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Werner
von der Schulenburg im Roccolo von Ascona
Zu
berichten
ist von einem vergessenen, neu entdeckten Roman über die Spätzeit des
Monte
Verità. Er handelt von einem wirkungsmächtigen Psychoanalytiker, dem
österreichischen Psychiater Otto Gross, der in der abgelegenen
Waldmühle von
Ronco eine „Hochschule zur Befreiung der Menschheit“ errichten wollte.
Der
Roman ist einerseits Satire, vergnügliche Komödie, zugleich aber
enthält er
eine erstaunliche Prophetie. In ihm ist der Weg von Otto Gross
vorausgesagt. Er
beginnt in Ascona und endet in Zürich. In ihm ist, im Todesjahr von
Otto Gross,
dessen Ende dichterisch gedeutet.
Gemeint
ist der Roman von Werner von der Schulenburg 'Doktor Boétius der Europäer'.
Im Sommer 1920 wurde er in
der Mühle von Ronco abgeschlossen, 1922 ist er bei Carl Reißner in
Dresden
erschienen.
Ein
Verleger, der diesen Roman aufgespürt hat, konnte nichts mit ihm
anfangen, sein Inhalt sei ihm unverständlich. Begreiflicherweise. Denn
man kann
ihn nur verstehen, wenn man den biographischen Hintergrund kennt.
Dieser
Hintergrund ist das Milieu von Ascona und die Wirkung von Otto Gross.
Wer ist
der Verfasser? Werner von der
Schulenburg stammt aus altpreußischem Adel, zwei Verwandte aus dieser
Sippe,
Friedrich Werner Graf von der Schulenburg und Fritz-Dietlof Graf von
der
Schulenburg, wurden 1944 wegen Beteiligung am Attentat gegen Hitler
hingerichtet. Der Schriftsteller Werner von der Schulenburg war
promovierter
Kunstwissenschaftler, erfolgreicher Autor von Romanen, Biografien und
Komödien.
Als Offizier im Ersten Weltkrieg schwer verwundet, ging er anschließend
in den
diplomatischen Dienst. Nach Kriegsende ließ er sich auf dem Monte
Verità
nieder, erwarb den legendären Vogelfängerturm von Ascona, das
sogenannte
Roccolo, in dem vor ihm schon der Bildhauer Max Kruse und Franziska von
Reventlow gewohnt hatten.
Schulenburg
(1881-1958), ein weitgereister,
hochgebildeter Weltmann, hatte den Monte Verità schon als Kind kennen
gelernt.
Damals hatte ihm seine Großmutter ein Pony versprochen, unter einer
Bedingung: dass er nie wieder hingehe zu diesen
furchtbaren Menschen, die auf Bäumen leben und nackt laufen wie Adam
und Eva im
Paradies. Die Großmutter war gestorben, ohne das Pony geliefert zu
haben. Damit
war für Schulenburg der Weg frei zum Monte Verità. Entlassen aus dem
"Pflichtkrampf" der diplomatischen Karriere, sah und gab er sich –
mit Spaten, Panamahut und Sandalen – als Edeltolstoianer. Nicht nur die
schöne
Landschaft, auch das Milieu von freisinnigen Künstlern und
Schriftstellern in
Ascona hatten es ihm angetan. Denn Schulenburg dachte zwar politisch
konservativ, befand sich aber, als aufgeklärter Skeptiker mit
pantheistischen
Neigungen, im Widerspruch zu seinen Standesgenossen. Das kirchliche und
aristokratische Autoritätsprinzip mit seinem Machtstreben lehnte er ab.
In
Ascona waren zu dieser Zeit die Emigranten
zwar schon abgezogen. Dafür traf Schulenburg auf ein intellektuelles
Milieu,
das stark von den Ideen des Otto Gross geprägt war, von der
Psychoanalyse, aber
auch von Anthroposophie, Theosophie und Lebensreform.
Da gab es den Dr. Dr. Heinrich Goesch, einen
Schüler von Gross, der sich von Rudolf Steiner gelöst und in Ronco
niedergelassen hatte. Da gab es den Dichter Bruno Goetz, der schon 1905
zum
Monte Verità gestoßen war. Er hatte soeben einen Roman über seine
Ascona-Erfahrung geschrieben: ‚Das Reich
ohne Raum’. Höhepunkt dieses Romans ist – sehr
grossianisch - eine Szene, in der eine christliche Kirchengemeinde in
orgiastisch-dionysischen Tanztaumel verfällt. Da gab es den mit Goetz
seit
langem bekannten Gross-Schüler Johannes Nohl und seine analytische
Klientel, zu
der bis 1918 auch Hermann Hesse gehört hatte. Außerdem gehörte Robert
Binswanger, ein Schriftsteller aus der bekannten Psychiaterfamilie, zu
diesem
Kreis. Neben ihm und von ihm großzügig unterstützt der drogensüchtige
Kriminalschriftsteller Friedrich Glauser. Dann die Maler Jawlensky und
Arthur
Segal, die Malerinnen Marianne von Werefkin und Lou Albert-Lasard,
Rilkes
verehrte Freundin. Dazu die Tänzerinnen Mary Wigman und Katja Wulff,
der Gräzist
Werner Kaegi, der Zoologe Karl Soffel, die ehemalige Steiner-Vertraute
Alice
Sprengel und andere. Nicht zu vergessen Ernst Frick und seine Gefährtin
Frieda
Schloffer, die Frau von Otto Gross, und Margarete Hardegger mit ihrer
Kommune Villa
Graziella.
Es ist
nicht das geringste Verdienst von
Schulenburg, dass er durch seinen Roman, eine Novelle und mehrere
Zeitungsartikel dieses kulturelle Milieu uns überliefert hat, eine
Gesellschaft,
die sich im Haus von Robert Binswanger, in Schulenburgs Roccolo und in
der
Mühle von Ronco traf. An
die Stelle der
anarchistischen Sexualrevolutionäre und ihres umstürzlerischen
Fanatismus
traten nun, skeptisch und liberal, die Künstler. Schulenburg nennt
diese Gesellschaft
seine "Asconeser Akademie". Man kann sie verstehen als eine
opponierende Fortsetzung der von Gross initiierten, nun schon in
Auflösung
befindlichen "Hochschule zur Befreiung der Menschheit".
Von
eben dieser Hochschule handelt der Roman,
sie figuriert dort als A. E. I., was bedeutet: "Asconeser Europäisches
Institut". Ihr Gründer und Leiter ist Doktor Boétius, der Europäer.
Warum
"Europäer"? Wir müssen das
Wort anders verstehen als heute, wo es einen durchaus positiven Klang
hat. Für
Schulenburg, den preußischen Adligen und überzeugten Nationalisten,
sind
Europäertum, Internationalismus, Pazifismus, Demo-kratismus modische
Wahnideen
von Schwachköpfen, die er in der Gestalt des Doktor Boétius zugleich
verkörpert
und bekämpft. Zusammen, versteht sich, mit Psychoanalyse,
Anthroposophie und
Theosophie, die in diesem Institut propagiert, von ihm aber durch den
Kakao
gezogen werden. Das Europäische Institut will Europa mit seiner
"Menschheitsidee" beglücken, Schulenburg macht sie lächerlich.
