| Zurück | |
|||||||||||
| Gusto
Gräser und Johannes Schlaf (1862 - 1941) |
||||||||||||
| 1909 |
Ein
Abend in Weimar Gusto Gräser bei Johannes Schlaf
In
Weimar wohnt im Jahre 1909 der bekannte Schriftsteller und
Kritiker Johannes Schlaf. Zu ihm kommt an einem lauen
Frühlingsabend im April ein ungewöhnlicher Besucher: Gusto
Gräser. Die Begegnung sollte für beide Poeten von
schicksalhafter Bedeutung werden.
Johannes Schlaf nahm
Gusto Gräser zum Vorbild für seinen „Georg
Klinghammer“. (Artikel in "Märkische Zeitung"
vom 16.5.1913)
Im Pferdewagen unterwegs (Gusto Gräser) Aus Johannes Schlaf: Das Fruchtmahl Johannes Schlaf (1862-1941), Dramatiker, Romancier, einflußreicher Kritiker, zugleich Verfasser natur- und religionsphilosophischer Schriften, war einer der Wortführer des Naturalismus in Deutschland gewesen, hatte sich jedoch zu Anfang des Jahrhunderts zum naturreligiösen Pantheisten gewandelt. Nach einer schweren gesundheitlichen Krise hatte er sich aus Berlin zeitweise aufs Land, in ein Dörflein zurückgezogen, schrieb nun Romane mystischen All- und Naturgefühls, entwickelte philosophisch eine Gegenposition zu Nietzsches Übermenschenlehre sowohl wie zum desillusionierenden Menschenbild der Naturalisten: Gesucht war die "religiöse Individualität", das "absolute Individuum", der naturfromme, mystische, allverbundene "neue Mensch". Diesen neuen Menschentyp fand er etwa in dem amerikanischen Dichter und Wanderer Walt Whitman verkörpert, dessen Dichtung ‚Grashalme’ er ins Deutsche übersetzte. Als nun der Wanderer und Dichter Gusto Gräser über seine Schwelle tritt, da glaubt er, nach anfänglichem Mißtrauen, den von ihm gesuchten und theoretisch geforderten "neuen Menschen" leibhaftig vor sich zu haben. Gräser fand in Schlaf einen Freund und Förderer, der sich in mehreren Zeitungsaufsätzen öffentlich für ihn einsetzte und sein dichterisch überhöhtes Bild in seine Erzählungen einbrachte. Die Allianz der beiden blieb freilich für beide Seiten gleichermaßen erfolg- und glücklos. Nicht nur konnte Schlaf seinem Schützling nicht zu der Anerkennung verhelfen, die er verdient hätte - er selbst verlor zunehmend, hauptsächlich seiner naturreligiösen Ideen wegen, an Ansehen und Einfluß und galt schließlich gegen Ende seines Lebens als schrulliger Sonderling. In seiner
ersten spontanen Äußerung über Gräser, die am 25.April
1909 in der 'Frankfurter Zeitung' erschien, gibt er
einen protokollartigen Bericht seiner Begegnung mit
Gräser. Er zeigt einen noch Suchenden und um Ausdruck
Ringenden, der jedoch sein Grundwort: die Kraft, die aus
der Notbejahung kommt, schon gefunden hat. Gräser ist
auf der Suche nach Freunden und Gleichgesinnten, mit
denen zusammen er auf eigenem Grund und Boden ein Leben
jenseits der Gegenwartskultur aufbauen will. Gerade dies
aber sollte ihm versagt bleiben: die Gemeinschaft der
Freunde auf freiem Grunde - zu unserem Glück. Denn so
konnte seine ganze Kraft einströmen in ein Werk, das uns
das von ihm erträumte "Menschenreich" auf eine
dauerhafter bleibende und in Menschenseelen vorwärts
treibende Weise präsentiert: im
dichterisch-prophetischen Wort. Aus der "Frankfurter
Zeitung" vom 25. April 1909 _____________________________________________ Gusto
Gräser Von
Johannes Schlaf
(Weimar) "Zu Fuß und
fröhlichen Herzens
schlage ich die freie Straße ein, Gesund, frei, vor mir die Welt." Walt Whitman Vor
kurzem. An einem dieser Frühlingsabende. Die Sonne
will untergehen. Das Fenster steht auf. Man blickt ab
und zu mal in den Hausgarten hinunter, wirft einen
Blick auf die Abendsonnenlichter und hört zu, wie die
Drosseln singen. - Und nun ist die Tagesarbeit getan.
Ich stehe von meinem Schreibtisch auf, stecke mir
meine Abendpfeife an und mache es mir zu einem
Dämmerstündchen in meinem Klubsessel bequem. Bin
eigentlich
nicht besonders guter Stimmung. Habe viel zu tun,
allerlei Schreibereien, die einem nicht gerade am
Herzen liegen und doch getan sein wollen. Es wäre mir
wahrhaftig lieber, wenn ich so bald als möglich meine
gewohnten Frühlingswanderungen durch unsere schöne
Weimarer Umgebung unternehmen könnte. Durch die
Felder, über Land, durch Tal und Wald und über Berg,
mir die Lungen so recht herzhaft voll freien Ozon zu
pumpen und von allem möglichen Zeilenkrempel und
Alltag mal so recht von Herzen mich frei zu fühlen! .
