Ernst H. Graeser
Kronstadt 1884 - Stuttgart 1944

 


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                                        Leben

Ernst Graeser wird am 8.5.1884 in Kronstadt/Siebenbürgen, dem heutigen Brasov/ Rumänien als jüngstes von fünf Kindern geboren. Sein älterer Bruder ist der spätere Lebens-und Sozialreformer Gustav Arthur (Gusto) Gräser, Mitbegründer der Reformersiedlung Monte Verità bei Ascona (1900).

Die Eltern, der Gerichtssenator Karl Graeser und desssen Ehefrau Charlotte geb. Pelzer kommen aus angesehenen protestantischen Familien mit bedeutenden siebenbürgischen Vorfahren.  Die Kinder werden in engem christlichen Sinne erzogen. Die frühe Jugend verbringt Ernst in Tekendorf bei Bistritz. Ernst ist wie seine zwei älteren Brüder vielseitig begabt: zeichnerisch, musikalisch (Geige), sprachlich (Gedichte). Er wird beschrieben als Kind mit „sonnigem heiteren Wesen“; wirkt trotzdem häufig sehr ernst, eher still, innig, feinsinnig, zuverlässig.

Nach dem frühen Tod des Vaters, Ernst ist 10 Jahre alt, übersiedelt die Mutter nach Mediasch. Es ist überliefert, dass die Graeser-Buben in der Erziehung „die bürgerlichen Bahnen allzu eng gespürt haben und deshalb ihrer geistlichen Entfaltung freien Lauf lassen wollen“. Die Brüder Karl und Gusto erproben schon früh einen alternativen Lebensstil, der sich an verschiedenen Erneuerungsformen der Zeit orientiert: Naturgemäße Ernährung, einfache, erdnahe Lebensform, Nutzung der Heilkräfte von Wasser, Luft und Sonne, Verzicht auf Geld und Privatbesitz, sowie übernationale Haltung sind wichtige Grundsätze. Die künstlerische Lebensgestaltung spielt dabei eine besonders wichtige Rolle. 1899, mit 15 Jahren, beginnt Ernst eine Ausbildung zum Architekten.

Um sich ganz der Kunst, der „Wahrheit“, widmen zu können, entscheidet er sich 1902 für den Besuch der Akademie der bildenden Künste in München. Seine Professoren sind Herterich und von Löfftz. Während seines Münchener Studiums lernt er an der Akademie seine spätere Frau, die Baronesse Klementine von Pongracz, kennen. Sie studiert in München Kunst und Musik. Er verlobt sich 1913 mit ihr.

Ab 1904 folgen Studienjahre in Zürich und Aufenthalte in Ascona bei den Brüdern. In Locarno findet seine erste uns bekannte Ausstellung statt. Er lebt zu dieser Zeit bereits ausschließlich vom Verkauf seiner Bilder, u.a. an Hermann Hesse, der mit seinem Bruder Gusto befreundet ist. Eine erste Ausstellung in Deutschland ist 1907 in Freudenstadt belegt. 1907 wird er nach einer dritten Musterung vom Militärdienst freigestellt.

Von Herbst 1908 bis Herbst 1914 absolviert Graeser ein Studium an der Königlichen Württembergischen Akademie der bildenden Künste Stuttgart. Er belegt zwei Semester Malschule bei Prof. Landenberger, sowie neun Semester in der Komponier- (Meister-)Klasse von Prof. Hölzel. Seine Bilder um den 1.Weltkrieg zeigen Graeser von überschäumender völkisch-nationaler Begeisterung bis hin zur totalen Ernüchterung 1918. Seine Bilder „Engelskampf“ und „Um 1914“ beeindrucken mit ihrer Symbolik auf verschiedenen Ausstellungen (s. Abb.).

1916 heiratet Graeser seine Verlobte in München. Der Wunsch des Ehepaares ist es, ein „Leben freien Künstlertums“ zu führen. Die Ehe bleibt kinderlos.

Die Wohnorte sind Stuttgart, einige Jahre Winnenden und ab 1926 wieder dauerhaft Stuttgart. Mitbedingt durch die Teilnahme an einer Vielzahl von Ausstellungen erwirbt sich Graeser einen großen Bekanntheitsgrad, was u.a. 1920 zur Ehrenmitgliedschaft bei der Dresdener Kunstgenossenschaft führt. 1923 schließt sich Graeser der Künstlervereinigung der „Stuttgarter Sezession“ , einer Abspaltung vom Württembergischen Künstlerbund, als Gründungsmitglied an. Die Sezession öffnet sich u.a. auch dem Expressionismus. Graeser nimmt an allen Ausstellungen der Sezession bis 1932 teil. In den Jahren 1923, 1924 und 1927 wird Graeser als Jury-Mitglied berufen.

1931 erleidet Graeser einen herben wirtschaftlichen Verlust durch den nie aufgeklärten Brand des Münchener Glaspalastes. Das Feuer zerstört innerhalb weniger Stunden das gesamte Ausstellungsgebäude und damit auch die gastierende Sonderschau der Stuttgarter Sezession mit acht großen Gemälden Graesers.

Unklar ist Graesers Haltung zu der politischen Entwicklung Deutschlands in den 30er Jahren. Wie auch zu Beginn des 1.Weltkriegs scheint Graeser zunächst als „Mitläufer“ völkisch-national eingestellt zu sein.

