2023 Kyushu University


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Kyushu University Institutional Repository

Die Offenbarung des Geheimnisses : Die Inflationspropheten" oder die Inflation der

Propheten

Fukumoto, Keita

Faculty of Languages and Cultures, Kyushu University : Professor


https://doi.org/10.15017/1546581


出版情報言語文化論究. 35, pp.15-26, 2015-11-24. Faculty of Languages and Cultures, Kyushu
University
バージョン
権利関係

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Wünschelrutengängerei, Atlantissuche, Vegetarismus, Esperanto, Sexualreform, rhythmische Gymnastik,
Übermenschkult, Brechung der Zinsknechtschaft, Theosophie, Heimatkunst oder Okkultismus.
Eine besondere Eigenart der „Inflationspropheten“ war, dass sie politische Intention hatten.
Besonders nach der Französischen Revolution wurde die Apokalyptik mit politischen Umwälzungen asso-
ziiert. Die von den „Inflationspropheten“ angestrebte religiös-politische Revolution konnte sowohl konservativ-radikale als auch links-radikale Tendenzen haben.
Während der Hyperinflationen von 1919 bis 1923 und der Weltwirtschaftskriese von 1929 bis
1933 traten in Deutschland die Pseudo-Propheten in so großer Zahl auf, dass wir nicht nur von
„Inflationspropheten“, sondern auch von einer „Inflation der Propheten“ sprechen können. Der Journalist
Walter Kolbenhoff (z. n. Linse, S. 47) bemerkt dazu: „Um das Jahr 1925 gab es ungefähr tausend von diesen
Derwischen alleine in Berlin.“ Im Folgenden werde ich auf einige dieser Propheten näher eingehen.


3-1. Gusto Gräser 1879-1958


Gusto Gräser, alias Gustav Gräser, wurde 1879 in Kronstadt geboren, das damals zu Österreich-
Ungarn gehörte und heute in Rumänien liegt. Sein Vater war Amtsrichter. Gräser besuchte in Wien die
Schule für Kunstschlosserlehre. Seine Lehre brach er aber ab und studierte an den Kunstakademien
Berlin und München Malerei. Gräser war ein begeisterter Leser von Hermann Hesse und las außerdem
auch amerikanische Naturmystiker wie Thoreau, Emerson oder Whitman, völkische Schriftsteller wie
Paul de Lagarde und sogar Tolstoi und Laozi.


Gräser kann als geistiger Erbe der eine Generation älteren, lebensreformerischen Kohlrabi-Apostel
wie Eduard Baltzer und Gustav von Struve bezeichnet werden. Baltzer und Struve verkündeten nach der
gescheiterten Revolution von 1848 eine lebensreformerisch-vegetarische Heilslehre. Daneben war
Gräser im Jahre 1900 auch ein Mitbegründer der Kommune auf dem Monte Verità über Ascona. Er hatte
auch direkte Kontakte mit Ludwig Haeusser und Friedrich Muck-Lamberty, auf die wir im Folgenden zu
sprechen kommen. Gusto Gräser kann als Anreger und Vorläufer der „Inflationspropheten“ der 20ger
Jahre gesehen werden.


3-2. Johannes Baader 1875-1955


Geboren in Stuttgart nannte sich Baader selbst „Oberdada“. Er verstand sich als Oberhaupt des
Dadaismus in Deutschland. Der Dadaismus selbst war 1916 am Cabaret Voltaire zu Zürich von Hugo Ball,
Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck und anderen gegründet worden. Nach dem Ersten Weltkrieg bezeich-
nete sich Baader großsprecherisch sogar als „Präsident des Erd- und Weltballs, Leiter des Weltgerichts,
Wirklicher Geheimer Vorsitzender des Oberdadaistischen Intertellurischen Völkerbundes“ (Linse, S. 75).
Baader war in dadaistischer Technik bewandert und verstand es gut, die Öffentlichkeit zu provozieren, wie
er im Folgenden ausführt:
„Als Dadaisten hielten wir «Meeting» ab, bei denen wir gegen ein paar Mark Eintrittsgeld nichts
taten, als den Leuten die Wahrheit zu sagen, das heißt, sie zu beschimpfen. [...] Wir sagten: «Sie alter
Haufen Scheiße da vorne –— Ja, Sie dort mit dem Schirm, Sie einfältiger Esel».“ (z. n. Linse, S. 78)
Übrigens bediente sich auch Peter Handke bei seinem Sprechstück Publikumsbeschimpfung (1966)

dieser Methode. Und auch Ludwig Haeusser, auf den wir im Folgenden zu sprechen kommen, provozierte