. . . Kommt
mit einem Mal meine Schwester herein, mit allen
Anzeichen einigen Entsetzens, und ruft: "Hu,
was
kommt denn da für einer zu Dir?! "Warum
denn
grade zu mir?! - Wo denn?!" "Der
sieht ja schon ganz wie'n Zigeunerhauptmann aus! Sieh
mal! Das ganze Gartengitter voll Jungens!" Ich
erhebe mich einigermaßen neugierig. Richtig, ein
ganzes Rudel Jungens hat sich mit Hand und Fuß an das
Gartengitter gekrallt und starrt, Maul und Nase offen,
hinter einer großen abenteuerlichen Gestalt her, die
barhäuptig,mit schnellen,
elastischen Schritten den Gartenweg auf das Haus zu
kommt. "Lassen
wir
denn
den 'rein? - Aber horch mal! Er kratzt sich unten an
der Tür die Füße ab." "Na,
wenn er sich die Füße abkratzt, dann können wir ihn
immerhin schon mal 'reinlassen", entschied ich. "Hu,
ich aber nicht!" Und mit lachendem Entsetzen ist sie
aus der Stube in ihr Zimmer, während draußen die
Klingel geht. Ich
gehe ins Entrée hinaus und öffne; und vor mir steht in
der Dämmerung des Treppenflurs eine hohe, schlanke,
stattliche Gestalt von tadellos freier und
ansprechender Haltung. Langes, kastanienbraunes Haar
fällt auf die Schultern herab, und ein
kastanienbrauner Bart umrahmt ein schön regelmäßiges
Gesicht von klarer Farbe, rotbäckig, mit einer leicht
gebogenen Nase und einem Paar prächtigen
freiblickenden Braunaugen unter ausnehmend schön
gezeichneten Brauen und einer reinen Stirn. Der
Oberkörper
dieser Gestalt trägt eine Art Chiton überworfen aus
einem gelblichbraunen groben Sackstoff, der nackte,
hager kräftige Arme mit schlanken nervigen Händen
sehen läßt. Die Beine stecken in enganliegenden Hosen
von dem gleichen Stoff, und die Füße tragen Sandalen,
die mit Riemen die Schienbeine herauf festgeschnürt
sind. Ein netzartiges Wanderbündel hängt über die
Schulter. Die
braunen Augen lachen mir entgegen, und eine
wohltönende Baßstimme mit deutlich österreichischem
Akzent fragt mich: "Komme
ich
recht zu Johannes Schlaf?" "Jawohl,
der
bin
ich! - Mit wem habe ich das Vergnügen?" Ich
wußte nicht recht, wie mir zumut sein sollte. Der
Eindruck war, trotz aller Abenteuerlichkeit, gewiß
recht angenehm, aber zugleich doch auch recht
absonderlich. Schon glaubte ich, der "Naturmensch"
Gustav Nagel sei in Weimar aufgetaucht und auf den
Einfall gekommen, mir eine Visite zu machen. "Gusto
Gräser!"
antwortet die schöne Baßstimme frei und freundlich.
"Ich kenne Ihre Whitman-Übersetzung,
die 'Grashalme'. Ich lebe in Whitmanns Sinne." "Ah -
treten Sie näher!" Und
die hohe Gestalt schreitet mit schönstem und
ungezwungenstem Anstand freischrittig und freundlich
in mein Arbeitszimmer hinein; schreitet bis mitten ins
Zimmer, schwingt schnell, mit einer sicheren und
anmutigen Bewegung das netzförmige Bündel von der
Schulter, und halb wirft, halb legt er es ohne
weiteres auf die Chaiselongue, wo es wie mit sorgsamem
Bedacht mit einem Mal zweckmäßig, praktisch und
ordentlich daliegt. Und
nun stehen wir uns mitten im Zimmer einander
gegenüber. "Ich
bin auf der Durchwanderung nach dem Süden, nach der
Schweiz, ein paar Tage in Weimar, bei einem Freunde.
Ich will morgen weiter. Es verlangte mich, vorher Sie
zu sehen."
Und
ich führe ihn zum Klubsessel und lasse mich ihm
gegenüber gleichfalls nieder, zwischen uns die große
Bronzeplatte eines indischen Tisches, zu der in der
Abendsone seine nervig schlanke Gestalt mit ihrem
eigenartigen Anzug so seltsam paßt. Der
Name Whitman ist zwischen uns und verbindet. Gräser
sitzt
vornübergebeugt, seine hageren, nervigen Arme über die
Knie, die Hände gegeneinandergelegt, vor sich hin
gestreckt, die langen braunen Haare auf die Schultern
herab, und blickt mit seinen braunen, schönbrauigen
Augen umher, wie um sich zu dem zu sammeln, was er mir
sagen will. "Ja,
ich lebe in Whitmans Sinne", beginnt er dann. "Habe
ganz mit dem, was die Krämerseelen heute Kultur
nennen, gebrochen. Habe nichts mit der papiernen Welt.
