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Friedensbotschafter der
Jugendbewegung |
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Jakob Feldner (1896 - ?) |
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![]() Der linkspazifistische Flügel in der deutschen Jugendbewegung zwischen 1914 und 1919 ist in der Literatur seit dem Zweiten Weltkrieg besonders beachtet und mehrfach in gründlichen Arbeiten (Linse, Fiedler, Preuß) dargestellt worden. Dabei wurde eine Person übergangen oder vielmehr gar nicht wahrgenommen, die wohl den spektakulärsten Beitrag zum Thema „Jugendbewegung als Friedensbewegung“ geleistet hat: Jakob Feldner.
Zu seinen Mentoren gehörte Gusto Gräser, der Geistgründer des Monte Verità von Ascona, und auf diese Insel einer keimenden Alternativkultur scheint Feldner seine pazifistischen Freunde geführt zu haben. In ihm wird die unterirdische Linie sichtbar, die von Anfang an den Hohen Meißner mit dem Monte Verità verbunden hat. Dass Feldner bisher unentdeckt geblieben ist, kann nicht einer Absicht oder einem schuldhaften Versäumnis zugeschrieben werden. Der Grund ist in der Quellenlage zu suchen: Es lag nichts vor. Der Abwehr der deutschen Heeresleitung ist es gelungen, nahezu alle Spuren zu tilgen, die von jenem Friedensbotschafter im Ausland in das innere Deutschland hätten zurückführen können. Der im Ausland bekannteste Vertreter der deutschen Friedensjugend blieb im fortbestehenden Nationalismus des Inlands ein Unbekannter. Der französische Schriftsteller Romain Rolland hatte seit 1914 durch seine mutigen Aufrufe gegen Hass und Krieg weithin Aufsehen erregt. Friedenswilllige aus vielen Ländern und solche, die den Sturz der herrschenden Mächte erstrebten, wandten sich an ihn, sammelten sich um ihn. Die Professoren Albert Schweizer, Albert Einstein, Friedrich Nicolai, Friedrich Wilhelm Foerster ebenso wie die Schriftsteller Stefan Zweig und Hermann Hesse oder die Exilrussen Trotzki, Rubakin, Lunatscharski. Verzweifelte Soldaten schrieben ihm aus den Schützengräben oder Gefangenenlagern. Rolland war zu einem Symbol des Widerstandes und der Geistesfreiheit über den verfeindeten Nationen geworden, von den Kriegsparteien gehasst, von den wenigen Klarsehenden verehrt als ein Leuchtfeuer der Hoffnung und der Humanität. Seit Kriegsbeginn lebte der ehemalige Professor an der Sorbonne, der 1915 den Nobelpreis der Literatur erhalten hatte, in der neutralen Schweiz. In Frankreich war er mit dem Tode bedroht. Am 30. August 1916 schreibt er in sein Tagebuch: Besuch
eines jungen
Studenten (der Politökonomie) von der Universität Berlin. Jakob
Feldner, der
mir durch Professor Ragaz empfohlen worden ist. Er ist ein junger
Bursche von
knapp 21 Jahren, dem es mit allerlei Vorwänden geglückt ist, aus
Deutschland
herauszukommen, obwohl man ihm einen Pass verweigert hat. Er erzählt
mir vom
internationalen Studenten-Verein an der Universität Berlin und von
seinem
Wunsch, auf eine Verständigung mit französischen Studenten
hinzuarbeiten. Ich
lasse ihm wenig Hoffnung, dass er sie erreicht
Wer
ist dieser junge Mann, der im Auftrag
einer Gruppe der deutschen Friedensbewegung über die Grenze ging, um
Verbindung
mit dem „Feind“ aufzunehmen? Wer schickte ihn und wer stand hinter ihm?
Was
waren seine Motive und Überzeugungen? Es lohnt sich, so zu fragen. Denn
dieser
Unbekannte, bis heute selbst in der Jugendbewegung völlig Vergessene,
stand
alsbald innerhalb der pazifistischen Emigranten in der Schweiz, einer
internationalen geistigen und künstlerischen Elite, gleichgeachtet als
ein
Botschafter der Friedenswilligkeit eines Teils der deutschen Jugend,
genauer:
eines Teils der Jugendbewegung.
