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Käthe
Kruse auf dem Monte Verità
Eine grundlegende Biografie über die Puppenmacherin Käthe Kruse
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![]() Die Entdeckung des Turms Der
Vogelfängerturm auf dem Weinberg von Ascona, das sogenannte Roccolo,
ist als
„Dichterturm“ in die Literaturgeschichte eingegangen. In ihm hat
nicht nur Käthe Simon-Kruse ihre Tagebücher verfasst. In diesem damals
noch
alleinstehenden Gemäuer, hoch über dem See, in Sichtweite zu der
Aussteigersiedlung,haben
nacheinander
die „wilde Gräfin“ Franziska zu Reventlow, dann der Dramatiker
Reinhard Goering, dann der Romancier Werner von der Schulenburg
dichterische
Werke verfasst oder entworfen. Wie die Erinnerungen von Käthe Kruse
zeigen (so
wie Gabriele Katz sie überliefert) war der Turm bis zu ihrer Ankunft
die
prosaische Arbeitsstelle eines Weinberghüters gewesen:
Der
Vogelfängerturm, ein Arbeitshaus zum Schutz des Weinberges, war
wirklich nur
ein Dach über dem Kopf. Hier hatte von der Blüte des Weines bis zu
seiner Lese
ein Arbeiter gelebt, der mit dem Lärm diverser Holzrätschen die Vögel
und Diebe
von den Trauben fernhielt. Damit er einen guten Überblick hatte, waren
drei
Stockwerke gebaut worden. Im obersten hatte der Arbeiter gewohnt. Käthe
musste zunächst die unbedingt nötigen Möbel
herbeischleppen, denn das Häuschen wurde im Herbst leergeräumt, damit
sich kein
Ungeziefer einnistete. (Katz 189) Warum
zieht Käthe Kruse in diese nicht eben komfortable Abgeschiedenheit?
Warum zieht
sie sich in eine Einsiedlerklause zurück? Finanzielle Gründe können
nicht
maßgeblich gewesen sein, denn sie wurde von ihrem Geliebten gut
versorgt, hatte
außerdem im Ort Ascona eine durchaus zusagende Bleibe gefunden. Sie
schreibt in
ihrem Tagebuch:
„Eine schöne Wohnung am See hatten wir und einen Garten mit einer kleinen Steinmauer und eine Kirschlorbeerbaumlaube und einen runden Steintisch darin und Rosen, Kamelien, Malven, Maiglöckchen …“ (In Katz 166) Warum
dann aus solch idealer Umgebung unter freundlichen Menschen in die
beschwerliche Einsamkeit eines abgelegenen Weinbergs ziehen? Eine Antwort könnte in den
Erinnerungen von
Max Kruse zu finden sein: Der
erste
Eindruck, den ich von den Monteveritanern erhielt,
gehört zu den stärksten meines Lebens. Man glaubte unter Urwaldmenschen
zu
sein. Sie trugen die Haare so lang, wie sie wachsen wollten, die Männer
natürlich auch die Bärte. Ihre Bekleidung war sehr einfach: kurze
Hosen,
Hemdbluse und für schlechtes Wetter einen Friessack mit einem Loch für
den Kopf
und zwei für die Arme – natürlich nackte Beine und primitive Sandalen.
Ihre Häuser waren aus unbehauenen Steinen, wie sie dort zu finden sind,
die
Möbel aus knorrigen Ästen zusammengenagelt, aber alles in seiner Art
geschmackvoll. Sie hatten das Prinzip, alles, was der Mensch braucht,
selbst zu
verfertigen. (Bilder und Erlebnisse 30) Was
Kruse hier schildert, ist nicht etwa die Lebensweise der
Sanatoriumsbewohner
sondern ganz eindeutig die von Karl Gräser. Das Prinzip der
„Selbstarbeit“ gehörte zu seinen Lieblingsideen, und
dementsprechend waren seine Möbel aus Knüppelholz gefertigt, nicht aber
die des
Sanatoriums. Nicht Oedenkoven oder andere sondern Karl Gräser
hinterließ in Max
Kruse den stärksten Eindruck. Nur er schockierte als quasi
„Urwaldsmensch“. Die selbe
Reaktion finden
wir bei Käthe Simon-Kruse: Nahebei hauste [Karl] Gräser mit seiner Frau [Jenny Hofmann]. In einer verfallenen Ruine, über die er ein Wellblechdach gelegt hatte. Gräsers offenes schwarzes Haar fiel ihm bis auf die Schultern, und daß er Kniehosen trug, war dort selbstverständlich. Die dichtbehaarten Beine umwickelte er mit Fellen, an den Füßen trug er selbsthergestellte Schuhe. Ich erschrak sehr, als ich ihn zum erstenmal sah. … Gräsers gingen in ihren Theorien noch viel weiter als Ödenkoven. Sie verschmähten jede Hilfe. Nur was der Mensch mit seiner eigenen Kraft, mit seiner eigenen Hände Arbeit sich schaffen könne, sei ihm gemäß und gut. Nicht einmal der Tiere oder