ähnlich großsprecherisch wie Baader und gern die Öffentlichkeit. Während Baader aber stets spielerische,

selbstironische Distanz mit sich hielt, nahm Haeusser seine Rolle als Prophet und Pseudo-Christus tragi-

komisch ernst.


3-3. Friedrich Muck-Lamberty 1891-1984


Am 14. Mai 1920 brach von der Ortschaft Hartenstein im Erzgebirge eine Schar junger Leute zu

einem Zug durch Franken und Thüringen auf. Der Führer dieser Schar, genannt die „Neue Schar“, war

Friedrich Muck-Lamberty, ein als Christus frisierter völkischer Jugendbewegter. In seinem Wanderbuch

meinte er zum Zweck der Wanderung: „Sammlung aller jungen Menschen und Kampf für die

Volksgemeinschaft gegen alles Gemeine, gegen Ausbeutung“ (z. n. Linse, S. 97). Die Mitglieder der Schar

trugen rohleinene Kittel und waren meist barfuß. Muck-Lamberty wollte mit seiner Schar durch die

Lande ziehen und die mit der Industriegesellschaft kritiklos zufriedenen Menschen zur Besinnung rufen.

Die Schar wanderte von Jena über Weimar, Erfurt, Gotha nach Eisenach.

Die spätere Schriftstellerin und Märchenerzählerin Lisa Tetzner, die auf einer Reise zufällig auf

Muck-Lambertys Schart stieß, beschreibt diese Begegnung folgendermaßen:

Eine unzählige Menschenmasse wälzt sich den Berg heran. Es scheint, als seien alle Menschen der

Stadt im Anmarsch begriffen. Er [Muck-Lamberty] hat [...] langes, zurückgekämmtes Haar, trägt

einen weiten, braunen Mantel um die Schulter und ist ebenfalls barfuß in Sandalen. [...] Plötzlich habe

ich visionshaft das Bild des Nazareners vor mir, den das Volk nach Jerusalem begleitet und dem es

Hosianna singt. Ist er wiedergekommen in Gestalt eines neuen Propheten? Ist die Zeit erschienen,

in der Zeichen und Wunder geschehen sollen?“ (z. n. Linse, S. 100)

Während in den Großstädten der 20ger Jahre Tango oder Jazz in Mode waren, tanzte und sang die „Neue

Schar“ Volkstänze und -gesänge. Zu diesen Volkstänzen kamen noch Elemente schwedischer Volkstänze

und uralter deutscher Tänze, wie sie der Jenaer Verleger Eugen Diederichs mit seinem „Serakreis Jena“

beim Fest der Sommersonnenwende praktizierte. „Die Tanzspiele der Neuen Schar zeigten durchaus – in

ihrem Schwingen und Kreisen – Parallelen zu religiös-ekstatischen Praktiken“ (Linse, S. 105). Dass Tanz

und religiöse Ekstase zusammengehören, erkennen wir z. B. auch am Veitstanz des Mittelalters oder am

japanischen „Ee-ja-naika“6

. Wie Linse (S. 106) betont verschaffte der Tanz den Menschen noch einmal die

Vision des verlorenen Gemeinschaftserlebnisses, denn in den Tanzritualen lösten sich die gesellschaftli-

chen Gegensätze auf: „Alle gesellschaftlichen und Standesunterschiede werden dadurch verwischt, daß

Spieler und Tänzer dauernd durcheinandergewürfelt und auf diese Weise adlige Fräulein gezwungen

werden, mit Arbeiterjungen, Bürgerstöchter mit Bauernsöhnen zu spielen und zu tanzen.“

Der charismatische Lamberty wurde „Messias von Thüringen“ genannt. Er selbst nannte sich etwas

bescheidener „Prediger in der Wüste“ oder „Vorläufer neuen Werdens“. Der Typus des „Führers“ einer

Jugendbewegung wurde auf diese Weise ins Religiöse umgedeutet.

