Die Zeit mit Otto Driessen

Der Lieblingsjünger

Diefenbachs Lieblingsjünger: der erste und am innigsten liebende, sein „Johannes“ sozusagen, und der am tragischsten endende, in erzwungener Trennung und frühem, selbstgewolltem Tod

Otto Driessen wird schon im Sommer 1884 auf Diefenbach aufmerksam. Er ist ein begeisterter Anhänger von Professor Jäger, der eine wollene Reformkleidung propagiert, und wird unter dem Eindruck der Vorträge eines Dr.Aderholt auch Vegetarier. Driessen, der sich in seinem Eltern-hause unverstanden und einsam fühlt, möchte mit Diefenbach in Kontakt kommen, kann ihn jedoch zunächst nicht erreichen.

Als dieser dann am 10. Oktober seine erste öffentliche Rede "Über die Ursachen des menschlichen Elends" hält, nimmt Driessen die Gelegenheit wahr, den Verehrten anzusprechen. Er ist jetzt überzeugt, in ihm den Menschen gefunden zu haben, den er gesucht hat, schwebt auf Wolken des Glücks. Er weint sich an der Brust seines Meisters aus, der ihm den Namen Lucidus, der Leuchtende, gibt. Im November macht er seinen ersten Besuch in Thalkirchen, an Weihnachten zieht er dort ein und betätigt sich als Helfer. Als Frau Diefenbach in die Wohnung eindringt, um Helios zu entführen, versucht er diesen zu schützen, kommt aber gegen die wildgewordenen Weiber nicht auf. Meister und Jünger bewegen den Gedanken an ein Kinderasyl, besichtigen auch schon ein Anwesen, das als künftige Behausung in Frage kommt.

Doch Ende Februar 85 wird Driessen von seinem Vater nach Berlin zurückgeholt, nach der Darstellung von Diefenbach unter Anwendung körperlicher Gewalt. Warum kann Driessen sich diesem Zwang nicht entziehen? Ist es die finanzielle Abhängigkeit, die ihn ans Elternhaus bindet, der Wunsch, sein Studium mit Examen abzuschließen, den auch Diefenbach als für das gemeinsame Vorhaben nützlich unterstützt? Oder hat die harte und manchmal enttäuschende Wirklichkeit der Diefenbachschen Existenz seine Begeisterung schon etwas abgekühlt? Es fällt auf, daß sein Tagebuch, das ja wohl auf Wunsch seines Meisters angelegt wurde, schon nach kaum vier Wochen, am 26.Dezember 84, wieder endet. Eine seiner letzten Eintragungen lautet: "Homo [d. i. Diefenbach] war sehr schwach und empfindlich. Ich kämpfte meinen inneren Zorn nieder. Hülsenbeck war da. Homo sagte zuviel; der Mann sieht auch nur seinen Vorteil, das Ideal ist ihm gleichgültig." (23) Wenn die beiden letzten Satzteile auf Diefenbach zu beziehen sind, wie es den Anschein hat, dann ist eine gewisse Ernüchterung unübersehbar.

Ein lebhafter, geradezu stürmischer Briefwechsel zwischen Thalkirchen/Höllriegelskreuth und Berlin entspinnt sich, von Diefenbachs Seite (die allein hier vorliegt) mit spontaner Offenheit geführt. Immer wieder ermahnt und ermuntert er den jungen Freund, dem er seine eigene Siegesgewißheit gegen alle Widerstände einimpfen will: "Halte Deinen Mut aufrecht und studiere ruhig! Du bist auf gutem Wege und wirst Dein Ziel erreichen" (18.6.1885). Man gewinnt den Eindruck, daß der von Haus aus eher schwermütige Driessen solchen Zuspruch nötig hatte. Driessen stellt in Berlin eine direkte Verbindung her zu dem Reformprediger Johannes Guttzeit, der dort ein 'Zentralblatt für Menschlichkeit' herausgibt, in dem Diefenbach offenbar häufig besprochen, aber auchs scharf von Gesinnungsgenossen angegriffen wird. Diefenbach will Guttzeit als Helfer zu sich holen, Driessen warnt, kann seinen Meister aber nicht überzeugen.

Guttzeit schickt zunächst seine Schwester, und auch Driessen kommt im August 85 zu vierzehntägiger Hilfe nach Höllriegelskreut. Im Herbst 85 schließt sich Johannes Guttzeit dem Meister als Mitarbeiter an. Nachdem jedoch beide Guttzeits, Johannes wie Elisabeth, die Einöde wieder verlassen haben, ruft Diefenbach im Januar 86 dringlich die Hilfe seines Jüngers an. Er hat einen Vertrag mit dem Verleger Ströfer über seine 'Kindermusik' abgeschlossen und soll seine Arbeit bis Februar liefern, kommt aber nicht damit zurande. Endlich, im Juni 86, kann "Lucidus" sich losreißen, wie es scheint, unter dem Vorwand seiner Erholungsbedürftigkeit. Um die Eltern von Driessen zu beruhigen, setzt Diefenbach einen Vertrag auf, in dem er Driessen "zur ärztlichen Leitung meines im Entstehen begriffenen Kinder-Asyls" bestimmt. Eines Asyls, das es noch gar nicht gab!

Am 13. Juni 1886 kommt Otto Driessen nach Höllriegelskreut und führt dort im Juni und Juli Diefenbachs Tagebuch. Wegen der andauernden Konflikte mit Frau Diefenbach und um mehr Ruhe zum Arbeiten zu haben, ziehen Meister und Jünger nach etwa vier Wochen gemeinsam in das Hotel Rottmannshöhe über dem Starnberger See. Der erhoffte Arbeitsfortschritt an der dringlich fertigzustellenden 'Kindermusik' stellt sich jedoch nicht ein, da Diefenbach andere und, wie Driessen meint, illusionäre Projekte verfolgt. Darüber kommt es zum Streit und zur Entfremdung zwischen den beiden, mit der Folge, daß Driessen am 19.September seine Koffer packt und abreist.

Ob es danach noch einen nennenswerten Briefwechsel zwischen Meister und Jünger gegeben hat, ist nicht klar. Bekannt ist mir lediglich ein Brief Diefenbachs vom 17.Juli 1887, in dem er Driessen wegen seines Hodenleidens um ärztlichen Rat bittet. Etwa um diese Zeit, im Juli 87, muß Driessen in Berlin gestorben sein. Nach einem späteren Bericht Diefenbachs hat er seinen Tod wissentlich und willentlich durch Selbstvergiftung herbeigeführt.