Nur weniges Bekannte aus den 30er Jahren zeigt die Spannbreite dieser Lebensphase:
  • 1934 veröffentlicht der NS-Kurier Graesers Artikel „Über das Staunen“. Graeser entwickelt in diesem Text Überlegungen, dass die Fähigkeit des Menschen zum Staunen für seine Weiter- und Höherentwicklung von grundlegender Bedeutung sei.
  • Eine vorgesehene, aber nicht erfolgte Berufung zum Professor an die Berliner Kunstakademie.
  • Der Artikel „Der Spießer- eine Weltbetrachtung“. Die Veröffentlichung ist unbekannt. Graeser stellt das Spießertum und das Künstlertum als Gegensätze dar. Den Spießer bezeichnet er als Herdentier, Untertan der öffentlichen Meinung und als Bremser des Zugs der Menschheitsentwicklung. Am härtesten kritisiert Graeser die intellektuelle Ausprägung des Spießers.
Große Ehren werden Graeser zu seinem 50. Geburtstag 1934 zuteil, u.a. durch eine Würdigung in der anthroposophischen Wochenschrift „Das Goetheanum“. In den Räumen des Württembergischen Kunstvereins veranstaltet er eine umfangreiche Einzelausstellung mit Werken seiner bisherigen Schaffensperioden. Die Ausstellung führt zum Ankauf verschiedener Bilder durch die öffentliche Hand.

Graeser drückt in der Zeit um den 1. Weltkrieg den Kampf des Guten gegen das Böse in vielen bildnerischen Darstellungen aus. Jetzt äußert er seine Gefühle gegenüber dem problematischen gesellschaftlichen und politischen Zeitgeschehen vor allem in Gedichtform. Die Gedichte sind meist in freien Rhythmen verfasst. In „Tod und Auferstehung“ (siehe Tafel) scheint Graeser klar das „Weltungewitter“ „tatenfolgenschwer“ erfasst zu haben. Die Gedichte seiner letzten Jahre fasst er zusammen in der Sammlung „Samen für die neue Erde“.

Mit 60 Jahren, am 10.12.1944 erliegt Ernst Graeser nach langem Krankenlager einem Krebsleiden in seiner Sillenbucher Wohnung. Seine Urne wird auf dem Stuttgarter Waldfriedhof in der Nähe seines früheren Lehrers Prof. Hölzel beigesetzt. Rudi Daur, damaliger Pfarrer an der evangelischen Markuskirche in Stuttgart, beschreibt Ernst Graeser in seiner Traueransprache „als Menschen mit unerbittlicher Wahrhaftigkeit, großer Bescheidenheit, auch als Wesen mit Widersprüchen, mit Ecken und Kanten, mit Leidenschaften und innersten Nöten, als unruhvoll Suchenden, Schwimmer gegen den Strom, als Mensch des Geistes und der Seele, als liebenden und ehrfürchtigen, als frommen Menschen im ursprünglichen Sinn des Wortes, mit tiefem Lebensernst, als einen Menschen, der sein Volk liebte und an dessen Zukunft hoffend, bangend und schaffend in seiner Art mitzugestalten sich berufen wusste.“
  

 
Zeittafel
  • 1884 Geburt in Kronstadt / Siebenbürgen, jüngstes von 5 Kindern
    Protestantische Familie mit bedeutenden siebenbürgischen Vorfahren

  • 1894 Der Vater, Gerichtssenator Karl Graeser, stirbt mit 55 Jahren

  • 1899 Ausgedehnte Wanderungen mit den Brüdern, u.a. über die Alpen
    Beginn der Ausbildung zum Architekten in Kronstadt

  • 1900 Brüder Karl und Gusto Mitbegründer der Reformersiedlung auf dem Monte Verità bei Ascona

  • 1901 Baugewerbeschule Wien

  • 1902 Kunstakademie München

  • 1904 Studien u.a. in Zürich, Aufenthalte im Tessin

  • 1907 Freistellung vom Militärdienst
    Erste bekannte Kunstausstellungen in Locarno und Freudenstadt

  • 1908 Kunstakademie Stuttgart (bis 1914), u.a. Ölgemälde und Radierungen mit biblischen Themen

  • 1912 Studienreisen, u.a. nach Holland

  • 1913 Verlobung mit Baronesse Klementine von Pongracz

  • 1916 Heirat in München, verschiedene Wohnungen in Stuttgart und Umgebung

  • 1920 Ernennung zum Auswärtigen Ehrenmitglied der Dresdener Kunstgenossenschaft

  • 1923 Graeser als Gründungsmitglied der Stuttgarter Sezession (1923 - 1932)

  • ca.1927 Erste Entwürfe für Glasfenster und Fresken

  • 1931 Brand des Münchener Glaspalastes, Zerstörung von acht Graeser-Gemälden

  • 30er Jahre: Vorgesehene, aber nicht erfolgte Berufung als Prof. an Berliner Kunstakademie

  • 1934 Ausstellung zum 50. Geburtstag

  • 1939 Vermutlich letzter ausgeführter Entwurf für Glasfenster (St.Bernhardt-Kirche in Esslingen)

  • 1942 Gedichtsammlung „Samen für die neue Erde“

  • 1944 Tod nach Krebsleiden in Stuttgart-Sillenbuch, Urnenbeisetzung auf dem Waldfriedhof Stuttgart