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Tanzender Derwisch Dschelaladdin RumiDer Schrifsteller Ulrich Holbein sieht Hesses Lebensgeschichte mit Gusto Gräser im Spiegel zweier berühmter Liebesgeschichten des Orients: der Liebe von Madschnun zu dem Hirtenmädchen Leila und der brennenden Leidenschaft des persischen Dichters Rumi für seinen Freund Schams. Rumi war der Erfinder des Derwischtanzes, und Hesse hat in der Erzählung ‚Der Schattenspringer‘ seinen verehrten Freund als Derwischtänzer dargestellt. Von daher scheint es berechtigt, den Tänzer Gusto Gräser unter das Vorbild des Mystikers und Tänzers Dschelaladdin Rumi zu stellen, auch wenn dieser Vergleich, wie jeder Vergleich, eine Verfremdung bedeutet.
Im Schatten des Schattenspringers
Wie der jahrzehntelang fachkundig und gutgemeint missinterpretierte Hermann Hesse wirklich zu verstehen ist.
Von Ulrich Holbein-HollersteinHermann Hesse, 1877 geboren im heutigen Baden-Württemnberg, tätig als Schriftsteller, Kritiker, Lyriker, Gärtner und Familienoberhaupt, 30jährig, schon renommiert, in dem Dörfchen Gaienhofen am Bodensee eingesessen, seinen Freund und Kollegen Ludwig Finckh führend und lehrend, ließ sich von der Suada eines zwielichtig durchreisenden Wanderderwischs aus Siebenbürgen einwickeln, atmete auf, legte sein Bürgergewand ab, zerbrach seine Feder, tauschte den Schreibtisch mit dem Höhlenboden einer Felsgrotte in den Südalpen, aus der schon früher die Schule nächtlich kreiselnder Nackttänzer hervorgegangen war. Hesses Umwelt sah des derangierten Dichters wahnbetörte Vergötterei des Irrlichts Gusto kritisch. Bisher hatte der Calwer sich dezidiert pantheistisch-monistisch ausgesprochen gegen die dualistische Kosmogonie der Christen, also gegen den guten und den bösen Gott, jetzt ging er selber so einem windigen Menschenfischer auf den Leim, einem dubiösen Freak -- welch Rückfall aus spirituellen Rängen in magisches Archaikum!
Hesse wurde zum Opfer einer einköpfigen Sekte, zelebrierte seinen Gusto als Messias der Seele, machte sich klein vor ihm, spendete Metaphern aus, in denen er unterwürfig – aus heutiger Sicht masochistisch - seinen geringeren Rang überbetonte, pinselte hündisch den Bauch seines Idols -- und Gräser fühlte sich verstanden.
Wie Rumi hatte Hesse nun zu leiden unter den höhnischen Anwürfen seiner Freunde, seiner Anhänger, seiner Verwandten. Einen „schmierigen Heiligen“ nannten sie den von ihm Verehrten, einen „Waldmenschen“ und „Kohlrabifresser“ (Erz. 368). Ihm selber war zuzeiten diese Jüngerschaft peinlich und „fast lächerlich“ (369). Dennoch kann er von ihm nicht loskommen. „Wollen Sie nicht mein Freund sein“, bettelt er ihn an, „ich brauche Sie, ich brauche einen Führer und Kameraden“ (365). Seine Dichterei scheint ihm jetzt „unnütz … fast feuilletonmäßig und im Stil zu selbstgefällig“ (358). Für den seltsamen Wanderer, der ihm da ins Haus geschneit ist, empfindet er dagegen „nicht nur Achtung, sondern Bewunderung und Zuneigung“ (333). Schließlich weit mehr als das. Es keimt die „Hoffnung, an ihm einen neuen, ganz anders geliebten Freund zu bekommen“ (341).
Am Ende war es trotz aller Ängste und Widerstände doch dieser junge „Derwisch von hohem Wuchs und beinahe übermenschlicher Haltung, der seine Aufmerksamkeit fesselte und seine ganze Bewunderung und Liebe gewann“ (PA). Bis zu jener Sunde, als er hingerissen ein Zeuge von dessen Tanz und Sprung über den eigenen Schatten wurde, war sein „Leben ein Leben der Ziele, der Strebungen und des Ehrgeizes gewesen ... Zur Stunde wurde es damit anders. Sein Ziel lag nicht mehr außerhalb seiner selbst, und sein Glück, seine Zufriedenheit waren nicht mehr von außen her zu steigern oder zu mindern. Sein Ziel war von Stund an, etwas von dem zu erlangen, was er als Glück und Licht in Achmeds Antlitz nach seinem Schattenspringen hatte leuchten sehen“ (Prosa aus dem Nachlass).