Diefenbach hat diesem Jünger ein hohes Andenken bewahrt. Im Rückblick seines Alters sah er in ihm den einzigen unter seinen Anhängern, der seine Ansprüche erfüllte und der sein Werk hätte fortsetzen können. Das verklärende Bild verdrängt allerdings die Tatsache, daß auch dieser Jünger gegen ihn revoltiert und sich letztlich von ihm abgewendet hat.

Ob er sich wirklich abgewendet hat oder ob er eher dem Druck seiner Eltern erlegen ist, läßt sich aus den vorliegenden Zeugnissen nicht beurteilen.

 
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Auszüge aus dem Tagebuch von Otto Driessen,  aus Briefen

seines Meisters und aus anderenQuellen

I. Beginn und Hochzeit der Jüngerschaft (Oktober 1884 - März 1885)        

12. 10. 84  Der erste, am 12.November [Irrtum: Oktober 1884] gehaltene öffentliche Vortrag ... führte Diefenbach einen jungen Mann zu, der, begeisterter Aufopferung fähig, ihm in den nächsten Jahren wesentliche Stütze gewesen ist ... Student der Medizin Otto Drießen ... Am Ende des Jahres 1884 schrieb jener junge Mann ... "Und wenn ich auch mit 'Homo' allein bleiben sollte, Thalkirchen ist der Punkt ausserhalb der Welt. Wir wollen dieselbe bewegen." (CD 23/24)

28. 11. 84  O.Driessen wandert mit Dfb nach Thalkirchen. Notizbuch: "Ich ziehe zu ihm." (Tb OD 6)

30. 11. 84  Tb OD:  Ich hörte Dich und ging mit Dir hinaus. Zum ersten Male sah ich Helios, Stella und Deine "Frau" ... Dank Dir, Mensch, endlich, zum ersten Male in meinem Leben konnte, durfte ich an der Brust eines mir nahestehenden lieben Menschen weinen. Du ersetztest mir in dem Augenblick Vater, Mutter, Freund, Lehrer. (7)

2. 12.   Thalkirchen, den 2.Dezember 1884. - An Otto Driessen / München / Lindwurmstr.39/I

Dein Besuch wird mein Herz erquicken; ich fühle mich unsäglich schwach und bin überlastet von tausend Seiten. Du kannst mir jetzt schon mehr helfen als Du weisst und glaubst ...                                             Diefenbach.

4. 12.   Tb OD: Abends hörten wir ... den Vortrag über Volapük. ... Nachher sprachst Du über Religion und rissest mir ein Teures nach dem andern aus dem Herzen. (8)

6. 12.   Tb OD: Des Abends hörte ich den Vortrag ... über Jägers Entdeckung der Seele und weigerte mich, über mein erhabenes Vorbild, Professor Jäger, am Biertisch zu diskutieren. (8)

7. 12.   Tb OD: Am 7ten sprachst Du in Deinem Vortrage schon schärfer ... Abends war Volapükverein Konstituierung. (8f.)

8. 12.   Otto Driessen beginnt sein Tagebuch. (Tb OD)

10. 12.             Tagebuch OD: Lucifer hat mein Meister mich genannt! ... Als ich mit Dir in der Wildnis der Sonne entgegenging, zum ersten Male in meinem Leben der aufgehenden Sonne, da war es entschieden. (2) ... Ich bin auserwählt. ... Ein Reich der Liebe soll erstehen! ... Ja, das Paradies liegt vor uns! Auf denn, es zu suchen! ... Ich stand allein von jeher, ruhelos irrte ich umher, bis ich an Deine Brust sank, Homo! Ja, ich habe gefunden, was ich suchte, einen Menschen! ... Ich habe alles aufgeboten, Dich im Sommer zu sehen, jeder sah Dich, wenn ich kam, warst Du fort. ... Als ich dann die Vorträge Dr.Aderholts hörte, fühlte ich meine Kraft erwachen. Ich wurde Vegetarianer. ... Die Sache begeisterte mich, die Vertreter derselben imponierten mir nicht. Ich selbst fühlte mich anders. Da sah und hörte ich Dich und hätte laut auflachen mögen; mir war mit einem Male klar, Du bist derjenige, den ich suchte (5) ... Ich will ein Priester sein, gleich Dir. (6)

12. 12.             Tb OD: Dr.Hacker sagte zu Diefenbach: "Ich begreife nicht, wie Sie den Mut haben, dergleichen Dinge in öffentlichen Vorträgen zu sagen". (10)

13. 12.             Tb OD: Sobald ich konnte, eilte ich abends nach Thalkirchen hinaus, ich schwebte, ich fühlte mich so leicht. ... Dann gingen wir zum Vortrag. Ich nahm Helios mit. Homo und Helios entzückten die Zuhörer. Heute haben wir einen Sieg errungen. Ich ging mit Homo auf die Insel, wir sahen das Haus und suchten einen Platz aus für das grosse Asyl. (11) ... In der Nacht träumte ich von einem Kampf ... (12)

17. 12.             Tb OD: ... "Wo ein Priester hintritt, wächst kein Gras mehr." ... Jetzt ginge ich mit Dir ... der aufgehenden Sonne zu, in Gottes herrlicher freier Natur, da betet man. Und nur da ist Frieden, Ruhe. (14) ... Ich habe seit 3 Tagen Homos Tagebuch hier. (15)

21. 12.             Tb OD: Sonntag 10 Uhr war Vortrag. Homo sprach vorzüglich, siegesbewusst. ... ziehe für die Weihnachtsferien hinaus ins Paradies, nach Thalkirchen. ... Ich möchte jetzt schon gern meinen Religionswechsel, vielmehr meine Verbesserung in der Hinsicht schreiben. Das wird aber einen Sturm geben ... (17)

22. 12.  Tb OD: Homo lag den ganzen Tag mit heftigem Fieber zu Bett. Ich arbeitete die Einrichtung der Bibliothek. ... Antonio, ein Italiener, welcher Homo helfen soll ... Lübenau (Fidelis) ist unpraktisch, unselbständig, mürrisch, leicht gereizt. Helios zuweilen eigensinnig weinend. ... Nach unserer Auffassung darf nur durch reine Liebe solch junges Bäumchen erzogen werden. (18)