Feldner ist aufrichtig und, glaube ich, ohne Falsch, ohne Hintergedanken. Ich bin (wieder einmal) überrascht von der – zumindest äußerlichen – Gleichgültigkeit dieser jungen Deutschen gegenüber den tragischen Ereignissen, die sie eng umgeben. Nicht an den grauenvollsten Krieg von heute denken die meisten, sondern an den Frieden von morgen und an das, was dann kommen wird.[1] Sein Einsatz für den Frieden kam nicht von ungefähr. Der Vater des 1896 im bayrischen Pfarrkirchen Geborenen war ein Anhänger des Malers, Natur- und Friedensapostels Karl Wilhelm Diefenbach, der einst vor seinem Haus in Höllriegelskreuth bei München die weiße Fahne der Humanität gehisst hatte. Diefenbach war beim ersten Internationalen Friedenskongress in Wien, auf dem Bertha von Suttner Österreich und Mark Twain die Vereinigten Staaten vertraten, der einzige Vertreter Deutschlands gewesen. „Du sollst nicht töten!“ lautet der Titel eines bekannten Gemäldes von Diefenbach. Und von den Eltern Feldners, die ihres aufmüpfigen Sohnes wegen bespitzelt wurden, sagt ein Polizeibericht, sie seien – wie Diefenbach – „Naturheilkundliche“ und „Anhänger des Verfahrens der Vegetarianer“.[2] Feldner der Ältere wurde dann ein enger Freund und Förderer des Jugendstilmalers Fidus; Feldner der Jüngere setzte sich 1915 zusammen mit Freunden aus dem Berliner Wandervogel für einen anderen ehemaligen Diefenbach-Schüler ein: den Mitbegründer der Landkommune Monte Verità bei Ascona und mehrfachen Kriegsdienstverweigerer Gusto Gräser.[3] Es sollte sich bald zeigen, dass eben jener Monte Verità das heimliche Ziel von Feldners Grenzüberschreitung war. Zu der Gruppe, die gegen Gräsers Anweisung aus Deutschland protestierte, gehörten neben anderen der Arzt Max Hodann und der Schriftsteller Walter Trojan. Es handelte sich hier offenbar um eine Fraktion innerhalb des „Aufbruch“-Kreises um Ernst Joël, die, unter dem Einfluss einerseits des Philosophen Leonard Nelson, andererseits des Naturdenkers Gusto Gräser stehend, für entschiedene politische und soziale Aktion stand. Hodann und Feldner waren Mitbegründer der „Centralarbeitsstätte für Jugendbewegung“ (C.A.S.) gewesen, die Kontakte zur Arbeiterbewegung suchte, jedoch von den Behörden alsbald ebenso verboten wurde wie ihre Schriften gegen das geplante „Reichsjugendwehrgesetz“. Diese aktivistische Gruppe innerhalb des „Aufbruch“-Kreises könnte mit einigem Recht die Nelson- oder auch die Gräser-Fraktion genannt werden. Ihre akademischen Mitglieder sammelten sich im Berliner „Internationalen Studenten-Verein“, ab 1917 in dem von Hodann mitgegründeten „Internationalen Studenten-Bund“. [4] Ziel dieser Gruppe war die Gewinnung des Friedens auf dem Wege der Verständigung zwischen den Jugendlichen aller Länder. In diesem Sinne und Auftrag, der offenbar auch von Joël unterstützt wurde, kam Feldner in die Schweiz. Seiner Reise waren erste Kontakte vorausgegangen. Schon 1915 hatte Joël an Rolland geschrieben und ihn um einen Beitrag für den entstehenden „Aufbruch“ gebeten.[5] Ende Mai 1916 kam ein anderes Mitglied des „Aufbruch“-Kreises, der Dichter Alfred Wolfenstein, zu Rolland. Er spricht zu mir vom Geist der liberalen Studenten in Berlin, von ihrer von Joël geleiteten Zeitschrift “Aufbruch“ (...) Eine andere Gruppierung, die viel umfassender ist und einen mehr durch soziales Handeln geprägten Charakter hat, ist im Begriff unter den Studenten und im Volk zu entstehen. Wolfenstein kam, um in Erfahrung zu bringen, ob es nicht möglich wäre, schon jetzt Verbindungen zwischen den deutschen und französischen Studenten herzustellen.[6] Rolland redet ihm das aus; Feldner kommt einige Monate später trotzdem. Mit einem Trick hatte er sich den Reisepass verschaffen können, der ihm zunächst verweigert worden war. Er geht zuerst zu dem Züricher Theologen und Pazifisten Leonard Ragaz, der sich ebenfalls für Gräser eingesetzt hatte und der ihn an Rolland weiterempfiehlt. Dieser wiederum fasst Vertauen zu dem jungen Mann und verschafft ihm Zugang zu seinem Freundes- und Mitarbeiterkreis. Der junge Student Feldner, der mich in den letzten Tagen besucht hat, schreibt mir aus Lausanne (3. September), nachdem er Forel, Rubakin, Seippel und Guilbeaux besucht hat. Er hat mit Jouve im Briefwechsel gestanden. Er ist „hocherfreut, Franzosen getroffen zu haben, die über dem Hass und der Verachtung des Ausländers stehen. Ich und meine Freunde in Deutschland freuen uns herzlich, ihnen auf einem höheren Niveau zu begegnen als dem des einseitigen Nationalismus von heute. Die Welt