Sehnsuchtslegenden brachen aus dem Kieselstein Hesse hervor, der sich aufschwang zum indischen Yogin, im Vergeistigungstaumel so obsessiv um den mata dalam (den mit dem Dritten Auge) kreiste, wie Madschnun um Leila.
Sein Leid ruminierte der sich subjektiv ruiniert vorkommende, nach des Freundes Wiederauftauchen im Herbst 1916 aber erst richtig zum Demian-Dichter aufblühende Hesse schriftlich, in einer Kette von Legenden, Erzählungen, Romanen und Gedichten, Tendenzkunst erster Güte, Hommage an Meister Gusto. Nach dessen zweitem, zarathustrisch umwitterten Verschwinden von 1919 bewegten sich Hesses Recherchen und unstillbare Krisis-Verse der immer unerreichbarer glühenden Sternwolke Gräsers hinterher. Der sich verlassen Fühlende musste sich mit Übergangslösungen wie der Siddharta-Erzählung und dem Steppenwolf-Roman begnügen. Verzweifelter Ersatz, schwankend zwischen unterwürfiger Verehrung (Siddharta) und mörderischer Selbstanklage (Harry Haller). Erst recht aber wurde seine ‚Morgenlandfahrt’ ein Gestrüpp aus bodenlosem Wildwuchs, ein Mischmasch und Delta aus orientalischer Parabel und moderner Legende, voller autobiografischer Schnurren, Anspielungen, eine schwer durchdringliche Gedankenflora aus Metaphernsalat und Rätseldschungel, mit nur dem Kenner aufgehenden Knoten, Ebenenwechseln, Rauf- und Runtergezoome jonglierend ineinandergespiegelter Dinge, vom Hundefriseur zum Sektenpapst, vom Vesperrucksack zur Bundeslade, von Blechdose und Wolfshund zum Tao und zur Prinzessin Fatima und zurück zum Blech. Fern aller späteren, früheren und ständigen Schlaumeier-, Schleuder- und Dünnbiermystik. Voller E.T.A. Hoffmann-Effekte, hundert Jahre nach dessen innovativen Verwandlungs-Digressionen, und doch meilenfern den ozeanischen, drogistisch eingenebelten Sprachze-fledderungen eines Anton Knüll. Sondern in traulichen Evidenzen schwelgend, wie alle Sufis trunken vom Becher liebesdurstig hochgeschaukelter Unvergänglichkeit, zwischen Esel und Engel changierend, sah Sufi Hermi Diesseits und Jenseits, Lastensherpa und Tiaraträger Tür an Tür wohnen, sah die Welt als die Dunkelschlucht ‚Morbio Inferiore’, und sich darin als verirrten Wanderer, der aber durch seine Liebe zum Löwenmenschen Leo heraufgezogen wird ans Tageslicht. Hesse, ein neuer Jünger Johannes, mit seinem Meister verschmelzend, atmete seliger Ankunft im ewigen Osten entgegen. Und die Seele sah er als verirrten Exilanten, der vom Mutterland Indien träumt, und gnostisch-neoplatonisch als heimwehverzehrten Pilger in verschatteter Talschlucht.
So stieg Hesse auf zum Erzähler eines rätselhaften quasi-orientalischen Märchens, dessen Verständnis erst heute schub- und brockenweise in den deutschen Sprachraum einzutröpfeln beginnt. Das Geheimnis, das hinter dieser scheinbar unenträtselbaren Erzählung steht, lässt sich in wenige Worte fassen:
Schon verheiratet und als vielversprechender junger Schriftsteller angesehen und eingesessen, ließ sich Hesse von den provokanten Fragen eines vorbeireisenden Wanderderwischs unverhältnismäßig beeindrucken. Er sprang auf diese dubiöse Gestalt, an der andere Leute nichts besonderes erblicken konnten, so übertrieben positiv an wie Madschnun auf Leila. Er erkannte, daß er neben diesem gerüchteumwobenen, vielfach verketzerten Menschenfischer nur ein Niemand war und wurde dessen Schüler.