24. 12. 84  OD bei Michael G.Conrad: Mittwoch 24.12. besuchte ich für Homo Rechtsanwalt Dr.Bernstein. Er war geschäftsmässig und schrieb sich die Adresse in sein Buch. Dr.Georg Conrad (Jägerianer) schien ein geistig höherstehender junger Mensch. Er war sichtlich erfreut über Dfbs Aufforderung, ihn zu besuchen, und war freundlich. Er scheint mit seinem hübschen stattlichen Weiblein gemütliches Leben zu führen, wie es mir früher als Ideal vorstand. (19)

25. 12.             Dann zog ich hinaus, es schlug Mitternacht, die Glocken riefen zur Mette. (20) Da ging ich durch die Isarauen oder schwebte, denn es kam mir vor, als wäre ich in einem Feenpalast. Die weissen Bäume bildeten einen märchenhaften Baldachin. Der Boden weiss, so rein. Darüber ein magisches Licht und ruhige, wie verzauberte Luft. Nur weit, ganz leise hörte ich das Rauschen der Isar. Und in der Umgebung ich, das Christkind mit meinen Idealen, der Welt ein Christkind zu sein mit meinem Kampfe ... Dann kam ich nach Thalkirchen. Homo freute sich, mich zu sehen, er hatte offenbar an mich gedacht. Ich war so froh, so glücklich, ich lag an seiner Brust, wir erneuerten unseren Bund. (21)

Weihnachten. ... Mit einem Arm voll Holz, das ich gesägt, kam ich herauf. Antonio sagte kaum guten Morgen, Lübenau sah mich an und schwieg. Lübenau nahm die zwei besten Schnitten, welche ich für Homo geschnitten, und setzte sich mit einem Seufzer ruhig zum Frühstücken. ... Aber auch Homo war so kalt und still. ...

Nun habe ich meinen Glauben verlassen, meine Eltern, Geschwister, Freunde verlassen, um die Religion der Liebe, der Freude zu finden, und finde nur traurige, mürrische Gesichter, fressbegierige Menschen. Und ich weinte bitterlich.  ...

Dann gingen wir hinauf. Hier oben, bei der Menterschwaige, schüttete ich mein Herz aus, ganz, alles habe ich Homo gesagt, das war meine Beichte. Und ich war ruhiger und befriedigter als in früheren Jahren. Es war, als seien mir die Augen aufgegangen. Ich sah ein Licht, es war nicht zu beschreiben, die Welt war so schön geworden. (22)

26. 12. 84  Homo war sehr schwach und empfindlich. Ich kämpfte meinen inneren Zorn nieder. (23) ... Doch werden stets mir die beiden Männer vorschweben, die mich zur Erkenntnis gebracht haben. Jäger in Bezug auf die Kleidung, Diefenbach in Bezug auf die ideale Seite der Nichtkleidung und des Essens. Der Bauchvegetarismus, wie ich ihn seit Jahren kannte, imponierte mir nie und ich ging auch nicht dazu über. Jetzt bin ich Vegetarier und esse nichts mehr, was vom Tiere kommt. (24)

[ENDE des Tagebuchs von Otto Driessen.]

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1. Jan. 1885    Zusammen mit Otto Driessen und Helios und einem Italiener "Antonio" - getrennt von seiner Frau und seinen 2 kleinen Kindern.

5. Febr. [Dfb aus Thalkirchen an Driessen in Berlin?] Lucidus! ... Noch tobt alles um mich her; mein bloser Name gibt Aufruhr unter diesen Jammermenschen; doch das Ende ist nahe; ich unterlasse Alles, um malen zu können. Das Bild von Sinners Vater ist fertig, höchste Wirkung des Erstaunens und Bewunderung über Lebendigkeit ... Ruhe ist die erste (die Bedingungs)-Tugend des Weisen ... Gott ist die Ruhe!     Homo Diefenbach.

Diefenbach hat Maximiliane Schlotthauer, genannt "Maja", eine ehemalige Geliebte, die von seiner jetzigen Frau verdrängt worden war, zur Hilfe gerufen - und verschärft damit den ehelichen Konflikt.

7. Febr.  Ankunft von Maja (von Italien her kommend). Nach schier unglaublichen Hindernissen schickte Lucidus [= Driessen] sein Studiengeld (150 M.) an sie mit Telegramm "Höchste Gefahr".

Am 7.Februar Rückkehr [von Maja nach Thalkirchen] - Driessen mit Helios an der Hand holen mich am Bahnhof ab. - endlich angekommen in d. Wohnung lag ich mit einem Freudenschrei an seiner Brust. Mein jahrelanges Sehnen ward endlich gestillt und ein neues, überglückliches Leben begann für mich.                                             (Tgb IV, hier von Maja am 18.März rückblickend geschrieben)

12. Febr.  D. hatte, als die Schlotthauer zu ihm kam, seinen Sohn Helios bei sich und den Ehescheidungsprozeß eingeleitet. Am 12.Februar 1885 stand Sühne-Termin vor dem Amtsgericht an. (CD 25)

(Am 12.Febr.) wurde C.(arl) aufs Landgericht gerufen - wegen Ehescheidung, um 10 Uhr. Seine Frau benutzte die Gelegenheit, um Helios zu rauben, was ihr mit höchster List gelang. Driessen sprang, ihr das Kind zu entreißen, wurde aber von den wild gewordenen Weibern mit Beißen und Kratzen abgewehrt und kam marmorbleich zurück, lag einige Zeit besinnungslos.

C.(arl) kommt 10 h heim - große Aufregung - Anzeige bei Gendarmerie (Protokoll). Antonio (Italiener) muß das Haus sofort verlassen. Am 15.Febr. holt er seine Sachen und O.Dr. die Sachen aus der Wohnung von Frau Dfb.                                                                                                    (Tgb IV)

26. Febr.  Dfb und Driessen gemeinsam spaziert - das leere Anwesen "Waldheim" gefunden.

27. Febr.  Beide mit Schlüssel zu dem Anwesen, 2 h zurück. 3 h kommt der Vater von Driessen und fordert seine sofortige Rückkehr.  (Tgb IV)

28. Febr. Beide lassen sich bei Albert fotografieren. Abends schmerzlicher Abschied. (Tgb IV)

Driessen wird von seinem Vater nach Berlin weggeholt.