Dies
die klare Frontstellung. Es handelt sich
um eine Satire, wohl weniger auf Otto
Gross, den Schulenburg nur vom Hörensagen kannte, eher auf gewisse
Grossianer
und speziell auf einen gewissen Dr. Boéchat, den es dort tatsächlich
gegeben
hat. Seine Satire ist nicht gehässig und nicht fanatisch sondern lässig
verspielt, mal witzig, mal läppisch, in souveräner kabarettistischer
Manier,
und insoweit durchaus vergnüglich zu lesen.
Doktor
Boétius ist ein von seinen Ideen
besessener Psychoanalytiker, ein verbissener Doktrinär, der Tag und
Nacht alles
und jedes analysiert, auch die Sexualität seines elektrischen Kochers,
auch die
Komplexe des Spargels, den er verzehrt. Er ist der Erfinder einer
Friedenstrompete, die wie ein moderner Computer programmierbar ist. Wer
allerdings den Knopf einer Nationalhymne drückt, der hört statt der
erhofften
patriotischen Klänge: "Behüt dich Gott, es wär zu schön gewesen, behüt
dich Gott, es hat nicht sollen sein". Boétius ist des frommen Glaubens,
durch Psychoanalyse selbst Knochenbrüche heilen zu können. Die übrige
Welt
sowieso. Das ist ja seine Mission.
Vor
allem aber bekämpft er fanatisch das Machtprinzip in all seinen Formen
und
Gestalten. Einige Zitate:
„Es
handelt sich darum, alle Machtprinzipien
in den Menschen zu brechen, den freigewordenen Machtwillen aber in
zweckdienlicher Weise zu verwenden. Am zweckdienlichsten ... im
Europäischen
Institut, von wo aus ganz Europa beglückt wird“ (Boétius 37).
"In
seiner Jugend hatte man ihm Gewalt angetan, nicht aus ethischen
Prinzipien
heraus, sondern um der Macht der Kirche willen. ... Gewalt, so folgerte
er, ist
immer ein Zeichen von Schwäche" (Boétius 47).
„Alle
Fehler und Gebrechen, die es gibt, sind
psychischer Natur (sagt Boétius) [...] Die Lieblosigkeit ist es. Die
Sucht zu
herrschen. Die Monopolisierung der Liebe. Jede Frau will einen
Mann für sich besitzen, jeder Mann eine
Frau"
(Boétius 51).
Boétius
ist das Opfer seiner jesuitischen
Erziehung. Jesuitismus, hier verstanden als berechnendes Machtstreben,
ist der
Feind der Menschheit. Ihn zu bekämpfen die Hauptaufgabe des
Europäischen
Instituts. Als Mitarbeiter hat Boétius einen Chor von ausschließlich
Frauen
engagiert, die als Ministerinnen die verschiedenen Bereiche der
Institutspolitik verwalten. Die erotischen Wünsche dieser Frauen werden
jedoch
von ihrem Chef entschieden abgewehrt. Boétius lebt ganz und gar für
seine
Mission: Psychoanalyse, Internationalismus, Pazifismus, Bekämpfung des
Machttriebs.
Er
selbst aber will alles und jeden, seine
Mitarbeiter, seine Patienten, seine Besucher, für seine Zwecke, seine
heiligen
Zwecke, dienstbar machen. So auch einen Patienten, den Konsul Svendsen,
dessen
Frau und dessen Geliebte. Svendsen durchschaut aber den Meister, macht
sich
lustig über seine Theorien. Zur Überwindung von Eifersucht und
sexuellem
Besitzrecht bietet er ihm eine patente Lösung an: den Männern sei ein
zweiter
Penis einzupflanzen, ein alternatives Sexualorgan, um alle Konflikte zu
beheben. Das eine sei dann für die Ehefrau bestimmt, das andere für die
Lustfrauen,
das eine für die Liebe, das andre für den Sex, eins für die Monogamie
und das
zweite für die Polygamie. Er selbst bietet an, sich den Stößel eines
jungen
Bullen implantieren zu lassen.
Eine
seiner Ministerinnen will ihm die Lehren
des Magiers von Dornach nahebringen. "Wir werden auf Grund der Lehren
des
Meisters die Kathedrale des Fleisches bauen“, sagt sie, ein Gegenstück
zum
Tempel in Dornach. Diese Kathedrale soll bestehen aus "zwanzigtausend
schwesterlichen Nubierinnen, elefenbeinschwarz ... prall, mit spitzen
Brüsten", über ihnen stehend zarte englische Knaben mit seidigen
Körpern,
dann frühreife kleine Singalesinnen, darüber kleine Französinnen von
wissender
Süßigkeit und so weiter und so fort: eine Pyramide aus nackten Leibern,
die
zusammen die Kathedrale des Fleisches bilden. Ein Priester, Cohén de
Cohén,
"zelebriert die große Liebesmesse auf einem Altar von Fleisch, während
333
Tänzerinnen in allen Farben, geordnet wie ein Regenbogen, ihn
umjauchzen"
(Boétius 108).
Die
Frau des Konsuls Svendsen, eine Tänzerin,
wird vorgestellt als "Priesterin einer neuen Tanzreligion". Also:
nicht Tänzerin nur, Priesterin einer neuen Tanzreligion. Wir werden uns
dabei
erinnern an die Labanschülerin Mary Wigmann, die dem Reußischen
Geheimorden
'Verità Mystica' angehörte und eine Vortänzerin war bei jenem
mitternächtlichen
Tanzritual um Gräsers Grotte von Arcegno im Jahre 1917. In diesem
Kultspiel
wurden Speere und Becher gezeigt, jene Geschlechtssymbole, deren
Vereinigung
Theodor Reuß in seiner häretisch-katholischen Messe auf MV zelebrierte.
In dem
Priester, der auf einem Altar von Fleisch die große Liebesmesse
inszeniert,
haben wir also ein Nachbild von Laban und/oder Reuß zu sehen.
Andere
Mitarbeiterinnen verlangen von Boétius
die Errichtung von alkoholfreien Restaurants. Eine der Damen will, dass
das
Institut in Ascona ein großes Stadion erbaut, in dem olympische
Wettkämpfe
ausgetragen werden. Eine dritte stickt das Gräsersche Pentagramm auf
selbstgewebte Stoffe. Allen ihren Anträgen und Versuchungen widersteht
jedoch
Boétius. Und doch tobt in ihm bei alledem sein geheimes alter ego, der
Zwerg
Dionysos. Dionysos will aus seinem Gefängnis befreit werden, wird aber
von
Boétius immer wieder zurückgestoßen. Der stößt auch seine jüdische
Sekretärin
zurück, Fräulein Lévison, die sich unsterblich in ihn verliebt hat. Da
er aber
alle diese Menschen, seiner frühen jesuitischen Prägung gehorchend, für
seine
eigenen Zwecke, d. h. für die Zwecke des Instituts, gewinnen und
gebrauchen
will, verfängt er sich in den ausgeworfenen Netzen und wird am Ende,
nach einem
Aufstand seiner Institutsdamen, von zwei Frauen, der Priesterin der
neuen
Tanzreligion und einer feurigen Mexikanerin, wie ein Gefangener
abgeführt in
das düstere, dämmernde, ausdrücklich als schmutzig bezeichnete Zürich.
Dorthin
soll auch sein Institut verlagert, oder besser: abgeschoben werden.
Der
Patient Konsul Svendsen dagegen, den er
von seinen Komplexen hatte heilen wollen, freit freudevoll die
Sekretärin, die
Boétius zurückgestoßen hat, das jüdische Fräulein Lévison. Er führt die
Braut
heim, er ist der Gewinner.
