Wer war dieser Gusto Gräser? Wie ist er zu verstehen?
Ich sehe ihn als Mystiker und Mythendichter, sein Auftreten, seine Rolle ist die eines Propheten. So in seiner Lebensweise, so in seinem Sprechen und Dichten. Einer, der ganz und bedingungslos für seine Mission lebt. Zugleich ist er ein tiefsinniger Denker, der die bestehende Kultur zunächst total verwirft, aber nicht aus Lust am Zerstören sondern um eine neue aufzubauen. Natürlich ist sein Antimodernismus nicht aufrechtzuerhalten, aber als Motivations-grund, als Antrieb war er unerlässlich. Nur wer tabula rasa macht, kann Neues schaffen, weil er Neues braucht. Gräser hat sich dieser herkulischen Aufgabe gestellt. Er hatte den Mut, bei null anzufangen.Natürlich habe ich mehrere Versuche gemacht, ein Gesamtbild von ihm zu geben. sie sind mir alle noch nicht ausgereift genug, zur Publikation noch nicht geeignet. Hier eine Probe. Hermann Müller 2024
Zugleich schöpft er aus seinem siebenbürgischen Erbe. Er spricht nicht davon, aber er lebt daraus. Im Grunde geht es ihm darum, diese Lebenswelt, die ihn geprägt hat, auf die Höhe des 20. und 21. Jahrhunderts zu heben. Er ist der große Modernisierer des Sächsischen. Die Frömmigkeit und Tapferkeit seiner Ahnen, die Einfachheit und Wärme seiner Heimat – wie kann ich das in der Wüste der Moderne bewahren? Wie muss ich es übersetzen? Das war im Grund die ihn bewegende Frage. Zugleich ist er natürlich der radikale Feind alles Zwanghaften, Beschränkten und Konventionellen, das diese Herkunft ihm aufgebürdet hat. „Ohne Zwang!“ seine Losung. Fern ist er von allem Heimatdichterischen, riesenhaft erhebt er sich über alles Provinzielle und Konfessionelle. Im fernen Osten, in Indien und China, sucht er seine Verbündeten ebenso wie im jungen Amerika der Transzendentalisten. Emerson, Whitman, Thoreau einerseits, Buddha, Krishna, Laotse andrerseits. Utopisten wie Charles Fourier oder Gustav Landauer nicht zu vergessen. Er stellt sich in die Tradition des Freiheitsdichters Schiller, so in seinen Sonntagsreden bei der Schillereiche über Stuttgart, so in seinem späten ‚Brieflein Wunderbar‘. Und natürlich ist ihm Friedrich Nietzsche ein Wegweiser, aber nicht der Nietzsche des Willens zur Macht, den er lebenslang bekämpfte, wohl aber der zarathustrische Umwälzer, der ein neues, ein viertes Evangelium schaffen will.
Wie und worauf aber das Neue gründen? Gräser beruft sich auf keinerlei Tradition. Er stellt sich auf die eigenen Füße. Einen festen Grund glaubt er in der Sprache zu finden. Für ihn bilden sich in ihr die Grundwahrheiten des Lebens ab. Weniger im grammatischen Überbau, mehr und ursprünglicher in den Lauten. In ihnen sieht er die Urreaktionen des Menschen auf die ihn umgebende Wirklichkeit. Er schreibt deshalb ein ganzes Buch in Reimen, in dem er den Aussagewerten der Laute, ihrer Symbolik nachspürt. Und er verwendet die Funde, die er dort macht, für sein eigenes Dichten. Daher die Fremdartigkeit seiner Sprache, dieses Altertümliche einerseits, das weniger erkennbare Moderne andrerseits. Auch das Konstruktive darin, fern von allem Stimmungshaften, Emotionalen. Allerdings geladen mit dem Pathos des Rebellen, Moralisten und Propheten. Mit unseren üblichen ästhetischen Kategorien ist sein Dichten nicht zu erfassen. Nicht der schönen Literatur gehört es an sondern der Weisheitsliteratur. Er will nicht unterhalten sondern Menschen erwecken, herausrufen aus ihrem Schlaf und ihnen die Augen öffnen für die Wirklichkeit. „Heimkehr zur Wirklichkeit“ ist eine seiner Losungen. Diese Wirklichkeit sieht er verstellt durch veraltete Traditionen einerseits wie durch moderne Illusionen andrerseits. Er führt einen Zweifrontenkampf.