1. März  Otto Driessen 6.50 morgens Abfahrt von München. (Tgb IV)

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II. Briefwechsel mit dem Meister und kurzfristige Aushilfe (März 1885 - Juni 1887)

27. März 1885  [Dfb an Driessen in Berlin:] Lucidus!

Noch immer in Hoch-Flut, doch nahe dem Hafen; noch rast der Sturm - so wütend als je; doch sichere Rettung in kürzester Zeit.

Oh könntest Du hier sein, die Brust würde Dir schwellen im Hochgefühl gewaltigen Ringens! Doch dulde geduldig Dein Los! Jegliche Trübsal treibt Keime späterer Wonne, von der wir vorher nichts geahnt. Verzeihe den Menschen, die Dir jetzt Wehe bereiten; sie wissen ja nicht was sie tun. Sorge Dich nicht um mich; denke nur Ruhe zu finden zum Lernen, denk allein an den Zweck der Prüfung ... Und welcher Himmel steht uns bevor! - So nahe!

Das Landgut ist nicht gekauft, trotzdem Sinner M.18000 für mich bar beschafft hatte; seine Familie widersetzte sich dieser Verwendung des Geldes - doch mir zum Heile, "es riss mich nach oben"! M.2000 habe ich erhalten, die übrigen sind hier von Sinner sicher deponiert zu augenblicklicher geeigneter Verwendung. Meine Gemälde schreiten vorwärts ... heiliges Feuer durchglüht mich, immer höher mir hebend Geist und Herz und stützend meine natürliche Schwäche. Göser ist gestern entlassen; gleich Assmuss und allen den anderen wollte auch er mich belehren und meistern, statt mir zu dienen zur Verwirklichung meiner Ideen. Zur Schlange ward mir seither noch jeder Wurm, des Elends ich mich erbarmte. Arme, verblendete Menschen! Was ausserhalb ihres beschränkten Gesichtskreises liegt, ist ihnen "Schwindel", "Verrücktheit", "Grössenwahn und Selbstüber-schätzung".

Das rohe Weib hat drei Tage Haft, ihre Helferinnen je zwei, wegen "groben Unfugs" erhalten. ... Die Zeitungen schweigen seither; ich vermeide jegliches Aufsehen; doch wenn ich, notgedrungen, die Stadt betrete, herrscht immer grösser werdendes Gedränge um mich; ehrerbietigen Gruss erhalte ich von Fremden, der Spott verstummt, selbst die Gassenbuben haben ihre Gesinnung gegen mich geändert; das "Volk" zieht mir nach mit wahrhaft heiliger Scheu und bespricht sich auf offener Strasse über mich. Teilnahme für die mir geraubten Kinder finde ich überall und höchste Spannung auf den Gerichtstag, der mich befreien wird von der drückenden Fessel des rohen, selbstsüchtigen Weibes. Die armen Kinder! als Geiseln gegen mich werden sie gehalten; ich habe sie nicht mehr gesehen, ausser als "die Gemahlin" sie selbst zum Fotografen brachte. Die Kinder hingen an mir, stumm mich umarmend. ... Aderhold geht jetzt, nachdem er in München kläglich Fiasko gemacht und erbärmlich an mir gehandelt hat. ... Maja entwickelt sich langsam, doch sicher; ich habe es nicht zu bereuen, sie wieder zu mir genommen zu haben trotz der vielen und grossen Gefahren, die jetzt noch durch sie mir erwachsen.

Der Brief Deines Bruders [Clemens] ist wertvoll ...

31. März 1885  Lucidus! ...

Du bist nicht verlassen, wie ich es war, wir haben uns gefunden in "Gott" - die "Welt" vermag uns nicht zu trennen!!! Omnia vincit amor! Nichts - auch das härteste Martyrium kann ihr widerstehen. Dulde mutig, dulde freudig! Auch wenn es Herzblut kostet. Ich wusste nicht, dass das Alles naturnotwendig war. Mir sagte es kein Freund, und bis ich zum Bewusstsein kam, dass der "Menschensohn" und Menschenfreund leiden muss, glaubte ich hundertmal sterben zu müssen. - Omnia vincit amor! - Die Liebe überwindet den Tod! Auch meine "Liebe" hat den Tod, dem ich so oft ins Auge geschaut, überwunden; - ich lebe, solange ich Liebe empfinde. - Und wenn tausendmal der Dämon der Menschheit den Götzen der Selbstsucht auf den göttlichen Thron der Liebe erhöht - die Liebe, der wahre Gott, stirbt nicht.

20. April  Dfb an OD: ... Hier weht es gewaltig; ich halt' es nicht mehr aus ohne öffentliche Reden. In Ruhe will ich mich diese Woche sammeln und stärken zu wuchtigem Schlage; nächsten Sonntag 10 Uhr stehe ich wieder im Feuer. ... Noll ist abgereist ohne Wort ... - "Der Starke ist am mächtigsten allein"! ... Homo.

Driessen gerät unter den Einfluß der Theosophie. Diefenbach zieht in den Steinbruch von Höllriegelskreut. Er trennt sich von Maja und ruft den Naturprediger Johannes Guttzeit zu sich. Zunächst kommt aber dessen Schwester Elisabeth und wird seine Geliebte,  der er den Namen "Fidelis" gibt.

10. Mai Dfb an OD: ... Deine Hinneigung zum Spiritualismus ist selbstredend ... ich glaube Dir gesagt zu haben, dass ich auch in dieses Gebiet Blicke getan, die mich mit hohem Bewusstsein für die Zukunft der Menschheit erfüllen. ... Mein inneres Schauen ist namenlos - oh welche Wonne wird uns erfüllen, wenn wir uns Ruhe erkämpft haben ... "Eins mit Gott" heisst unser Ziel. Wir kämpfen den Kampf des reinen Geistes gegen den Satan ... Gott ist mit uns, wer will wider uns sein?!      Homo.

Falls Du zu Gericht verlangt wirst betreffend Kindsraub ... Zeugenschaft ... wie Dich die beiden Frauenspersonen verletzten ... Herzlichen Gruss    Maja.