muss sich ändern. Aber die Menschen, die sich begnügen und sagen (wie ich es oft gehört habe), nach dem Kriege kann man wieder Beziehungen anknüpfen, nach dem Kriege wird der Internationalismus ein Sport sein: diese Art von Menschen hat für uns Kämpfer kein Interesse. Wir brauchen Menschen mit Rückgrat. Bis jetzt gibt es nur wenige. Aber der Anfang ist gemacht. Und unsere kleine Gruppe bildet eine Einheit, wie sie fester und treuer nicht sein kann. ... „[7] Innerhalb weniger Tage hat sich Feldner mit den Schweizern Forel und Seippel, dem Russen Rubakin und den Franzosen Henri Guilbeaux und Pierre Jean Jouve bekannt gemacht. Der ehemalige Direktor des Zürcher Burghölzli, Auguste Forel (1848–1931), als Hirnanatom, Ameisenforscher und Psychiatrieprofessor ein Gelehrter von internationalem Rang, Pazifist und Sozialist, Vorkämpfer der Abstinenzbewegung, war zugleich ein früher Förderer der Gebrüder Gräser. Von seinem Mitarbeiter A. Grohmann war 1904 die erste Monographie über den Monte Verità erschienen. Forel selbst hatte 1914 mit seiner Schrift ‚Die Vereinigten Staaten der Erde’ sein politisches Endziel klargelegt. Paul Seippel, Professor für französische Literatur an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, war 1914 Direktor des ‚Journal de Genève’ geworden. In diesem Blatt erschien wenige Wochen nach Ausbruch des Krieges Rollands berühmter „Offener Brief an Gerhart Hauptmann“ und sein ebenso berühmter Artikel ‚Über dem Getümmel’, nach Rollands eigenen Worten „eine Huldigung an die heldenhafte Jugend Europas und gleichzeitig eine Anklage gegen die verbrecherischen Urheber dieses Krieges und ein Aufruf zur Einigung der europäischen Geister.“[8] Es war dieser Artikel, der Ernst Joël veranlasste, Rolland zu schreiben, dass er „einen großen Teil der deutschen Jugend bewegt und begeistert“ habe.[9][10] Der Schriftsteller Henri Guilbeaux, Freund und Mitstreiter von Romain Rolland, gab seit 1916 die linkspazifistische Zeitschrift ‚demain’ heraus. Er wurde in Frankreich zum Tode verurteilt und folgte Lenin nach Russland. Feldner war einer seiner Mitarbeiter, und vermutlich in seinem Gefolge kam auch Guilbeaux auf den Monte Verità. Der russische Gelehrte Nikolai Rubakin, berühmter Philologe und Bücher-sammler, hatte nach der Revolution von 1905 seine Heimat verlassen müssen. Er trägt Geheimdokumente über Russland zusammen und ist zugleich in Unter-suchungen über biologische Psychologie vertieft. Als Rolland ihn fragt, ob es seinen Schriften gelänge, nach Russland hineinzukommen, antwortet er: „Siebenundvierzig von meinen Büchern sind in Russland verboten und verbrannt worden, aber hundertdreiundfünfzig sind im Umlauf. Das genügt.“ [11] Pierre Jean Jouve (1887–1976), bedeutender französischer Lyriker, Romanschriftsteller und Essayist, Übersetzer Hölderlins und Shakespeares, war der engste Freund und ständige Gesprächspartner von Rolland. Seine Texte gegen den Krieg und für ein vereintes Europa (‚Gedicht gegen das große Verbrechen’, 1916; ‚Totentanz’, 1917; ‚Ihr seid Menschen!’) werden von Claire Studer-Goll, die sich ebenfalls in die Schweiz geflüchtet hat, ins Deutsche übertragen. Was Jouve bei seiner ersten Begegnung mit Rolland empfindet, steht für eine Vielzahl ähnlicher Bekenntnisse: Diese Jugend „möchte mich wissen lassen, dass sie sich meinen Gedanken verwandt fühlt.“ Ich
hatte das Gefühl, einem Gefängnis entronnen zu
sein, ich hatte das Gefühl, eine Welt von Hass und Blut hinter mir
gelassen zu
haben, in der ich einsamer war als ein Kind unter Kannibalen. ... in
der ich
nichts hatte als ihn, seine Briefe, seine Schriften, sein seltsames und
tiefes
Leuchten, eine Serie von Blitzen, in diesem Lichte sah ich ihn.[12]
Feldner, der Jouve zunächst nur brieflich erreicht, wird ihm auf Monte Verità erstmals begegnen. Aus den Akten des bayrischen Generalkommandos erfahren wir außerdem, dass der „extreme Sozialist“ Jakob Feldner in Bern mit dem Pazifisten Alfred H. Fried verkehrt, dem Herausgeber der „Friedenswarte“ und Friedensnobelpreisträger von 1911, in Lausanne mit der Tänzerin Clotilde van Derp und dem deutsch-schweizerischen Schriftsteller Otto Volkart. Feldner sei in Begleitung einer gewissen Elisabeth Borchardt und beide gehörten dem Internationalen Studentenverein Berlin an. (So das deutsche Konsulat in Lausanne schon am 7. September 1916!) [13] In kürzester Zeit hat Feldner die führenden Köpfe der internationalen Friedensbewegung kennen gelernt, hat offensichtlich ihr Vertrauen und ihre Sympathie erworben, wird alsbald Beiträge schreiben für die Genfer Zeitung ‚La Feuille’, für den ‚demain’, für die ‚Friedenswarte’, später auch für die ‚Freie Zeitung’ von Bloch und Ball. Er spricht in diesem Kreis, neben Hesse, Bloch, Zweig, Frank und all den anderen Emigranten, als die Stimme der deutschen Jugend, selbstbewusst und kämpferisch, obwohl er nur eine winzige Minderheit in Deutschland hinter sich hat. „Eure Welt liegt zerschlagen“, hält er der Blutschuld der älteren Generation entgegen, „unsere Welt will geboren sein“. „Uns aber lud die Zeit, die die Katastrophe eurer Hypokrisie ist, atlasschwere Schulterlasten auf.