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Friedrich Muck-Lamberty

Auszüge aus der Darstellung von  Detlef Belau 


"Erschüttert vom Kriege, verzweifelt durch Not und Hunger, tief enttäuscht durch die anscheinende Nutzlosigkeit all der geleisteten Opfer an Blut und Gut, war unser Volk damals manchen Hirngespinsten, aber auch manchen echten Erhebungen der Seele zugänglich, es gab bachhantische Tanzgemeinden und wiedertäuferische Kampfgruppen, es gab dies und jenes, was nach dem Jenseits und nach dem Wunder hinzuweisen schien ...."

Hermann Hesse: Morgenlandfahrt. Erstausgabe 1932, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1982, Seite 13 

Der Zug der Neuen Schar durch Thüringen -
Friedrich Muck-Lamberty in Naumburg (Saale)

Friedrich Lamberty erblickt als Sohn von Friedrich August und Franziska Lamberty am 14. Juli 1891 in Strassburg / Elsass das Licht der Welt. Die frühen Jahre seines Lebens liegen für uns im Dunkeln. Nur soviel ist bekannt: Er wächst in einer kinderreichen Familie auf, die im Elsass und später in Simpelveld (Niederlande) lebt. Seit den Kindertagen nennen sie ihn Muck. Und als Messdiener der katholischen Dorfkirche soll ihn besonders der Marienkult beeindruckt haben. Die Mutter Franziska Lamberty, geboren am 27.Oktober 1860, lebte bis 1939. Der Vater, Friedrich August Lamberty, von Beruf Kaufmann, geboren am 12. Juni 1859 in Neheim an der Ruhr, stirbt 1913. Er führte ein autoritäres und rechthaberisches Familienregime. Mit vierzehn Jahren verlässt Muck das Elternhaus. Von Holland wandert er nach Bregenz am Bodensee und kommt mit der Wandervogel-Bewegung zusammen.

Ascona (2008)

Sein Weg kreuzt der Dichter, Kriegsdienstverweigerer und Naturprophet Gusto Gräser (1879-1958), der aus Brasov (Kronstadt) in Siebenbürgen stammt und 1900 die Liebes-Kommune auf dem Monte Verità (Berg der Wahrheit) bei Ascona mitgründet. Zu den bekanntesten Bewohnern gehörte der Schriftsteller Hermann Hesse (1887-1962).

Einfachheit, Naturnähe und ein Leben in Symbiose mit dem Wald sehnen die Weltverbesserer herbei. Das trifft sich mit der Lebensmaxime von Muck-Lamberty. Giovanni Pico della Mirandola formulierte sie 1486 in Über die Würde des Menschen mit den Worten:


"Ich bin geboren worden unter der Bedingung,
dass ich das sein soll, was ich sein will."

Ein schwieriges Unterfangen, wenn man mit vierzehn Jahren aus dem Elternhaus geht, den Beruf autodidaktisch erlernt und in einer Zeit tiefer gesellschaftlicher Krisen seinen Weg finden muss. ML schafft es! Dabei lebt er manche Unvollkommenheit, wie seine Verteidigerin Gertrud Prellwitz es 1920 ausspricht.

Gusto Gräser findet 1907 nach Esslingen und lernt Willo Rall kennen. Um ihn bildet sich der Freundeskreis der Esslinger Sieben (vgl. Hermann Müller 2009), zu dem der 16-jährige Friedrich Muck-Lamberty gehört, der in einem in Stuttgarter Reformhaus angestellt war. Mit Achtzehn soll er die Leitung einer Filiale in Brno (Brünn) übernommen haben.

Vom 11. bis 13. Oktober 1913 treffen sich 4 000 Reformbegeisterte zum Ersten Freideutschen Jugendtag auf dem Hohen Meißner bei Kassel mit dem Soziologen Max Weber, dem Verleger Eugen Diederichs aus Jena und Gustav Wyneken. Die Vertreter aus den unterschiedlichsten Bünden reden und diskutieren über Pazifismus, Frauenstimmrecht, Tierschutz, vegetarische Bewegung und alternative Projekte. - Friedrich Muck-Lamberty ist dabei. - Die Bedeutung des Treffens lag in der Botschaft:

Wir wollen unser Leben
aus eigener Bestimmung
vor eigener Verantwortung und
mit innerer Wahrhaftigkeit gestalten.