Die Parallelen zwischen der Beziehung Dschelaleddin-Schamsi und Hesse-Gräser sind offenkundig. Der fremde Wanderer, der zum geliebten Freund wird, ist für die bürgerliche Umgebung der jungen Dichter so anstößig und verstörend, dass die Tragödie sich nicht aufhalten lässt: Der Eindringling wird erst vertrieben, dann ermordet. Im Falle des Schamsi buchstäblich und real, sogar unter Beteiligung des Sohnes von Rumi, im Falle Gustos zwar nur in Fantasie und Dichtung, dafür aber von Hesse selbst. Der Jünger Kubu in der Erzählung ‚Der Waldmensch’, von Zweifeln und Ängsten überwältigt, erschlägt seinen Meister mata dalam, den mit dem Dritten Auge, der das heilige Waldlied gedichtet hat, der seine Schüler nächtlich im Wald im Kreise tanzen lässt, bis sie vor Erschöpfung umfallen.
„Je mehr er dachte und je länger er allein war, desto klarer konnte er sehen: ja, es war Trug, es war alles nur Trug und Lüge. ... Wie stand es zum Beispiel mit dem Waldgotte und mit dem heiligen Waldliede? Oh, auch damit war es nichts, auch das war Schwindel! ... Jetzt war sein Entschluß reif geworden, und er pflückte die Tat wie eine süße Frucht. Mit einem neuen, zügigen Hammer aus Eisenholz ... ging er in der nächsten Morgenfrühe dem mata dalam nach, fand seine Spur und ihn selbst, schlug ihm den Hammer auf den Kopf und sah seine Seele aus dem gekrümmten Maul entfliehen.“ (Der Waldmensch)
Der Jünger ermordet den Meister. Dies in der Phantasie. In der Praxis entzieht er sich ihm immer wieder, verleugnet ihn, verspottet ihn als in den Bäumen hangelnden Gorilla. Auch das ist eine Vertreibung, grausamer noch als die des Schamsi, weil sie den Vertreibenden selber trifft, der in Scham und Hass gegen sich selber wütet bis knapp an die Grenze zum Selbstmord. Hesses Geschichte, ein Gang durch die Hölle, wie er selbst oft genug sagt, ist traurig-tragischer als die des Rumi, der schuldlos in Sehnsucht sich verzehrend seine Liebe ausströmen lassen konnte in tausend und abertausend Verse. Daher ihr kaum zu überglänzender Glanz, ihre strahlende, ungebrochene Reinheit. Hesse dagegen, schwankend zwischen Bekenntnis und Verstellung, zwischen Mordlust und Hingabe, und schließlich sich ergießend in Selbstanklagen und Zeichen der Unterwerfung und Reue, ohne doch den Mut zu einem offenen Wort zu finden – Hesse ist der zermarterte, gebrochene, in Halbheiten und Täuschungsmanövern erstickende Halbheld und Halbfeigling, der das schwarze Trauerzelt der Konvention und Resignation über sein düster kokelndes Herzfeuer spannt. Ein Pietist, der ein Rumi hätte sein können, aber ein Nobelpreisträger geworden ist.
Ungerecht muss ein solches Urteil scheinen, und ungerecht ist es. Denn die Situation der beiden Jungdichter war eine völlig andere. Während Rumi mit seinem Freund in der selbstverständlich gegebenen, sie schützenden und tragenden Tradition des Islam sich bewegt, kommt im Falle des Gusto Gräser zu aller Fremdheit des Außenseiters und Wanderers eine viel schwerer wiegende Fremdheit hinzu: dass er den kulturellen Boden, auf dem er mit Hesse und allen Mitlebenden steht, verwirft, untergräbt, durchackert, um Furchen für eine neue Saat zu ziehen. Rumi führt eine Tradition zu ihrer höchsten Verfeinerung und Vergeistigung, Spätling, der er ist, und darum Spät- und Hochblüte. Hesse dagegen sieht sich einem Revolutionär gegenüber, dessen Neuentwurf ihm noch gar nicht erkennbar, bestenfalls erahnbar und vor allem unheimlich ist. Damit aber auch einem umso viel größeren Widerstand der Mitwelt und Umwelt, die noch viel weniger als er das Wollen und Wesen dieses urtümlichen Riesen erfassen kann.