“[14] Töne des „Klassenkampfes der Jugend“ werden hörbar, wie sie aus dem „Aufbruch“-Kreis bekannt sind, und auch der pathetische Idealismus dieser Jugend: „Die Zukunft muss ein Haus haben, in dem sich leben lasse. ... Darum will die Jugend von heute nicht nur nach außen, sondern auch nach dem Innen des Menschen wirken, und ihn zu dem entwickeln ... was ihn von der Bestie unterscheidet. Neue Menschheit in neuem Weltbau ...“[15] Es geht ihm um den Umsturz „eines austilgenswerten Staatssystems“.[16] ![]() Einleitung
zu ‚Deutsche Jugend
und Weltkrieg’
Mit diesen Zitaten sind wir vorausgeeilt. Noch ist er nicht an dem Ort, wo eine „neue Menschlichkeit“ einen „neuen Weltenbau“ zu errichten sich anschickt. Endlich – oder schon – am 16. September 1916, keine drei Wochen nach seiner Ausreise, befindet er sich auf dem Monte Verità, dem „Berg der Wahrheit“ bei Ascona. Sein Brief von dort an den väterlichen Freund Rolland ist ein einziger Jubelruf, überschäumend von Begeisterung und neuem Kraftgefühl. ...Und
wie könnte man es nur laut, meilenweit
schreien? Dass die Jugend stark ist in Deutschland, und das
Deutschland, das
von dieser Jugend und diesen Gedanken getragen wird, ist nicht tot. Es
lebt! Es
lebt gesund! Wenn auch heute mit allen Ruten unterdrückt. Aber es ist
falsch,
wenn man glaubt, uns einen Dienst zu tun, wenn man gegen die Träger
dieser
Ruten, die in allen Ländern sind, Krieg führt, um uns zu „befreien“.
Befreiung
kommt nur von innen heraus. Das kommende Deutschland wird
durch uns, durch
die deutsche Jugend, durch den trotzig übriggebliebenen Rest nicht
Totgeschossener
frei werden. Das mag sich die Welt merken: diese Jugend ist stark
genug! Noch
gibt es Leute, die für ihre Freiheit, ihre Unabhängigkeit, ihre freie
Erziehung
zu kämpfen wissen.[17]
Auch wenn kein Name und kein Grund genannt wird, so dürfte doch klar sein, was diesen Ausbruch ausgelöst hat: Er hat den Freund wiedergefunden, hat die legendäre Siedlung der Naturmenschen gesehen, ist aufgenommen worden in eine Gemeinschaft außerhalb aller Konventionen, in der Kriegsgegner aller Länder sich versammeln, in eine Zitadelle des Friedens mitten im Krieg. All dies müssen wir freilich hinzudenken, denn der Brief – in der Wiedergabe von Rolland – gibt keinen einzigen konkreten Umstand seines Besuches wieder. Dass es aber solche Äußerungen gegeben hat, steht außer Zweifel – Rolland hat sie getilgt: fünffache Auslassungszeichen sprechen für sich. Undenkbar, dass Feldner bei seinem ersten Besuch auf Monte Verità nicht berichtet hätte von dem, was ihm dort begegnete, unerklärbar sein Begeisterungsausbruch, wenn man ihn allein auf das ferne Deutschland bezöge: als ob er diese Jugend zum ersten Mal entdeckte, als ob er noch nie zu Rolland von ihr gesprochen hätte! Wir glauben zu wissen, wer ihm dort begegnet ist. Gusto Gräser war erst wenige Tage früher aus österreichischer Gefangenschaft nach Ascona zurückgekehrt, nachdem er den Kriegsdienst verweigert hatte und mehrfach vor seine Erschießung gestellt worden war. Nach Monaten der Todesdrohung in Militärkerkern und Irrenhäusern war er zurückgekehrt, ungebeugt und stärker als je, lebendige Verkörperung des Widerstandes und der aufrechten Menschlichkeit. Noch
gibt es Leute, die für ihre Freiheit, ihre
Unabhängigkeit, ihre freie Erziehung zu kämpfen wissen. Kämpfen ohne
eisernes
Kreuz, ohne Ehrenlegion, aber kämpfen im Lichte einer besseren,
kommenden Zeit.
Kampf gegen den Krieg:
das ist es, was wir wollen und
predigen....[18]
So Feldner. Er muss Gräser und seine Freunde – auch Hesse besuchte ihn zu dieser Zeit – als die beste Verkörperung der deutschen Jugend empfunden haben. Im Kulturkampf dieser Jugend gegen das Alte und Morschgewordene zählte Gräser zweifellos zur Jugend, und dies sogar in vorderster Linie. Nicht Friede (im Sinne von Hinnahme des Unerträglichen) sondern Kampf war die Losung von Gusto Gräser: Kampf
allein löst den Krieg!