18. Juni  Dfb an OD: ... Der tobende Sturm um mich isoliert mich auch von Dir! Gedulde Dich! Vertraue, glaube, hoffe, liebe! ... Homo.

3. Juli 85  Lucidus! ... Hiermit die ganz nüchterne Nachricht, dass ich gestern den verlasssenen Steinbruch und das dazugehörige Haus bei Höllriegels-Gereute gepachtet und die Herrichtung des letzteren zu möglichst passendem Wohn- und Arbeitsraum angeordnet habe. ... Ich ... ziehe mich zurück in so stille Einsamkeit, dass ich meinen "Rivalen" als "ganz tot" erscheine. Ich ziehe mich vor meinen "Rivalen", nicht vor den Feinden meiner Prinzipien zurück!

8. Juli  Lucidus! Ein Wort über mich in Nr.4 des "Zentralblattes" wäre von grossem Werte. ... deshalb bitte ich Engelmann ... und bitte jetzt Guttzeit, mich ... zu besuchen. Es hat allen Reformbestrebungen unserer Zeit der zu ihrem Gedeihen absolut nötige innere Zusammenhang, ein fester mächtiger Zentralpunkt ausserhalb der "Gesellschaft" (intra ecclesia nulla salus!) gefehlt, alle Reform-"Parteien" bekämpfen sich gegenseitig ... Diese Äusserungen meines "Berufes" hat mir seither von allen Sorten meiner "Gesinnungsgenossen" den Vorwurf der Selbstüberschätzung, Anmassung etc. eingetragen ... Der Kerl ist wirklich ein Narr! sagten alle Gesinnungsgenossen und prügelten auf mich los ...

9. Juli  Lucidus! Suche von Guttzeit und Engelmann die gegen mich einlaufenden "Proteste" zu erhalten. .. Ich habe noch immer täglich Unaussprechliches zu erdulden - aber bald, bald winkt die Erlösung. Homo.        Nach Berlin, Luisenplatz 4/III

10. Juli            [Dfb noch aus Thalkirchen an OD:] Lucidus!

Jeder Tag bringt Gewaltiges ... Feinde ringsum! Mit Dreinschlagen erreiche ich jetzt nichts, die Übermacht ist zu gross und ich bin erschöpft. Vorsicht, Klugheit, auch vielleicht List ... sind jetzt die einzigen Waffen ... Das heutige Geschlecht ist schuldig, zugrunde zu gehen. Es auf Kosten der künftigen Menschheit zu schonen wäre Torheit - Verbrechen! Frei von allem Fanatismus gegen das Individuum muss freilich der Kampf sein, um nicht unmoralisch zu sein ...  Aber sich der brutalen Gewalt, der vernichtenden Gemeinheit dieses Geschlechts zu entziehen, allein für uns in aller Stille, wenn nicht anders möglich, auch mit List an der Erziehung eines besseren Geschlechts zu arbeiten, ist unser Recht und unsere Pflicht! Das gelobte Land kann nicht erreicht werden von dem verlotterten entmenschten Gesindel unserer Zeit; wir selbst, die wir zur Erkenntnis gekommen sind, können es nicht einmal erreichen: wir erblicken es von ferne ... Wir können uns nur ihm nähern auf langem, dornen- und allen Hindernissen vollem Wege. Dieser Weg ist nicht einmal gerade, überhaupt kein Weg, sondern Wildnis! Gewunden zu einem Labyrinth - aus welchem die wenigsten den Ausgang finden, führt er uns fort rückwärts, rechts oder links im Kreise herum. ...

Wir sind die Überbringer eines kostbaren Kleinods, dessen Besitz Himmelseligkeit verleiht - an die künftige Menschheit. Liebe darf nie schwach sein ... Vorwärts! dem Stern entgegen - ... An unserem Ziel, der Pforte des Paradieses, angelangt ist erst Rast, Anspannung, Erholung möglich ... Am Dienstag muss ich abziehen! ... Meine Pläne? Ich habe nur einen Plan. die Erwerbung eines Eigentums! ...

Maja hat es selbst unmöglich gemacht, mir noch etwas beim Umzug helfen zu können. Bei ruhiger Zeit, behaglichem Leben hätte sie ja viel helfen können, aber den Stürmen, die mich umrasen, ist sie nicht gewachsen - nicht einmal so viel, dass sie auf meinen Notschrei hört, ihn beachtet (da sie ihn nicht versteht). Der gemeine Hass, mit welchem meine Frau sie verfolgt, erfüllt auch ihr ganzes Wesen gegen ihre "Feindin". In diesem beiderseitigen Hasse vernichten sie sich gegenseitig und stürzen mich - auch jetzt, wie seither - in höchste Gefahr. ... Ich bin gezwungen, will ich nicht ihretwegen zu Grunde gehen, beide von mir zu schleudern! (Welche "Roheit"!) ...

Kinder-Asyl! Die ganze Zukunft, die ganze Welt liegt in diesem Wort! - Und welchen Eindruck auf das jetzige Geschlecht würde unsere Tat machen! Du solltest die sprachlose Bewunderung sehen, zu welcher alle durch meine Kinder (und dazu so vernachlässigte! Kinder!) wie magnetisch gebannt werden. ... "Ihr Gesinnungsgenosse und Schüler Hermann Voit." - Soll ich diesen kommen lassen? ... Homo.

13. Juli 1885   Lucidus!   Auf schwindelnder Höhe, von Wolken umwogt, von Donnern umbraust, von grellem Scheine geblendet stehe in düsterer Nacht ich da - zitternd - der Ruhe, der Pflege bedürftig! Schauerliche Abgründe, das Geheul der dämonischen Meute, menschliche Rufe: rechts, links, links, rechts, zurück, so - nicht so - Rufe, gut gemeint - ob gut verstanden? - Selbstsucht, niedrige, erbärmliche zentnerschwere Schwäche mit eisernen Ketten mir angeschmiedet ... und ich verzweifle nicht? bin ruhig, trotzdem jede Faser an mir bebt vor Erschlaffung? - Wahrlich: mich hält eine mächtige höhere Hand! -  Schauer erfassen mich, mir schwinden die Sinne - - ich schwebe, fliege  - - -  - - - -  - - - -

Ausser Dir "keinen Erwachsenen mehr"! nie mehr! - Sie schaden mehr, als sie nützen.  

