Vortänzer in Schwabing

An den Litfaßsäulen [von München] erschien eines Tages für die weitere Öffentlichkeit ein quadratisches Plakat mit einer Art Sonne im Strahlenkranz und der Ankündigung: „Die Entstehung des Tanzes. Ein Vortrag von Gusto Gras und anderen Werdefrohen und - bist Du, willst Du - auch von Dir!"
Karl Spengler

Ob es wirklich „gusto gras" war, der damals in einem der Elf Scharfrichter-Nachfolgetheaterchen jene unwahrscheinliche Nachmittagsvorstellung gab ... ?
Eine mattgrün beleuchtete Bühne. Offen. Leer. Ohne alle Kulissen. Ein neunzehntel nackter, wildbebarteter und wildgelockter Mann, so um die Vierzig der an die Rampe trat und die Zuschauer bat, sie möchten im Chor halblaut „Hummel! Hummel!" singen. Denn er brauche zwar keine Musik, aber diese Tonkulisse, um ihnen jetzt die wahre Lebensfreude vorzutanzen. Es geschah.
Und ganz außerhalb aller Tanzregeln und Tanzkultur sprang, wand, drehte sich und explodierte in einem körperlichen Überschwang dieser Mensch, den in der laubgrünen Dämmerung der Bühne niemand erkannte. Nein, er brauchte keine fremde Melodie. Er bedurfte nur dieses unregelmäßigen Tongewoges. Aus ihm bildete er sich seinen Rhythmus und den Sinn urwelthaft überschwellender Lebensgefühle. Er war diesseitigstes Diesseits. Er war ein Sturm leibliches Glückes, ein Irdischer unter Irdischen zu sein. Nein, er war das irdische Sein selbst.'
In: Annie Francé-Harrar: So war es um 1900. München 1962, S. 84f.




 Der tanzende Philosoph


Nach dem Streit mit seinem Bruder Karl im Sommer 1907 ging Gusto auf Dauer nach Deutschland. Erst wohl nach Stuttgart und Esslingen, dann nach München. Jetzt verfolgte er das Ziel, den Tanz, mit dem er in Ascona Anhänger um sich geschart hatte, nach Deutschland zu bringen und mit ihm seine Botschaft. Das geht selbst noch aus dem ironisch herablassenden Bericht hervor, den die Münchner ‚Allgemeine Zeitung‘ am 14. März 1908 veröffentlichte.
Gras will zum Tanz zurückkehren, weil er „der Philosophie satt“ ist. Was er aber in seinen Abhandlungen über Mann, Leben, Freundschaft als „Aufmunterung“, nicht als „Aufklärung“ gab, war Philosophie, Grassche Philosophie, wirre Ideen, um die ihn wohl kein Mensch beneiden wird. Den Hauptbeweis für seine „Aufmunterung“, den Tanz, mußte er unterlassen. „Mit lichtleicht warm beherztem Haupt“ wollte er dahertanzen, er hatte jedoch keinen Klavierspieler gefunden, der ihn begleiten konnte. Ein Herr aus dem Auditorium spielte einen Wiener Walzer, Gusto Gras konnte jedoch hiernach den Tanz des „Urmenschen“ nicht tanzen. Schließlich kam Gras doch eine Idee. Er tanzte „Ringel-Ringel-Reihe“, während die Erschienenen „Hummel-Bummel, Hummel-Bummel“ mitsummten….
Er, der sich damals Gusto Gras nannte, wollte „zum Tanz zurückkehren“, wollte den „Tanz des Urmenschen“ tanzen. Und tatsächlich enthielt sein Tanzen eine Philosophie. Wie aus einem späteren Bericht und aus einem seiner Gedichte hervorgeht, wollte er den „Feuertanz der Menschwerdung“ zeigen. Gemeint war die Bewusstwerdung des Menschen durch die Entdeckung des Feuers. Im Schatten seines bewegten Körpers, den ein Feuer an die Felswand seiner Höhle warf, habe der Mensch sich als Person entdeckt. Was Plato mit seinem Höhlengleichnis behauptet hatte, das praktizierte und symbolisierte er im Tanz, freilich mit einer anderen Deutung: als jubelnde Selbstfeier.

Mit diesem Tanz, von viel Dichtung und Deutung begleitet, wollte er seine neue Weltanschauung nach München bringen. Das Publikum in der Tonhalle machte aber nicht recht mit und ein geeigneter Musikbegleiter stellte sich nicht ein. Insofern war dieser erste Versuch ein Misserfolg. Aber Gräser gab deshalb nicht auf. Zog vielmehr seine Lehren daraus und scheint ein halbes Jahr lang probiert und geprobt zu haben, bis er Ende September oder Anfang Oktober eine zweite Fassung auf die Bühne brachte, diesmal in einem Kleintheater der Türkenstraße.

Und diesmal wurde es ein Erfolg. Zumindest zollte ein bekannter Tanzkitiker, vermutlich Hans Brandenburg, der auch ein Förderer von Mary Wigman war, ihm Beifall. Das erzählte er uns im Café Klein-Bukarest mit spürbarer Befriedigung. Das Ereignis wurde aber auch für Schwabing legendär. Noch Jahrzehnte später schrieb die Biologin Annie Francé-Harrar in ihren Erinnerungen: „Er war diesseitigstes Diesseits, er war ein Sturm leiblichen Glückes, ein Mensch unter Menschen zu sein“.

Möglicherweise war Rudolf von Laban ein Zeuge dieser Vorstellung, mit ziemlicher Sicherheit war es der ihm befreundete Schriftsteller Hans Brandenburg. Brandenburg, der sich als theoretischer Vorkämpfer für den Ausdruckstanz sah, könnte Laban, der sich damals in Schwabing mit Faschingsbällen durchschlug, auf den Monte Verità aufmerksam gemacht haben. Jedenfalls folgte er Laban, nachdem dieser 1913 mit seiner Tanzschule nach Ascona gezogen war. Die hoffnungsvolle Probenarbeit dort, die für einen Auftritt in Köln gedacht war, wurde durch den Ausbruch des Weltkriegs jäh unterbrochen. Brandenburg wurde Soldat, der zum Lebensreformer gewandelte Laban aber entzog sich dem Kriegsdienst, blieb in Ascona und zelebrierte im August 1917 jenes „Sonnenfest“ vor der Grotte Gusto Gräsers, das zugleich ein Fanal gegen den Krieg sein sollte.

Es ist nicht bekannt, dass Gräser noch einmal als Tänzer aufgetreten wäre. Die Volkstänze nach mittelalterlicher Art, die die „Neue Schar“ von Muck-Lamberty vollführte, waren überhaupt nicht nach seinem Geschmack. Ihnen fehlte für sein Gefühl sowohl die „Inbrunst“ wie die Vertiefung zum vereinigenden „Wirweltreigen“, erst recht zum „heiligen Ineinanderschlang“. Diese Art von Weltumarmungstanz feierte Gusto fortan in seiner Dichtung.

Gräser wollte einen Tanz, der nicht höfische Dressur ist und nicht erotische Balzerei sondern „Allvermählung“.


Laban tanzte „griechisch“ - wie Betty Samoa und die Duncans