Die
Moral der Geschichte ist klar: Boétius
erliegt selbst dem Machttrieb, den er bekämpfen will. Sein Boéchismus - nämlich die
Psychoanalyse – ist ein neuer
Jesuitismus zur Beherrschung von Menschen. Der welt- und lebensfremde
Boétius
hat den Dionysos in seinem Herzen nie befreit, Eros ist ihm
fremdgeblieben, er
ist ein Gefangener seiner machtgierigen Ideologie. Die Priesterin der
neuen
Tanzreligion, ihr Priester Cohén de Cohén, der für Rudolf von Laban
steht,
schließlich der Konsul und das Fräulein Lévison, sie alle sind näher im
Leben,
sie können lieben, sie können genießen, sie können feiern. Doktor
Boétius, der
hoffnungslos verkopfte Neu-Europäer, kann es nicht. Sein Institut kann
sich in
Ascona nicht halten. Warum? Weil Ascona für Dionysos steht, für Süden
und
Sinnlichkeit, für Tanz und für Eros, für Musen und Mystik. Boétius muss
umziehen in den kalten protestantischen Norden, in die Hauptstadt des
Puritanismus, in seine akademische Gehirnlichkeit, in das düster
dämmernde
Zürich. 
Von
Zürich
zurück nach Ascona
Dieser
letzte Satz soll nicht der letzte sein.
Ich will das Institut zurückführen von Zürich nach Ascona. Der
eigentliche
Gewinn aus dem Roman und den anderen Schriften von Schulenburg besteht
ja
darin, dass er uns eine bisher unbekannte Gesellschaft zeigt, eine
Gesellschaft
von Intellektuellen und Künstlern, die nach der Schließung des
Sanatoriums in
Ascona zurückgeblieben sind. Diese von Schulenburg so genannte
"Asconesische Akademie" stand nicht mehr vorrangig im Zeichen der
Lebensreform, des Anarchismus und der Theosophie, sie stand auch nicht
vorrangig im Zeichen Gusto Gräsers. Man könnte aber von einer geistigen
Nachgeburt sprechen, einer Nachwirkung des Monte Verità. Hier wird
verarbeitet.
Die Zeit der Eruptionen ist vorbei, jetzt wird aufgeräumt, jetzt wird
kritisch
gesichtet und geordnet. Ein Mann aus der Gegenposition zu allem
Monteveritanischen, Großbürger, Hochadel, Offizier, Diplomat,
Nationalist,
Akademiker, Weltmann, Skeptiker, ein Antipode steigt herab in die
Tiefebene der
Erdarbeiter, der Naturmenschen, nicht ohne Sympathie, nicht ohne
maßvolles
Mitgehen sogar, aber zugleich mit der selbstverständlich gegebenen
kritischen
Distanz. Das heißt aber: eine Kultursynthese findet statt, Altkultur
und
Neukultur, Hochkultur und Pionierkultur begegnen sich. Und die
kritisch-satirische Auseinandersetzung dieser beiden Gegenmächte
vollzieht sich
im Roman von Schulenburg – wie in denen von Szittya und Max Brod – in
der
Symbolfigur Otto Gross. Sie steht letztlich eben doch hinter der
Gestalt des
Dr. Boétius.
Seine
kritische Vermittlung vollzieht
Schulenburg in Form einer Satire. Man kann diese Satire gegen den
Strich lesen.
Dann lautet die Botschaft, ins Positive gewendet: Das "Europäische
Institut", Nachfolgeorganisation der "Hochschule zur Befreiung der
Menschheit", intellektuelles Residuum der Institution Monte Verità
überhaupt, kämpft für Internationalismus, Pazifismus und Demokratie.
Das A. E.
I. (Asconeser Europäische Institut) tritt ein für psychologische
Aufklärung,
für Freiheit und Gleichberechtigung der Frau und für entschiedene
Bekämpfung
des Machttriebs. Es sind die Werte und Ziele, die auch die I.O.G.G.
(Internationale Otto Gross Gesellschaft) auf ihre unsichtbare Fahne
geschrieben
hat, es ist in nuce das kultur-, geistes- und realpolitische Ziel des
Monte
Verità überhaupt.
Ungewollt
übermittelt uns Schulenburg diese
Botschaft. Seine Kritik enthält Berechtigtes und Unberechtigtes.
Einerseits ist
er ein politisch Konservativer. Wo er aber die überspitzte
Intellektualisierung
und den verborgenen Machttrieb bei Gross und den Grossianern geißelt,
wo er die
Befreiung des Dionysischen anmahnt und an die immer vorhandenen, sich
jeder
Ideologisierung verweigernden Lebensfreuden erinnert, da steht er näher
beim
Geist des Monte Verità als der einseitig überhitzte Psychoanalytiker.
Außerdem
ist nicht zu vergessen: Die Figur
des Dr. Boétius geht nicht direkt auf Otto Gross zurück. Schulenburg hat ihn
höchstwahrscheinlich gar nicht
gekannt. Vorbild für Dr. Boétius war eine realer Arzt Dr. Boéchat, ein
Grossianer, gewiss, aber mit ganz eigenen Zügen. Drei Hauptzüge von
Gross
spielen bei ihm – jedenfalls im Roman – keine Rolle: Sexualität,
Anarchismus
und Revolution. Dr. Boétius ist ein verkümmerter Otto Gross, oder, wenn
man so
will, ein veredelter. Diese Figur spiegelt möglicherweise die Wandlung
der
asconesischen Grossianer in und nach dem Krieg. Eine Wandlung durch das
Klima
des Monte Verità. Pazifismus, Internationalismus und Demokratie waren
ja nicht
gerade die Werte, die Gross propagierte. Wohl aber standen sie auf den
Fahnen
der Monteveritaner. Es gab dort, um nur einige
Beispiele zu nennen, den Friedensapostel Baron Wrangel, der auf Monte
Verità
pazifistische Kongresse abhielt, in dessen Nachfolge später eine
"Cosmopolitische Union" entstand. Es gab den "Anationalen
Kongress" der Reformer und Pazifisten von 1917, es gab die
Friedensaufrufe
von Hermann Hesse, Klabund, Gusto Gräser, Claire Goll und anderen. Es
gab das
offene Votieren von Ernst Bloch für das Programm von Wilson. Dr.
Boétius im
Roman will Verbindungen mit Wilson anknüpfen, hofft auf seine
Unterstützung.
Und nicht nur ist Gross in Boétius sozusagen monteveritanisch
unterwandert und
gewandelt. In seinen Institutsdamen, in seinen Besuchern und Patienten
stehen
dem Dr. Boéchat Vertreter asconesischer Ideen gegenüber. Von ihnen wird
er
schließlich überwältigt. Schulenburg spöttelt zwar auch über deren
Ideen, aber
letztendlich zeichnet er eine Entwicklung nach, die die Grossianer
schon damals,
um 1919, in Ascona vollzogen haben und die mit dem neueren
Wiederaufleben der
Gross-Tradition erst recht ins Zentrum gerückt ist. Nämlich: kritische
Auseinandersetzung mit dem Machtdenken von Gross selbst – und
andererseits
Hinwendung zu den monteveritanischen Urideen Pazifismus,
Anationalismus,
Genossenschafts-, Bruderschafts- oder Herzens-kommunismus, und damit zu
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit als Grund-substanz von Demokratie.
