Vagabundenkongress in Stuttgart, Pfingsten 1929

                  
Aus der Zeitschrift ,Der Querschnitt'
  

DIE BRUDERSCHAFT DER VAGABUNDEN

Von

G U S TAV  M.  P A Z A U R E K

Ein buntes Gewimmel von Kunden aller Schattierungen, aller deutschen Länder, aller Altersklassen, der verschiedensten Bildungsschichten. Die Kunden haben sich ein Stelldichein in Stuttgart gegeben. Der Ruf ging an alle, doch es kamen bei weitem nicht die Tausende, die man erwartete.

In einem ideal schön gelegenen Waldheim haben sie einander getroffen. Neben den alten verwitterten Gesellen der Landstraße überwiegt das rein geistige Element, dessen markanteste Vertreter die Redner stellen. Der Kunde von heute ist auf ersten Blick als solcher gar nicht zu erkennen: Tippelbrüder und die Mitglieder der Jugendbewegung aus, frische, gesunde, sonngebräunte Gestalten, mit der Geige oder der Gitarre auf dem Rücken, in farbenfrohen Anzügen, die Mädchen in Reformkleidern. Der eigentliche Typ der Tippelschickse ist im Aussterben. Die vagabundierenden Mädels sind meist Arbeiterkinder, die durch eine Begegnung mit einem Kunden eine Sehnsucht nach der Landstraße überkam, die aber im gegebenen Moment wieder den Weg zurück zu den Ihren finden. Die wenigen echten Mädels der Landstraße, denen das lebenslange Tippeln zum Schicksal wurde, haben ihr Aeußeres dem Wandervogel angepaßt, damit sie mit der Polizei nicht in Konflikte kommen. Wenn sie auch alle in der Bruderschaft zusammengeschlossen sind, so lebt doch jeder nach seinem Kopf. Malerisch wirken die Waldmenschen in ihren Phantasiekostümen, rein äußerlich die auffallendsten Vertreter unter den Kunden.

Jeder hat sein eigenes System, um die Welt oder wenigstens seine nächsten Mitmenschen zu bekehren. Der Hamburger Sophus Ackermann verkündet auf großen Plakaten, daß seine „Wendepunkt-Gemeinschaft“ allen arbeitslosen Tippelbrüdern Verdienst ermöglicht. Gusto Gräser, der vor dem Kriege lange in Stuttgart war, wandelt verklärt in seiner selbstgebastelten Kleidung. In einer anderen Ecke sitzt ein langhaariger Naturapostel mit seiner ganzen Familie. Wie das Tippeln zum Erlebnis wird, das den ganzen Menschen umkehrt, zeigt das Beispiel eines Studienrates a. D. Karl Roltsch. Jawohl, ein richtiger Studienrat, den plötzlich ein so starker Wandertrieb überkam, daß er seine bürgerliche Stellung aufgab und noch im Alter ein Kunde wurde. Im letzten Jahr ist er 6000 Kilometer getippelt, dann hat er in Frankfurt Winterquartier gemacht und dem Soziologen an der Frankfurter Universität seine Bücherei geordnet. Jetzt will er von Stuttgart die berüchtigte „Heerstraße“ von Wanderarbeitsstätte zu Wanderarbeitsstätte, von Nord nach Süd durch Württemberg ziehen. Am meisten freut er sich aber auf das Hopfenzupfen im Herbst im Frankenland, das die Kunden aus allen Gauen anzieht. Wie er versichert, möchte er die als Kunde erworbene Freiheit um nichts in der Welt wieder hergeben, er schlägt sich zur Not durch mit Artikeln, die er in großen deutschen Zeitungen veröffentlicht. Er führt sein ganzes „Belegmaterial“ und ihm auf Umwegen nachgesandte Bürstenabzüge mit sich, und die Kunden drängen um ihn, die Artikel zu lesen. Er meint, mit dem Fechten bringe er es nicht weit. Nur einmal in Bonn hat er die „Klinken geputzt“, und als er nach 2 Stunden 31 Pfennig beisammen hatte, ging er verschütt. Nein, da ist das Artikelschreiben doch einträglicher und gefahrloser!

