Gedanken zum Gräserhaus und dessen Nutzung

Am 20. Juli 2024 schrieb Hermann Müller:

"Gründe, das Demianhaus von Karl und Gusto Gräser unter Denkmalschutz zu stellen:

  1. Das Haus von Karl Gräser ist das einzige grössere, noch unverändert erhaltene Gebäude aus der Gründerzeit des Monte Verità.

  2. Es gehörte zum Besitztum des Bankiers von der Heydt (wurde jedenfalls von ihm genutzt) und damit möglicherweise zu dessen Stiftung.

  3. Es enthält und trägt religiöse Fresken des Malers Alexander Wilhelm de Beauclair, Leiter einer Malschule und Sekretär von Oedenkoven.

  4. Es ist ein Zeugnis für die Verpflanzung früher deutscher ökologischer Reformarchitektur in das Tessin.

  5. Es enthielt seit 1907 die erste öffentliche Gemäldegalerie Asconas mit Werken von Gustav Arthur und Ernst Heinrich Graeser.

  6. Es war Ort der Begegnung von Gusto Gräser mit Hermann Hesse, Mary Wigman, Auguste Piccard und anderen berühmten Besuchern.

  7. Es ist Spielort und Schauplatz von Hermann Hesses Roman ‚Demian‘ und trägt deshalb mit Recht die Bezeichnung „Demianhaus“.

  8. Es bewahrt den biografischen Hintergrund für Hesses Werke von ‚In den Felsen‘ (1907) bis zum ‚Glasperlenspiel‘ (1942).

  9. Es eignet sich ideal und gehört seinem Wesen nach zum musealen Parcours der Fondazione Monte Verità.

  10. Durch seine denkmalgeschützte Erhaltung würde ein Anziehungspunkt für Hesseforscher und Hesseverehrer aus aller Welt geschaffen und damit eine wesentliche kulturelle Bereicherung für die Gemeinde Ascona.

Hermann Müller. Freudenstein, 20. Juli 2024"

Am 21. Juli 2024 antwortete Dragan Jovanovic, ein Bewunderer Gustos an Hermann Müller:

"Lieber Hermann,

der Bezug zu Hermann Hesse ist wichtig, weil er das Zünglein an der Waage für ein notwendiges Engagement der regionalen Entscheidungsträger sein könnte, und das sollte/müsste noch in zugespitzter Form Deine 10 Gründe ergänzen.

Ich fasse hier nachfolgend zusammen, was wir beide in unseren Gesprächen in den letzten Jahren schon zusammengetragen hatten, und was ich so von Dir noch nicht verschriftlicht gesehen/gelesen habe, aber meiner Meinung nach noch in die Begründungszusammenhänge für den Erhalt des Gräserhauses einfließen sollte..

Die Gemeinde Ascona hat es bisher versäumt, die besondere Beziehung, die HH zum MV hatte, in ihre kulturelle Chronik gebührend aufzunehmen. HH ist nicht nur ein Gast des Sanatoriums gewesen, um seiner Alkoholprobleme Herr zu werden, vielmehr hat er durch sein Aufeinandertreffen mit den Gräserbrüdern nicht nur Inspiration für sein weiteres schriftstellerisches Werk mitnehmen können, sondern gerade durch die Anziehungskraft, die insbesondere durch Zusammenkünfte verschiedener Persönlichkeiten im Gräserhaus unterhalb des MV, wuchs, wurde sein Wunsch sich in ihrer Nähe niederzulassen nur durch das Zuvorkommen seiner Frau Mia, die ein Haus unweit des Gräserhauses erwarb, vereitelt, und so zog HH weiter und fand Quartier in Montagnola und nicht, wie es sein Wunsch war, in Ascona.

Auf diesen besonderen Bezug zu Ascona, den HH definitiv hatte, gilt es das Augenmerk zu lenken und dafür ist das Demianhaus der stärkste Anwärter als kulturelles Zeugnis dieser bedeutenden Epoche europäischer Geistesgeschichte.

Und der erste Schritt wäre die Aufnahme des Gräserhauses in die Liste der zu schützenden Kultur Denkmäler in Ascona.."

Am nächsten Tag antwortete Hermann Müller:

"Ausgezeichnet und ganz meine meinung! Ich fürchte allerdings, dass solch eine darstellung die ahnungslosen behörden überfordert, wollte mich der kürze und nüchternheit befleissigen.

Etwas anderes wäre eine ausführliche begründung - aber wer liest die?

Ich muss zudem ehrlicherweise sagen, dass ich die chancen für das demianhaus skeptisch sehe. Kauf, instandsetzung, einrichtung, unterhalt - wer soll das bezahlen? Das braucht einen millionenbetrag. Einnahmen sind nicht zu erwarten. Die räume sind zu klein für ausstellungen, für ein museum oder gar ein café. Platz ist nur für kleingruppen von 10-15 personen. Für intimes, nicht für grosses. Was könnte die nutzung und bestimmung des hauses sein?

Nach überlegungen komme ich zu dem schluss: am ehesten noch eine gedächtnisstätte für hesse und gräser, ein besinnungsraum, ein meditationsraum. Ja, eine art kapelle, ein hesse-tempel. Der ort „MONTEPORT“ aus dem ‚Glasperlenspiel‘, wo der „Musikmeister“, der ein meditationsmeister ist, zur besinnung einlädt. Zur besinnung vor den meditationsbildern aus hesses dichtung: Buddha-Siddharta, Laotse-Vasudeva, „Der indische König“, „Der Waldmensch mit dem dritten Auge“, jesus, franziskus und die einsiedler der „Wüste Thebais“, der „Beichtvater“ und der „Regenmacher“, der Wanderer und Tänzer „Tito“ etc. - bilder, die allesamt zugleich auf gusto gräser verweisen.

Das ist freilich ein traum, eine hübsche fantasie. Ein tempel setzt eine gemeinde voraus - und wo wäre die? Und wie könnte man ein solches gebäude nüchtern kalkulierenden stadträten schmackhaft machen?

Grundvoraussetzung für jede realisierung wäre die übernahme oder hauptbeteiligung durch fondazione, gemeinde und kanton. Oder durch einen grosszügigen, finanzkräftigen mäzen. (Es gab schon einmal ein angebot in millionshöhe). Kurz gesagt, es müssten wunder geschehen. Manchmal gibt es wunder, und manchmal gibt es menschen, die wunder tun. Marianne scheint ja eine solche zauberfrau zu sein. ich kann nur träumen, nur eine gebetskerze anzünden.

Zurück zu deinem vorschlag: voraussetzung wäre, dass überhaupt eine hesse-kenntnis da ist. die ist wohl erst noch zu schaffen - etwa durch vorträge der GGG in ascona. sie müsste an die öffentlichkeit gehen, ein gespräch in gang setzen. Wer schafft das?

In zweifel und schwankender hoffnung

Hermann

Ein nachgedanke: anzuknüpfen wäre auch an ERANOS, jene illustre gelehrtengesellschaft in ascona, die den praktischen ansatz von 1900 auf wissenschaftlcher ebene fortsetzt. Anzusprechen wäre auch die leitung des jährlichen literaturfestivals auf mv, die allerdings, wie die fondazione selbst, bislang im bann des mv-zerstörers andreas schwab gefangen liegt. Die aufzuklären und umzustimmen - eine herkulische aufgabe!"

20240721-GedankenZumGraeserhaus-HermannMueller.docx Reinhard Christeller 3/3