Was ist für ihn Wirklichkeit? Keine göttliche Offenbarung, keine Transzendenz zunächst, sondern die Grundtatsachen des Lebens: Geburt und Tod, Werden und Vergehen, Reifen und Zeugen, Bildung und Arbeit, Kampf und Not, Kindheit und Hochzeit, Ordnung und Gemeinschaft, Sprache und Religion. Gräser ist dichterischer Phänomenologe, in dieser Hinsicht Martin Heidegger verwandt. In anderer Hinsicht C. G. Jung: Denn die Wegweisung kommt für ihn aus den Träumen. In ihnen haben wir eine Universalsprache wie in den Lauten. Er nennt sich “TRäumer“ - mit einem großen R nach dem großen T, weil erst räumen muss, alles Gewusste ausräumen muss, wer wirklich Wahres träumen will. Sein Träumen ist also kein oberflächliches, alltägliches, sondern der Weg der Meditation, der Weg zum Selbst. Gräser war der Denker und Dichter der Selbstfindung, der Identität, lange bevor die „Selbstverwirklichung“ zum Modewort wurde. „Vom Ich zum Selbst“ ist seine dritte Losung.
Die via negativa geht der via positiva voraus, die Reinigung der Einigung – ein alter Topos der Mystiker. Keine Einsicht ohne Verzicht. Weshalb er auch „REinigung“ schreibt, um beide Aspekte in einem Wort zu vereinen. Wie er überhaupt auf äußerste Kürze abzielt. So wandelt und wendet er das Wort Geist zu – Geïst (Ge-ist). Durch ein einziges Tüpfelchen, durch ein i-Pünktchen, spricht er seine Weltschau aus: Was ist, ist Geist. Die Wirklichkeit ist eine Wunderwirklichkeit, eine „Wonnewunderkugel“. Die Wonnewunderkugel wächst und blüht aus dem „Weltenbaum“. Das ist seine Art von Transzendenz: sie wächst aus den Phänomenen, aus der Immanenz hervor. Das Alltägliche von Mahl, Wohnen, Hochzeit, Mutterschaft, Kindheit, Tanz und Sprache wird von ihm geheiligt, sakralisiert: die „Große Mutter“, der „Weltenbaum“, die „Allvermählung“, das „Heilige Mahl“, der „Erdsternsohn“ und so fort. Gräser erhöht die Urphänome des Lebens zu archetypischen Symbolen, zu seelischen und geistigen Leitbildern. Urbilder der Menschheit, die immer schon in den Religionen anwesend waren, tauchen in seiner Dichtung in neuer Gewandung auf, losgelöst von allen mythischen Traditionen, neugeschöpft aus eigener „Denkerschauung“. Also um Vieles rationaler, vernunftgemäßer, wirklichkeitsnäher als die Fabulationen von einst, die vor Jahrtausenden erfunden wurden und unserem Weltbild nicht mehr angemessen sind. Er ist Entmythologisierer und zugleich Schöpfer von neuen Mythen, aber von solchen, die mit schauender Vernunft nachzuvollziehen sind.
Das mag nun alles sehr übertrieben oder schwärmerisch klingen. Ist aber eine nüchterne, belegbare Bestandsaufnahme nach sechzigjähriger kritischer Prüfung. Gusto Gräser ist ein Phänomen, das es in der neueren europäischen Geschichte, soweit ich sehe, noch nicht gegeben hat. Man muss schon zu den Propheten des Alten und Neuen Testaments oder zu den Weisen Griechenlands zurückgehen, um Verwandte zu finden. Eher aber noch zu den großen Gründergestalten wie Moses, Jesus, Buddha und Laotse. Jesus vor allem, ihm von Kindheit an vertraut, steht immer im Hintergrund. Aber ein verwandelter Jesus, ein zum Diesseits gewendeter, ein lebensfroher, weltbejahender. Ein lachender und tanzender Jesus. Ein englischer Kulturhistoriker, Peter Watson, hat dies erkannt. Er nennt ihn einen „tanzenden Vagabunden“, Gräser habe einen neuen Menschentypus geschaffen, eben den tanzenden Vagabunden. Er meint die schon von Hölderlin, Nietzsche und Gerhart Hauptmann gesuchte und geforderte Symbiose von Jesus und Dionysos. Hermann Hesse hat ihn deshalb als den neuen „Zarathustra“ gesehen, was dasselbe besagt. Hesse hat in vielen historischen Vergleichsfiguren das Wesen des „Angelus Transsylvanicus“ zu umschreiben versucht, ihn als Franziskus, als Buddha, als tanzenden Derwisch, als Ordensgründer, Schamanen und Yogi dichterisch nachgebildet, ja auch als einen zweiten Jesus und Heiland. Keiner der Dichter, die über ihn geschrieben haben, ist ihm so nahe gekommen wie er, wie Hermann Hesse. Sein Werk ist eine verschlüsselte Verkündigung, eine geheime Botschaft. Die Höhle, in der er einst mit seinem Freund und Lehrer im Wald von Arcegno zusammenlebte, ist ihm zum Tempel, zu einem Heiligtum geworden. In den Erzählungen von Hesse ist Gräsers Inbild, namenlos, wie der es wollte, um die Welt gegangen und hat Menschen bewegt, lange bevor sein eigenes Werk zum Vorschein kam. Ein Werk, das seiner Entzifferung immer noch harrt, das erst noch zu entdecken ist.