Will nur frei, nur Mensch sein. - Wir sind schlaff? So
beizen wir uns mit allen möglichen Kochkünsten; wir
schütten Alkohol auf: Hei! wie fühlen wir uns, wie
gehen wir, wie leben wir auf, wie prächtig geht's in
die Höhe! Und um welchen Preis? Wir . . . Wir . . . " Seine
Stimme wird etwas ungewiß. Es stürmen so viele
Gedanken und Begriffe auf ihn ein, daß er sie nicht
gleich zwingen kann. Er greift wie suchend mit seinen
hageren Armen vor sich hin in die Abendsonne hinein.
Ich stelle fest, obwohl zunächst davon ein wenig
zweiflerisch gemacht, daß diese Gesten dennoch wahr,
impulsiv, natürlich und eigentlich ruhig sind. "Wir
müssen . . . Eins tut uns not, ein oberstes Gebot habe
ich mir selbst gestellt: die Not! Die Not
müssen wir über uns stellen, und die Not habe ich über
mich gestellt. Alles Starke kommt nur aus und durch
die Not. Und alle Freude ist gewendet gewandelte Not.
- Sie soll mich geleiten." "O
ja! Zu wohl darf's dem Menschen nicht werden," stimme ich bei. "Alte Sache,
aber es bleibt wohl dabei." "Frei,
frei
sein; an nichts mehr hängen, von nichts mehr abhängig
sein. Die Not soll mich zur Freiheit, zu mir selber
führen." Es
entsteht ein kleines Schweigen. "Wo
stammen
Sie her?" fragte ich. "Sie sprechen österreichischen
Akzent. Sind Sie Österreicher?" Er
blickt zu mir herüber mit hellem, freundlichem
Gesicht, daß zwischen seinem braunen Bart hervor seine
weißen, gesunden Zähne blitzen. "Ich
bin Siebenbürger." "Ach,
ein
Siebenbürger Sachse!" "Jawohl." Er
blickt wieder vor sich hin, vornübergebeugt. Alles,
was er spricht, ist Monolog, rückhaltloses Sichgeben
und Aussprechen. Es ist nichts weniger als
Konversation, was wir da miteinander haben. "Ich
lernte
zunächst als Kunstschlosser. Hielt das nicht aus.
Brannte durch. Dann wurde ich Bildhauer. Auch das gab
mir kein Genüge. Ich wurde
Maler. Und auch die Malerei konnte mich auf Dauer
nicht halten. Dann fühlte ich immer mehr, daß ich mich
als Dichter am freiesten und ungezwungensten
ausspräche." "Haben
Sie
schon etwas veröffentlicht?" Ich
muß gestehen, daß mich seine letzte Mitteilung ein
wenig mißtrausch machte. Wieder
blickt er zu mir herüber und zeigt seine weißen Zähne.
"Ach,
nicht
doch! Nur für mich, höchstens für meine Freunde. Ich
mag nichts mit Literaturkrämern zu tun haben. Doch
nicht das! Gelegentlich habe ich Gedichte von mir
lithographieren lassen, die ich dann meinen Freunden
schenkte." Das
berührte mich angenehm. Es stimmte allerdings zu dem
günstigen und einheitlichen Eindruck, den ich von ihm
schlielich gewonnen hatte. Er
ließ die Lyrik übrigens auf sich beruhen. Was wieder
gut auf mich wirkte. In einem versonnenen Nachdenken
blickte er vor sich hin. Dann fuhr er fort. Wir
sprachen über Whitman. Das englische Original der
"Grashalme" konnte er nicht lesen. Er kennt Whitman
aus meiner Übersetzung bei Reclam und in der
Übersetzung Wilhelm Schölermanns, mit dem er persönlich
bekannt ist. "Mit
der Fellowship
haben Sie keine Berührung?" frage ich. "Fell
. . . ?!" Er sieht mich fragend an.
Ich
kläre ihn auf, daß es in Amerika, England, Frankreich
und Deutschland, auch wohl in Italien und Skandinavien
eine freie Kameradschaft gibt, die sich auf den Namen
Whitmans einigt, spreche von Horace Traubel, ihrem
Vorsteher in Camden bei Philadelphia, der persönlicher
Freund Whitmans war; ich spreche von dem Briefwechsel,
in dem ich mit diesem und jenem aus der "Fellowship"
stehe. Und das alles interessiert ihn. Es
scheint ihn ein wenig traurig zu stimmen. "Ja,
Kameraden, Kameraden! Die Freunde!" Er streicht sich
über die Stirn. "Wo sind sie? Wo, wann, werde ich sie
finden? Wann werden wir uns zusammenfinden?" "Sind
Sie
irgendwo ansässig?" frage ich. "Ansässig?