Das
Europäische Institut muss nicht in Zürich
verdämmern, sagt uns Schulenburg. Er selbst hat sich für Ascona, hat
sich für
den Monte Verità entschieden. Zwar nicht klarsehend aber doch
ahnungsvoll
beschreibt er seinen Aufstieg zum Berg:
Ich stieg auf den Berg.
[...] Wer alles hatte diese Steine ausgetreten? All die
Menschheitshoffer, die
Illusionisten, Gesundbeter, Masdaznan-Leute, Anthroposophen,
Gespenstergucker,
Kommunisten älterer Observanz, Trappisten und was weiß ich alles; Halb-
und
Vierteldichter sind zu dieser absonderlichen Akropolis verwirrter
Geister
hinaufgepilgert; Musiker und Maler sind hinaufgezogen, und vielleicht
waren
Genies darunter. Vielleicht waren von jenen Feinen einige dabei, die
sich bald
von der Masse absondern und in verzweifelter Einsamkeit das Höchste
schaffen.
Vielleicht hat dieses Heer von Alchemisten der neuen Welt doch ein paar
große
Geister in sich gesehen, solche, die später von der Alchemie zur Chemie
kamen.
Vielleicht wird dieser Weg doch einmal späteren Geschlechtern einen
Pssionsweg
bedeuten, wie ihn Nietzsches heilige Straße von Sils-Maria nach Surlej
bedeutet, auf der ihn, bei jenem großen
Felsblock am Ende des Sees, der Zarathustra-Blitz durchschoß (Briefe
vom
Roccolo 69f.). 


Ein Esel bringt Trinkwasser aus dem Tal ins
Sanatorium
Wasser vom Berg
Der Brunnen-Roman von Schulenburg
Es gibt einen zweiten Ascona-Roman von
Schulenburg, am Ende seines Lebens, ein Menschenalter nach dem ersten,
geschrieben: 'Tre Fontane', zu deutsch : Drei Brunnen oder Drei Quellen.
Ein
Alterswerk, ein Werk des Rückblicks auf sein Leben. Bezeichnenderweise
fällt
sein Blick auf seine Erfahrungen von etwa 1918 bis 1926 in Ascona.
Diese Jahren waren offensichtlich eine Hoch- und Glückszeit für
ihn gewesen. In ihrem Bilde sucht er nun eine Summe seiner
Lebenserfahrung zu
geben, dem Sinn seines Daseins ein Symbol zu schaffen.
Drei
Brunnen, drei Quellen. Die erste und unterste ist die traditionelle Fontana
della Madonna, auf der Rückseite des Monte Verità gelegen, ein christlicher
Wallfahrtsort zur Madonna, vermutlich heidnischen Ursprungs, eine Quelle, die
aber nur spärlich fließt und deren Wasser mühsam in Eimern zu den Wohnungen des
Dorfes getragen werden muss. Ascona ist unterversorgt, Ascona leidet an
Wassermangel, das Dorf dürstet.
Der
zweite Brunnen, etwas höher gelegen, ist derjenige des Monte Monescia oder
Monte Verità. Eigentlich eine Zisterne, die aber das Dorf einigermaßen
versorgen könnte. Aber der Hotelbesitzer, Herr Gygax, ein Brutalo, lässt
überschüssiges Wasser lieber im Wald versickern als es den Dorfbewohnern
zukommen zu lassen. Während also die erste Quelle vom Aberglauben besetzt ist,
ist die zweite in der Faust des Kapitals.
Der
dritte Brunnen, die dritte Quelle – wo ist sie zu finden? Es gibt sie, hoch in
den Bergen über Ascona. Aber wer kann sie erschließen, wer ihr Labsal ins Tal
und in die Häuser leiten? Verschiedene Versuche werden
unternommen. Eine bürgerliche Vereinigung zu ihrer Erschließung bildet sich,
zerfällt aber unter Streitigkeiten. Eine Gruppe idealistischer Künstler beginnt
mit dem Bau einer hölzernen Leitung, aber ihr gutgemeinter Dilettantismus führt
zu keinem Erfolg. Die hölzerne Leitung wird vom Hotelbesitzer in Brand
gesteckt, brennt ab.
Bei dieser Lage der Dinge kommt ein Fremder ins Dorf. Keine Frage: Er
wird die dritte Quelle, die aus der Reinheit der Berge kommt, erschließen.
Keine Frage auch: In diesem Heilsbringer entwirft und deutet der Verfasser sich
selbst. Er kam als Fremder 1918 oder 19 nach Ascona, er hat, nach seiner
Meinung, den dürstenden Menschen – nicht nur von Ascona – das Wasser des Lebens
gebracht.

Was
bringt er uns tatsächlich? - Die Asconesische Akademie oder eher noch: das
asconesische Arkadien. Was
darunter zu verstehen ist, was Ascona für Schulenburg bedeutete, sei mit
seinen eigenen Worten gesagt:
Der Fremde umfaßte diese Welt unter sich und um sich
mit einem heißen Gefühl von Liebe. ... Das Land, das vor ihm lag, hatte seine
Seele entflammt. Er fühlte jenes Zittern kreimender Leidenschaft, er fühlte das
Aufbrechen all der feinen Knospen in seiner Brust, ihr Schwellen zu Blüten, die
dem Lsande entgegen brennen wollten. ... Er war gekommen wie ein heimlicher Don
Juan, um zu erobern, um sein Wesen in dieses Land einzupressen. Schöner, begehrenswerter
war es, als er, der viel Erfahrene, es sich hatte träumen lassen. Wundersam war
die Geschlossenheit, wundersam der Geist, der über Wassern und Bergen schwebte,
wundersam waren alle diese skurrilen Menschlein mit ihren überentwickelten
Ideen. Das gütige Land trug sie, lächelnd, ohne Kritik und machte sie so zum
Teil seiner selbst. Es lächelte zu ihren Befreiungskämpfen, die sich gegen
irgendwelche Autoritäten richteten, gegen die Brutalität, in der Form des
Staates oder Kapitales, gegen den Fanatismus, in der Form der Wissenschaft oder
Kirche, die sich aber nie richtete gegen den Dämon in der eigenen Brust, gegen
den kindlichen Egoismus, der all diesen bestürmten Autoritäten das eigene
"Ich" als neuen Götzen schweigend entgegenzusetzen trachtete (Tre
Fontane 39).
In
dieser Zusammenfassung ist Otto Gross und sein Kreis der Anarchisten und
Psychoanalytiker mit enthalten. Das zweimal gebrauchte Wort
"Autoritäten" zusammen mit "Befreiungskämpfen" bezeichnet
seine Lehre treffend. Aber gemeint sind alle, kritisiert werden sie alle, auch
die Theosophen, auch die Lebensreformer, auch Gusto Gräser – und das mit einem
gewissen Recht. Gemeinsam ist ihnen tatsächlich, dass sie das eigene Ich in den
Mittelpunkt stellen – als Widerstandsfestung gegen die kollektiven Autoritäten.
Und dass sie aus diesem rebellischen Widerstand gegen die drückende Übermacht
des damaligen Kollektivs heraus "überentwickelte", d. h. überzogene,
übertreibende, überschießende Gegenpositionen entwickeln, praktisch, politisch,
philosophisch oder spirituell. Sie alle pochten auf das Recht des Individuums,
setzten auf die Kraft des Einzelnen. Individualistischer Anarchismus war die
vorherrschende Philosophie, Stirner und Nietzsche, Afrikan Spir und Eugen
Heinrich Schmidt die maßgebenden Philosophen. Übertreibung bis ins
Absonderliche war in dieser Kampfsituation kaum zu vermeiden.