Zusammen mit Hans Paasche (1881-1920) gründet Muck bei diesem Jugendtreffen den Freundeskreis Gusto Gräser. - Der Wortführer der Lebensreformbewegung erfährt übrigens ein fürchterliches Ende. Mitglieder eines Freikorps erschießen ihn am 21. Mai 1920 vor den Augen seiner Kinder auf dem eigenen Grundstück beim Fischen. Kurt Tucholsky hält an seinem Grab eine bewegende Rede. [Gerhart Hauptmann setzt ihm in seinem Epos ‚Till Eulenspiegel’ ein dichterisches Denkmal. – H.M.] …

Krieg und Revolutionszeit

Wie Max Schulze-Sölde (1887-1967) oder Ludwig Christian Haeusser (1881-1927) greift Muck-Lamberty die Verunsicherungen und Ängste des Kleinbürgertums sowie des Mittelstandes auf. Er therapiert sie mit Fröhlichkeit, Naturverbundenheit, kryptischer Religiosität und der Revolution der Seele. Letztere kommt im Gewand von Tanz, Spiel und Gesang daher. Eine fulminante Utopie. Muck begreift sich als Missionar. In der Erfurter Barfüßerkirche ruft er im August 1920 seinen Jüngern zu:

"Wir sind Vorläufer. Sollen wir sagen, in wessen Auftrag wir kommen, so können wir nichts anders sagen, als: In Gottes Auftrag. Wir fühlen uns berufen von Gottes Gnaden." (Ritzhaupt 12)

Daraus schlussfolgert Pfarrer Ritzhaupt, dass auf Grund dieser "Abneigung gegen den Rationalismus", die Arbeiter-, Jugendbewegung und Neue Schar nicht zusammen finden können. Diese Frage wird uns noch weiter beschäftigen. Zunächst ist darauf zu achten, woran Hermann Müller in Monte Gioia (2001, 191 f.) erinnert: "Erhaltung der Naturdenkmäler, Belebung des Dorf- und Stadtbildes durch Erhaltung und Anpflanzung von Bäumen, Schutz der heimischen Tier- und Pflanzenwelt von völliger Ausrottung und Schutz heimischer Gewässer vor der Verschmutzung" - eine Forderung der Grünen aus den Achtzigerjahren? Nein, es handelt sich um einen Aufruf des Gräserfreundes Muck-Lamberty vom Jahre 1919."

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 Rondinella rula und vom Schwingen der Seele 
Der Zug der Neuen Schar durch Thüringen  

Die Idee zur Wanderung durch Thüringen entsteht sui generis mit den Thesen zur Deutschen Volksgemeinschaft von 1918. Bildeten diese den theoretischen Teil des Vorschnellens (Muck), so folgt mit dem Zug der Schar durch Thüringen nun der praktische Teil. Anregung gab dazu bereits 1913 Georg Stammler mit

Worte an eine Schar.

Sie verfasste er "vor allem zur Selbstbefreiung, weil die innere Einsamkeit, der Druck einer von Lärm und Erwerbsgier angefüllten, in ihrer Geistigkeit unkeusch und übergeschäftig gewordenen Zeit schwer" auf ihn lastete.

Von Kronach aus zieht der lustige Haufen über Coburg, Sonneberg, Rudolstadt, Saalfeld, Kahla, Jena, Weimar, Erfurt, Gotha nach Eisenach. Sein Credo lautet:

"Wir sind 25 junge Handwerker, Arbeiter, Kaufleute, Lehrerinnen usw. aus dem ganzen Lande, die nichts von dem gehässigen Parteileben wissen wollen und zur Volksgemeinschaft streben. - Kennzeichen: Blaues Fähnlein und Tuthorn (Tuuuut)." (Ritzhaupt 7)

 Der Zug der Neuen Schar
im Jahr 1920

14. Mai
Hartenstein im Erzgebirge

Pfingsten
Zum Treffen der Wandervögel in Kronach

Coburg

13. Juni
Sonneberg
Ankündigung eines Vortrags von Friedrich Muck-Lamberty im Schiesshaussaal von Sonneberg (Thüringen) abends 8 Uhr zum Thema "Zusammenbruch des Alten! Empörung der Jugend"

