Unbelohnte Treue


Die Schicksale der Marianne Schlotthauer,

genannt Maja



*

Mein jahrelanges Sehnen
ward endlich gestillt und ein neues,
überglückliches Leben begann für mich.
*
Mich so fort aus dem Hause zu jagen, Carl, das thut weh.
*
Die Tage der reinsten Glückseligkeit
sind wohl nur wenige.
*
Maja



Schlotthauer, Maximiliane (Maja)

Frühe Geliebte Diefenbachs, etwa gleichzeitig mit Madeleine Atzinger (um 1878), wurde wegen ihres verheimlichten unehelichen Kindes von ihm verabschiedet, kehrte aber öfter, so 1885 und 1889 (Kampenwand-Ausflug), für einige Zeit zu ihm zurück. 1895, während Diefenbachs Alpenwanderung, meldete sie sich aus Amerika kommend aus Paris. 1904 nach Capri gerufen, wird sie nach 14 Tagen unter Androhung von Polizeigewalt aus dem Haus gejagt.

I. Tage der Glückseligkeit (1877-79)

Gegen Ende des Jahres 1877 lernt Diefenbach Maximiliane Schlotthauer kennen, die er Maja nennt. Jedoch erst ein Jahr später kommt es zum ständigen Zusammenleben, für Maja Tage und Monate der Glückseligkeit. Sie werden jedoch durch das Hinzukommen der Magdalene Atzinger gestört, die ihre Rivalin schließlich verdrängen kann.

31. 12.77

Maja an Dfb: Du meine einzige Freude! Du meine Seligkeit!

August 78 Korrespondenz mit Maja aus Bad Gastein.

26. 12.78 bis Oktober 79

Tage der reinen Glückseligkeit. Wegen Verschweigen ihres unehelichen Kindes weggeschickt. Diefenbach schreibt rückblickend aus dem Jahre 1909 an seine Schwester Elisabeth (Tgb. Nr.27):

Im schreienden Bedürfnis einer Pflege für meinen verkrüppelten rechten Arm, dessen in meiner überspannten Begeisterung nicht beachtete Überanstrengung jetzt bei dem Zusammenbruch aller meiner Sinne und Kräfte in schmerzhafte, jede Hantierung, selbst zum Aus- und Ankleiden, unmöglich machende Schwäche verfiel; im Bedürfnis meines wehen Empfindens, das mir den Besuch von Wirtshäusern - mir von jeher ein Ekel - und den Besuch der Akademie (durch das dort herrschende Lausbuben-Wesen mir ebenfalls zum Ekel gemacht) unmöglich machte, nach einer stillen, fügsamen, wie weiches Wachs mich umgebenden Weiblichkeit, nahm ich die "Maja" zu mir, die ich in meinem Betäubungsbedürfnis während der letzten Tage vor Deiner Abreise beim Schlittschuhlauf auf dem See des Englischen Gartens als höchst anständig (!) und meinen Bedürfnissen entsprechend kennen gelernt hatte.

Dieses "Verhältnis", dessen Notwendigkeit zu meiner Lebenserhaltung jeder denkende, urteilsfähige Mensch einsehen muß, dessen bescheidene Armseligkeit in der Befriedigung eines durch kirchliche Unnatur als "Sünde" unerdrückten und dadurch mißleiteten Naturtriebes unsere Mutter, vor deren Bild ich dieses schreibe, unter Tränen des Mitleids bedauert aber gewiß nicht getadelt oder gar verurteilt hätte, dessen nähere Schilderung in meiner Lebensgeschichte mich in den Augen aller deutschen Menschen rechtfertigen wird gegen jeden niedrigen Verdacht und schmutzige Verleumdung, wurde Dir und Friedrich von den beiden "christlichen" Philisterseelen Joseph Adam und Buchhändler Meyer als ein "unmoralisches Verhältnis" (Maja als eine Straßendirne) geschildert und bildet zusammen mit dem später durch die Zeitungen in alle Welt über mich verbreiteten Verleumdungstratsch schmutzigster und gemeinster Art den bei Eurer Bestreitung eines "religiösen Grundes" verschwiegenen Grund, daß Ihr Euch ferner "eines solchen Bruders" schämtet ... (S. 9f.)