Lamberty sah die Emanzipation der Frau in Gestalt der säkularisierten Maria. Dieser Frauenkult aber

veränderte sich im Laufe der Zeit zu seinem Wunsch, einen realen deutschen Christus zu zeugen. Käthe

Kühl, eine Frau aus der der Schar, beschuldigte Lamberty, er „entheiligte das Heiligtum der Weiblichkeit“ und



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führe eine „Haremwirtschaft“ (Linse, S. 119). Vielleicht spielte bei dieser Anschuldigung auch Eifersucht
eine Rolle, aber Lamberty hatte tatsächlich ein Kind mit einer verheirateten Frau und erwartete ein wei-
teres von einem Mädchen aus der Schar. Außerdem hatte er sich erneut mit einer seiner Anhängerinnen
eingelassen. Angeblich habe er behautet, „vom Schicksal den Auftrag“ zu haben, „mit einem blonden
Mädel den deutschen Kristus [sic!] zu zeugen“ (z. n. Linse, S. 120). Dies wurde jedoch zum Sündenfall der
Neuen Schar und die Bewegung erlahmte. 1969 im Alter von 78 Jahren begrüßte Lamberty „ausdrücklich
die Studentenrevolte und solidarisierte sich mit dem rebellischen Geist der Jugend“ (Linse, S. 128).
Die folgende Abbildung zeigt das um 1921 von der Stadt Kahla herausgegebene Notgeld. Dort wird
der Aufstieg und Fall der Neuen Schar illustriert. Zum besseren Verständnis wurde der auf der Illustration
gezeigte Text wiedergegeben.
Der Mensch sei edel, hilfreich, gut
Und keusch und lobsam
Mit diesen Worten einst daher
Freund Muck gezogen kam
Was ist vom Guten Vorsatz nun,
Mein lieber Muck, geblieben?
Zähl nur die Häupter deiner Schar:
Es sind statt sechse – sieben!


3-4. Ludwig Christian Haeusser 1881-1927


Ludwig Christian Haeusser war der Repräsentant der „Inflationspropheten“ der 20ger Jahre. Linse
(S. 156) stellt die Frage, was er eigentlich war: „Erlöser, Narr, Schwindler, Verbrecher, Staatsmann oder
Sexualprotz? Er war wohl von allem etwas, aber das dann auch jeweils ganz“. Als Kind hatte er heftige
Konflikte mit seinem Vater, einem Bauern, der den Sohn tyrannisierte. Haeusser erinnert sich: „Mein
Vater hatte den blinden Wahn, mir durch viehische Behandlung und so brutales Schlagen, daß ich oft
wochenlang nicht zur Schule konnte, die Freude am Lernen, Denken, Schule, «Sinnieren», wie er’s nannte,
zu vertreiben“ (z. n. Linse, S. 157).
Als Lehrling arbeitete er in einer Stuttgarter Fabrik. Mit 16 Jahren fuhr er dann mit seinem selbst
verdienten Geld nach London und zwei Jahre später weiter nach Paris, wo er bis zu seinem 36. Lebensjahr
blieb. In Paris erwarb er mit dem Verkauf verdächtiger Qualitätsdiplome und -medaillen besonders nach
Russland ein Vermögen. Haeusser hatte auch „Geld geheiratet“ und sich eine reiche Dame zur Frau
genommen, mit der er auf der Avenue des Champs-Élysées wohnte. Er gründete eine Sektfabrik und
machte bedeutenden Umsatz. Von seinem Sekt heißt es, die Qualität sei schlecht, aber Aufmachung und
Etikett seien elegant gewesen. Das erinnert etwas an den Vater von Felix Krull von Thomas Mann. Der
Hauptexport soll für die Türkei bestimmt gewesen sein.
Notgeld der Stadt Kahla, um 1921


(http://upload.wikimedia.org/wikipedia/de/thumb/a/a9/Muck_Geld_farbe.jpg/220px-Muck_Geld_farbe.jpg)