Kahla

5. Juli
Rudolstadt
Die Neue Schar tanzt und singt mit den Bürgern (7. und 8. Juli).

28. Juli
Rede von Friedrich Muck-Lamberty im Volkshaus von Jena

14. August
Ankunft in Weimar

18. August
Predigt in der Stadtkirche von Weimar

21. August
Erfurt

27. August: Predigt von Friedrich Muck-Lamberty in der Barfüßerkirche in Erfurt

Gotha

September
Eisenach

Oktober
Hartenstein im Erzgebirge

Leuchtenburg bei Kahla

Sie verzichten auf Alkohol, wollen nicht Rauchen und ernähren sich vegetarisch. "Erhalte dich, faste, reinige dich, um deinen Geist zu stärken. Askese in allen Dingen des Lebens, um Kraft zu haben." (Linse 1983)

Einfachheit, Menschlichkeit, Natur- und Frohsinn sowie eine neue Volksverbundenheit zeichnete die Neue Schar aus, schreibt Erich Pätz (Rudolstadt) auf Grundlage eigener Nachforschungen im Jahr 1990. Sie ließen ihren Beruf in Stich, breiteten eine Zeltbahn aus und warfen alles darauf, was sie an Geld und Habseligkeiten besaßen. Gemeinschaftlich und in selbstgewählter Armut wollten sie leben. (Vgl. Pätz 1990, 93) Sie begreifen sich im Kampf der Jungen gegen die Alten.

"So kommt es sicher,"

heißt es auf einem Handzettel der Neuen Schar,

"daß die Jungen sich verbinden, gegen alles Morsche und Faule und gegen die Verderbtheit der heutigen Gesellschaft zu kämpfen, die Jugend, die über allen Parteien steht, um des Lebens willen." (Ritzhaupt 7)

Selbst auf das Kirchengeschehen nehmen sie Einfluss. "Das möge hier festgehalten werden", konzediert ihnen Pfarrer Adam Ritzhaupt 1921:

"Die Neue Schar hat ein Verdienst an der Entwicklung des gottesdienstlichen Kultur." (Ebenda 15)

Ulrich Linse bezeichnet ihren Anführer in seinem Buch Barfüßige Propheten (1983) als Messias von Thüringen.

"Wo sie ankamen, erregten sie zunächst Lachen, Erstaunen, Entrüstung: die Männer mit langen Haaren, kurzen Hosen, Sandalen, bloßen Füßen; die Mädchen in leinenen Kitteln, ebenfalls barfüßig und barhäuptig." (Ebenda  7)

Aber bald breitet sich eine jauchzende Stimmung und unbeschreibliche Begeisterung aus.

Auf ihren Wanderung schläft der Tross oft in Wäldern. Vor der Nachtruhe lesen sie am Lagerfeuer Gedichte. Oder Gusto Gräser spricht zu ihnen( vgl. Müller 2011, 187 f.). bedeutet nicht WandernSchlendern, Zeitvertreib oder Vagabundieren. Muck lehrt:

"Die deutsche Jugend hat sich das Handwerksleben gründlich angesehen, und hat durch Wanderungen (Wandlungen) durch die Heimat und ins Volksleben hinein einen ganz anderen Sinn für Volk und Staat entwickelt." (Handwerk und Volksfest 8)

Unterwegs verteilen sie Handzettel. Einer erzielte wohl eine besonders starke Wirkung. Darauf stand ein Vers von Gusto Gräser (wie wir aus seiner Mitteilung an Hildegard Jung vom 28. Oktober 1977 wissen), der lautet:

Bursche, lass was flattern, wehen,
Tut mir doch nit so gesetzt!
Bissel stürmisch muss es gehen,
Soll was Freudiges geschehen,
tut was, was die Leut entsetzt!
tut mir nit so vereist!
Glut ist Geist!

Muck-Lamberty 1920 in Eisenach

Zu den angekündigten Tänzen kommen viele Neugierige, Wandervögel, Freideutsche und Neudeutsche. Rondinella rula zieht sie in den Kreis. Bald ergreift alle ein Schwingen - das Lieblingswort der Neuen Schar -, so wie wenn zwei Seelen Wohlgefallen aneinander finden, im Rhythmus der Ewigkeit. Oder wenn eine Gemeinschaft in Frieden und Freude zusammen geht. Man redet sich mit du an. Man lacht. Einige nehmen es als Spaß, andere als Ernst.

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In jenen Augusttagen gab es viele Blumen in der Stadt. Bekannte Gärtnereien hatten sie in Überfülle geschickt, erinnert sich Zeitzeuge Pfarrer Adam Ritzhaupt in

Die Neue Schar in Thüringen (1921).

