Landkommune Blankenburg

Im Herbst 1918 kamen in München und am Starnberger See zwei Gruppen zusammen, die ursprünglich örtlich und sozial weit von einander entfernt lagen: Wandervögel aus Berlin und Künstlerbohemiens aus München. Was sie vereinte, war der Widerstand gegen den Krieg, linkssozialistische Überzeugungen - und der Einfluss Gusto Gräsers.
Georg Schrimpf und Oskar Maria Graf, die beiden Münchner, hatten sich schon vor dem Krieg bei Karl Gräser in Ascona aufgehalten und sie beherbergten Gusto Gräser im Frühjahr 1919. Die Berliner Wandervögel gehörten zum Gesinnungs- und Bekanntenkreis jener Gruppe von Berlinger Jugendbewegten, die sich 1915 für Gräser einsetzte. Alfred Kurella, ihr führender Kopf neben Hans Koch, ist als Bewunderer Gräsers auf dem bekannten Meissner-Foto von 1913 zu sehen. Hans Koch war ein jüngerer Bruder von Walter Koch, der mit dem Gräser-Sympathisanten Max Hodann zusammen aufrührerische Schriften herausgab. Schrimpf und Graf hatten während ihres Aufenthalts in Berlin den Kontakt zu diesen Gesinnungsverwandten hergestellt, und so ist es nicht verwunderlich, dass die Berliner Gruppe auf der Suche nach einer ländlichen Ansiedlung sich zunächst in Grafs Heimatdorf Berg am Starnberger See niederliess.

Von Koch (wurde) am Starnberger See, direkt über Schloss Berg, ein kleines Haus gemietet, und in dieser 'Berger Kommune' liessen sich Elisabeth Kühnen und ihre Wandervogelfreundinnen Elisabeth Wittekind, Edith Mischke, Cläre Nathanson sowie Hans Koch, Fritz Klatt und - als temporärer Besucher - Alfred Kurella nieder. (Linse: Blankenburg 95)

Schon bald kam es jedoch zu einer Spaltung, indem Kurella der kommunistischen Partei beitrat und sich in revolutionäre Aktivitäten stürzte. Zusammen mit dem vom Monte Verità und von der Berner 'Freien Zeitung' kommenden Jakob Feldner wurde er Zensor der bürgerlichen Presse, und schon im März 1919 reisten beide im Parteiauftrag zu Lenin nach Moskau. Die Gruppe um Koch jedoch hielt an ihren Siedlungsplänen fest und mit Hilfe von Oskar Maria Graf, der Geld für das Unternehmen sammelte, kam es zum Ankauf eines Landguts und damit zur Gründung der Siedlung Blankenburg.

In seiner Schrift 'Der Weg zum Bolschewismus' fasste Koch seine Gedanken über die Funktion der Siedlung zusammen. Aus ihr wird deutlich, dass die angeblich "bolschewistische Revolution" gegen den Kapitalismus als Sieg des religiösen Geistes über den Materialismus verstanden wird.

An Stelle des Klassenantagonismus wurde von Koch eine Welt scheinbar kosmologischer Religiosität beschworen: "Dann werden die Menschen im Bunde mit den Kräften des Himmels und der Erde ihr Wesentliches wiederfinden, 'fromm' werden." So sollte die ländliche Siedlung auch Erfüllung der kosmologischen Implikationen des Gemeinschaftserlebnisses der jugendbewegten Fahrt, "der innigen Gemeinschaft mit der Natur, die ihr euch wandernd wieder erobert habt", sein. Mit diesen Worten hatte Wyneken die neue Geneinschaftsreligion auf dem Hohen Meissner beschworen; "denn wer, wo immer er ist, zum Himmel aufblicken kann als seinem Vater und die Erde Mutter nennen, ist ewig jung und überall daheim". In solchen Kosmos-Symbolen enthüllt die Siedlung ihre weit über wirtschaftliche Überlegungen hinausgehende politische Bedeutung: Koch wie Wyneken griffen in ihren Formulierungen auf den mythischen Traum der Utopie von der grossen Harmonie der Gesellschaft mit der kosmischen Ordnung zurück. ... Die Siedlung war so bürgerlich-revolutionäre Alternative zum politisch-sozialen proletarischen Umsturz. (Linse, ebd. 106)

In solchen Anschauungen ging Gräser mit seinem Freund Wyneken einig, solche Anschauungen bewegte auch die Siedler von Berg und Blankenburg. Es verwundert daher nicht, die jungen Leute in jenem Vortrag zu finden, in dem Gräser am 1. April in München über 'Kommunismus des Herzens' sprach und in dem der Streit zwischen Siedlern und revolutionären Aktivisten zum öffentlichen Eklat führte. Während Graf und Genossen mit Zwischenrufen wie: "Nieder mit der Natur! Es lebe die Technik" Gräser niederzuschreien suchten, wurde er von den Siedlerfreunden - freilich erfolglos - verteidigt. "Die Wandervögel gurrten wütend, die Jungfern und Mädchen zischten gehässig", erinnert sich Graf (Gefangene 468). Es dürften jene Wandervögel gewesen sein, die er selbst nach Bayern gelockt und denen er vor wenigen Monaten eine Siedlungsmöglichkeit verschafft hatte. Nun aber war er mitgerissen von der kommunistisch-revolutionären Ideologie und machte die Siedler (in späteren Erzählungen) lächerlich. Dass er Gräser aus seiner Unterkunft bei Schrimpf vertrieb, hatte auch mit diesem Richtungsstreit zu tun, dieser ideologischen Spaltung unter Gräsers Sympathisanten.

