Georg
Schrimpf und Oskar Maria Graf, die beiden
Münchner, hatten sich
schon vor dem Krieg bei Karl Gräser in Ascona
aufgehalten und sie
beherbergten Gusto Gräser im Frühjahr 1919. Die
Berliner
Wandervögel gehörten zum Gesinnungs- und
Bekanntenkreis jener
Gruppe von Berlinger Jugendbewegten, die sich
1915 für Gräser
einsetzte. Alfred Kurella, ihr führender Kopf
neben Hans Koch, ist
als Bewunderer Gräsers auf dem bekannten
Meissner-Foto von 1913 zu
sehen. Hans Koch war ein jüngerer Bruder von
Walter Koch, der mit
dem Gräser-Sympathisanten Max Hodann zusammen
aufrührerische
Schriften herausgab. Schrimpf und Graf hatten
während ihres
Aufenthalts in Berlin den Kontakt zu diesen
Gesinnungsverwandten
hergestellt, und so ist es nicht verwunderlich,
dass die Berliner
Gruppe auf der Suche nach einer ländlichen
Ansiedlung sich zunächst
in Grafs Heimatdorf Berg am Starnberger See
niederliess.
Von
Koch (wurde) am Starnberger See, direkt über Schloss
Berg, ein
kleines Haus gemietet, und in dieser 'Berger
Kommune' liessen sich
Elisabeth Kühnen und ihre
Wandervogelfreundinnen Elisabeth
Wittekind, Edith Mischke, Cläre Nathanson
sowie
Hans Koch, Fritz Klatt und - als
temporärer Besucher -
Alfred Kurella nieder. (Linse: Blankenburg
95)
Schon
bald kam es jedoch zu einer Spaltung, indem Kurella
der
kommunistischen Partei beitrat und sich in
revolutionäre Aktivitäten
stürzte. Zusammen mit dem vom Monte Verità und von
der Berner
'Freien Zeitung' kommenden Jakob Feldner wurde er
Zensor der
bürgerlichen Presse, und schon im März 1919 reisten
beide im
Parteiauftrag zu Lenin nach Moskau. Die Gruppe um
Koch jedoch hielt
an ihren Siedlungsplänen fest und mit Hilfe von
Oskar Maria Graf,
der Geld für das Unternehmen sammelte, kam es zum
Ankauf eines
Landguts und damit zur Gründung der Siedlung
Blankenburg.
In
seiner Schrift 'Der Weg zum Bolschewismus' fasste
Koch seine Gedanken
über die Funktion der Siedlung zusammen. Aus ihr
wird deutlich, dass
die angeblich "bolschewistische Revolution" gegen
den
Kapitalismus als Sieg des religiösen Geistes über
den Materialismus
verstanden wird.
An
Stelle des Klassenantagonismus wurde von Koch eine
Welt scheinbar
kosmologischer Religiosität beschworen: "Dann werden
die
Menschen im Bunde mit den Kräften des Himmels und
der Erde ihr
Wesentliches wiederfinden, 'fromm' werden." So
sollte die
ländliche Siedlung auch Erfüllung der kosmologischen
Implikationen
des Gemeinschaftserlebnisses der jugendbewegten
Fahrt, "der
innigen Gemeinschaft mit der Natur, die ihr euch
wandernd wieder
erobert habt", sein. Mit diesen Worten hatte Wyneken
die
neue Geneinschaftsreligion auf dem Hohen Meissner
beschworen; "denn
wer, wo immer er ist, zum Himmel aufblicken kann als
seinem Vater und
die Erde Mutter nennen, ist ewig jung und überall
daheim". In
solchen Kosmos-Symbolen enthüllt die Siedlung ihre
weit über
wirtschaftliche Überlegungen hinausgehende
politische Bedeutung:
Koch wie Wyneken griffen in ihren Formulierungen auf
den mythischen
Traum der Utopie von der grossen Harmonie der
Gesellschaft mit der
kosmischen Ordnung zurück. ... Die Siedlung war so
bürgerlich-revolutionäre Alternative zum
politisch-sozialen
proletarischen Umsturz. (Linse, ebd. 106)
In
solchen Anschauungen ging Gräser mit seinem
Freund Wyneken einig,
solche Anschauungen bewegte auch die Siedler von
Berg und
Blankenburg. Es verwundert daher nicht, die
jungen Leute in jenem
Vortrag zu finden, in dem Gräser am 1. April in
München über
'Kommunismus des Herzens' sprach und in dem der
Streit zwischen
Siedlern und revolutionären Aktivisten zum
öffentlichen Eklat
führte. Während Graf und Genossen mit
Zwischenrufen wie: "Nieder
mit der Natur! Es lebe die Technik" Gräser
niederzuschreien
suchten, wurde er von den Siedlerfreunden -
freilich erfolglos -
verteidigt. "Die Wandervögel gurrten wütend, die
Jungfern und
Mädchen zischten gehässig", erinnert sich Graf
(Gefangene
468). Es dürften jene Wandervögel gewesen sein,
die er selbst nach
Bayern gelockt und denen er vor wenigen Monaten
eine
Siedlungsmöglichkeit verschafft hatte. Nun aber
war er mitgerissen
von der kommunistisch-revolutionären Ideologie
und machte die
Siedler (in späteren Erzählungen) lächerlich.