Ja,
ja. In Süddeutschland augenblicklich. Aber eigentlich:
ich habe keine Heimat. Ich suche, suche mir erst eine
Heimat. Irgendwo so recht mit seinem ganzen Wesen
wurzeln! Das ist ja, was ich suche, was ich finden
will. Wo werde ich meine wahre Heimat, meine Heimat
finden. Es ist schwer, schwer, schwer! Überall nur
Kultur, nein Unkultur und Unnatur, statt Heimat und
Art Entartung, Kulturlüge!" - Er
reißt sich aus der leichten Traurigkeit, die seine
letzten Worte gefärbt hat, los, seine Augen leuchten
auf, sein Gesicht gewinnt seinen freien, kindlich
fröhlichen Ausdruck wieder, und mit einem Mal spricht
er mit wunderbar vertiefter, gefestigter, wohltönender
Baßstimme ein Gedicht, eins seiner Gedichte vor sich
hin, mit prächtig natürlichstem Ausdruck. Ein Gedicht
von vollendeter Wahrheit und Aufrichtigkeit der
Empfindung, ein eigenster Ausfluß seiner Seele von
bannend lebendigem und vollkommenem Rhythmus und
Wohllaut. "Sie
sprechen
Lyrik wie Ihre eigentlichste Sprache," sage ich, als er geendet
hat. "Sie sprechen die gewöhnliche Prosa nicht halb so
gut." Obwohl
er
vollkommen deutlich und ruhig gesprochen hatte, hatten
die anstürmenden Gedanken seine Rede hie und da etwas
suchend und ringend gemacht. "O ja! Es ist der Rhythmus in mir. Ich trage in mir diesen Rhythmus; und ich spreche mich so am besten und deutlichsten, am ungezwungensten aus," gestand er zu. "Die Heimat! Meine, unsere Heimat! Noch ist sie hier und dort und überall und doch noch nicht gefunden. Aber ich werde mich nie, nie mit etwas Beliebigem zufrieden geben, mit etwas beliebig Zufälligem und Halbem. Ich will nur mich und meine Heimat. Und ich werde suchen und wandern, bis ich gefunden habe. Ich bin jetzt unterwegs nach der Schweiz. Ich hoffe viel von der Schweiz. Ich hoffe, daß ich auch dort die Beschäftigung finde, die mir zusagt. Landarbeit; Feld, Garten." Ich
sagte ihm, daß auch ich die Natur liebe und daß es mir
viel mehr wert sei als selbst der wenige, mir
zusagende Verkehr, den ich hier habe, in der schönen
Umgebung Weimars umherzuwandern zwischen meiner
Arbeit, die mir mit diesen Freiluftwanderungen über
allem anderen stehe, auch über allerlei guten und
gediegenen Kunstfreuden selbst, die Weimar einem wohl
zu bieten hat und die ich zuweilen genieße. "Ja," stimmte er mir bei. "So
irgendwo leben und mit seinem ganzen Wesen eingelebt
sein: das ist es, worauf ich hinaus bin. Es kommt mir
nicht darauf
an, immer so zu wandern und unterwegs zu sein. Ich
will da leben und seßhaft sein und in solcher
Gemeinschaft, die am natürlichsten meiner Art und
Anlage entspricht. Unter Kameraden und
Gleichgesinnten. Aber wo und wann werde ich die heute finden?" Und
wieder geriet er in solch ein prächtiges Gedicht
hinein. Die
Abenddämmerung
ist im Zimmer; es ist die schönste und eigenartigste
Dunkelstunde. Ich lasse sie noch ein Weilchen dauern,
mit Absicht zünde ich noch nicht die Lampe an. Und wie
ich ihm so lausche, seiner schönen Baßstimme und
diesen prächtigen Rhythmen, ist mir, als einte sich in
meiner Seele die Beethovensche Melodie zu Goethes
einzigem Mignonlied mit den freien,
prärieluft-atmenden Rhithmen Whitmans. Und ich fühle
jetzt wirklich restlos, daß mir ein eigenartiger und
echter Mensch da gegenübersitzt und nicht bloß solch
ein "Naturmensch", der entweder halb hirnverbrannt ist
oder auf solche Weise von sich reden machen will.
Etwas wie eine besondere Reinlichkeit, Gesundheit und
Klarheit weilt da in meiner Nähe, rastet bei mir; ein
seltsam wundersamer Odem von Freiluft und
Wanderstraße; ein Mensch, ein Eigener, eine wahrhaft
suchende Seele. (Er ist wohl noch nicht 30 Jahre alt.) Und
wir sprechen uns weiter miteinander in diese
Frühlingsdunkelstunde hinein. "O wandern:" ruft
er. "Freibad! Mit reinem Körper! Das Wohlgefühl der
gesunden freien Luft! Der Verkehr auf den Straßen! Da
kürzlich traf ich ein Paar, dem ich mich zugesellte.
Wir sprachen von Nietzsche! Oder der oder jener. - So
anders sind die Menschen, wenn man sie beim Wandern
trifft! - Die Sonne, der freie Sturm und Regenschlag!