Der alt und weise gewordene Schulenburg
sieht diese überentwickelten Ideen und ihre Träger mit einem gütigen Lächeln.
Er kämpft nicht mehr gegen sie wie in seinem Boétius-Buch, er hat ja selbst von
diesen Ideen profitiert, hat sich von ihnen genährt. Aber er behandelt sie mit
skeptischer Distanz, er befreit sie von ihren Übertriebenheiten, reinigt sie
von ihrem Fanatismus und kann sie darum mit einem Lächeln gelten und gewähren
lassen. Gegen den "Pizzo del fanatismo" errichtet er den "Pizzo
del sceptizismo attivo" (Tre Fontane 114), den "Gipfel des aktiven
Skeptizismus" (ebd. 79). Das heißt, er errichtet diese Berge nicht, er
benennt so zwei mehr oder weniger imaginäre Bergspitzen über Ascona.
Die
schöpferische Leistung des Fremden, die Leistung von Schulenburg besteht nun
darin, die Quellen, die auf dem Gipfel des aktiven Skeptizismus entspringen,
ins Tal zu den Menschen zu leiten. Der Durst des Volkes, den der Monte Monescia
nach seiner Meinung nicht löschen konnte oder wollte, dieser Durst wird nun
gelöscht.
"Um
elf Uhr", so heißt es gegen Schluss des Buches, "um elf Uhr brausten
die Brunnen und Leitungen am Hange des Berges und im Dorfe auf. Das Märchen vom
ewig fließenden Wasser war Wirklichkeit geworden" (Tre Fontane 105).
Hier in der
Tat liegt die Leistung des Verfassers und der hohe
Wert dieses Buches für das Phänomen Ascona-Monte Verità. Sein
menschenfreundlicher Skepti-zismus, der alle Ideologien, Dogmen, Fanatismen,
Welterklärungs- und Weltverbesserungsversuche nicht geradezu verwirft aber
milde belächelt, in ihrer Relativität und Irrfähigkeit erkennt, dieser kluge
und klärende, weltkundige Skeptizismus reinigt die asconesische Ideologie von
ihren Übertriebenheiten, ihren Borniertheiten, ihren Phantasmen und Fanatismen,
stutzt sie und führt sie zurück auf ein menschenverträgliches Maß. Dr. Dr. Graf
Werner von der Schulenburg, Jurist, Kunsthistoriker, Ex-Offizier und
Ex-Diplomat, Welt-reisender, Romanschriftsteller, Dramatiker und Historiker,
ein Vertreter des Hochadels, voll
gesättigt mit allen Werten von Tradition und Bildung, hebt damit den Geist von
Ascona auf ein neues Niveau. Zu dem Primitivismus der Pioniere einer neuen
Lebensform neigt sich ein Vertreter der Altkultur in Sympathie und Kritik
zugleich. In ihm und seinem Kreis vollzieht sich eine Synthese des Neuen und
Alten, von Praxis und Theorie, von Natur und Kultur.
Schulenburg
kritisiert auch die Idolisierung der Natur. Durch den Mund seines Philosophen
sagt er uns:
Aus der Natur kommt immer nur der Kräftenachschub.
Nichts Direktes. Kein Geist. Alle Form, die wir ihr und damit uns geben, geben
wir aus uns, aus unserem Maß, aus unseren Notwendigkeiten. Wer sich der Natur
hingibt ohne sie im Geist zu formen, der verfällt ihr (Tre Fontane 57).
Zugleich aber liebt und feiert er die Natur,
ermahnt uns aber: "Vorsicht, weil wir ihr nie gewachsen sind" (ebd.).
Für die Zügelung der Natur in uns und für die Zügelung des Geistes zugleich lehrt
er seine vier Freiheiten: "Frei vom Weib, frei von materiellen Sorgen,
frei von Furcht, frei von Eitelkeit" (ebd.).
Diese vier Freiheiten verkündet er vom Gipfel
des aktiven Skeptizismus.
Die
Gipfel
sprachen: frei vom Weibe, frei von materiellen Sorgen, frei von Furcht
– und –
höre – frei von Eitelkeit. Wir Berge sind nicht eitel, obwohl wir
schöner sind als alle eure Weibchen und schöner als eure größten
Taten. Was du tust, das tue ohne Eitelkeit. Tue es heimlich selbst vor
dir.
Vergiß mit Willen rasch, was du tatest, Gut und Böse. Auf das Böse sind
die
Menschen gerne eitel, sie kommen sich wie Helden vor gegen ihre Moral
(Tre
Fontane 78).
Der Berggeist spricht zu ihm, wie er zu Gusto
Gräser gesprochen hatte.
Die Liebe des
Fremden flammte auf wie ein Stern, der noch nie geleuchtet hat. Die Liebe zum
Land und die Liebe zu den Menschen verschmolz in ein großes Gefühl, Teil zu
sein allen Lebens. Ganzes zu sein im Ganzen, Mensch zu sein ohne Gotteskrücke
(ebd. 78).
Dieses Wirgefühl, dieses Ganzheitserlebnis
und diese Moral eines uneitlen, weil absichtslosen Handelns – das sind Elemente, die ganz und gar zu Ascona gehören,
jedenfalls zur Welt Gusto Gräsers. Ein solches Denken ist nicht fern von den
Lehren der Bhagavad-Gita und Laotses. Das aber sind die Bücher, die von Gräser
und Hesse, von Arp und andern auf Monte Verità gelesen wurden, ihr Geist hat
die Atmosphäre geprägt. Diese Atmosphäre hat den Weltmann Schulenburg
angezogen, gehalten und begeistert, hat ihn bis zu seinem Lebensende
inspiriert.
Es weht ein dionysischer, ein fröhlicher
Tanzgeist durch dieses Buch. Tanzszenen verschiedenster Art ziehen sich wie
Girlanden durch seine Seiten. Eine Tänzerin, Leonore von Perugio, wohl ein
Nachbild der Charlotte Bara, gehört zu seinen Hauptfiguren. Auf einer Waldwiese
begegnet dem Fremden diese Tänzerin neben einem blumenbekränzten "Altar
aus Felssteinen" (ebd. 66), er findet sie betend (ebd. 106). Um einen
Toten wird der Gott Siva getanzt und ein Epos 'Der Tanz
des Siva' entsteht. Vor der
Brunnenmadonna beobachtet der Fremde "eine absonderliche Gemeinde. Die
Frauen der Religiösen in violetten Gewändern bekränzten einen erhöhten Stuhl
mit Blumen. Dazu sangen sie einen Hymnus unter beständigen Anrufen von
Dionysos, der Jungfrau Maria und Buddha. ... Dann begann ein milder Reigen, ein
Nymphenhymnus auf die Quellgöttin und die Fruchtbarkeit im allgemeinen;
Palmblätter blitzten wie Schwerter auf", die Frauen bewegten sich langsam
und getragen, "bis der allgemeine Taumel sie hinriß" (ebd. 74f.).