Freunde – Kampf ist schon der Sieg! Auf dem Monte Verità fand Feldner aber auch die besten Freunde Rollands: Ich
traf eben Jouve und Desprès ... Sie ahnen ja
nicht, was es für uns, die wir dem tiefsten und schönsten Deutschtum zu
dienen
glauben, was es für uns Verspottete, Verfolgte bedeutet, „Feinde“ zu
finden,
die die besten „Freunde“ sind ... Was trennte uns, die wir
zusammen das
gleiche wollen? Die wir dieselben Menschheitsziele verfolgen? Bei Gott,
wir
sind uns näher, wir „Feinde“, als die Mehrzahl meiner Landsleute es
sein können
... Heil jenen französischen Lehrern, die in allerletzter Zeit gegen
die
Erziehung zum Hass protestiert haben. Wüsste ich nur Namen von ihnen,
der Dank
des besten Teils der deutschen Jugend wäre ihnen sicher. Es tut mir
leid, wenn
es ihnen unbekannt bleiben soll. Jener deutschen Jugend, die sich heute
mehr
denn je hingezogen, hingebender fühlt an die Gleichdenkenden in den
anderen
Ländern, die den Krieg hasst und den Frieden, den gerechten Frieden
sieht und
ersehnt. Die streng mit sich selbst ist und fordernd nach außen und
Kritik am
eigenen und fremden Volk übt. Jener Jugend, die aufbauen will und nicht
zerstören, die der Menschheit dienen will ... [19]
Fernand Desprès, ehemals Chefredakteur der Gewerkschaftszeitung ‚La Bataille Syndicaliste’, hatte durch sein Eintreten für Rolland seine Stellung verloren. Er lebte zeitweise mit Jouve zusammen in der Schweiz, war ihm auf den Monte Verità gefolgt. Mit Desprès, Feldner, Jouve, später auch Guilbeaux, Alfred H. Fried und Claire Studer mit ihrem Freund Ivan Goll, hat sich der engste Freundeskreis um Rolland in Ascona eingefunden. Seit September 1916, seit Gräsers Rückkehr auf den Berg, wurde der Monte Verità recht eigentlich zum „Hort der pazifistischen Bewegung“.[20] Nicht dass die hier Versammelten über die künftigen Wege und Ziele sich durchweg einig gewesen wären. So mag die Begegnung mit Gräser zwar für Feldner eine große moralische Stärkung bedeutet haben, in politischen Dingen kann er mit ihm nicht einig gewesen sein. Gräser stand für gewaltlose Reform, die „Revolver-Revolution“ lehnte er ebenso ab wie ihr „mammonistisches Konifest“ Namentlich nachdem ein Bild des in einem Einbaum über den See rudernden „Naturmenschen“ durch die illustrierte Presse gegangen war, fanden immer mehr Künstler und Intellektuelle, auf der Suche nach Halt und Harmonie im Wirbelsturm der Zeit, in Ascona ihre Zuflucht. Ihre Liste ist lang: Hans Arp, Hugo Ball, Ernst Bloch, Fritz Glauser, Reinhard Goering, Emmy Hennings, Hermann Hesse, Marcel Janco, Magnus Hirschfeld, Alexej von Jawlensky, Klabund, Else Lasker-Schüler, Bruno Goetz, Sophie Täuber, Marianne von Werefkin, Mary Wigman und andere. Erst die Not des Krieges, die moralische und geistige mehr noch als die äußere, hatte diesen Zuwanderern zum Bewusstsein gebracht, dass hier, auf diesem verlachten „Berg der Narren“, eine geistige Gegenwelt existierte zu dem verhassten, mörderischen, sich selbst zerfleischenden Staaten- und Kultursystem. Vom
Mammonistischen Konifest
zur Menschgesinnung jenseits der Pest! Zwar begrüßte er rückhaltlos den lange ersehnten Umsturz der alten Mächte, aber die Wandlung der Seelen stand ihm höher als jeder Wechsel der Macht. Wo neue Macht die alte ersetzt, „werden nur Besitzer getauscht“,[21] lässt Hesse seinen Demian sagen, der ein dichterisches Abbild von Gusto Gräser ist. „Durch die Lohn-Revolution führt er uns in sein Urgewohn“, sagt Gräser von seinem „Erdsternmenschen“, wo
er mit uns im Wandel
weilt, uns vom Wahne des Habens heilt
...