"Am zweiten, am dritten Tag ist die ganze Stadt von einem Taumel erfasst." (Ritzhaupt 18, 8) "In den Schulhöfen, im katholischen Waisenhaus, in den protestantischen Jungfrauenverein, überall wird getanzt, wie die Neue Schar es gelehrt hat." (Ebenda 8)

Dienstag, den 24. August: "Es ist nach 8 Uhr abends, - Andreasstrasse. -- Menschen strömen in Gruppen, zu zweien und einzeln in eine Richtung: Friedrich-Wilhelms-Platz! [Domplatz] - - Im Nachtdunkel sieht man dort zunächst nur schwarze Menschenmauern, zuweilen dringt ein Melodiestück eines Volkstanzes durch, hier leichtbeschwingt, dort getragen --- schwermütig. Überall auf dem weiten Platz reges Leben: Ein Fest der jungen Menschen in urwüchsiger Einfachheit. Die Alten stehen dabei und erwägen im Herzen, ob sie schon heute oder vielleicht erst morgen ..." Tausende bewegen sich nach der Regie von ML.

Drei Tage später, Freitagabend, stellt Muck in der Barfüsserkirche sein Talent als Volksredner unter Beweis. Die Kirche öffnet ihm die Tore, weil er die Bürger erreicht, die sie bereits für sich verloren glaubte. "Ich war es", schreibt Harry Schulze-Wilde (eigentlich Harry Paul Schulze) am 1. Oktober 1971 an Werner Kindt,

"der Muck-Lamberty in die Kirchen brachte, das heisst, dass er ab Weimar in den Kirchen "predigen" konnte: Weimar, Erfurt, Gotha, Eisenach etc. Ich war es auch, der durchsetzte, dass neben dem Luther-Lied Eine feste Burg ... auch Marienlieder gesungen wurden."

"Bereits eine Stunde vor dem Beginn des Vortrages von Muck-Lamberty gleicht die Barfüsserstrasse einem Schwamm, der im Aufsaugen seine Grenze hat. Menschenklumpen ballen sich durch die enge Tür. Sitzplätze sind nicht mehr zu haben. In den Gängen enges Drängen. Ein freundliches Wort öffnet mir junger Menschen feste Kette, die den Choraufgang gegen die Menge abschliesst. Nun bin ich oben, darf an der Brüstung stehen und schauen. Der weite Raum ist schon übervoll und immer noch scheint der Zustrom kein Ende. Einer von der Schar bittet, zusammenzurücken. Hunderte finden noch ein Plätzchen.

Die alten girlandengeschmückten Steinsäulen blicken verwundert auf das Gewimmel zu ihren Füssen: einmütig sitzt hier der Geheimrat neben dem Arbeiter, hockt dort der Handwerker neben dem Akademiker. An der Chortreppe erregter Stimmenwechsel. Man will den Organisten nicht zu seiner Orgel lassen. Ein aufklärendes Wort gibt ihm Raum. Drunten flammen inzwischen die Kerzen der kranzumwundenen Leuchter auf; Schirme und Stockrücken bringen die Gaslampen bis auf wenige zum Verlöschen. Feierliches Halbdunkel. Matt winkt der Goldgrund des Hochaltars zum Chor herüber, von dem jetzt ein Orgelvorspiel das trutzige "Eine feste Burg …". Nun ein Gesang jugendfroher Stimmen von Geigen und Orgel zart begleitet. Dann Stille … Utz, der Quartiermacher der Schar, begrüsst die Festgemeinde. "Am liebsten möchten wir zu jedem einzelnen erst hingehen und ihm die Hand drücken…." Gleich darauf betritt ein anderer der Schar das lichter- und blumenumstandene Rednerpult. Ein Raunen und Flüstern durchsummt die Masse: Muck-Lamberty. Kaum hat er begonnen, tragen vom Kircheneingange her wilde Rufe Wellen der Aufregung in die Versammlung. Die Menge derer, die keinen Einlass mehr gefunden haben, hat scheinbar das Tor gesprengt. Allmählich tritt wieder Ruhe ein. Muck spricht weiter. Ja, das ist aber kein Vortrag, das ist Herzenszwiesprache, die er hält, das ist Erlebnis. Das spüren wohl auch zwei Jünglinge vom Deutschnationalen Jugendbund, die unten vorher einer dem anderen erklärt hatten, sich durch keine Stimmungsmacherei einfangen zu lassen. Als Muck nämlich, von den Schicksalen der neuen ScharLotterleben der meisten Studentenverbindungen in Jena zu sprechen kommt, sehen sie sich ganz verstört an - ich kann`s von oben beobachten - und verlassen gleich darauf die Kirche. Hoffentlich fruchtet es bei denen! Von dem, was Lamberty an diesem Abend sagt, kann ich nur einiges Herausgreifen, es ist sicher schier zu viel. Trefflich kennzeichnet dies der vertrauensselige Ausspruch eines alten Mütterchens nach Schluss: Wer den Kram gleich gefasst hat, für den wäre die Hälfte genug gewesen! O sei mir nicht böse, du liebes altes Mütterchen, dass ich dein Geheimnis preisgebe, Zeitungsmenschen sind in dieser Hinsicht undankbar. - Muck-Lamberty spricht vom neuen jungen Menschen, der aus der aufsteigenden Sehnsucht von Mann und Weib herausgeboren werden muss, von der Jugend, der man erst Zeit lassen soll, Mensch zu werden, bevor sie sich für Parteien entscheidet, und von der Meisterschaft der Arbeit: Im Erzgebirge gebe es hundert Meister, die nichts weiter könnten, als immer die gleichen Sofabeine drehen. Er meint die Meisterschaft der Arbeit, wo jeder mit ganzer Seele an einem Stücke schafft und diesem seinen ganz persönlichen Stempel aufdrückt. Zum Schluss weist er noch einmal darauf hin, dass seine Schar keinen Selbstzweck verfolgt, sondern nur Wegbereiter sein will für Menschen, die nach ihnen kämen und die uns noch Schöneres und Besseres zu sagen wüssten.