Die synkretistische Religiosität wird
sichtbar, die für den Monte Verità bezeich-nend war. Schulenburg ist kein
Freund der Religiösen, er ist eher angewidert von einer solchen Szene. Er sagt
aber auch: "Der Fremde ... ehrte diesen Ausdruck reinen Glaubens, weil er
noch einen Rest von Milde barg, weil er sich nicht fanatisch, würgend bot,
nicht in hassender Liebe die Schwerter zückt, Menschen verbrennt und Geister
zwingt, und unter dem Zeichen eines Gottes die Erde entvölkert" (ebd. 73).
Schulenburg schildert drei Gruppen, die für
Ascona charakteristisch sind: die ansässigen Fischer und Weinbauern, die
Künstler und die Religiösen. Zu ihnen stoßen als vierte Gruppe zugezogene
Spekulanten, Händler und Aufkäufer, die der Fremde verachtet und bekämpft. Sie
sind seine Gegner, denen er mit List und Tüchtigkeit die begehrten
Quellgrundstücke vor der Nase wegschnappt. Schulenburg selbst hatte sein
Roccolo verloren, war eingeklemmt worden zwischen den kapitalstarken Käufern
Stinnes und von der Heydt. Stinnes hatte seinen Vogelfängerturm, der durch ihn
und andere zum Vogelsängerturm geworden war, (angeblich) in die Luft gesprengt.
Ein Bankier, ein Hotelbesitzer und ein Makler sind die Negativfiguen in seinem
Roman.
Schulenburgs Skeptizismus ist also nicht
gleichgültig oder resignativ. Er selbst nennt ihn aktiv und menschenfreundlich.
"Man soll hinauswirken über sich, über sein Leben", sagt sein
Bergphilosoph, "man soll glauben, daß es anders wird; glauben, daß man
sich in hunderttausend Jahren einmal anständig mit der Menschheit unterhalten kann.
Sich selbst schon jetzt zu einem solchen Kerl erziehen, das ist es" (Tre
Fontane 109).
Darum sieht er sich verpflichtet, dieser
arkadischen Menschenlandschaft von Ascona Gutes zu tun, "ihre flammende
Eigenart zu erhalten und sie davor zu
bewahren, daß sie sich verschleudern mußte an Spekulanten und Seelenverkäufer,
um ihr Dasein zu fristen. Strahlend frei sollte sie bleiben – wie sie es
war" (ebd. 41).
In
diesem Sinne ist sein Humanismus durchaus
kämpferisch, eben: aktiv. Auf der andern Seite ist er duldsam und von
einfühlendem Verstehen. So schildert er einen Mann, den er zugleich
Tomatendieb
und Täufer nennt. Dieser Mann behaupte, "Gott lasse alles für alle
Menschen gleichmäßig wachsen" und darum sei er berechtigt, von den
roten Früchte sich zu nähren. Auch habe er keine Freude an der
Arbeit. Diejenigen, die Freude an der Arbeit hätten, seien dadurch
schon genug
belohnt. Der Fremde beobachtet eine Szene, wie der Täufer sich im
Garten einer
Religiösen bedient. Die Frau stürzt zu ihm hinunter. "Der Fremde
beobachtete die Auseinandersetzung. Er sah aber nur zwei Menschen sich
gegenüberstehen; die Unterhaltung wurde ganz leise geführt. Endlich
nahm der
zweifelhafte Täufer die Früchte, die er gepflückt hatte, in einem
Körbchen mit
sich. Er machte über dem Haupt der Religiösen ein merkwürdiges Zeichen,
das sie
fast ängstlich entgegenzunehmen schien und ging aufrecht davon, während
er
seine langen Locken heftig schüttelte" (Tre Fontane 40). Beim Fest der
Madonna della Fontane schreitet der Tomatendieb würdig hinter der
Vortänzerin
Leonore einher, "er war Täufer in Haltung und Kleidung" (ebd. 74).
Hier haben wir möglicherweise ein Kurzporträt
Gusto Gräsers vor uns, von dem die Legende berichtet, er habe in seinen jungen
Jahren die Gärten der Bauern von Ascona geplündert. Der andererseits immer
wieder mit Johannes dem Täufer verglichen wird. Johannes ernährte sich in der
Wüste von Heuschrecken und Honig, Gräser ernährte sich im Tessin zeitweise von
den Esskastanien, Äpfeln und Tomaten, die dort in Fülle gedeihen.
Schulenburg verurteilt den Tomatendieb nicht,
er betont seine würdige und aufrechte Haltung. Er beklagt, in einer Zeit leben
zu müssen, "die keine Landstreicher mehr verträgt – aus Neid" (Tre
Fontane 59). Ein Ort, wo man sich mit einem "Landstreicher" und
"Tomatendieb" in ruhiger Freundlichkeit unterhält und sich sogar von
ihm segnen lässt – ein solcher Ort erzeugt seine eigene Art von Humanität. Man
könnte sie die Humanität von Ascona nennen.
Der Roman, festlich und heiter an sich, endet
mit einem Festspiel zu Ehren des wasserspendenden Fremden. Ein gütiger
Berggeist tritt auf und eine Schar von Quellnymphen; eine
"renaissanceartige Götterposse" wird gespielt (ebd. 115). "Dem
Fremden wurde bei diesem kleinen Götterspiel religiös zumute. Er lachte, aber
es war nicht das Lachen über einen scharfen Witz, sondern es war eines mit der
tiefen, bejahenden Heiterkeit, die von dieser räumlich kleinen und sich geistig
ins Endlose weitenden Bühne ausging" (ebd.).
Der Fremde zieht weg und überlässt die
fließenden Wasser den Bewohnern von Ascona.

Ein
Brunnen im Dorf Ascona mit Elisabeth Gräser und ihren Töchtern, 1919

Werner
von der Schulenburg (hinten rechts) mit Robert Binswanger,
Paula Kupka, Bruno Goetz, Mita Gildemeester und
Willy Stadler
1919 auf dem Monte Verità von Ascona
Humanitas
Asconensis
Die
Kunstbohème um den Roccoloturm 
Es lohnt sich einen Blick zu werfen auf das,
was Schulenburg seine "Asconeser Akademie" nennt, genauer gesagt: auf
das asconesisch-monteveritanische Milieu in den Jahren nach dem Krieg. Wir
haben da eine Spätblüte vor uns, einen Nachsommer, der zugleich eine höhere
Stufe der Entwicklung bedeutet: Ascona wird ein Klein-Weimar. In Ascona bildet
sich kurzfristig eine Geselligkeit von Künstlern, Schriftstellern und
Gelehrten, wie sie ähnlich – wenn auch geniebesetzter - zur Goethezeit in dem
thüringischen Kleinstädtchen sich versammelte. Auf die rohe und harte Zeit der
Pioniere, die an Erde, Stein und Holz sich abarbeiten mussten, auf diese
heroische Phase war im Krieg die Zeit der Emigranten gefolgt. Sie standen unter
dem dreifachen Druck des Krieges, der politischen Ächtung und des erschwerten
Broterwerbs. Jetzt, nach dem Krieg, entlassen aus diesem Druck, konnten sich
Künstler und Schriftsteller ins gemachte und zugleich verlassene Nest setzen,
buchstäblich in die Ruinen des utopischen Baus, unterstützt von spendefreudigen
Mäzenen. Der reiche Pelzhändler Bernhard Meyer förderte Siedler, Anarchisten
und Tolstoianer. Der Sohn des reichen Psychiaters Binswanger, Robert
Binswanger, selbst schriftstellerisch begabt, sammelte Schriftsteller und
Künstler um sich. Der Exoffizier und Ex-Diplomat Graf von der Schulenburg
empfing in seinem Landgut um den Roccolo-Turm ein kulturhungriges Publikum.