wo wir zusammen so groß-gering alle leben im einigen Ring ... Das ist eine andere, eine religiöse Sprache, die Hesse in ‚Zarathustras Wiederkehr’ auf seine Weise aufnahm und weitertrug, die aber Feldner vermutlich unzugänglich blieb. Der geriet in der Schweiz, wohl unter dem Einfluss des Lenin-Vertrauten Guilbeaux, immer stärker in radikalsozialistisches Fahrwasser. Scheute sich nicht, darin auch von Rolland sich entfernend, bramarbasierend zu drohen: „Man halte uns nicht für Theoretiker: die Schuldigen der heutigen Katastrophe werden an den greifbarsten Galgen baumeln ... nicht vor Thronen, nicht Altären soll des Stäupens Halt gemacht werden.“[22] So 1918, als er an der Seite von Bloch in der ‚Freien Zeitung’ und der ‚Friedenswarte’ schrieb. Er folgte damit einem Zug nach links, zum organisierten Kommunismus, der auch seine in Deutschland gebliebenen Freunde, die Kurella, Bittel und Hodann erfasste. Als die Februarrevolution in Russland bekannt wird, finden wir Feldner in einer Versammlung russischer Revolutionäre in Lausanne. Er wird als Vertreter Deutschlands mit minutenlangem Beifall begrüßt.[23] Ebenfalls in Lausanne hält er einen Vortrag über die deutsche Friedensbewegung, die unter dem harmlosen Titel ‚Deutsche Jugend und Weltkrieg’ im Frühjahr 1918 im Druck erscheint. Sie gibt ein so gründliches Bild der pazifistischen Aktivitäten, namentlich der Jugendbewegung, dass auch die deutsche Abwehr „wertvolle Aufschlüsse“ daraus entnehmen konnte.[24] Selbstverständlich wird die Broschüre sofort verboten und beschlagnahmt. Die militärischen Dienste waren darin so erfolgreich, dass die Schrift bis heute in Deutschland unbekannt geblieben ist. Die möglicherweise einzigen erhaltenen Exemplare fanden sich in den Akten des Bayrischen Generalkommandos im Münchner Kriegsarchiv. Ende Juni 1918 erhält Rolland eine Nachricht, dass der wegen seiner pazifistischen Haltung zum gemeinen Soldaten degradierte und gefangen gesetzte Professor Nicolai „gemeinsam mit drei deutschen Offizieren aus einer Festung ... entkommen und mit einem Flugzeug in Dänemark gelandet sei. Der Kommandant des Flughafens selbst sei mit ihm entflohen ... Zweig und Feldner jubeln“.[25] Sie jubeln noch mehr, als in Deutschland die Revolution ausbricht. Am 10. November 1918 schreibt Rolland in sein Tagebuch: „Besuch von H. Fernau und Jakob Feldner. Sie jubeln über die Nachrichten aus Deutschland ... Was den kleinen Feldner angeht, so zappelt er vor Freude und schickt sich an, in das neue Deutschland zurückzukehren.“[26] Wir lesen dann noch, Mitte März 1919, dass der junge Feldner nach Deutschland gefahren sei, „um an der Revolution teilzunehmen.“[27] Und finden seinen Namen auf einem Zettel des Kommandanten der Münchner „Roten Armee“, Gustav Klingelhöfer, wieder, wo er als Zensor der bürgerlichen Presse verzeichnet steht. Dann verliert sich seine Spur. Scheinbar. In keinem der Berichte über die Revolution in Bayern und deren Niederschlagung wird, abgesehen von dem obigen Notat, der Name Feldner erwähnt. Nicht in der Liste der Inhaftierten, nicht in der Liste der Erschossenen oder Ausgewiesenen. Wo war er geblieben? Eine Spur finden wir erst wieder in den Erinnerungen von Alfred Kurella. Der erzählt von einem Mitkämpfer namens Ludwig, der mit ihm im Frühjahr 1919 von München nach Moskau gegangen sei. Ludwig war der zweite Vorname von Jakob Feldner. Während der Revolutionszeit wird er ihn als Tarnname benutzt haben. So jedenfalls wäre zu erklären, warum der kommunistische Pressezensor Jakob Feldner aus der Münchner Revolutionszeit plötzlich und spurlos verschwindet. Auch in Moskau verliert sich seine Spur. Er könnte Opfer einer körperlichen oder aber einer politischen Krankheit geworden sein: Abweichung. In der Sowjetunion eine Krankheit mit meist tödlichem Ausgang. Alfred Kurella (1895-1975), der wie Feldner aus dem Kreis um Wyneken und Blüher kam, wurde nach dem Krieg ein führender Kulturfunktionär der DDR. Auf einem Photo vom Freideutschen Jugendtag auf dem Hohen Meißner 1913 sieht man ihn in Samtanzug und mit Kränzchen im Haar als Bewunderer Gusto Gräsers. ![]() Dokumentation: Protesterklärung Berliner Wandervögel Gegen die Ausweisung Gusto Gräsers aus Stuttgart und Deutschland im August 1915, gerichtet an die Polizeidirektion Stuttgart Abschrift einer in der Münchner Stadtbibliothek befindlichen (und nur noch schwer lesbaren) Abschrift Wir
bedauern aufs Tiefste,
dass in Zeiten, wo sich das
deutsche Volk wirklich auf sich selbst besinnen sollte, noch die
Möglichkeit
gegeben ist, den Ruf Deutschlands im In- und Auslande durch
Meisterstücke der
Bürokratie, wie die Behelligung Gräsers eins ist, zu schädigen. Wenn
nicht
durch die Presszensur der Fall Gräser nach Möglichkeit der
Öffentlichkeit
vorenthalten würde, wäre eine weitergehende Stellungsnahme in diesem
Sinne
sicher zu verzeichnen.