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Im Jahre 1912 packte ihn aber plötzlich die existentielle Frage nach dem „Wohl des Menschen“, wobei
die Lektüre Schillers eine Rolle gespielt haben soll. Der Ausbruch des Krieges von 1914 trieb seine innere
Entwicklung voran. Er verlor durch die Beschlagnahme deutscher Vermögen im Ausland einen Großteil
seines Vermögens. 1917 entstanden die ersten Entwürfe seines Buches Der kommende Übermensch, das
Haeusser selber als das „dritte und letzte Testament“ anpries. Im Jahr darauf warnte er in apokalypti-
schem Ton:
„Ihr seid nur eine Handbreit vom Verfall und Untergang entfernt. Zerronnenheit, Zerfahrenheit, steu-
erloses Dahinwüten sind des unaufhaltsamen Zerfalls schon deutlich sichtbare erste
Erkennungszeichen. Die elfte Stunde hat geschlagen. Bald werdet Ihr der zwölften nachrücken.“ (z.
n. Linse, S. 162f.)
Dann meinte er von sich:
„Ich bin aber auch das A und O, der Anfang und das Ende, der Aufgang und der Niedergang [...]. Ich
bin aber auch das Schwert und der Mörder Eures falschen Glaubens und der Totschläger Eurer Götter.
[...] bald, bald kommt das große Erwachen, wo Ihr werdet weinen und heulen.“ (ebd., S. 163)
Haeusser besuchte später Gusto Gräser in Ascona und blieb bei ihm, wurde aber 1919 in Zürich ver-
haftet und als unerwünschter Ausländer nach Deutschland abgeschoben. Als 38-jähriger Habenichts fand
er sich in Deutschland wieder, denn er hatte nichts weiter als zwei zerlesene chinesische Bücher, wohl
Laozis Daodejing und das Zhuangzi. Trotzdem konnte er eine Anhängerschaft um sich sammeln, und
schließlich entstand ein „Groß-Okkult-Weiber-Harem“ (vgl. Linse, S. 169). Die Frauen sollen ihm sexuell
„hörig“ gewesen sein, und wenn er zu ihnen ging, vergaß er die Peitsche nicht. Den Gruppensex nannte
er das „HEILIGE/ABEND/ MAHL/GOTTES“ (vgl. Linse, S. 173).
1920 behauptete er von sich: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, die Auferstehung, der
Übermensch und der – Gute Hirte“ (z. n. Linse, S. 174). Ab 1922 begann er, seine Mission politisch zu
verstehen: „Ich will unser Volk vom Schmutz seiner Flauheit, Feigheit, Faulheit, Lauheit reinigen!“ (z. n.
Linse, S. 174). Eine seiner Anhängerinnen schrieb an keine andere als Elisabeth Förster Nietzsche,
Haeusser werde „erster Diktator der Vereinigten Staaten von Europa. Aus dem kleinen gedemütigten
Deutschland kommt die Erlösung der Erde“ (z. n. Linse, S. 177). Haeusser selbst meinte 1922: „Das
Jüngste Gericht – das Reich Gottes – die Herrschaft des Geistes – die Diktatur der Wahrheit – ist nahe
herbeigekommen!“ (z. n. Linse, S. 178)
1922 meldete er offiziell seine Bereitschaft an, „das Reichsaußenministerium zu übernehmen“,
worauf die Behörde jedoch nicht reagierte. Dennoch nannte er sich „Volkskaiser“ und betrachtete sich
merkwürdigerweise als Erbe der Hohenzollern. Im November des gleichen Jahres gründete er die
„Christlich-radikale Volkspartei“ und gewann bei der Wahl im Mai 1924 ca. 25.000 Stimmen. Bei der
erneuten Reichstagswahl im November desselben Jahres bekam er aber nur weniger als 10.000 von über
30 Millionen abgegebenen Stimmen. Mit dem Ende der Inflation und dem wirtschaftlichen Aufstieg ging
der Stimmenanteil der Radikalen deutlich zurück. Zuletzt versuchte Haeusser bei den
Reichspräsidentenwahlen von 1925 sein Glück, konnte aber wegen zu geringer Anhängerzahl nicht einmal

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als Kandidat nominiert werden (vgl. Linse, S. 188). Der 77-jährige Hindenburg wurde schließlich
Reichspräsident, und Haeusser starb 1927 mit 45 Jahren.
Haeusser fand und findet immer noch viele Guru-Nachahmer wie Max Schulze-Sölde (1887-1967),
Leonhard Stark (1894-1982), Franz Kaiser (1888-1972) oder Shoko Asahara (1955- ), um nur einige
Namen zu nennen.