Das erst ruft den Menschen hervor!" Bis
ich endlich doch die Lampe anzünde, die ich auf den
indischen Tisch stelle. Ich
stehe noch. Auch er erhebt sich mit einer rüstigen,
freien Bewegung. Und wir stehen so vor einander und
sehen uns an und führen dies Gespräch weiter. Ich
frage ihn, ob er ein Exemplar meiner
"Grashalm"-Übersetzung mit auf die Wanderung nehmen
will, und er freut sich, es zu bekommen. - Ich reiche
es ihm. Er bedauert, daß das Gedicht von "der freien Straße"
nicht in Schölermanns Übersetzung steht. "Ach,
ich
glaube übrigens: in meiner auch nicht?" äußere ich,
weil ich es in diesem Augenblick nicht mit aller
Sicherheit weiß. "Aber,
o
doch! Aber gewiß!" ruft er und runzelt ein bißchen die
Stirn, ist ein wenig ungehalten. Vielleicht weil er
glaubt, ich zweifle, daß er meine Übersetzung wirklich
gelesen hat. Aber
da hat er schon aufgeschlagen und gefunden. Und mit
dem Buch vorüber gegen die Lampe hin und auf dem
indischen Tisch niedergebückt mit seinem klaren,
rotwangigen Gesicht, seinen kastanienbraunen Haaren,
liest er mit seiner schönen Baßstimme: Zu
Fuß und fröhlichen Herzens schlage ich die freie Straße
ein,
Gesund, frei, vor mir die Welt; Vor mir der lange, braune Pfad, der mich führt, wohin ich will. Fortan verlange ich kein Glück; ich selbst bin das Glück. Fortan erinnere ich nichts mehr, verschiebe nichts mehr, brauche nichts. Vorbei sind die Klagen zwischen dumpfen vier Wänden und Bibliotheken, vorbei gallige Kritik. Rüstig und zufrieden schreite ich die freie Straße hin. Wort
für Wort stimmte es auf ihn selber. Und
nun schweigt er, noch in dieser vorgebeugten Haltung
verharrend, mit seinen lachenden braunen Augen
versonnen in das Buch blickend; bis er sich plötzlich
lebhaft aufrichtet, mich anblickt und mit herzlich
fröhlichem Impuls ruft: "Geben
Sie
mir Papier! Ich will Ihnen einen meiner Sprüche da
lassen!" Und
er sitzt an meinem Schreibtisch und schreibt mit einer
sicheren, hier und da mit prächtigen, sehr
regelmäßigen Schleifen ausholenden, in dem Typ ihrer
lateinischen Buchstaben überraschend gleichmäßigen
Schrift: Fragt
mich nach den Freunden, nach den Meinen -
Jene sind es, die vom Herzensgrund Treulich wandeln mit sich selbst im Reinen, Mit Sich Selbst in frohentschloßnem Bund - Jene sind's, die trotzend allen Mühn Tiefgetrost nur Unserer Heimat glühn. Und
noch ein paar Worte des Abschiedes, rüstig schreitet
er dann zur Chaiselongue hin, nimmt mit einem sicheren
Schwunge das Wanderbündel auf die Schulter; und nun
stehen wir einander gegenüber, reichen uns noch enmal
die Hand, und er schreitet hinaus, barhäuptig mit
seinen langen Haaren. mit seinem wunderlichen
sackartigen Chiton und seinen Sandalen. Und noch
einmal auf dem Treppenflur reichen wir uns die Hand
und ein "Auf Wiedersehen!" . . . . Und
nun bin ich wieder allein in meinem Arbeitszimmer. Und
mir ist so wunderlich zu Mut, als sei mir wirklich so
recht froh, frei und freundlich der große gute Walt
selber da plötzlich ins Zimmer gekommen, hätte eine
Stunde bei mir gerastet und mich so recht herzlich
erquickt . . . Wandre
gut, Gusto Gräser! Und finde die Heimat, die Du
suchst! . . . |
|||||||||||
| 1911 |
Johannes
Schlaf
Holzschnitt
von
Willo Rall "Ich bin
nur da!" Gusto
Gräser spricht mit Johannes Schlaf Im
Frühjahr 1909 besuchte Gräser in Weimar den damals
berühmten Romanautor, Dramatiker und Kritiker
Johannes Schlaf (1862–1941). Dieser berichtet
darüber in seinem Tagebuch und in mehreren
Zeitungsartikeln. In dem Roman ‚Aufstieg’ von 1911
hat er Gusto Gräser als „Georg Klinghammer“
porträtiert. Ihm sind die folgenden Auszüge
entnommen. Ott hockte auf dem Fußboden mitten zwischen den Kindern und einem lustigen, kunterbunten Haufen von Spielzeug. Stine hatte das kleinste auf dem Arm und zeigte ihm den Baum. Das warme Zimmer schallte von Kinderlärm, Geplauder und fröhlichem Lachen, als Otts gutes Gehör plötzlich draußen im Haus eine Art von Lärm wahrzunehmen glaubte. „Nanu, Mutter! Was gibt’s denn da?!“ rief er, erhob sich schnell, setzte sich die Sportmütze auf und begab sich hinaus, um nachzusehen, was es gäbe. Draußen angekommen gewahrte er unten im Hausflur zwischen dem Gesinde eine wunderlich abenteuerliche, barhäuptige Gestalt mit lang und schlicht herab-fallenden schönen braunen Haaren, einem sackartigen, groben, gelbgrauen Kittel, der um die Hüften durch eine Art brauner Schnur zusammengehalten war, und unter dem ein paar anliegende Hosen von gleichem Stoff hervorkamen, die bis zu den Knieen kreuzweise mit Lederriemen überbunden waren. Ein Mantel von gleichem Stoff wie dieser Anzug hing dem Mann hinten auf dem Rücken herunter, an den Füßen trug er derbe Ledersandalen und hatte eine Tasche über der Schulter hängen. Oben sahen aus dem Kittel frei ein schöner, schlankkräftiger Hals und ein Teil der Brust hervor, gerötet von der harten Winterkälte, die draußen herrschte; und auch die beiden hageren, aber muskulösen Arme, die, zur Hälfte nackt, aus weiten Halbärmeln hervorkamen, zeigten sich von der Kälte gerötet. Der Mann zeigte schöne, regelmäßige Gesichtszüge von klarem, weißem und rotem Teint, eine kräftige, aber ebenmäßige Nase, hatte einen braunen Kinnbart und ein braunes Schnurrbärtchen, das einen angenehm rotlippigen Mund freiließ. Seine braunen Augen waren klar und strahlten Gesundheit und fröhliche Lebenskraft aus. Die Haare, die von einer Art Binde zusammengehalten wurden, umrahmten eine hohe, freie Stirn. Stattlich, schlank, kräftig, ungezwungen aufrecht stand er in prächtiger Haltung, freihändig unter den Leuten, die ihn zu bereden suchten, dass es hier nichts für ihn gäbe, während er mit einer klangvoll schönen Stimme ohne jede Ungeduld und Aufgebrachtheit und zugleich ohne jede Demut sie zu überzeugen suchte, dass er nicht gekommen sei, um zu betteln, sondern mit dem Hausherrn über etwas zu sprechen. Ott stieg, unwillkürlich interessiert, die Treppe hinab und fragte, was es gäbe und wer er wäre? „Sie sind Herr Ott?