Ein
Brief von Jakob Feldner an Alfred KurellaWenn wir auch mit Gräsers Anschauungen nicht im allgemeinen übereinstimmen, uns nicht als Gesamtheit mit ihm identifizieren wollen, so müssen wir doch die Ausweisung als symptomatisch dafür betrachten, dass deutschen Behörden gegenüber ehrliche Überzeugungen rechtlos sein können, wenn sie obrigkeitlich nicht als genehm empfunden werden. Dagegen müssen wir im Interesse der Wahrhaftigkeit aufs schärfste Einspruch erheben, zumal uns Gusto Gräsers ursprünglich-naturhafte Lebensauffassung als etwas durchaus Achtbares erscheint. Max Hodann. Unterarzt, WV Friedenau. Dr. E.W.Trojan, Bln-Zehlendorf, Schriftsteller Ilsemargot Beneke, Bln-Dahlem Jakob Feldner, stud.phil., Charlottenburg Lucia Schmidt, Lehrerin, Charlottenburg Walter Martin, Kaufmann, Berlin Gustel Widder, Berlin Edmund Metz, Kaufmann, Berlin Lore Tappert, Berlin Toni Sonnental, Berlin * (Quelle: Staatsarchiv München, Abteilung Kriegsarchiv. - Akten des Stv. Gen. Kdo. I. b. A. K., Nr. 1929) Jakob
Feldner
(stud. phil., geb. 27. 3. 1896 in Pfarrkirchen) an Alfred Kurella,
Hellerau b.
Dresden, Heideweg 10
_____________________________________________________________________________ Genève 17. 2. 18 Lieber Kurella. - Post ist heute wahrhaft keine Kultureinrichtung mehr[28]; heute kommt mir Ihre Karte vom 2. zu. "Politisch" meinte ich anders; tagespolitisch, insofern man hier alles nur in einem tatenlos beschreibenden Tone geben kann[29]. Ist die Schrift übrigens angekommen[30]? Wenn nicht, was leicht möglich, dann wenden Sie sich an Max H.[odann][31], meinen Freund, um einige Zeilen darüber. Er hat meines Wissens das einzige Exemplar. An die von Ihnen angegebene Adresse[32] wende ich mich sofort; lassen Sie mir aber doch wenigstens jeweils die Rundbriefe[33] zukommen, von denen ich den ersten vor etlichen Wochen von anderer Seite bekam. Wissen Sie den Namen des Heid.[elberger] Studenten[34], der wegen seiner Arbeit gegen die Vaterlandspartei plötzlich ......[35] Herzliche Grüße, glückliche Arbeit! Jakob Feldner Nachbemerkung: Der Brief bezeichnet den kritischen Moment zu Anfang des Jahres 1918, in dem drei pazifistisch und regimekritisch gesinnte junge Männer Verbindung zueinander suchen: Jakob Feldner, Alfred Kurella, Ernst Toller. Ein Jahr später werden sie an der Münchner Revolution und Räterepublik nicht unmaßgeblich beteiligt sein: Toller als Vorsitzender der USP und des Revolutionären Zentralrats, Kurella und Feldner als Zensoren der bürgerlichen Presse. * Auszüge aus Alfred Kurella: Unterwegs zu Lenin. Erinnerungen. Berlin, Verlag Neues Leben, 1967: S.32 In die Tätigkeit des Zensors
teilte ich mich mit einem anderen
jungen Genossen, der der persönliche Sekretär der Münchner
Kommunistischen
Partei war. ...
33 "Ich suche jemanden, der für uns wichtige Nachrichten nach Moskau zu Lenin bringt. Hast du Lust?" ... 34 Ich bat um Erlaubnis, meinen Münchner Genossen Ludwig [Jakob Ludwig Feldner], der in ähnlicher Lage war wie ich, mitnehmen zu dürfen. ... 84 Da wohnte ich nun also im Kreml, dieser grossen, von hohen, mit vielen Türmen geschmückten Mauern umgebenen Burganlage im Herzen der Hauptstadt des alten Zarenreiches, die nun die Hauptstadt der russischen Revolution, wie wir damals noch sagten, geworden war. Ich hauste sogar im Herzen des Herzens, im Zarenschloss. ... Ich hatte keine Vorstellung, wie es weitergehen sollte. George war schon nicht mit uns in den Kreml gezogen. Ein paar Tage später 85 trennte sich auch Ludwig von mir. Eine andere Parteistelle hatte inzwischen Kontakt mit ihm aufgenommen.
Fussnoten [1]
Rolland: Gewissen, Band II, S.369
[2]
Akten des Generalkommandos, Nr.1929
[3]
Nachlass Gusto Gräser
[4]
Fiedler, S.148
[5]
Rolland: Gewissen, Band I, S.532
[6]
ebd., Band II, S.257
[7]
Rolland: Gewissen, Band II, S.375
[8]
Rolland: Gewissen, Band I, S.64
[9]
Ebd., S532
[10]
Ebd.
[11]
Rolland: Gewissen, Band II, S.138
[12] Jouve: Romain Rolland vivant, S.27
[13]
Akten des Generalkommandos, Nr.1929
[14]
Die Friedenswarte, 20.Jg., Nr.1, Jan.1918, S.181
[15]
Ebd., S.182
[16]
Ebd.
[17]
Rolland: Gewissen, Band II, S.379f.