"Ich sagte ja schon, daß wir bald nur als kleine Gruppe marschierten,

 bald eine Schar oder gar ein Heer bildeten,

zuweilen blieb ich aber auch nur mit einem einzigen Kameraden,

oder auch ganz allein, in irgendeiner Gegend ....

Wir zogen nach Morgenland, ...." (Seite 27)


Hermann Hesse: Morgenlandfahrt. Suhrkamp Frankfurt 1982
Erstausgabe 1932

Ankunft in Naumburg  

"Im Sommer 1921 gab es offenbar eine harte Auseinandersetzung innerhalb der Jungen Gemeinde um Muck-Lamberty. Der Druck von außen hat zu Angst und zu Spannungen unter den jungen Menschen geführt. Ein Treffen der Schar in Fischbachwiese wird zum Tribunal. Hanne, die Geliebte von Muck, die wegen ihres (unehelichen) Kindes für die Öffentlichkeit ein Stein des Anstoßes und Ursache scharfer Angriffe auch innerhalb der Jugendbewegung geworden war, soll aus der Gruppe ausgestoßen oder zumindest von Muck getrennt werden. Auch Gertrud Prellwitz, die weihevolle Predigerin und Verteidigerin Mucks, hat sich bei manchen unbeliebt gemacht. Muck selbst hat sich unter diesen Umständen von der Schar getrennt und wartet nun in Naumburg auf die Entscheidung der Gruppe, die über das weitere Schicksal von Hanne und Gertrud ohne ihn beschließt. Gusto Gräser ist bei der Schar geblieben, gewissermaßen als sein Stellvertreter, und Muck hofft gespannt auf sein Kommen und seinen Bericht. Inzwischen stellt er in einem Brief an Hanne und Gertrud (der eigentlich an die ganze Gruppe gerichtet ist) seine Gefühle und seine Meinung dar." (Über Friedrich Muck-Lamberty 1920)

Hanna mit Kind* 

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Muck kommt um den 22. Juni 1921 (nach Mollenhauer 1927) nach Naumburg (Saale) und wohnt am Rand der Hochebene über dem Saaletal bei Zeise-Gött in der Neidschützer Straße. Das Grundstück befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Hossfeld`s. Hierüber berichtet Holger Fidus, der Sohn von Hugo Höppener (1871-1948), ein Schüler von Karl Wilhelm Diefenbach (1851-1913), im Brief vom 8. April 1978 an das Siebenbürgische Künstlerarchiv in Heilbronn folgendes:

".... Auf der Durchreise von meinem Vaterhaus bei Berlin in die Odenwaldschule am Ferienende wollte ich in Naumburg / Saale gute Freunde besuchen, den Stadtbaumeister von Naumburg, Fritz [richtig: Friedrich] Hossfeld mit Frau Ina, einer begabten Glasfenstermalerin und ihren damals wohl etwa 6 Kindern. Doch Frau und Kinder sollten erst am nächsten Tage vom Ferienaufenthalt an und auf einem bayrischen See zurückkehren. Wie es dazu kam, dass ich nicht im Hossfeldhause auf sie wartete, sondern im Nachbarhause, weiß ich nicht mehr. Dieses gehörte, soviel ich mich erinnere, einem Zeise-Gött, Schauspieler oder sonstigem Künstler, mit dem ich aber kein persönliches Zusammentreffen hatte. Dieser hatte dem damals von der Leuchtenburg vertriebenen Drechsler und Jugendführer Muck-Lamberty seinen Keller und Dachgeschoss zur Verfügung gestellt zum Wohnen und Drechseln. Ich suchte diesen auf und half ihm, seine eben gedrehten Leuchter lackieren, und er schenkte mir einen, wobei er mir anbot, in seinem Bett zu übernachten, denn er schliefe draußen auf der Wiese des Hossfeldsgrundstücks mit seiner Hannele und ihrem dort geborenen Säugling, der sowieso (es war Sommer) nicht im Häuschen leben mochte, dem Gärtnerhaus, das Hossfeld der jungen Frau zur Verfügung gestellt hatte.

Gusto Gräser (1879-1958)*

Als Muck mir sein Zimmer im Dachgeschoss zeigte, machte er mich darauf aufmerksam, dass im Nebenzimmer Gräser hauste. Natürlich besuchte ich ihn sofort und erinnere mich noch, dass eine ganze Ecke seines Zimmers mit einem riesigen Haufen von Holzschuhen angefüllt war, wie die Holländer sie tragen. Er sagte, er habe sie aufgekauft, weil sie als Brennholz angeboten waren, was ihm zu schade dünkte. Er hatte schon einige davon gewissermaßen als Köcher an die Wand gehängt, teils für Pinsel und ähnliches, teils für trockene Blumen, was sich sehr nett machte.

Dieses war mein letztes Zusammentreffen mit Gusto Gräser."

Im Brief vom 24. Juli 1921 an teilt sich Muck Hanna und Gertrud mit:

"Gräser ist noch nicht da, so dass ich nicht weiss, wie alles weiterverlaufen ist. Heute Abend kommt Gusto. Mit ist es, als musste ich jetzt schreiben, was ich denke:

Heute Abend kommt Gusto Gräser

und wird dann bleiben. Ich freue mich, dass ein so heiler und mutiger und froher Mensch, der so ganz verwurzelt ist mit Heimatlauge und Wald, bei uns bleiben will. Dann soll sich hier ein Strahlenbündel sich sammeln und dann und wann hinauströmen ins Volk. Alle, die wirklich jetzt mithelfen können sollen alles, was sie haben und verwenden können, dafür einzusetzen, dass dieser Gusto Gräser jetzt hier bleiben kann."

Dieser Plan geht nicht in Erfüllung.

"In Naumburg wurde im Hause der Werkschar (Handwerkergemeinschaft der Neuen Schar) Gusto Gräser von einigen Schupomannschaften und einem Kriminalbeamten verhaftet und abgeführt",

meldet Der Zwiespruch für den 9. September 1921. Die Zeitung für Wanderbünde teilt ihre Sorgen um den Wanderproheten mit:

Freunde zusammen!
flammen will, flammen,
unsrer Herzen sehrende Glut!
Freunde, vertrauen!
und aus dem Grauen
lohet uns Heil
und Alles wird Gut!

Gusto Gräser im Oktober 1921 aus dem ersten offiziellen Konzentrationslager in C[K]ottbus Sielow.*
(Aus: Ausstellung zu Gusto Gräser - 2009. Dokument wurde im Schwarz-Weiss-Umkehrverfahren bearbeitet.)

"Wir wissen nicht, wohin sie ihn geschleppt haben und erfuhren später, dass er mit einem Transport abgeschoben worden sein soll. Mit Muck planen sie ja auch einen Schub. Sie haben ihn ausgefragt, woher er stammt, und da er im Elsass geboren ist, soll weiter geforscht werden. Sie finden ja sicherlich etwas, denn sie suchen danach. Lassen wir doch den Gusto Gräser selber sprechen und alle ihr, die ihr ihn kennt und etwas dagegen tun wollt, schreibt auch dem Getreuen. Wir wollen hier alles vermitteln, da seine Gedichte, Sprüche, Bilder und Verse alle hier sind und wir alles zusammentragen wollen. - Werkschar, Naumburg."

Gräser wird in das Konzentrationslager Cottbus-Sielow eingeliefert.