Dies "unmoralische", meiner Lebensbedingung notdürftig entsprechende Verhältnis mit Maja wurde auf eine Weise zerstört, die ich bei der Unmöglichkeit, jetzt Einzelheiten zu schildern, nur mit dem Ausdruck satanisch kurz bezeichnen kann.

(Testament S.10)

Ich kann nicht unterlassen, diesen Erklärungen und Andeutungen hinzuzufügen, daß dieses in Bezug auf Religion höchst frivole und oberflächliche Weib bei jeder Gelegenheit seines fauchenden Widersetzens und ehrlosen Kampfes gegen mich, auch nachdem die arme Maja als Opfer ihrer "christlichen" Bosheit und ihrer "Moral" genannten Selbstsucht längst aus jeder, auch nur brieflichen Verbindung mit mir gebracht worden war und gar nicht mehr in Betracht kam .. . (ebd., S.11)


Rückblick aus dem Jahr 1913:

Ich erzählte Frau v. B. [Frau von Bieberstein], wie ich die Maja zu mir genommen habe, was sie sehr begreiflich fand und sympathisch billigte; wie sich dann das andere Weib [Magdalene Atzinger] wie eine Schlange bei mir eingeschlichen und mit welcher Satans-Gemeinheit sie die mir aus Furcht verheimlichte uneheliche Mutterschaft Majas benutzte, dies arme, mir treu dienend ergebene Weib von meiner Seite zu drängen und sich mit Hilfe des Krankenhaus-Arztes unter heiligster Versicherung ihrer Reue und ihrer sühnebereiten Ergebenheit als Pflegerin und Dienerin mir anbot. (Tgb Nr.31, S.688)

Es war die arme Maja gemeint, die so teuflisch von meiner Seite verdrängt worden war und von Paris aus, wo sie als Kammerzofe diente, mir darüber klagte, daß sie auch dort von dem Haß und der Verleumdung der Mutter Helios' verfolgt werde, sodaß sie ihre Stelle verliere. (Tgb Nr.31, S.856 vom 3.12.1913)

II. Ergebene Lückenbüßerin Maja

April 1882 Clemens Driessen schreibt: Im April 1882 traf Diefenbach ein neuer Schlag. Er war das Opfer eines Raubanfalls und erhielt einen schweren Hammerschlag auf den Kopf, sodaß er nahezu drei Monate arbeitsunfähig war. Außerdem dauerte fort und fort das Hämorrhoidal-Leiden an. ... Die Tagebuchaufzeichnungen registrieren vielfach schwere Kopfschmerzen, Krampfanfälle ... Er griff in diesem Zustand zu allen Mitteln, von denen er Erleichterung empfand und veranlasste insbesondere mehrfache Besuche der ihm ganz und gar ergebenen M. Schlotthauer. Es war in dieser Zeit, daß Dfb ... zu einer der Jaeger'schen ähnlichen Trikot-Wollkleidung seine Zuflucht nahm. (CD 18)

III. Rivalin der Ehefrau - 1883-1885

Schon 1883 findet eine heimliche Wiederannäherung statt. Nachdem Dfbs Ehe vollkommen gescheitert ist, zwei seiner Kinder ihm entzogen sind und er allein mit Sohn Helios in Thalkirchen haust, soll Maja ihm aus der Patsche helfen. Am 7.Februar 1885 kommt sie an, von Italien her. Nach einem halben Jahr muß sie wieder gehen."Der gemeine Hass, mit welchem meine Frau sie verfolgt, erfüllt auch ihr ganzes Wesen gegen ihre 'Feindin'." Ihre flehentliche Bitte um Wiederaufnahme wird nicht erhört. Ab August 1885 hat Elisabeth Guttzeit ihre Stelle eingenommen.


22. 5. 1883 Absolute Bedingung für Ihren Verkehr mit mir ist die peinlichste Vermeidung jeder persönlichen Annäherung und Vermeidung jeden Aufsehens.