[18]
Rolland: Gewissen, Band II, S.380
[19]
Rolland: Gewissen, Band II, S.379
[20]
Szittya: Kuriositäten-Kabinett, S.104
[21]
Hesse: Demian. Ges.Werke, Band V, S.134
[22]
Die Friedenswarte, 20Jg., 1918, S.182
[23]
Brief von Feldner an Max Hodann vom 23.03.1917 in: Akten des
Generalkommandos,
Nr.1929
[24]
Ebd., Akte vom 14.03.1918
[25]
Rolland: Gewissen, Band III, S.45f.
[26]
Ebd., S.598f.
[27]
Ebd., S.738
[28] Weil durch die Zensur die
Sendungen sich
stark verzögern - wenn sie überhaupt ankommen.
[29] Der Passus zeigt, daß
Feldner an Kurella
geschrieben hatte. Er scheint sich dahingehend geäußert zu haben, daß
er sich
politisch nicht äußern könne oder daß seine entstehende Schrift
('Deutsche
Jugend und Weltkrieg') nicht als politisch auftrete. In der Tat fällt
auf, daß
dieser Text sich ausgesprochen sachlich und wissenschaftlich und im
Titel
betont harmlos gibt.,
was bei dem Temperament und
Engagement des Verfassers zunächst doppelt überrascht. Wenn ich recht
weiß, so
waren den Emigranten (Immigranten/Ausländern) in der Schweiz
(tages-)politische
Äußerungen untersagt, manchen, z. B. Hermann Hesse, auch von der
deutschen
Seite her. Daher vermutlich der "tatenlos beschreibende Ton" in
Feldners Flugschrift.
[30] Man möchte zunächst
annehmen, daß hier die
eben genannte Broschüre gemeint sei. Aus einem Brief Feldners an seine
Eltern
vom gleichen Tag geht jedoch hervor, daß diese Arbeit zu der Zeit noch
nicht
abgeschlossen war. Er schreibt am 17. 2. 18 nach Regensburg: "Meine
Arbeit
ist ziemlich fortgeschritten, ich werde sie in etlichen 10 Tagen
beendigen." Am Ende des Briefes bringt er übrigens seine politische
Einstellung in verschlüsselter Form zum Ausdruck: "Im Augenblicke wäre
die
Situation reifer als je zu einem bedeutenden Ereignis in Deutschland,
das
allein den Frieden schnell und sicher bringen könnte." Mit dem
"bedeutenden Ereignis" kann nur die Revolution gemeint sein.
Möglicherweise handelt es sich bei der nicht näher benannten Schrift um die deutsche Übersetzung der Antikriegsschrift 'Le Feu' von Henri Barbusse, denn am 10. 3. 18 schreibt Feldner an seinen Freund Max Bronner: "Le Feu ist deutsch erschienen bei Rascher in Zürich. Gut." [31] Die Abkürzung zeigt an,
daß Kurella mit Max
Hodann bereits bekannt war. Der Arzt und Psychoanalytiker Max Hodann
(1894-1946), später zusammen mit Wilhelm Reich und Magnus Hirschfeld am
Berliner Institut für Sexualforschung tätig, hatte die
Solidaritätserklärung
für Gusto Gräser an erster Stelle mit unterschrieben. Zusammen mit
Walter Koch,
dem Bruder von Hans Koch, hatte er 1917 eine Flugschrift 'Die
Urburschenschaft
als Jugendbewegung' herausgebracht, in der durch das Beispiel des
"Tyrannenmörders"
Ludwig Sand indirekt zum Umsturz aufgerufen wurde. Hodann spielt eine
Hauptrolle in den 'Notizbüchern' und der 'Ästhetik des Widerstands' von
Peter
Weiss.
[32] Vermutlich die
Kontaktadresse des
"Berliner Kreises".
[33] Hier dürften die
'Rundbriefe' des Ende 1917
offiziell gegründeten 'Berliner Kreises' um Afred Kurella gemeint sein,
der den
"bestehende(n) Staat als die sichtbarste und zugleich verwundbarste
Erscheinungsform der von uns abgelehnten Gesellschaftsordnung"
bekämpfte.
Vgl. dazu: Gudrun Fiedler, Jugend im Krieg, Köln 1989, S. 112.
[34] Hier kann nur Ernst Toller
gemeint sein, der
in seinem Aufruf vom November 1917 den Zusammenschluß aller, die
"Kriege,
Machtpolitik, Militarismus" bekämpfen, gefordert und sich "gegen die
Anmaßung der deutschen Vaterlandspartei" gewandt hatte,
"Sonderinteressen mit dem Wort 'vaterländisch' zu decken und zu
schützen".
[35] Die sechs Pünktchen
stammen von Feldner. Soll
wohl heißen: "... zum Militär einberufen wurde". Toller, 1916 als
"kriegsuntauglich" aus der
Armee entlassen, war Anfang Februar 1918 wegen seiner Beteiligung am
Januarstreik und anderen Aktionen erneut durch die Militärbehörden
eingezogen
worden. Er "verweigerte die Einkleidung, wurde interniert und
schließlich
- nach psychiatrischer Behandlung - im September 1918 vom Militärdienst
wieder
entlassen, endgültig kriegsuntauglich". (Edith Hanke: Prophet des
Unmodernen. Tübingen 1993, S. 159)
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