 

Hanna und Muck (1921)*

 


.

 

 

 

 

 









Aufruf an die Jugend!
Von Friedrich Muck-Lamberty
Um 1924, Auszüge

Du Jugend des deutschen Volkes!

Die heilige Stunde Deiner Tat ist nun nahe herbeigekommen.

Auf Dich wartet unser Volk!

Auf Dich wartet Frankreich!

Auf Dich warten alle, die zum Lichte wollen!

Seit Jahren ringst Du um den Geist, auf Tagungen, an Lagerfeuern, in Herbergen, auf der Landstrasse.

Siehe, die Gnade Gottes ruhet auf Dir!

Dir ist es anvertraut, das gewaltige Werk, das immer nur Sehnsucht blieb und niemals Erfüllung ward.

Nun aber kommt die Zeit der Erfüllung.

Dies ist es, was Gott von Dir will: Du sollst aufstehen und in das Schicksal der Völker eingreifen.

Du sollst vor Frankreich hintreten und also zu ihm sprechen:

Wir wollen, dass die Schuld aus der Welt geschafft werde!

Wir wollen aufhören, um die Schuld zu feilschen, und freiwillig alles auf uns nehmen. Alle sind schuldig! Aber, wenn es sein muss, wollen wir Deinen Anteil an der Schuld mittragen, für Dich mitbüssen, Dich miterlösen.

Wir wollen, dass der Hass aus der Welt geschafft werde!

Magst Du uns noch so hassen, Frankreich, wir wollen Dich lieben, so lange lieben, bis Du vor unserer Liebe die Waffen streckst und in uns den Bruder erkennst.

Wir wollen, dass der Krieg aus der Welt geschafft werde!

Darum werden wir uns nicht wehren, wir werden Gewalt nicht mehr mit Gewalt erwidern. Wissen wir doch, dass Gott uns das geistige Schwert anvertraut hat und uns so mit Liebe erfüllte, dass Du gegen diese Waffe ohnmächtig sein wirst, trotz Deines vielen Kriegsgerätes, das uns anmutet wie ein Spuk aus vergangenen Zeiten.

Wir wollen, dass der Mammon aus der Welt geschafft werde!

Nicht er wird unsern Völkern Frieden und Versöhnung bringen, sondern tiefste innere, seelische Wandlung, sittliche Wiedergeburt, Erneuerung der Gesinnung. Darum wollen wir die Schuld nicht als eine Angelegenheit betrachten, die mit Geld wiedergutzumachen ist, sondern nur mit unserem entschlossenen Willen zum Opfer.

Sieh, wir stehen hier vor Dir, den leuchtenden Glauben an die Zukunft in den Augen und den Traum vom kommenden Friedensreiche in den Herzen, das alle Völker zum Blühen bringen wird!

Aufbauen wollen wir, Wunden schliessen, die der Krieg geschlagen. Und wenn die Anderen nicht opfern wollen, wir wollen es, damit sich Gott mit der frevelnden Menschheit versöhnt.

Niemals wirst Du uns glauben, wenn Du nicht tätige Beweise siehst des neuen Geistes, der über das verwesende Volk der Deutschen gekommen ist. Nun denn - können wir Dir einen grösseren Beweis unserer wahrhaften Liebe und Sühne-bereitschaft bringen: Als eine

Friedens-Aufbau-Armee

wollen wir in die zerstörten Gebiete kommen und uns dort zu Deiner Verfügung stellen, wollen uns in freiwillige Kriegsgefangenschaft begeben, nicht aus Schwäche, nicht aus sklavischer Gesinnung heraus, sondern aus höchster innerer Freiheit heraus, damit durch unser Beispiel und durch unser Opfer erlöst, das gsanze Deutschland sich zur Busse wende.

Fragt nicht, wieviele es sind, die von dem Gedanken dieses Opfers ergriffen sind. Es wird mit Wenigen beginnen, bald werden es Tausende sein, und schliesslich wird durch das ganze Volk der heilige Geist wehen, dessen Herannahen wir ahnend spüren. ...

Du aber, Du Jugend unseres Volkes, Du

sollst vorangehen!

... Auf dass die Welt erkenne, dass aus Not und Schmach heraus ein neues Deutschland geboren wurde.

Siehe, so stehen wir da - fertig, von innen heraus gewachsen in jahrelanger geistiger Vorbereitung - die Heerscharen des Christusgeistes, als Werkzeug Gottes, das der Welt den Frieden bringen soll.

