns aus den biografischen
Dokumenten bekannt ist. Zeittafel
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