Gusto Gräser 1942 in Göttlin


Ev. Kirche von Göttlin bei Rathenow

Im Sommer 1942 befindet sich Gräser im Pfarrhaus von Göttlin bei Rathenow in der Mark Brandenburg. Vor eineinhalb Jahren, also anfangs 1941 oder Ende 1940, hatte ihn Pfarrer Walther Krause in Halle angesprochen. Er war offenbar so beeindruckt von dem seltsamen Mann, dass er ihm immer wieder schrieb, ihn einlud in seine neue Pfarrstelle in dem Dörfchen Göttlin und ihm sogar Reisegeld schickte. Man fragt sich, warum. Vermutlich war der junge Geistliche mit dem Naziregime nicht einverstanden, sah in Gräser einen Gleichgesinnten, ja, einen Gesandten im Geiste des Evangeliums, und wollte ihn in seiner Nähe haben, dem Gefährdeten zum Schutze und sich selbst zur Stärkung. Der Ort schien perfekt, um unterzutauchen, und der Hausherr tat alles, seinem Gast das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Leben in einer Idylle.

Und doch will Gräser nicht bleiben. Schon nach zwei Tagen will er wieder weg, obwohl er sich wahrlich nicht beklagen kann. Seine Lage ist ja so idyllisch nicht. Seit zwei Jahren ist er auf der Flucht. Taucht mal in Halle, in Leipzig und anderswo auf. Nach mehreren Verhaftungen und nachdem er, als „Asozialer“ eingestuft, mit seiner Einweisung in ein KZ rechnen muss, hat er sein Hausboot bei Berlin aufgeben müssen, hat keine Bleibe mehr. Der Berliner Boden ist ihm zu heiß geworden. Und dennoch will er weiterziehen?

Es gibt einen Grund. In Leipzig hat er in der Auslage einer Buchhandlung einen Titel entdeckt, der ihn sofort ansprach: 'Das Zeitalter des Lebendigen' von Alwin Seifert. Er geht hinein, das Buch muss er lesen! Nicht nur der Inhalt ist ganz in seinem Sinne: Bewahrung der Vielfalt einer lebendigen Landschaft … Und entdeckt darin sich selbst, seinen eigenen Namen.



Brief aus Göttlin in der Mark Brandenburg an seine Tochter Gertrud in Berlin, Juli 1942


Gräser verlässt das gastfreundliche Haus des Pfarrers, weil er den Landschaftsarchitekten Alwin Seifert in München aufsuchen will, der ihn in seinem Buch
'Das Zeitalter des Lebendigen' als Vorläufer einer Kulturwende bezeichnet hatte: eines kommenden Zeitalters des Lebendigen.

Brief an seine Tochter Gertrud in Berlin, Juli 1942


Göttlin bei Rathenow,
Anfang Wittrer 42

Mein "heiter gerundetes" Trudel und "grundsätzlich" lieber Henri -

Ich sitze hier bei Walther Krause, einem jungen evangelischen Pfarrer, den ich vor etwa 1 1/2 Jahr in Halle kennenlernte, indem er mich ansprach, der mir immer wieder schrieb, und nun, da er hierher in diesen ländlichen Pfarrort mit altem grünem Pfarrhof berufen wurde, mir sogar wiederholt Reisegeld schickte, um mich ja zum Kommen zu bewegen.

Er wartet schon seit dem Frühjahr, da musst ich ja und konnt ja auch gerne kommen. Er und seine Frau wünschen (eben vorhin brachte Er mir einen dicken Pack Briefpapier), dass ich werweisswielang in ihrem gastlichen Haus verweilen soll, aber aber, ich darf mich, wo ich mein Werk nicht weiter weben, heben und zuwege bringen kann, von noch so holder Freundlichkeit nicht zu sehr umgarnen lassen. -

So kann mein Aufenthalt hier (kam vorgestern an) höchstens paar Wochen dauren. Dann muss, wenn ich, obgleich ich auch nicht viel davon erwart, freilich Berlin durchfragt und durchfahren sein, wohl ein, zwei Wochen lang. -

Von München, wo auch der "Reichslandschafts-Anwalt" Alwin Seifert, der das Buch: "Zeitalter des Lebendigen" schrieb, wohnt, erwart ich mehr.

Nun weiss ich nur noch nicht recht, wo ich in Berlin wohnen kann, denn das Herumkugeln in Herbergen darf nicht wieder beginnen.

Beweggrund zu meiner, auch brieflichen Zurückhaltung ist, dass ich mein Leben freilich nicht mehr wie ein Jüngling herumwerfen und verschwenden darf. Jaja, der belebenden Gegenseitigkeit, der warmen, dem herzhaften Menschsein, dem muss ich nun entschiedener zugewandt sein und entgegengehen. Jawohl jawohl, ich muss zum Leben gangen, wo froh ich's geben kann, froh zu empfangen. -

Mit meiner nun wohl genug reichreifen, genug durchsaftet, durchkrafteten Früchtefracht schwer behangen, baumel ich nun in das Land, den Sattmatten ungeniessbar und Narr, den Durstgen Erquickung und Nahrung. Eben guckt Frau Sonne goldig zu meinem Dachkammerfenster herein und lockt mich mächtig hinaus, denn die paar letzten Tage war sie gar grausam kalt verborgen. O weh, schon schiebt sich wieder so eine Trübsalwolke dazwischen. Ha, anpacken, dreinschlagen, durchschlagen! Holzhauf und Axt locken auch, draus schlagen wir doch und dennoch belebendes Warm uns heraus!

Herzschlag drein!
Lasst uns mit Leben alles Elend töten! -
Lebt, meine Lieben - Ich warte -

Vater

*

"Mit meiner Früchtefracht schwer behangen, baumel ich nun in das Land“.



Walter Krause überlässt ihm seine Brotkarte






Gusto