"Pfleger indischer Übungen"

Gräser lehrt Hesse die „reine Betrachtung“

"Knecht beobachtete, wie sein Meister oft so alt und mitgenommen aussah, wie er dann, mit halbgeschlossenen Augen, in sich versank, danach wieder so still, so kräftig, heiter und freundlich zu blicken vermochte - nichts hätte ihn inniger vom Weg zu den Quellen, vom Weg aus der Unruhe in die Ruhe überzeugen können." (GW IX, 86)

Der Altmusikmeister meditiert, und er lehrt seinen Schüler Knecht die Meditation.

Der Altmusikmeister meditiert, selbstverständlich auch der heilige Yogin, es meditiert der Knecht des vierten Lebenslaufs, und zu allem Überfluß ist im 'Glasperlenspiel' auch noch von einem Sanskritgelehrten die Rede, der den Spitznamen "der Yogin" trägt (ebd. 106), weil er meditiert.

Nicht erst das 'Glasperlenspiel' ist voll von solchen Menschen der Versenkung. Auch Narziß meditiert, wie könnte es anders sein; und daß Buddha, Siddharta, Vasudeva meditieren, das versteht sich wohl von selbst. Von Demian würden wir es nicht unbedingt erwarten, aber da er einer Gemeinde von "Pflegern indischer Übungen", von Pflanzenessern und Buddhisten angehört (V,143), dürfen wir uns nicht wundern. Sinclair trifft seinen Freund meditierend an. Reden wir nicht von Hesses Märchen, gehen wir gleich zum "Waldmenschen" mata dalam, "der das Auge inwendig hat" (IV, 339), das "dritte Auge" des Erleuchteten. Es meditiert Heinrich Wirth in 'Freunde', es meditiert der "indische König", es meditieren die Büßer in der Wüste Thebais, es meditiert sogar die Gräser-Karikatur Jonas der Vollendete, dieses wundersame Wesen, "das den Kreislauf des Lebens vollendet und den Weg zum Ausgangspunkt der Menschwerdung zurückgefunden" hat.

(Erz. II, 16)

Alle Meistergestalten Hesses meditieren - seit wann? Ihre lange Reihe beginnt im Jahre 1907 mit der 'Legende vom indischen König', die im September dieses Jahres der Neuen Rundschau vorgelegt wurde. Ab diesem Zeitpunkt explodiert das Thema sozusagen, es wird zu einer Hesseschen Konstante.

Es ist das Jahr, in dem Hesse mit Gräser in der Höhle von Arcegno zusammenlebt, es ist das Jahr, in dem ihm Gräser-Wirth die Upanischaden nahebringt. "Die alten Inder, deren Weisheit wir verehren", so ermahnt er den Calwer, "die haben vierzig und mehr Tage fasten können. Erst wenn die leiblichen Bedürfnisse ganz überwunden und nebensächlich geworden sind, kann ein ernstliches geistiges Leben anfangen". Erst dann sei "reine Betrachtung" möglich. (Erz. I, 371)

Nichts vor, nichts nach, nichts daneben –
glühn im heiligen Licht!
Alles in Eins zu weben, in ein gediegen Leben,
ein Weltgedicht.
(Gusto Gräser)

Es fällt auf, daß fast alle von Hesses Schilderungen der Meditierenden nach demselben Muster gebaut sind. Der Schüler betritt zufällig das Zimmer des Freundes oder Meisters, überrascht den still mit offenen oder halb offenen Augen Dasitzenden und zieht sich erschrocken zurück. Eine Urszene? Eine Erinnerung?

Gräser spricht nirgends von Meditation, er gebraucht das Wort nicht. Er braucht das Wort nicht; er spricht von "Innruh", "Innsonnensein", von Sammlung, von Zumgrundegehn, von Sichversenken. Er ruft und stößt uns an: „Hinein in deine Leiden, hinein in deinen Grund! – Komm zum Grunde, komm zu Dir! – Sich versenken, sich verschenken! – Aufhören und treugetrost zu dem Heilgrund gehn! - So fall, fallwall zum Lebenswundergrund, wo Alles heimet! – Komm zum Grunde, komm zu Dir! – Alles Offne geht zum Grund. - Was Mann, das geht zum Grund voll Traumgewalt. – Auf mit ihm zum Grund getaucht, zum urmutterguten! – Im Wahrgrund Wurzel fassen! – Heimfalln, durchfalln zum Grund! – Urgetrost zum Grunde traufen! - Zum Heilgrund gehn!“ – Solche Rufe durchziehen ständig seine Gedichte und Reden.

"Ruhe ging von ihm aus und zog in mich ein", sagt Sinclair von Demian (GW V, 133). Er genießt den Klang von Demians Stimme und die schöne Sicherheit und Ruhe, die von ihm ausgeht (ebd. 132). "Überwältigend in sich ruhend", so sieht Heinrich Zillich seinen Landsmann Gusto Gräser (SOVB, 13. Jg., 1964, Folge 4, S. 201); und Martin Müllerott erinnert an "den inneren Frieden ... der sichtlich aus ihm leuchtete" (ebd., S.194). Selbst noch ein englischer Roman, der 1994 erschien, überliefert diesen offenbar unvergeßlichen Eindruck. Eine Engländerin, die es in den Zwanzigerjahren zufällig nach Berlin verschlagen hat, begegnet dem ihr völlig unbekannten Gusto Gräser vor dem Berliner Schauspielhaus: "Er war vollkommen mit sich einig in seiner seltsamen Tracht, als ob er überall zuhause wäre. Und er war schön. Es war da eine Kraft und ein Friede in seinem Gesicht, wie sie ihr noch nie begegnet waren." (Lisa Appignanesi)

"Er lehrte immerzu", sagt wiederum Heinrich Zillich von Gräser (a. a. O., S. 199). Aber er lehrte keine Technik, verbreitete sich nicht über esoterische Geheimnisse.

Hüt,
oh hüt das Geheimnis -
so wird das Geheimnis
Dich hüten.
Aber, willst Du es sehen,
muss es Dein Leben
zerwüten:
Du!


Wie sagt doch Hesse? - "Wenn ihm diese Einführung in die Meditation so tiefen und nachhaltigen Eindruck machte, so tat sie es, wie er später beurteilen lernte, nicht durch eine besonders feine oder eigenartige Technik, sondern nur durch die Person, durch das Beispiel des Meisters." (GW IX, 85)

Daß Gräser das Geheimnis des Hinabtauchens in den inneren Brunnen kannte, ist keine Frage. Viele seiner Gedichte rufen zum Sichversenken, zeugen vom Feuer der inneren Glut. "Glühen" ist sein Lieblingswort, immer wiederkehrend. Gräser, ein Mystiker der Tat, lehrte keine Technik; er lehrte ein Sein. Ein Da-Sein.

Das ist meines Lebens Stil:
Ich bin da.
Bist - Du - so - viel?