(KB 1, 57)

10. 12. 83 Die Hindernisse, welche Deiner Verwendung in meinem Haushalt entgegenstehen, sind vorläufig nicht zu überwinden, Du mußt Dir eine Stelle suchen ... Du wirst überall beobachtet. (KB I, 65)

6. Januar 1884 Dfb bietet ihr eine Stellung in seinem Hause an. "Du hast meine Frau als Deine Herrin zu achten ... Die geringste Enttäuschung in meinem Erwarten hat unnnachsichtige Entfernung und zwar für immer zur Folge." (Briefe S)

30. 7. 84 Nur wenn Du gelernt hast, mir zu folgen, kann ich mich später Deiner wieder annehmen. (KB I;129)

10. August Maja schreibt aus Genua an Dfb: "Herr Dfb, Ihr wertes Schreiben ... "

(Briefe S)

Oktober 1884 Maja wird aus Italien herbeigerufen. (Fridolin von Spaun)

5. 1. 1885 „Diefenbach fordert Sie auf ... Ihre ganze Lage genau zu schildern.“ (Driessen, KB I, 229)

22. 1. 85 Dfb an Maja: Dein sofortiges Hierherkommen wünsche. (KB I, 244)

Januar 1885 Glückstrahlender Brief von Maja, sie will kommen. (Tgb IV)

7. 2. 85 Ankunft von Maja in Thalkirchen."Mein jahrelanges Sehnen ward endlich gestillt." (Tgb IV). Sie führt das Tagebuch von Diefenbach.

18. 6. Die Mißachtung meiner Ermahnungen ... so mußt Du mich verlassen! (KB I; 434)

18. 6. Es ist allein Deine Schuld, daß Du gehen mußt. (KB I; 435)

24. 6. Verlasse mich sofort und bleibe in Ruhe bei Deiner Mutter. (KB I; 447)

Ende Juni 85

Entlassung und Bitte um Wiederaufnahme." Ich flehe um Erbarmen." (Briefe S)

Juli 85

Maja muß endgültig gehen. Drückende Last. (CD 26 und Tgb Nr.4 vom 4.Juli 85)

10. 7. Fort von mir! Sie wie jene! Sie sind nicht fähig und nicht würdig mit mir gemeinsam zu leben. (KB I; 473)

12. 7. Wenn Sie Ihre niedrige, pöbelhafte Gesinnung gegen "meine Frau" nicht aufgeben, denke ich nur mit Ekel und Zorn an Sie. (KB I; 485)

5. 5. 1886 "Ich leide namenlos!" (Maja)

IV. Sekretärin der Humanitas - 1889-1890

Auf dem Höhepunkt seines Kampfes mit der Justiz, nach mehrmonatigem Kranken-lager im Münchner Krankenhaus links der Isar, wo Fidus und Feldner ihn gepflegt hatten, während er angeklagt ist, seinen Sohn Helios verwahrlosen zu lassen und Feldner sich von ihm abgekehrt hat, wird Maja zurückgerufen. Von April 1889 bis April 1890 ist sie in Höllriegelskreuth und führt als Sekretärin der 'Humanitas' Dfbs Tagebuch. Sie läßt auch ihren unehelichen Sohn Josef zu sich kommen, der von Dfb den Namen Odysseus erhält. Diesmal wird sie anscheinend von Fidelis (Elisabeth Guttzeit) verdrängt.

Nach viermonatiger Abwesenheit wird Maja jedoch im August 90 von Dfb wieder zurückgerufen. Mitte September verläßt sie ihn wieder, von den Beschimpfungen durch Helios vertrieben.

21. 2. 89 März Einladung an Maja in München durch Fidus zu Besuch in Höllr. (KB 5, 412). Sie soll kündigen. Dfb: Scheue kein Opfer sofort zu kommen! Ich halte den jetzigen Zustand ... nicht mehr lange aus! (KB 5, 439)

16. April 89 Maja kommt nach Höllriegelskreuth.

Mai 89 Sekretärin bei Dfb in Höllriegelskreuth.

4. 6. Maja noch da. Fidus weg. (Sinner in Tgb IV)

7. 6. Ausflug auf die Kampenwand mit Maja und Sinner. (Tgb IV)

Juli - Dezember 89 Maja Sekretärin der Humanitas.

Sept. 89 Sie schreibt Dfbs Tagebuch bis 14. April 90.

Dez. 89 Sie holt ihren SohnPepi (Josef) nach Höllriegelskreuth. Pepi erhält von Dfb den Namen Odysseus. Maja folgt Dfb nach Dorfen.