Im Berliner Kreis um Landauer, Wyneken und Käthe Kollwitz - und nicht ohne den zeitweiligen Einfluss Gusto Gräsers - hatte sich ein linkspazifistische Richtung der Jugendbewegung gebildet, die den "Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung ohne Klassenkampf, d. h. mit bewusster Integration der Arbeiterschaft" erstrebte (Linse, ebd. 83). Im Gedenken an den im Krieg gefallenen Peter Kollwitz, den Sohn der Künstlerin, hatte ein Freundeskreis den "Neuen Menschen" zum Symbol und Ziel erhoben.

"Wir sprachen dann von der neuen Gemeinde, dem neuen Menschen ... das Wichtigste sei nun der künftige Mensch, der aus uns kommen müsste, den wir zeugen müssten, indem wir nichts dächten als ihn. Bis dann einmal der Tag käme, wo die Frau unserer Sehnsucht ihn von uns empfangen würde." (Fritz Klatt in Linse 73)

Der Zusammenhang mit entsprechenden Phantasien von Muck-Lamberty ist hier mit Händen zu greifen. Hier wie dort liefert sie die Motiviation zu Siedlung und idealistischer Gemeinschaftsbildung.

"Von der stark empfundenen Gemeinschaft beflügelt, fassten wir den Plan einer Koloniegründung im Freien." (Klatt in Linse 74)

Was sie beflügelt, sind weniger klassenkämpferische als lebensreformerische Ideen:

"Das Wissen von der Ernährung und vom Atmen und vor allem die Kenntnis von der geheimen Kraft des Sonnenbadens für die Umwandlung in eine edlere Leibesbeschaffenheit muss schliesslich nach und nach allen Zugehörigen gewiesen werden. Und von solcher gemeinsamer Körperarbeit und Arbeit am Körper kann sich das Leben dann zur Körperfreude steigern. ... Ja die Körperfreude wird dann, wenn die Zeit herankommt, zu Reigen und Gesang aufzublühen vermögen. ... So bin ich denn in dieser Zeit dabei, mich bereit zu machen. Ich lebe hier von den feinsten und geistbringendsten Erzeugnissen des Sommers, rohen Früchten, Honig und Milch." (Klatt in Linse 75 f.)

In diesem Geist wurde von ihnen illegale Agitation gegen den Krieg betrieben, u. a. das Lichnowsky-Memorandum über die deutsche Mitschuld am Kriege verbreitet; in diesem Geist wurde die Landkommune Blankenburg gegründet. Sie galt der Öfentlichkeit als bolschewistische Bastion und wurde von der wiedererstarkten Reaktion unter von Kahr schon im Sommer 1919 polizeilich ausgehoben. Die Fürsprache vieler bekannter Persönlichkeiten - darunter Martin Buber, Käthe Kollwitz, Theodor Däubler, Bruno Taut, Arnim T. Wegner - war ergebnislos geblieben.

Ulrich Linse schreibt: "Die von den Siedlern selbst als religiös aufgefasste Idee der Regeneration des Menschen und der Gesellschaft war somit das Zentrum der Siedlung" (160). Er zitiert einen Brief von Hans Koch:

"Dabei muss ich Sie gleich darauf aufmerksam machen, dass es bei 'Blankenburg' mehr um eine Idee als um eine 'Organisation' ging - mehr dynamisch als 'konstant' - fluktuierend: eine grosse Vision einer neuen zwischenmenschlichen Gemeinschaft der Freundschaft und Liebe - auch etwas vom Geist des urchristlichen Kommunismus, wobei die reale Verwirklichung erst in schwachen Ansätzen vorhanden war." (Koch in Linse 160)

Koch hebt seine Gründung von mehr wirtschaftlich orientierten Siedlungen wie etwa Eden-Oranienburg deutlich ab und schreibt weiter:

"Mit Oswald Spengler hatten wir in München scharfe Diskussionen. Wir wollten 'den Untergang des Abendlandes' nicht wahrhaben und schalten ihn einen ungläubigen Ignoranten, da er noch nichts wisse von dem Neubeginn in der Blankenburg-Siedlung, die in jenen Tagen im Kommen war." (Koch ebd.)

Es sind Selbstbeschreibungen, die ebensogut für den Monte Verità geschrieben sein könnten, für den Geist und die Art, wie er von den Gebrüdern Gräser gedacht war. Fast zeitgleich mit den Blankenburgern wurde Gusto Gräser aus Bayern ausgewiesen. Die Landschaft, die an einzelnen Flecken einen kurzen grünen Frühling gesehen hatte, färbte sich braun.

Für Koch und andere Beteiligte blieb Blankenburg das zentrale Erlebnis ihrer Biographie, vor dem alle späteren Erfolge verblassten:

Für mich hat das Pfingstfest 162 ... Ich habe damals wirklich eine 'Berufung' erfahren ... 167