16. Juli  Lucidus! ... halte ich Guttzeit für geeignet ... Er arbeitet sein Zentralblatt unabhängig von mir weiter ... Also - lass ihn zu mir kommen!

17. Juli  Lucidus! ... Kannst Du Guttzeit nicht begleiten auf einige Tage? Von mir aus: Wochen?

18. Juli Lucidus! ... wird es mir ein Leichtes sein, die Gerichtsverhandlung gegen mich wegen "Vergehen wider die Religion" zu einem Wendepunkt in der Kulturgeschichte der Menschheit zu gestalten. ... Stenogramm meiner letzten Rede ... hat eben Conrad, dem dadurch ein Licht aufgegangen ist; er wird bald Auszug davon in seinem Blatt bringen. (Er begrüsst mich auf der Strasse demonstrativ in herzlichster Weise und besuchte mich kürzlich mit seiner Frau - höchstes Staunen, Ver- und Bewunderung über meine künstlerischen Arbeiten.) ... Gestern habe ich den Kindern zwei junge Schafe gekauft - himmlische Freude! ... Umzug: Dienstag oder Mittwoch. [Noch aus Thalkirchen]

25. Juli  [Dfb  aus Höllriegelskreut an OD:]  In der "Wüste" 25.Juli 1885

Endlich Ruhe! ---- Noch zittert alles an und in mir, doch bin ich geborgen! ... Guttzeits Schwester fühlt sich glücklich und ich glaube fest ... in ihr eine tüchtige Gehilfin gefunden zu haben; Gantz wandelt als Novize in langem weissen Gewande.

1. August?  Otto Drießen kommt zu 14tägiger Hilfe. (CD 27)

August  Totgeburt seiner Frau. (CD 27) - Um die Kinder wieder zu haben, nimmt Dfb die Frau wieder auf. (Frido 5) - Otto Driessen führt Tgb IV bis Mitte August.

13. Aug.  Otto Driessen aus Höllriegelskreut an Maja: ... Ich reise morgen nach Berlin zurück ...

23. Sept. Lucidus! ... Statt Ruhe - oh Ruhe! Leben und Treiben von sechs Menschen ... Welches Wogen! ...

6. Okt.  Lucidus! ... Seit vier Tagen hier mit [Elisabeth] Guttzeit  allein. ...

9. Dez. An Lucidus, Berlin ... Immer höher, aber unter welchen Schmerzen. ---- Ich zittere Tag und Nacht, fühle mich nicht mehr stehend, sitzen und liegen, sondern immer schwebend, fliegend und - Sturz. ... J.F.Guhtzeit ist seit 2 Wochen fort. ... Der edle Kern seines Innersten wird doch erbärmlich ... am meisten durch sein "ICH": ...          verkrüppelt. ... Die arme Fidelis. Sie muss die Fehler ihres  Bruders bitter büssen. Der kindliche Glaube an mich, der mich wie sie so glücklich und stark machte, ist ihr getrübt - fast genommen worden; an seiner Stelle ist "selbständiges" Urteilen über mich und meine Verhältnisse getreten. ... Nur erst Dein Staatsexamen ... - halte aus. ...

13. Jan. 1886  Dfb an  Otto Driessen, Berlin:

Nach achttägigem Aufenthalt in der Stadt gestern zurück, will ich in Eile Dir berichten, dass ich meine "Himmelsklänge" (Kinder-Musik) verkauft habe (1000 M. Honorar u. Tantiemen bei weiteren Auflagen). Höchstes Staunen und Bewunderung bei den Spitzen der M'er Künstlerschaft über meine Zeichnungen. - "Was - der Narr kann so etwas machen? - Sensationeller Erfolg! Zwei Verlagshändler reißen sich jetzt schon um weitere Bücher. ...Wann ist Dein Examen beendet? ... "Fidelis" (II) ist das Opfer ihres Rache schnaubenden Bruders sowie meiner übrigen "Gesinnungsgenosssen" geworden u. als "Fräulein E.Guttzeit" von mir weggegangen. Es tut mir leid, denn ich hatte eine tüchtige Hilfe durch sie gefunden. ...

21. Jan.  An Lucidus, Berlin ... Dir Vorsicht anzuraten (Die Unterlassung dieser Tugend habe ich so oft unnennbar bitter büssen müssen!!!) ... Lieber Otto komme bald zu uns. Helios und Stella.

5. Febr. Dfb aus Höllriegelskreut an Lucidus, Berlin: Am 1.Februar hätten die "Musikanten" abgeliefert sein sollen. ... Rastlos schaffe ich daran Tag für Tag und des Nachts ... Ein Präludium zu meinen übrigen Werken.    Homo.

24. Febr. An Lucidus, Berlin.  Ich bin mit meinen Musikanten [‚Kindermusik’, später ‚Per aspera ad astra’] nicht fertig geworden  ... In Ströfer glaube ich den Geschäftsmann gefunden zu haben, den ich notwendig brauche; er hat mir ... M.1500 Vorauszahlung gegeben. ... Je näher ich meinem Ziele komme, desto gewaltiger schlagen die Wogen von allen Seiten gegen mich. Die "Einöde" schützt mich nicht gegen den "Sturm" meines Lebens ... der Dämon, "meine Frau" macht dies unmöglich. Der Name "Alia" ist zu demselben Hohn gegen mich geworden wie "Fidelis" (I.II.) ...

Grosses, Gewaltiges, Himmlisches wartet auf Deine Hilfe! Ich bin zu gebrochen und gelähmt und gefesselt, als dass ich ohne Hilfe (eines selbständigen Menschen!) meine Pläne verwirklichen könnte. Durch diese Hilfe zur Freiheit und dann - viribus unitis - zum Siege! ...

Lucidus! Wir sind berufen, den guten Schwachen als Führer zu dienen auf der Flucht vor der Zerstörung der jetzigen Menschheit, als Führer in das gelobte Land, als Erschliesser des Paradieses für die künftige Menschheit!

23. März  Dfb aus Höllriegelskreut an Lucidus, Berlin: ...  Vor Ende April werde ich mit dem Buche: "Musikanten" nicht fertig.