4. Schluss


Allen oben genannten „Inflationspropheten“ ist gemeinsam, dass sie ein allgemeines
Krisenbewusstsein besaßen, das durch wirtschaftliche Krisen wie Inflation, politischen Krisen wie
Kriegsniederlage, Revolution und Gegenrevolution und gesellschaftliche Krisen verursacht wurde. Das
Volk wiederum richtete seine Erwartungen auf einen geistigen Führer, der ihm neuen Lebenssinn ver-
schaffen sollte. Dies war der Ackerboden für den Aufstieg und Erfolg eines Propheten namens Adolf
Hitler.
Linse meint zusammenfassend, dass die „mit der Aufklärung und Säkularisierung dogmatisierte
Grundvoraussetzung“ der modernen Welt, „die Trennung von Temporalia und Spiritualia“ (Linse, S. 236),
also die Trennung von Politik und Religion, ins Schwanken gekommen war. Indessen sind politische
Religiosität oder religiöse Politik in der Gegenwart durch das Internet allgegenwärtig geworden.


Zuletzt sollten wir die Frage aufwerfen, wo der das Ende der Welt prophezeiende Prophet stehe.
Sicherlich vor dem Ende, denn sonst könnte er es nicht prophezeien. Was aber wird dann aus ihm selbst,
wenn das wirkliche Ende kommt? Überleben er und die seinen das Weltende? Wenn es so wäre, wer wählt
und regitimiert die Überlebenden? Ist das Ende dann das „wirkliche“ Ende? Bleiben doch nach dem Ende
noch die „Erwählten“ übrig. Oder beginnt nicht das „Ende“ schon, das eigentlich nicht enden würde?
Kann man von der Endlosigkeit der Enden (im Plural!) reden? Kann man irgendwann sagen, dass das Ende
da ist?
Auf diese Fragen antwortet Hartmut Böhme (S. 380) nach der Lektüre Derridas Apokalypse streng
logisch:
„Das Ende ist da“, von jemandem gesprochen, der selbst zu dem gehört, was zu Ende schon sein soll,
ist ja in sich widersprüchlich und unsagbar – es sei denn, er wäre von einer Position aus gesprochen,
die jenseits des Endes läge: von der Position der Rettung und Erwählung aus, die zwar in den klassi-
schen Apokalypsen tatsächlich einen strukturellen Ort angibt – das himmlische Jerusalem, den
Himmel, den Altar Gottes –, doch heute von niemanden mehr eingenommen werden kann.“
Da wir jenseits des Endes kein „himmlisches Jerusalem“ hätten, würden wir auf ewig kleine „Enden“
erleben und jedes Mal würden wieder Propheten auftreten, und die Inflation der Propheten würde sich
fortsetzten.


Anmerkungen
1 Dieser Abhandlung liegt ein Vortragsmanuskript für einen am 11. März im Rahmen eines