Dass er Gräser aus
seiner Unterkunft bei Schrimpf vertrieb, hatte
auch mit diesem
Richtungsstreit zu tun, dieser ideologischen
Spaltung unter Gräsers
Sympathisanten.
Im
Berliner Kreis um Landauer, Wyneken und Käthe
Kollwitz - und nicht
ohne den zeitweiligen Einfluss Gusto Gräsers -
hatte sich ein
linkspazifistische Richtung der Jugendbewegung
gebildet, die den
"Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung ohne
Klassenkampf, d.
h. mit bewusster Integration der Arbeiterschaft"
erstrebte
(Linse, ebd. 83). Im Gedenken an den im Krieg
gefallenen Peter
Kollwitz, den Sohn der Künstlerin, hatte ein
Freundeskreis den
"Neuen Menschen" zum Symbol und Ziel erhoben.
"Wir
sprachen dann von der neuen Gemeinde, dem neuen
Menschen ... das
Wichtigste sei nun der künftige Mensch, der aus uns
kommen müsste,
den wir zeugen müssten, indem wir nichts dächten als
ihn. Bis dann
einmal der Tag käme, wo die Frau unserer Sehnsucht
ihn von uns
empfangen würde." (Fritz Klatt in Linse 73)
Der
Zusammenhang mit entsprechenden Phantasien von
Muck-Lamberty ist hier
mit Händen zu greifen. Hier wie dort liefert sie die
Motiviation zu
Siedlung und idealistischer Gemeinschaftsbildung.
"Von
der stark empfundenen Gemeinschaft beflügelt,
fassten wir den Plan
einer Koloniegründung im Freien." (Klatt in Linse
74)
Was
sie beflügelt, sind weniger klassenkämpferische als
lebensreformerische Ideen:
"Das
Wissen von der Ernährung und vom Atmen und vor allem
die Kenntnis
von der geheimen Kraft des Sonnenbadens für die
Umwandlung in eine
edlere Leibesbeschaffenheit muss schliesslich nach
und nach allen
Zugehörigen gewiesen werden. Und von solcher
gemeinsamer
Körperarbeit und Arbeit am Körper kann sich das
Leben dann zur
Körperfreude steigern. ... Ja die Körperfreude wird
dann, wenn die
Zeit herankommt, zu Reigen und Gesang aufzublühen
vermögen. ... So
bin ich denn in dieser Zeit dabei, mich bereit zu
machen. Ich lebe
hier von den feinsten und geistbringendsten
Erzeugnissen des Sommers,
rohen Früchten, Honig und Milch." (Klatt in Linse 75
f.)
In
diesem Geist wurde von ihnen illegale Agitation
gegen den Krieg
betrieben, u. a. das Lichnowsky-Memorandum über die
deutsche
Mitschuld am Kriege verbreitet; in diesem Geist
wurde die Landkommune
Blankenburg gegründet. Sie galt der Öfentlichkeit
als
bolschewistische Bastion und wurde von der
wiedererstarkten Reaktion
unter von Kahr schon im Sommer 1919 polizeilich
ausgehoben. Die
Fürsprache vieler bekannter Persönlichkeiten -
darunter Martin
Buber, Käthe Kollwitz, Theodor Däubler, Bruno Taut,
Arnim T. Wegner
- war ergebnislos geblieben.
Ulrich
Linse schreibt: "Die von den Siedlern selbst als
religiös
aufgefasste Idee der Regeneration des Menschen und
der Gesellschaft
war somit das Zentrum der Siedlung" (160). Er
zitiert einen
Brief von Hans Koch:
"Dabei
muss ich Sie gleich darauf aufmerksam machen, dass
es bei
'Blankenburg' mehr um eine Idee als um eine
'Organisation' ging -
mehr dynamisch als 'konstant' - fluktuierend: eine
grosse Vision
einer neuen zwischenmenschlichen Gemeinschaft der
Freundschaft und
Liebe - auch etwas vom Geist des urchristlichen
Kommunismus, wobei
die reale Verwirklichung erst in schwachen Ansätzen
vorhanden war."
(Koch in Linse 160)
Koch
hebt seine Gründung von mehr wirtschaftlich
orientierten Siedlungen
wie etwa Eden-Oranienburg deutlich ab und schreibt
weiter:
"Mit
Oswald Spengler hatten wir in München scharfe
Diskussionen. Wir
wollten 'den Untergang des Abendlandes' nicht
wahrhaben und schalten
ihn einen ungläubigen Ignoranten, da er noch nichts
wisse von dem
Neubeginn in der Blankenburg-Siedlung, die in jenen
Tagen im Kommen
war." (Koch ebd.)
Es
sind Selbstbeschreibungen, die ebensogut für den
Monte Verità
geschrieben sein könnten, für den Geist und die
Art, wie er von den
Gebrüdern Gräser gedacht war. Fast zeitgleich
mit den
Blankenburgern wurde Gusto Gräser aus Bayern
ausgewiesen. Die
Landschaft, die an einzelnen Flecken einen
kurzen grünen Frühling
gesehen hatte, färbte sich braun.
Für
Koch und andere Beteiligte blieb Blankenburg das
zentrale Erlebnis
ihrer Biographie, vor dem alle späteren Erfolge
verblassten:
Für
mich hat das Pfingstfest 162 ... Ich habe damals
wirklich eine
'Berufung' erfahren ... 167