3. April 1886  An Lucidus, Berlin. ... Zitternd, schweisstriefend flüchtete ich aus meiner Einsiedelei. Der Satan fletschte mir wieder die Zähne entgegen. Es gilt: Hel zu retten. ... Gräßliche Wut erfaßt ihn, er tobt und schlägt seine Mutter, wie ich dem stumpfsinnigen Weibe es vorausgesagt, aber in solchem Grade ich nicht geglaubt hätte. Ihre Roheit und Bosheit reizt den Knaben zur Wut. Ich fürchte, er tötet sie einmal.

Ich floh - das wirkte. Blieb 4 Tage ohne Nachricht fort und kam vorgestern mit einem (fürchte nichts) erwachsenen Manne als Hilfe und Stütze zurück. ... Meine "Musikanten" werden die Welt durchtönen und freie Bahn und Achtung schaffen für meine weiteren Werke. - Hel und Stella spielen und arbeiten schon lange nackt im Freien. Turn- und Arbeitsgeräte habe ich gekauft und heute wird durch Schmidt (mein Gehilfe) und einen Taglöhner ein Turnplatz im Freien geschaffen. Durch photographische Momentaufnahmen bekomme ich gutes Studienmaterial. ... Homo.  (Tb OD Anhang)

8. April  An Lucidus, Berlin. ... Das Weib ist mir vom Satan in den Weg gestellt worden ... Satanisch werden meine Schwächen - "Gott" kennt deren Ursache! - benutzt, um mich in Ketten zu halten. ...

"Grünschnabel" nannte Dich "meine Frau"; "unselbständig" ist die Bezeichnung des Urteils über Dich von Guttzeit und seiner Schwester. Nachdem letztere durch ihren Bruder (Johannes) "selbständig" gemacht worden war (in dreitägigem Aufenthalt in München) konspirierte und klatschte sie mit meiner Frau über mich und den "unreifen" Menschen, welchen ich ihnen so oft als Vorbild hinstellte. ... Die "Vegetarier und Vegetarianer" sind Schwächlinge. Jedes Wort verschwindet wie eine Perle im Mist. Lass sie!

11. Mai An Lucidus, Berlin ... Gerade heute stehe ich an einem Abschnitte. Bis gestern Vorbereitungs-Studien und Arbeiten. Morgen will ich die endgültigen Blätter zu fertigen anfangen. "Gott" allein kennt die Qual, in meinem Zustande und meiner Lage zu arbeiten. Kaum kann ich mich aufrecht erhalten vor Fieber. Meine überspannten Nerven zittern Tag und Nacht. ...  Sinner hat mir den Gerichtsvollzieher auf den Leib gehetzt ... Ströfer hat mir grosse Hilfe geboten ... Vorstudium zu den "Musikanten" ... Zu den weiblichen Figuren haben mir meine beiden "Schwägerinnen" Modell gestanden ... Kennst Du 'Sphinx'? Hübbe-Schleiden ist ein uns sympathischer, etwa 50 Jahre alt.

Diefenbach arbeitete in dieser Zeit an einer größeren Komposition (Silhouetten), auf welche ihm der Kunsthändler Ströfer in München eine größere Anzahlung gegeben hatte, welche den Sommer über jegliche Not von dem Hause fernhielt. (CD 29)

19. Mai  An Lucidus ... Das Aufsehen, noch mehr aber das Ansehen, Anerkennung, Bewunderung, Befolgung, Besprechung beim "Volk" wird immer grösser, ebenso bei den Spitzen der "gebildeten Gesellschaft", während das eingebildete, protzig-dumme Mittelvolk, Männer wie Weiber, öffentlich gegen mich Front macht.

29. Mai  An Lucidus, Berlin ... "Grosse Sehnsucht" gegenseitig.

7. Juni Vertrag zwischen Otto Drießen und Dfb "zur ärztlichen Leitung meines im Entstehen begriffenen Kinder-Asyls".

An Lucidus, Berlin ... komme! ... Bettgestell, Seegrasmatrazze und 2 wollene Decken stehen Dir zur Verfügung.

9. Juni  An Lucidus (Hofgeismar b/Kassel) ... komme! ... der Aufenthalt bei Deinem Bruder Clemens ... Rat ist daher: das Examen aufzuschieben bis November; sofort hierher zu kommen ... Ich erwarte Euch beide als Pfingstgäste. Homo

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III. Wiederkehr und Abschied im Zorn (Juni bis September 1886)

13. Juni Am 13.Juni 1886 kam Otto Drießen, seine Studien erholungshalber unterbrechend, zu Diefenbach, den er mit der Frau und den Kindern in Höllriegelsgereute fand. - Differenzen mit Frau - zur Erholung mit Dfb nach Rottmannshöhe.(CD 29)

O.Driessen schreibt Tagebuch IV im Juni und Juli 86.

10. Juni 86        Driessen da - wir machen uns im Freien unser Lager und schlafen unter dem Sternenhimmel. Der Stütze Driessen, des einzigen "Menschen", den ich bis jetzt gefunden, verdanke ich die kurze Abspannung meiner gemarterten Nerven.  (Tgb IV)

20. Juli 1886   O.Driessen nach Rottmannshöhe mit Dfb. (Tgb IV)

26. Juli  Dfb  von Hotel Rottmannshöhe an Lucidus, Höllriegelskreuth ... Paul und Virginia zu Ende gelesen ... Man wundert sich weit mehr über Dich als über mich; mich betrachtet man "von Haus aus" für - bemitleidenswert.

August  Die mancherlei Miseren ... veranlassten Diefenbach, sich ein anderweitiges Unterkommen zu suchen, welches er in dem Hotel Rottmannshöhe bei Starnberg fand. Dort brachte er mit Drießen, mit Unterbrechungen auch die Kinder bei sich habend, die Monate August und September zu. Gegen Ende September kehrte Drießen nach Berlin zurück. Diefenbach war noch auf der Rottmannshöhe, als seine Frau in Höllriegelsgereute den (noch lebenden) jüngsten Sohn "Lucidus" gebar. Die nächsten Monate brachten bittere Not. (CD 29)

3. August Dfb aus Leoni an Driessen, Grosshesselohe ... hoffe ... mit einem anderen geeignetenWagen kommen zu können.  ... Homo.