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Forschungsprojekts der JSPS (Nr. 26284048) zum Thema „Die apokalyptische Kultur als Topos in der
deutschen Literatur und Geistesgeschichte. Ist das Ende vom Ende möglich?“ am Hakozaki-Campus
der Kyushu Universität gehaltenen Vortrag zugrunde. Der Leiter des Forschungsprojektes war
Yasumasa Oguro, Professor für deutsche Literatur an der Kyushu Universität.
2 Im Folgenden werden bibliographische Hinweise im Text in verkürzter Form angegeben. Ausführliche
bibliografische Angaben stehen im Literaturverzeichnis am Ende dieser Abhandlung.
3 Plato’s Briefe nebst einer historischen Einleitung und Anmerkungen. Friedrich Nikolovius, Königsberg
1795.
4 Die Seele ist die Zahl, die sich selber in Bewegung setzt.
5 Das Wort „Prophet“ hat im Japanischen zwei Bedeutungen: 1. Yogensha
(預言者)Jemand, der sich
von seinem Gott berufen fühlt, als Mahner oder Weissager die göttliche Wahrheit zu verkünden. Also
ein Verkünder des göttlichen Orakels“. 2. Yogensha
(予言者)Ein Wahrsager, der etwas vorher-
sagt“. In diesem Abhandlung wird „Prophet“ fast immer im ersten Sinne verwendet. Verkündet der
Prophet aber, was in Zukunft geschieht, dann auch im zweiten Sinne.
6 „Ee-ja-naika“ ist eine kollektive Tanzmanie, die sich am Ende der Edo-Zeit (1867) in Kinki-, Shikoku-
und Tôkaigebiet wie eine latente seelische Epidemie unter dem Volk ausgebreitet. Das Ziel dieser
Tanzbewegung ist noch heute umstritten.
Literaturverzeichnis
Böhme, Hartmut: „Vergangenheit und Gegenwart der Apokalypse.“
In: Natur und Subjekt. Suhrkamp,
Frankfurt am Main 1988.
Bry, Carl Christian: Verkappte Religionen. Friedrich Andreas Perthes, Gotha 1924.
Chouraqui, André (traduction): La Bible.
Desclée de Brouwer, Paris 2010.
Cixous, Hélène / Derrida, Jacques: Voiles. Schleier und Segel. Aus dem Französischen von Markus Sedlaczek.
Passagen Verlag, Wien 2007.
Derrida, Jacques: „Von einem neuerdings erhobenen apokalyptischen Ton in der Philosophie.“ In:
Apokalypse. 4., durchgesehene Auflage. Aus dem Französischen von Michael Wetzel. Passagen Verlag,
Wien 2012.
Handke, Peter: Publikumsbeschimpfung und andere Sprechstücke. Edition Suhrkamp Nr. 177. 28. Aufl.
Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008.
Hauptmann, Gerhard: „Der Apostel.“ In: Sämtliche Werke. Centenar-Ausgabe. Bd. VI. Propyläen, Frankfurt
am Main/Berlin 1963. S. 69ff.
Kant, Immanuel: „Von einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie.“ In: Immanuel
Kants Werke. Bd. VI. Schriften von 1790-1796. Hrsg. von A. Buchenau, E. Cassirer, B. Kellermann.
Gerstenberg, Hildesheim 1973.
Linse, Ulrich: Barfüßige Proheten. Erlöser der zwanziger Jahre. Seidler Verlag, Berlin 1983.
(邦訳『ワイマ
ル共和国の予言者たちヒトラーへの伏流』奥田隆男・八田泰昌・望田幸男訳、ミネル
ヴァ書房、1989
Mann, Thomas: Gesammelte Werke in 13 Bänden. Fischer, Frankfurt am Main 1990.
Müller, Hermann: Der Dichter und sein Guru. Hermann Hesse – Gusto Gräser, eine Freundschaft. Gisela

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Lotz Verlag, Wetzler 1979.

Novalis: „Die Lehrling zu Saïs.“ In: Novalis Schriften. Erster Band. Hg. von Paul Kluckhorn und Richard

Samuel. 3. Aufl. Kohlhammer, Stuttgart 1977.

Okada, Atsushi: Apokalypse. Iwanami, Tokio 2014.(岡田温司『黙示録イメージの源泉』岩波新

書、2014

Rilke, Rainer Maria: „Der Apostel.“ In: Werke in drei Bänden. Dritter Band. Prosa. Insel, Leipzig 1978.

Schiller, Friedrich: „Das verschleierte Bild zu Sais.“ In: Schillers Werke. Nationalausgabe. Erster Band.

Gedichte 1776-1799. Hg. von Julius Petersen und Friedrich Beißner. Hermann Böhlaus Nachfolger,

Weimar 1943.

Schlosser, Johann Gerorg: Plato’s Briefe nebst einer historischen Einleitung und Anmerkungen. Friedrich

Nikolovius, Königsberg 1795.

Vondung, Klaus: Die Apokalypse in Deutschland. dtv, München 1988.

Wieser, Veronika / Zollers, Christian / Feik, Catherine / Zollers, Martin / Schlöndorff, Leopold (Hg.):

Abendländische Apokalyptik. Kompendium zur Genealogie der Endzeit. A