Hesse hätte ein Übertitan sein müssen, um unter diesen Umständen etwas von der klaren Einlinigkeit und weißen Helle von Rumis Huldigungsgesang hervorzubringen. Seine Dichtung erscheint uns, wenn man die biografischen Hintergründe einmal kennt, als eine Schrecken verbreitende Bauruine, die nur in ihren geborstenen Mauern die Glut noch erahnen lässt, die in diesen Gewölben einstmals gewütet hat.
Hermann Hesse: Der Schattenspringer
... Besonders war es einer von ihnen, ein junger Derwisch von hohem Wuchs und beinahe übermenschlicher Haltung, der seine Aufmerksamkeit fesselte und seine ganze Bewunderung und Liebe gewann. Er ließ nicht nach, bis es ihm gelang, die Bekanntschaft und schließlich die Freundschaft dieses Achmed zu gewinnen. Durch ihn nun lernte Willibald jene seltsame Übung kennen, in deren Dienst sein und später seines Sohnes Leben stehen sollte: das Springen über den eigenen Schatten.
Seit er entdeckt hatte, daß Achmed sich häufig zu besonderen Übungen zurückzog, bei denen er sich sorgfältig vor jedem neugierigen Blick zu schützen wußte, ruhte er nicht, bis der Derwisch ihm sein Geheimnis preisgab.
Auf Willibalds dringende Frage, was er denn so einsam und im geheimen treibe, bekam er zu seinem Staunen die kurze Antwort: "Ich springe über meinen Schatten." "Aber das ist ja unmöglich", rief Willibald, "das ist ja verrückt." "Du wirst sehen", war Achmeds Antwort, und er bestellte seinen Freund auf den andern Tag zu einer bestimmten Stunde an einen einsamen Ort hinter den Stallungen einer Karawanserei.
Dort nun sah ihn der Abendländer über seinen Schatten springen, das heißt: er sah ihn mit solcher Gewandtheit und Schnelligkeit springen, daß er nicht imstande war zu entscheiden, ob nicht wirklich der Springer gewandter und rascher war als sein auf dem Sande mit ihm um die Wette springender Schatten. Der Schatten bekam keinen Augenblick Ruhe, und der Herr des Schattens schien ohne Schwere zu sein, er schwebte und wirbelte in unaufhörlichen blitzschnellen Sprüngen wie ein Falter oder eine Libelle, dem Springen, Wirbeln, Schwirren hingegeben. Ob nun der Schatten übersprungen wurde oder nicht, blieb nicht nur unentschieden, es war dem staunenden Zuschauer unwichtig geworden, er vergaß daran zu denken, er sah dem Springenden mit derselben Ergriffenheit und Bewunderung, mit derselben Ahnung von Wunder und Seligkeit zu, wie damals dem Tanz des Derwisch-Chors.
Als Achmed seine Übung beendet hatte, blieb er mit geschlossenen Augen eine Weile stehen, scheinbar weder erhitzt noch betäubt noch ermüdet, mit dem Ausdruck innigen Glückes im Angesicht. Als er die Augen öffnete, dankte ihm Willibald mit einer tiefen Verbeugung, wie er sie für den Empfang beim Sultan gelernt hatte. Er fragte den Freund, woran er bei seinem Springen gedacht habe. "An wen?" sagte jener mit leiser Stimme. "An Ihn, der des Springens nicht bedarf."
Willibald verstand nicht gleich. "...nicht bedarf?" wiederholte er fragend. Und Achmed: "ER ist das Licht selbst und ohne Schatten."
Bis zu jener Stunde war Willibalds des Älteren Leben ein Leben der Ziele, der Strebungen und des Ehrgeizes gewesen, er hatte erst als Lehrer, als Dichter und Musiker sich um Anerkennung und Ruhm bemüht, dann als Offizier um Achtung und Wohlwollen seiner Vorgesetzten. Zur Stunde wurde es damit anders. Sein Ziel lag nicht mehr außerhalb seiner selbst, und sein Glück, seine Zufriedenheit waren nicht mehr von außen her zu steigern oder zu mindern. Sein Ziel war von Stund an, etwas von dem zu erlangen, was er als Glück und Licht in Achmeds Antlitz nach seinem Schattenspringen hatte leuchten sehen.
Hermann Hesse: Prosa aus dem Nachlass