Waffenlos, wehrlos, gewaltlos wollen wir gegen den Erbfeind marschieren, Hacken, Spaten, Hämmer und Äxte wollen wir statt der Kanonen und Gewwehre mit uns führen.

Nicht erobern, sondern heilen wollen wir.

Selbstzucht und freiwillige Unterordnung wird unsere Schaaren leiten.

Dienst wird ein gegenseitiges, wetteiferndes Dienen sein.

Die Ersten werden die Letzten sein, die Letzten die Ersten sein.

Wie im Kriege wollen wir leben, unter Entbehrungen, ohne Sold, nicht besser essen, nicht besser trinken, nicht besser gekleidet sein, nicht besser wohnen als unsere Brüder in den Schützengräben.

In diesem Geiste der Liebe, der wahrhaftigen Nachfolge Christi wollen wir neues, schöpferisches Leben erstehen lassen, dort, wo Jahre hindurch der Mord und grauenhafte Zerstörung gewütet haben. ...

So wird Deutschland entsühnt werden.

So wird endlich Friede werden auf Erden. ...

Deutschland! Deutschland! erwache!

*

Original im Archiv der deutschen Jugendbewegung,

Burg Ludwigstein



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Muck-Lamberty an Henry Joseph [den Freund, Hausgenossen und Schwiegersohn Gusto Gräsers]:

Lieber Joseph,
Deinen Brief habe ich als Abschrift von Max Schulze-Sölde bekommen. ...

Der Unterdrückte hat ein Recht sich zu wehren, selbstverständlich, und wenn er besser schaffen kann und heiler ist, kann er heilen; wenn er sich aber nur wehren will um dasselbe nachher zu tun, was die Unterdrücker tun, dann ist sein Aufbegehren mit schönen Worten Betrug und Lüge, und die Unterdrücker spüren es sehr gut und hauen zu. Die selbstlosen Ideen der Liebe und der Gemeinschaft entwaffnen jeden Gegner, auch den rabiatesten N.S.D.A.P.-Mann. Deutsche Belange sind doch keine Begriffe, die in Worten liegen, sondern die nächsten Dinge, die getan werden müssen. Wenn wir erst einmal am ewigen Gottesgesetz genesen sind, spüren, dass wir ein Teil unseres Volkes, der ganzen Menschheit sind, dann haben wir den Nachbarn beizustehen ...

Ja zum Henker noch einmal, was hält denn die Liebenden, Selbstlosen und Starken oder die Gelobenden davon ab, zusammen zu gehen, zu marschieren, zu wandern, zu leben, zu schaffen, zu gewinnen und ein Beispiel zu gestalten der gegenseitigen Hilfe? Kann Euch überhaupt jemand davon abhalten gut zu sein und ehrlich? ...

Es ist ... ein Irrtum, darauf zu warten, bis die ganze Welt erst alle Proletarier verbunden hat; nein zum Neugestalten auf der Basis der Achtung und Liebe und gegenseitigen Hilfe ist alle Tage die richtige Zeit. Eine starke liebende Kraft, die aus menschlicher Grösse heraus heilend wirkt, kennt vielleicht gar nicht die Bibel, das "Wort Gottes", "Religion". Sie ist heilend. Es gehört dazu ein starkes Herz und ein gesunder Menschenverstand und ein Ruhen in ewigen Kräften. ...

Die N.S.D.A.P.-Leute wollen Entscheidungen, und sie werden deshalb beachtet, weil sie fanatisch die Entscheidung wollen, in Schritt und Tritt ankommen und ganz toll ihr nächstes Ziel wollen. Sie werden in dem Augenblick aber mit dem Programm zusammenbrechen, wo ihnen sich kein Widerstand mehr bietet und sie die Probe der Heilkraft ablegen müssten. ... Ich habe ja gesagt, warum wesentliche Menschen sich nicht ganz den N.S.D.A.P.-Leuten und -Parteien zur Verfügung stellen können, weil dort zu wenig die Wesensdinge der Jungen zur Geltung kommen, man einfach kein Ohr dafür hat, so etwas als "Schwärmerei" bezeichnet. ...

Naumburg a. d. S.                                 Muck Lamberty, Drechsler
 

 Aus: Die Kommenden, Folge 31, Juli 1929, Seite 362



Der vollständige Text der ausführlichen Darstellung von Detlef Belau ist zu finden unter:

www.naumburg1933.de/geschichte/mucklamberty.htm

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