Unter all den Kunden ragt aber hervor der ungekrönte König der Vagabunden Gregor Gog. Obwohl in Sonnenberg bei Stuttgart seßhaft geworden, ist er doch durch und durch Kunde. Er leitet die Bruderschaft, er ist ihr geistiger Führer und der Herausgeber der Zeitschrift „Der Kunde“. Schon darin drückt sich aus, daß er als reiner Idealist der Bewegung von der literarisch-geistigen Seite aus zu Leibe geht. Er hielt auf dem Treffen die Programmrede. Nicht nur zu den Kunden sprach er, deren insgesamt vielleicht 250 erschienen waren, vielmehr übte er auf die vielen „Schlachtenbummler“ neben den Pressevertretern aller großen deutschen Zeitungen interessierte sich auch die Polizei für die Tagung den Eindruck eines Menschen aus, der der Märtyrer seiner Idee ist. Gog ist kein guter Redner, und doch hat er etwas Faszinierendes.

Die Bruderschaft ist angeblich unpolitisch. Eine Tendenz zum Kommunismus ist unverkennbar, doch liegt diesen weltentrückten Ekstatikern jede Gewalt fern. Sie haben gar kein Verhältnis zu ihrer Umwelt. Mit stoischer Gelassenheit blicken sie auf ihre bürgerlichen Brüder, die sie anstaunen, vielmehr sie blicken durch sie hindurch, als wären sie Luft und gar nicht vorhanden. Unbeschwert von Zukunftssorgen, nur dem Augenblick lebend, sind sie stets heiter, immer unbekümmert. Und dann flackert plötzlich in ihren Augen etwas auf, etwas Unstetes, Ruheloses. Man sieht ihnen den Hunger an, nicht nur den physischen, nein, einen Hunger nach dem Erlebnis. Gog verglich diese intellektuellen Kunden mit den religiösen Eiferern des Mittelalters, und er hat recht damit. Er vergaß aber, die Parallele weiter zu ziehen. Genau so wie über jene die Zeit hinwegging, weil sie zu der Wirklichkeit kein Verhältnis finden konnten, ebenso sind diese Kunden Märtyrer einer unerfüllbaren, da unsozialen Idee. Gog proklamiert den „lebenslänglichen Generalstreik“ der Kunden gegen die bürgerliche Gesellschaft. Der Kunde weigere sich, seine Arbeitskraft herzugeben, um den Staat aufbauen zu helfen, der ihm nichts bedeutet. Dabei ist der Kunde auf die Vertreter dieses Staates angewiesen, will er nicht ganz verhungern! Allerdings nach Gog holt der Kunde beim Sesshaften nur seinen „Zins“.

Nach Gog sprachen der ebenfalls in Stuttgart beheimatete Maler-Kunde Tombrock, Alfons Paquet, und der rheinische Arbeiterdichter Heinrich Lersch. Seine überaus drastische und humoristische Sprechweise fand eine begeisterte Zuhörerschaar.

Natürlich versuchten die Kommunisten bei dieser Tagung zu fischen, doch waren ihre Bemühungen vergebens. Mit diesen Edel-Kommunisten, die jede Bindung, auch die Parteibindung verabscheuen, ist nichts anzufangen. Dabei sind sie in ihrer tiefen Verachtung des Besitzes viel konsequenter als die Kom­munisten. Jeder von den Tippelbrüdern ist ein Diogenes.

Gleichzeitig mit dem Vagabunden-Treffen fand die erste Vagabunden- Kunstausstellung in Stuttgart statt. Arbeiten von Tombrock, Hans Bönnighausen, Gerhart Bettermann, Alfred Matusche, Artur Streiter, J. Mihaly und J. Voß gaben Zeugnis von dem künstlerischen Erleben des Kunden. Die Zeichnungen von Tombrock, die in ihrer Art an den Sternheim - Illustrator Starke erinnern, hinterlassen einen nachhaltigen Eindruck.

Der Zweck, den die Kunden mit diesem ersten Treffen in Stuttgart erreichen wollten, ist die Manifestation ihres Zusammenschlusses. Was Walt Whitman 1840 geträumt und prophezeit hat, ist Wirklichkeit geworden: die Bruderschaft der Vagabunden besteht. Im Grunde hat sie, wenn auch unausgesprochen, immer bestanden: eine große Familie der Heimatlosen.

„Gog verglich diese intellektuellen Kunden mit den religiösen Eiferern des Mittelalters, und er hat recht damit. Was Walt Whitman 1840 geträumt hat, ist Wirklichkeit geworden: die Bruderschaft der Vagabunden besteht."

(Aus Schieflers Monographie, Euphorion Verlag)

(Zeichnungen Edoard Munch)