“ fragte der Fremde, indem er durch die zurückweichenden Leute einen Schritt auf Ott zu tat. „Ich heiße Georg Klinghammer. Man nennt mich ja wohl einen Naturmenschen. Mag ich vielleicht einer sein. Jedenfalls bemühe ich mich nichts zu sein, als ein Mensch und unbekümmert dem nachzuleben, was ich als mein eigenstes Wesen erkannt habe; dem Geheiß einer Stimme, die nicht mehr von außen kam, sondern aus mir selbst und Eigengebot war.“ Ott hatte zuerst geglaubt, er habe es mit einem Gestörten zu tun, aber die freie und schöne Haltung, die völlige Ungezwungenheit des Fremden, sein angenehmes und gesundes Aussehen und der freie, klare Blick seines Auges fingen an, ihn näher zu interessieren. (S.582-84) … „Sie sagten, daß Sie sich ein Haus bauen wollen?“ nahm Ott das Gespräch wieder auf. „Ja, aus Holz und Steinen. – Ich gedenke über Wien nach Siebenbürgen zu gehen und mir dort Land zu kaufen. Ich treffe in Wien das Weib, mit dem ich mich verbinden will.“ „Sie lebt auch so wie Sie?“ „Ja, und sogar schon länger wie ich.“ „Sie werden sich auch nicht standesamtlich eintragen lassen?“ „Nein! Auch das Standesamt haben wir nicht mehr nötig. Der Sinn für das Standesamt ist mir mit allem anderen vergangen. Ich verurteile es nicht, will es nicht abschaffen: aber es selbst wird sich abschaffen.“ „Ja, aber sagen Sie mal: eins versteh’ ich dann aber bei alledem nicht. Sagten Sie nicht, daß Sie Land kaufen wollten? Wenn kein Standesamt für Sie mehr existiert, wie kann dann noch ein Kaufabschluß für Sie existieren?“ „Könnnte ich mir das Land ohne weiteres aneignen oder könnte ich es geschenkt bekommen, so würde ich es nehmen.. Da ich es aber nicht kann, so muß ich es mir kaufen. – In der Schweiz hatte man mir eine Höhle und ein Stück Land geschenkt. Aber das Land war so steinig, daß schlechterdings nichts damit anzufangen war. Ich habe es wieder aufgeben müssen. Aber ich durfte dort im See fischen so viel ich wollte und für mich gebrauchte. Aber ich leugne ja nicht und kann nicht übersehen, daß da, wo eine Loslösung von einer Gemeinschaft, auch noch ein Zusammenhang mit ihr ist. Ich verschließe mich nicht gegen die Notwendigkeit dieses Ueberganges. Man wird mit mir in gesellschaftlichem Sinne nichts anfangen können, absolut nichts, man wird mich höchstens wie einen harmlosen Irren behandeln müssen, der Niemandem schadet, der aber auch in keinen Vertrag zu binden ist. – Da ich aber Land bedarf und da das Land im Besitz der Gesellschaft ist, muß ich es ihr abkaufen. – Ich stehe ja im übrigen auch insofern in Zusammenhang mit der Gesellschaft, als ich mich ihr frei darbiete mit dem Heil, an dem sie selbst gesunden kann und eines Tages gesunden wird. So geh ich unter den Menschen umher, und so werde ich mit meinem Weibe und meinen Kindern unter ihnen hausen. Als ein Vorbild, das die vollendete Einheit von Körper und Seele und ihre erreichte Genesung und Vollkommenheit darbietet. Ich entziehe nichts, ich stehle nichts und stehle mich auch nicht weg, verachte und verurteile nicht: ich bin nur da! - Mitten unter ihnen, die sich vollenden wollen, bin ich für sie da. … Verkaufen sie mir Land zu einem Anwesen, so verkaufen sie es sich selbst und niemand sonst. Und geben sie mir das Geld dazu, so geben sie es sich selbst. … Das ist der Sinn, in dem ich mir Land kaufe.“ „Wie verschaffen Sie sich aber das Geld dazu?“ „Ich gehe zu denen, die Geld übrig haben und erbitte es von ihnen, indem ich mich ihnen selbst darbiete … Und ich werde so lange sammeln und mich vortragen, bis ich soviel Geld habe, um mir Land zu kaufen und mein Haus zu bauen, um dann vom Ertrag meines Anwesens für mich selbst, mein Weib und meine Kinder leben zu können.“ … „Wie alt sind Sie?“ „Ich stehe in meinem dreißigsten Lebensjahr.“ „Haben Sie denn aber gar keine Genossen?“ „Ich werde dort mit drei Leuten zusammenleben, die so leben wie ich. – Wohl, ich suche Gefährten. Und ich denke, es werden mit der Zeit dort noch mehrere zusammenkommen. – Aber sie sind so schwer zu finden. Es sind noch so erschrecklich wenige, die über den dunklen Punkt weg zur Freiheit und zum wahren Leben hindurch-zudringen vermögen. Mancheiner, der die Sehnsucht und den Trieb hätte, ist zu starr und hart befangen, oder noch in einen Haß und eine sogenannte Abrechnung mit der Gesellschaft verstrickt und vermag nicht zu erkennen, daß er diesen Haß doch nur gegen sich selbst richtet und sich in seinem wahren Leben selbst schädigt.“ … Er aß dann mit Otts zu Mittag, blieb noch bis in den Nachmittag hinein und überraschte sogar Stine als ein heiterer, unerschöpflicher und sehr unterhaltsamer Erzähler. Dann ging er. Leichtfüßig, elastisch, ohne vielen Abschied, um Ott für immer aus dem Gesichtskreis zu entschwinden. (S. 598-603) Aus Johannes Schlaf: Aufstieg.