der Maschinen dürfe er sich bedienen. Kraft stehlen, heiße die Natur betrügen. Nur der Verzicht auf die menschenmordenden Errungenschaften der Zivilisation könne den Menschen den Weg zur Natur wieder erschließen. Man kann sich denken, wie solche – mit fanatischem Ernst vorgebrachten – Lehren auf mich wirkten. Ich durchlief hin und zurück die ganze Skala der Empfindungen von unwiderstehlicher Lachlust bis zu ernstlichen Selbstvorwürfen, daß ich mich unterstand, für Mimerle und Fifi eine Kinderfrau zu halten . Käthe Kruse: Das große Puppenspiel, S. 62f. Man sieht: Die junge Frau hat sich mit Karl Gräser ernsthaft auseinandergesetzt. In ihrem Erinnerungsbuch räumt sie den Gräsers doppelt soviel Raum ein wie Oedenkoven. Die extreme Position von Karl forderte zu einem ernsteren, tieferdringenden Nachdenken über die Stellung des Menschen zwischen Kultur und Natur heraus. Das halb- bis gutbürgerliche Leben einer ausgehaltenen Geliebten, die sich am sonnigen Lago Maggiore eine hübsche Wohnung samt Kinderfrau leisten konnte, war in Frage gestellt. Lag also hier einer der Gründe, warum Katharina aus der Geselligkeit Asconas in den einsamen Turm zog? Ein solcher Turm ist eine Eremitage, ein Rückzugsort für Suchende und Verstörte, die mit sich ins Reine kommen wollen. Gabriele Katz spricht von einer „tiefe(n) Krise“ (177).
Käthe Kruse mit Tochter vor dem Roccolo um 1925 Allein und einsam, auf der Suche nach sich selbst, lebte Käthe Simon 1905 in einem abgelegenen Vogelfängerturm. Sie schrieb über ihr bisheriges Leben, ihre Beziehung zu Max Kruse, entdeckte ihr Talent für das Zeichnen und Malen und bewältigte so eine tiefe Krise. (Gabriele Katz) Sie schrieb [im Turm] sich ihre Angst und ihre Unsicherheit von der Seele, und sie blickte täglich in den kleinen Spiegel, den sie noch aus Berlin bei sich trug. … Hier im Roccolo trug sie das lange Haar einfach im Nacken verschlungen, wie die Bäuerinnen. Den Rock aus festem schweren Stoff und die zwei Blusen, die sie beständig wechselte, hatte sie selbst genäht. Sie trug schwere Stiefel, wenn sie, die Fiffi auf die Hüfte gebunden, mit dem Mimerl an der Hand zum Einkaufen oder zur Großmutter ging. Zu Hause ging sie barfuß. (Katz 176f.) Es ist offensichtlich: Katharina nähert sich der Lebensweise von Karl und Jenny Gräser an. Ihr Aufzug ist nahezu tolstoianisch. Von einer Kinderfrau ist nicht mehr die Rede. Eine solche passte in keiner Hinsicht in den Einsiedlerturm. Das Selbsttun, Selbermachen ist jetzt ihre Regel. Und auf diesem Weg wird sie auch von Max vorwärtsgetrieben. Als die Kinder sich Bambini-Puppen wünschen, lehnt er es ab, ihnen welche zu kaufen: „Macht euch selber welche!“ (Katz 182) Und das tut Katharina – mit den einfachsten Mitteln: mit Handtuch, Sand und Kartoffel. So entstehen die künftig so beliebten, ge-liebten Käthe Kruse-Puppen. Nicht zuletzt aus der Gräserschen Devise: Einfachheit und Selbstarbeit. Innerhalb der Kolonie vom Monte Verità hatten die Gräsers eine eigene Kolonie geschaffen, mit eigenen Gesetzen, mit einem anderen Gesicht. Von dieser Mitte wuchsen sich Filialen aus: Sezessionen aus dem Oedenkovenschen Sanatorium, Absatzbewegungen in Wildnis und Einsamkeit: in die Waldmühle von Ronco, in die Felshöhle bei Arcegno, in die Ruine der Lotte Hattemer, in das Columbario von Raphael Friedeberg – und eben auch in das Roccolo von Katharina Simon-Kruse. Alle diese Sezessionisten hatten ursprünglich im Sanatorium gewohnt oder sogar der Gründungsgenossenschaft angehört. Sie wurden zu Einsiedlern, um den anderen, den von den Brüdern Gräser gewollten Monte Verità zu verwirklichen. Sie suchten die Utopie statt den Kompromiss, jeder auf seine Weise, und wurden kreativ, schöpferisch, jeder auf seine Art. Die Art der Katharina Símon war es, künftig Puppen in die Welt zu setzen, die Kinder liebhaben konnten. „Lieben ist fühlen, ist umarmen wollen, zärtlich sein wollen“, schreibt sie unzählige Male zur Rechtfertigung ihrer weichen, haptischen Puppen. (Katz 56) |
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