12. Aug.  Dfb an Frau Lesser-Kiesling, Wien  - Hotel "Rottmanns-Höhe"

 ... Ich erkenne den "Vegetarismus" als eine Halbheit ...  (Wirbt um ein Weib wie seine Mutter) .... Driessen, der junge Mediciner, der mich als Mensch pflegte ... (während die "Vegetarianer" in ihren autor. Vertretern: Lilienbach, Dr.Aderholdt, Dr.Dock, Baltzer, Meta Wellmer, M.Kleiupp mich als "verrückt", "unsittlich", "schamlos faul", "bettelhaft", "gefährlich oder schädlich für die gute Sache" pp meinem Schicksal überliessen) .... Driessen ist jetzt seit 2 Monaten zu meinem Schutz und zur Hilfe bei mir. Er hat sein Staatsexamen unterbrochen, weil für mich Gefahr im Verzug lag ... "Johannes Friedrich Guttzeit" rächte sich für seine Entlassung ... dadurch, dass er zuerst Gifttropfen des Misstrauens gegen mich ihr [Elisabeth] beibrachte ...

5. Aug. Dfb aus Rottmannshöhe an Lucidus ...  Welch furchtbarer ungeahnter Abgrund ... Das Anschnauben der letzten Zeit, das grässlich mir Mark und Bein durchzitterte und das auf meinen Leidenszustand achtungslose Poltern und Rauschen bei Hantierungen ertrug ich stille, weil ich Deiner Worte gedachte, dass bis zum Vollmond Du jedesmal hochgradig krankhaft erregt seiest, meines Herzens Schmerzen-Eröffnung sowie die Erklärung, dass und warum ich auf Peitschenhiebe nicht mehr reagiere, glaubte ich trotzdem auf "guten Boden" gemacht zu haben ebenso wie die freudige Mitteilung, dass in der Nacht, die ich unter freiem Himmel zugebracht, ich einen sicheren, leichteren Weg gefunden habe. - -

- - - Statt "gutem Boden" sehe ich seit gestern in einen Abgrund, vor dem mir schaudert. ... Ich rufe Dir zu: Fürchte nichts! Vertraue mir ... Folge mir ... das Ziel ist nahe, wir erreichen es sicher, halte aus!

14. Sept. An Otto Driessen, Rottmannshöhe: Hindernisse und Vorteile bedingen längeren Aufenthalt in der Stadt. ... Ich habe beide Kinder bei mir ---- mit grossem Erfolg nach jeglicher Richtung. Ich wohne im "Kollergarten" Schwanthalerstrasse. ... Vergiss mein Tagebuch nicht. Diefenbach.

Sept.    Otto Driessen schreibt Tgb IV im September; S.145-173. - Große Auseinandersetzung mit Dfb (schriftlich). Gefahr der Trennung!

17. Sept.  (Dfb nach Höllr. gegangen - noch nicht zurück). "Vor Hellwerden auf. Eingepackt. Lebe wohl! Otto Driessen". (Trennung! O.Dr. geht wieder nach Berlin). 

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IV. Tod in Berlin  (Juli 1887)

17. Juli  An Otto Driessen, Berlin: ... Seit 3 Wochen bin ich allein ... Arzt zu mir. - Sein Ausspruch ist: "Neubildung, Folge einer alten (im Jahre 77 erhaltenen) geschl. Ansteckung, welche durch unsinnige Medicin-Behandlung (Dr.Popelt) nicht beseitigt, sondern unterdrückt, d.h. zurückgedrängt worden war; seither latent, jetzt wuchernd um sich greife und lebensgefährlich (krebsartig) werden muß, wenn nicht bald der kranke (6-8fach vergrößerte) Hoden herausgeschnitten wird. Die Operation sei nicht gefährlich ... erhalte mich zeugungsfähig (der linkss. Hoden ist gesund) ... Außer deinem Rath will ich Dr.Lahmann und Wohlbold hören. ... Wo und wie befindet sich Fidelis? und Du? D. (KB 3/85)

Juli 1887  Tod von Otto Driessen in Berlin. Besuch von Clemens Driessen. (CD 30)

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Rückblick von Diefenbach:

28. 1. 1913  Dfb an seinen Sohn Helios:

Du scheinst keine Kenntnis davon zu haben, daß Drießen von seinem Vater auf falsche Denunziation des Münchener Polizeipräsidenten im Verein mit dem dortigen Universitätsrektor unter brutaler körperlicher Mißhandlung und sonstigem Zwange mit Gewalt von meiner Seite gerissen und gezwungen wurde, in Berlin unter Aufsicht seines älteren Bruders seine medizinischen Studien zu beenden und den Doktortitel zu erwerben; daß Drießen dort dem fanatischen Einfluß des Theosophen Dr.Hübbe-Schleiden, welcher in seinem Wahnsinnsfanatismus auch verhängnisvoll an Deiner Entreißung von mir beigetragen und das treulose Verlassen des "Fidus" gegen mich bewirkt hat, nicht blos irre an mir sondern irre am Leben sowie an der Menschheit gemacht wurde, sodaß dieser von seiner blühenden und strahlenden Apostelgestalt zu einem grämlichen, asketisch ausgehungerten Jammerbild wurde und sich in solcher Verzweiflung am Leben bei einer Leichensektion absichtlich verwundete, mit Leichengift infizierte, und daran nach einigen Tagen starb, worüber mir mit Namensunterschrift drei seiner Studienkollegen öffentliche Zeugenschaft zu meiner Verteidigung gegen die von Drießens Eltern sowie von mir gehässigen Zeitungsschreibern wider mich erhobene Anklage der Verschuldung seines Todes anboten. ...

Daß dieser kraftstrotzende Jüngling, der in sorgenlosen äußeren Verhältnissen leben konnte, auf solche Weise und so schnell zugrunde ging, beweist, daß er mit seinem Geist und mit seiner Seele von meiner klaren Lebens-Erkenntnis, Lebens-Betätigung und Lebens-Bejahung durch den theosophisch-buddhistischen Wahnsinn einer Lebensverneinung zur Vermeidung weiterer irdischer Wiedergeburten und zur raschesten Erreichung des "Nirvana" entrückt und "verrückt" gemacht worden war.                                                                                                            (Tgb 31; S.82f.)

Otto Driessen         Gemälde von K. W. Diefenbach

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