Roman. Berlin 1911 |
|||||||||||
| 1911 |
Schlafs
Nachdichtung der ‚Leaves of Grass’
von Whitman _____________________________________________ Gusto Gräser Von
Johannes Schlaf, Weimar
![]() Vor nunmehr zwei Jahren empfing ich hier in meinem Weimar an einem schönen Frühlingsnachmittag, an dem unten im Hausgarten die Rosen blühten und die Amseln sangen, einen seltsamen Besuch. Ein schlankkräftiger, mittelgroßer, schöngewachsener junger Mann trat bei mir ein. Er nannte sich Gusto Gräser und stellte sich mit wohllautender, tief und dunkeltönig frischer Stimme ausdrücklich als jemand vor, der Walt Whitman liebe. Sofort Grund genug, dass ich ihn willkommen hieß. Obgleich mich sein Äußeres anfangs reichlich so befremdete, wie anzog. Ich lud ihn ein, Platz zu nehmen: und dann saßen wir einander gegenüber, wobei sich seine so ungewöhnliche Erscheinung in dem Klubsessel sehr eigenartig ausnahm. Er wiederholte, dass er Walt Whitman liebe, dass er mein Interesse für den Dichter der „Grashalme“ kenne, und dass er mich aus diesem Grunde aufgesucht habe. Später erfuhr ich gelegentlich, dass er aus guter Familie stamme, dass einer seiner Brüder Offizier, der andere Maler sei. Gusto selbst war zuerst Kunstschlosser gewesen, alsdann Bildhauer und Maler, hatte indessen in all diesen Berufen nicht gut getan, bis er schließlich seinen Beruf zum Dichter und noch besser: seinen Beruf, Mensch und nichts als Mensch zu sein, erkannt hatte. Er pries die Not, den Mut und die Einfachheit ländlichen Lebens als Urheber jedes wahren Glückes, und mehr als seine Worte bezeugten sein gesundes, frisches, kräftiges Aussehen, seine elastischen und doch ruhigen Bewegungen, seine freie und ungezwungene Aeußerungsweise, dass er sein wahres Element gefunden hatte. – In verstandesgemäßer Weise drückte er sich nicht besonders glücklich aus; förmlich gebannt, gebannt von der unmittelbaren Offenbarung einer durchaus eigenartigen Wesenseinheit lauschte ich ihm aber, sobald er in seine eigentliche Aeußerungsweise, die emotionale, überging und gar in Versen zu sprechen begann! Es will etwas sagen, nicht im mindesten peinlich oder wohl gar pathologisch berührt zu werden, wenn jemand in der Unterhaltung sich auf eine derartige Weise mitteilt, und gar davon hingerissen zu werden. Kurz: ich merkte sofort, dass mein anfängliches Mißtrauen, es mit so einer Art von „Naturmenschen“ vom Schlage der Gustav Nagel zu tun zu haben, ungerechtfertigt war. Seitdem sind mehr als zwei Jahre vergangen. Gusto Gräser hat ein ihm vollständig gleichgesinntes Weib gefunden, das ihn zum glücklichen Vater gemacht hat und das, wie ich beurteilen darf, da Elisabeth Gräser – eine geborene Rheinländerin und gleichfalls guter Familie entstammend – mich inzwischen gleichfalls besucht hat, genau den gleichen Eindruck einer wesensechten Ausnahmenatur bietet. Einen
Dichter annte ich Gusto Gräser. Und ein solcher ist er
auch. Und zwar, wie wir gleich sehen werden, ein
wahrlich nicht unbedeutender, ein gewiss sehr
eigenartiger. Obgleich ich ihn weit mehr und in weit
bedeutsamerem und wichtigerem Betracht einen Ja, man kann diesem Gusto Gräser gegenüber staunend empfinden, wie viel Wahrheit in dem "vandalischen" Verdikt enthalten ist, das der alte Tolstoi über alle Kunst und Dichtung ausgesprochen hat! Wir empfinden und begreifen wirklich und das bedeutet ein ganz eigenes Erlebnis, wie ungleich viel mehr es wert ist, ein ganzer Mensch, der wirklich den äussersten Mut zu sich selbst hat, als ein noch so grosser Dichter, Künstler, Denker zu sein! Denn ist nicht aller Entwicklung und Kultur Endziel der vollkommene und der Natur wieder geeinte Mensch? Liessen wir uns aber so recht von diesem Erlebnis durchdringen, so würden wir sicherlich immerhin auch noch zu einer organischen, lebendigen, notwendigen, grossen, modernen Kunst und Dichtung gelangen, die aus unserem wahrsten und lebendigsten Wesen heraufwüchse und nicht aus ästhetisch-artistischen Observanzen. Von