14. April 90 Verläßt Dorfen (LZ). „O wie namenlos unglücklich ist Maja!“ (Tgb IV)

10. August 90 „Auf Wunsch des Meisters beginne ich nun wieder das Tagebuch weiter zu schreiben, nachdem er mich wieder zurückgerufen in sein eigenes Heim, das ich am 14. April dieses Jahres verlassen hatte. ... der Umbau des Bauernhauses zu einer Kunst- und Wohn-Werkstätte des Meisters überraschte mich groß und machte einen hohen Eindruck auf mich.“ (Maja in Tgb Nr.8, S.260)

10. 8. bis Sept. 90.

4 Monate war ich abwesend“. Beginnt wieder Tgb IV zu schreiben.

3. Sept. Dfb: Ich schaudere, in meinem Elend vor 12 Jahren einem solchen Wesen zum Opfer gefallen zu sein.

12. Sept. Abgang wegen Szenen mit Helios. „So nach 12-14jährigen Opfern!“

22. 9. 90 Dfb: Ergänzen Sie, ehe Sie mein Haus verlassen, das von Ihnen geführte Tagebuch!



V. Haushälterin in Dorfen? - 1891 bis ?

Als Dfb im Herbst 91 sich zur Umsiedlung nach Wien entschließt, braucht er eine Haushälterin für sein Haus in Dorfen. Wiederum wird Maja gerufen, und sie kommt wie immer. (Möglicherweise stand aber ihre Verpflichtung nur auf dem Papier!) Wie lange sie in Dorfen gewesen ist, wenn überhaupt, ist unklar. Vier Jahre später wird sie in gleicher Funktion an den Gardasee gerufen. Aus dieser "Berufung" ist mit Sicherheit nichts geworden; aus welchen Gründen ist nicht bekannt.

9. 11. 95 Der Meister erhielt zur gleichen Zeit einen Glückwunsch zu seinem Namenstag von Maja aus Paris, welche soeben aus Amerika zurückgekehrt war. Er glaubte sie passend, unsere Wirtschaft zu besorgen, deshalb schrieb ich nach dem Essen gleich an Maja ... (Tgb Bachmann, S.116)

14. 12. 91 Dfb an Maja: Komme sofort mit dem nächsten Zuge ... hierher.

16. 12. 91 Verpflichtung als Haushälterin



VI. Vergebliche Reise(n) - 1903? und 1904

Ende 1903 schreibt Maja mehrfach an Dfb nach Capri. Sie will ihr Leben unter seinem Dache beschließen, wird aber von Dfb zurückgewiesen oder wieder weggeschickt, nachdem sie bereits bis Mailand oder gar Capri gekommen ist (?). Sein stetiger Vorwurf gegen sie ist ihre "niedrige Denkungsweise".

Im Herbst 1904 wünscht Mina sich Maja als Haushälterin, weil sie den vielfältigen Aufgaben nicht mehr gewachsen ist. Maja kommt unter harten Entbehrungen (tagelange Fahrt bei eisiger Kälte) Ende Dezember nach Capri, wird aber vom Meister aus dem Haus gejagt, weil sie es wagte, nach einem Glas warmen Weins zu ihrer Stärkung zu verlangen.

Eine abermalige Rückkehr Majas im Februar 1905 scheiterte wohl am Widerstand von Helios (oder Pauls?).

26. Okt. 03 Maja schreibt aus München an Dfb: Bist Du mir böse?

14. 10. 04 Mina wünscht Maja als Haushälterin.

21. 10. 04 Maja: "unendlich glücklich - o so glücklich bei Dir, bei Euch nun Aufnahme zu finden".

Ende November Abreise von Maja (aus Cannstatt?).

Dez. 04 Maja kommt nach Capri.

20. 12. 04 (o. D.) … weist Du mir die Türe ... daß ich zu Marie mich äußerte wegen warmem Wein bereue ich tief ...

21. 12. Dfb an Maja: Sie haben morgen früh (Donnerstag) Ihre Sachen einzupacken ...[andernfalls] ich die Polizei anrufen würde ... Dfb.

3. 12. 04 Maja heute abgereist.

Febr. 05 Paul oder Helios gegen die Rückkehr Majas.