Gleichzeitig traf man sich im Zentralhaus des einstigen Sanatoriums zu
Vorträgen, Musik und Tanz.

Lageplan des Monte Verità um 1914 nach einer Skizze
von Alexander de Beauclair. Die von Robert Binswanger gemietete Casa Günzel,
Zentrum des Freundeskreises, befindet sich rechts oben neben dem Gelände des
Sanatoriums.Unterhalb davon der Vogelfängerturm oder Torre Roccolo, den
Schulenburg erworben hatte. Etwas weiter unten die beiden Häuser von Karl
Gräser. Der in den Briefen von Glauser als Treffpunkt erwähnte Garten der Frau
Langvara befand sich ganz rechts, unterhalb der Villa von Baron Wrangel.Oben
angedeutet die in größerer Höhe und Entfernung befindliche Mühle von
Arcegno-Ronco und die Pagangrott Gusto Gräsers.
In der Mitte zwischen zwei Siedlungskommunen
liegend - Fontana Martina bei Ronco und Villa Graziella in Locarno - nährte
sich Ascona noch immer von den Ideen der
Reformer. Frau Gräser war noch am Ort mit ihren sieben
Kindern. Der Maler und Gräserfreund Adolf Stocksmayer malte in Monti seine
Pflanzenbilder, stellte zusammen mit Paul Klee in Ascona aus. Frau Mia Hesse,
die sich von ihrem Mann getrennt hatte, siedelte sich in freundschaftlicher
Nachbarschaft der Gräsers an. Mit Klavierspielen in Kinos hielt sie sich mühsam
über Wasser. Der Zoologe Karl Soffel zog von Monti herüber und erwarb das
einstige Gräserhaus. Von Alexander de Beauclair ließ er sich ein Bildnis des
heiligen Franziskus auf die Hauswand malen. Der franziskanische Geist
mystischer Naturliebe schwebte noch immer über dem Berg.

Der hl.
Franziskus predigt den Tieren.
Wandgemälde
am Hause Karl Gräsers
von
Alexander de Beauclair.
In diesem Klima wuchs eine Kolonie von Malern
heran, breitete sich aus: zu Ernst Frick, Lou Albert-Lasard, Alexej Jawlensky,
Marianne von Werefkin, Arthur Segal, Hans Arp, Sophie Taeuber, Alexander de
Beauclair, Adolf Stocksmayer und anderen gesellten sich nun die Maler Ernst
Kempter, Jakob Flach, Walter Helbig, Gordon McCouch, Hugh Wilkens, Albert
Kohler, Otto Niemeyer, Otto van Rees, Amadeus Barth und andere mehr.
Schließlich folgten besuchsweise die Maler und Architekten des Bauhauses. Die
bunte Blüte einer Künstlerkolonie gedieh auf dem von den Pionieren fruchtbar
gemachten Boden.
Der Weg von Locarno hinauf zum Roccolo,
schreibt Schulenburg, gehöre in das Gebiet der Verzückungen. Er fühlt sich in
einer Hyperionlandschaft; im Geiste Hölderlins bedeutet ihm sein Grundstück
etwas Heiliges. "Fröhliches Heidentum" bekennt er als seine Religion.
Das monotheistische Prinzip löse sich in Ascona von selbst in ein
pantheistisches auf. Aus Schulenburg spricht eine romantische Seele. In seinem
klassisch-heidnischen Weltgefühl – er liest und preist Catull - ging er mit den
meisten Dichtern und Künstlern von Ascona einig.
Grete Binswanger, die Schwester von Bruno
Goetz und Frau von Robert Binswanger, erzählt: "Wir beide, mein Mann und
ich, bauten auf christlicher Grundlage ... Die andern [ihre Gäste wie Glauser,
Schulenburg und Goetz] hielten es eher mit dem Dionysisch-Dämonischen ... Wenn
sie religiös waren, dann griechisch religiös" (zit. in Saner114).
Das trifft natürlich auf Schulenburg zu und
erst recht auf ihren Bruder Bruno Goetz. Der bekennt von sich: "Schon früh
keimte in mir der Glaube an eine endliche Versöhnung des heidnischen mit dem
christlichen Geiste, der Glaube an eine Heilige Hochzeit der Götter mit dem
ewigen Urbilde allen freien Menschen-tums, dem Gottmenschensohne Christus"
(in Saner116).
Darin äußert sich das Grundthema des
gräserschen Monte Verità, auf je eigene Art aufgegriffen und bearbeitet von
Hermann Hesse, Gerhart Hauptmann, Ernst Bloch und Bruno Goetz. "Versöhnung
des heidnischen mit dem christlichen Geist", eine griechische, d. h. eine
dionysische Religion, wie sie schon Schiller, Goethe und Hölderlin gesucht und
gefordert hatten. Schiller zeichnet sie in seinem Gedicht 'Die Götter
Griechenlands' mit den Worten:
Das
Evoë muntrer Thyrsosschwinger / Und der Panther prächtiges Gespann / Meldeten
den großen Freudenbringer. / Faun und Satyrn taumeln ihm voran, / Um ihn
springen rasende Mänaden, / Ihre Tänze loben seinen Wein, / Und die Wangen des
Bewirters laden / Lustig zu dem Becher ein. (Zit. n. Safranski, S. 287).
Hölderlin wollte bekanntlich den Thyrsosschwinger
mit dem Mann von Golgatha versöhnen.
Der den Vögeln
predigende Franziskus, auf die Straßenfront des Gräserhauses gemalt, mag für
diese Gesinnung als Sinnbild dienen. In diesen mythensuchenden,
mythenschaffenden Kreis, der wie Gross eine Alternative zur Natur- und
Sinnenfeindschaft des alttestamentlichen Jehova suchte, in diesen poetisch und
religiös denkenden Kreis brachen nun die Grossianer ein mit ihren
wissenschaftlichen Rationalismus. Ihre Kulturkritik war dieselbe – antipat-riarchalisch
und antiautoritär -, ihr Lösungsweg war ein anderer. So wurden sie feindliche
Brüder.
Der Eindruck, wie er aus Schulenburgs Boëtius-Roman
entsteht, nämlich dass die Grossianer den Diskurs im Nachkriegsascona geprägt
hätten, ist falsch. Das ergibt sich aus anderen Zeugnissen, namentlich von
Friedrich Glauser, die inzwischen bekannt geworden sind. Sie wollten ihn
beherrschen, ja. Aggressiver als andere, als die sanften Theosophen,
Anthroposophen, Lebensreformer, als die Catull-Leser und Hölderlin-Schwärmer,
suchten sie zu dominieren und zu missionieren.
Aber sie stießen auf die Ablehung
der griechisch und gräserisch Religiösen. Man muss Schulenburgs Roman verstehen
als eine Abwehr und Notwehr. Er will sich diese fanatischen Ideologen vom Leibe
halten, will die musisch, heiter und festlich gestimmte Runde schützen, in der
er sich wohlfühlt. Die Ideologie der Grossianer empfindet er als einen Angriff
auf das dionysische Klima von Ascona. Sie passen nicht in seine Akademie. Sie
passen nicht zum genius loci. Darum endet seine Geschichte mit einer
Ausweisung: Ab mit den amusischen Kerls ins nordisch düstere Zürich.