Gusto Gräser als Dichter kenne ich hauptsächlich eine
Form: die des kurzen, spontanen Spruchs: Er weiss hier
von keiner Kunstgemässheit. Diese prächtigen
Leitsprüche quellen als eine unmittelbare Äusserung
aus dem innersten Kern seines Wesens hervor. Er gehört
keiner "Schule" an, bekennt sich zu keinem Programm,
weiss nichts von einem Streit der Theorien, und erst
recht ganz und gar fern ist ihm aller raffinierte
artistische Snobismus und alles künstlerische Dandy-
und Feinschmeckertum von heute; ihm, dem
beispiellosesten aller heutigen Österreicher! - Er hat
auch keinen Verleger. Er lässt seine Sprüche auf
schönem, starken Buntpapier in seiner schwungvoll
kräftigen Handschrift lithographieren, vereinigt sie
zu Bündeln und "Briefen" und verteilt und verkauft sie
so auf seinen Streifereien durch Deutschland,
Österreich und die Schweiz, auf denen ihn Weib und
Kind begleiten; ein freier Mensch und Wanderer, der
überall und nirgends Wohnsitz und Heimat hat und die
beste und wahrste, unverliebare und dem Menschen
eigenste in sich selbst und seinem frohen, gesunden,
natureigenen Leben und Wesen, im wiedegefundenen
Paradies naturwüchsiger, in sich fester und sicherer
Eigenständigkeit. Weit abseits und glücklich
losgebunden von allem, was wir mit seinen
Überfeinerungen und Raffinements heute künstlerische
oder sonstige "Kultur" nennen.
Er ist „Naturmensch“
und Vegetarier bei oberflächlichem Hinsehn und doch
weder als wie Gustav Nagel oder ein Dieffenbach auf
diese noch auf sonst eine Rubrik zu bringen. Er ist
weder ein „Anarchist“ noch ein Prophet, dieser
merkwürdige Gusto Gräser. Er will weder „Propaganda“,
noch Jünger oder Proselyten machen. Nur sein eigenes
Leben und das
Leben will er leben, und seine einzige Suche geht nach
Freunden und Gleichgesinnten; hierin ist er so ganz
Walt Whitman gleich. – Ganz gewiß: Whitman und auch
Nietzsches bestes Wesen würden ihn verstehen und ihn
den Ihren nennen. Aber er ist hier und da, mit Weib
und Kind: hält wohl gelegentlich einen Vortrag und
zeigt und gibt sich mit sich selbst und seiner eigenen
Gegenwart. Wahrlich: ein Wegweiser und Pionier, den
wir brauchen! |
|||||||||||
| 1912 |
Ein deutscher Tolstoi? Als Gusto Gräser 1912 aus Sachsen ausgewiesen wurde, setzte sich Johannes Schlaf in einem Artikel für ihn ein: „Ich erkannte sofort, daß ich es hier mit einer Persönlichkeit von ungewöhnlichem und höchst zeitgemäßem Wert zu tun hatte! Einem geradezu Berufenen! - - Ich glaube, wir sind zu lange ungewohnt, Propheten unter uns zu sehen. Propheten sind eben anders als andere Leute. Aber sie erfüllen durchaus ihre soziale Funktion. Und wir brauchen solche Propheten, wie Gusto Gräser einer ist, nur immer dringender. - - Halb und halb haben uns ja Erscheinungen wie die eines Walt Whitman und eines Tolstoi ohnehin schon lange auf sie vorbereitet. Gusto Gräser aber geht einen bedeutsamen Schritt weiter als sie: er schreibt nicht mehr wie ein Tolstoi, sondern er bietet sich mit seinem eigenen Lebenswandel dar! Und überdies, wenn man so will: ein Tolstoi, der in ganz Europa einen so weit ausgedehnten Einfluß geübt hat, ist sicherlich hundertmal „staatsgefährlicher“ als ein Gusto Gräser! - - Europa hat sich an einen Tolstoi gewöhnt, einen Grafen, der in Muschik-Kleidung seinen eigenen Acker pflügte: man wird sich auch bei uns an einen Mann wie Gusto Gräser gewöhnen, der, aus guter Familie stammend, so lebt und sich den Menschen darbietet, wie er werden mußte!“ Zitiert von Willo Rall in Badische Neueste Nachrichten vom 14. März 1913 |
|||||||||||
| Zurück |
|
|||||||||||