Auch Grete Binswanger spricht in ihren
Erinnerungen von einer Akademie:
Wir
haben viel gearbeitet damals in Ascona,
wir haben aber auch viele fröhliche Feste gefeiert, die ihren Ursprung
in der Festfreude meines Bruders Bruno Goetz hatten. Oft haben wir Lesungen
veranstaltet; es war fast eine kleine Akademie, vom Willen zu einem besseren,
freieren Leben getragen (in Saner 114).
Glauser selbst schreibt aus Ascona: "Man
arbeitet hier sehr viel. Am Abend kommt man zusammen. Man liest Nietzsche,
Hoffmann oder eigene Werke. [...] Alles ist vorhanden: Anregung, Lust zum
Arbeiten, Freiheit, Fröhlichkeit, wirkliche Fröhlichkeit, die niemals
bürgerlich-kitschig wird oder in Zoten aus-artet" (zit. in Saner 114).
Der
Roccolo-Turm auf dem Monte Verità. Links: Der Eingang zum Turm.
 Nun wird klar: Die Akademie von
Ascona, die Akademie von Schulenburg, Goetz, Glauser und Binswanger, der auch
die Maler und Malerinnen zugehörten und die Tänzerinnen Katja Wulff, Berthe
Trümpy, Mary Wigman, diese Akademie ist nicht identisch mit dem
"Europäischen Institut" des Dr. Boétius alias Dr. Boéchat. Sondern
ihr Widerpart. Die Asconesische Akademie will das sogenannte "Europäische
Institut" des Dr. Boéchat überwinden, ausscheiden, aus Ascona vertreiben.
Die Handlung des Romans besteht ja darin, dass die Frauen und Patienten des
Instituts, lebensreformerisch und dionysisch gesinnt – ich erinnere an die
Hohepriesterin des neuen Tanzes – sich erheben gegen den Leiter des
Unternehmens, der sie seinen Zwecken, seinen politischen
Zwecken dienstbar machen will. Dr. Boétius wird von mänadenähnlichen Frauen
zwar nicht gerade zerrissen aber doch gefangen genommen und abgeführt, in eine
Wüste getrieben, die hier den Namen Zürich trägt.
Es zeigt sich also: Schulenburg steht, zwar
kritisch-ironisch distanziert, aber letztlich doch mit seinem Herzen auf der
Seite der Ur-Asconesen. Er ist, nach eigenem Bekenntnis, ein ästhetisch und
bildungsbürgerlich gewandelter Tolstoianer, ein Graeco-Tolstoianer. Und seine
Freunde sind Graeco-Franziskaner oder Tao-Franziskaner. Indem Friedrich Glauser
mit seiner Freundin, der Laban-Mitabeiterin Liso von Ruckteschell in die Mühle
von Ronco einzieht, besetzt er sozusagen feindliches Gebiet, das Territorium
der Grossianer. Es handelt sich, wie im Roman, um eine Übernahme. Werner von
der Schulenburg schreibt das Nachwort seines Romans im Sommer 1920 bei diesen
Freunden in der Mühle. Die bösen Geister der Grossianer sind damit
ausgetrieben.
In der Tat hat man von einer grossianischen
Kolonie nach 1918 bislang nichts gehört. Dr. Boéchat, der wohl ihr
Hauptvertreter war, ist bis zum heutigen Tag selbst innerhalb der
Gross-Gemeinde unbekannt geblieben. Johannes Nohl und Heinrich Goesch sind um
1920 von Ascona weggezogen. Die Grossianer haben am Ort keine bleibende Spur
hinterlassen.
Sollten noch Zweifel an dieser Deutung der
Lage bestehen, dann lese man die Quellen. Man höre nur, wie Goetz über die
Grossianer spricht: "Dort hinten", sagt er zu Glauser, "nahe
beim Castello ... wohnen die Analytiker. Ihr Anführer nennt sich Nohl ... Die
Leutchen führen ein stilles Leben, man grüßt sich von ferne und läßt sich in
Frieden" (in Glauser: Dada 75). Man lässt sich in Frieden. Das ist noch
freundlich ausgedrückt. Man will mit ihnen nichts zu tun haben. Aus dem zweiten
Ascona-Roman von Goetz geht deutlich genug hervor, dass er die Grossianer
hasste. Von Glauser berichtet sein Biograph: "Auch Nohl, der Analytiker,
erfährt nicht eitel Ehrfurcht" (Saner 120).
Dabei hatte gerade der Lebensweg von Glauser
eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem von Gross. Glauser wurde wie Gross von
seinem Vater wegen seines "liederlichen und ausschweifenden
Lebenswandels" (Encarta-Lexikon) ent-mündigt. Wie Gross wurde er in eine
Irrenanstalt eingewiesen. Wie Gross war er süchtig nach Morphium und Kokain.
Wie Gross starb er jung, mit zweiundvierzig Jahren. Und nicht zuletzt: Wie Gross zog es ihn nach
Ascona. Warum?
Ascona, so schreibt er von dort, ist ihm,
"ein Beispiel, daß die menschliche Gesellschaft nicht unbedingt aus
Schweinen bestehen muß" (in Saner 114).
Dort findet er, was für ihn die "hauptsächlichsten Dinge"
sind, nämlich: "Die Absage an Besitz, Bequemlichkeit, Geltung in der Welt,
Karriere, kurz: an den seßhaften Bürger. Und – in einem tieferen.
hauptsächlicheren Sinn – die Annahme des Leides und Leidens" (in Saner
115).
Sollte es nicht dies gewesen sein, mindestens
auch gewesen sein, was Gross und seine
Freunde nach Ascona zog, was sie an den Menschen dort anzog? - "Die Absage
an Besitz, Bequemlichkeit, Geltung in der Welt, Karriere". Um damit aber
Ernst zu machen, gar darin standzuhalten, um Leid und Leiden anzunehmen, dazu
fehlte – so sehe ich es – Gross und den Seinen – von Nohl mal abgesehen - das
religiöse Organ. Gross suchte die Entscheidung politisch, d. h. durch die
Macht. Die Flucht vor Leid und Leiden führt in die Sucht nach der Macht.

Die Asconeser Freunde im Frühsommer 1919, vermutlich
im Garten der Casa Günzel auf dem Monte Verità von Ascona.Oder im Garten von
Schulenburg unter dem Roccoloturm?
Hintere Reihe (von links nach rechts): Margarete
Goetz, Malerin, Schwester von Bruno Goetz und zukünftige Frau
von Robert Binswanger; die Tänzerin Katja Wulff, Schülerin von Laban (beide
stehend), Gertrud Goesch, der Jurist, Sozialwissenschaftler und Philosoph
Heinrich Goesch, die Maler Arthur Bryks und Amadeus Barth, die Schriftsteller
Robert Binswanger und Werner von der Schulenburg (beide stehend). Mittlere Reihe: die Malerin und Textilgestalterin Elisabeth
von Ruckteschell, zukünftge Ehefrau von Bruno Goetz; Frau Bryks, der Maler
Martin Wolf, Mutter Goetz, die Malerin Paula Kupka aus Wien, der deutschbaltische Schriftsteller Bruno Goetz,
die Malerin Mita Gildemeester, zukünftige
Ehefrau von Werner von der Schulenburg. Vorne: der Gräzist Werner Kaegi mit Hund Tilly, der
Lehrer und Schriftsteller Willy Stadler.
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