Der Wanderzug der Barfußpropheten

Er beginnt im Herbst 1900 in München. Sechs junge Menschen wandern über die Alpen, doch nur einer geht barfuß: Gusto Gräser.

Die Gruppe löst sich auf, die meisten werden in Ascona sesshaft. Nur einer wandert weiter: Gusto Gräser. Er steckt andre an. Ein junger Dichter aus dem Baltikum macht sich auf den Weg: Bruno Goetz. Nach Jahren des Stromerns schreibt er 1918 einen Roman, in dem ein geheimnisvoller Wanderer die Menschen herausruft aus Besitz und Gefesseltsein: ‚Das Reich ohne Raum‘. Das Reich ohne Raum ist ein Reich des Geistes.

Ein Zweiter macht sich auf, wenigstens für einige Zeit, pilgert zu Fuß bis nach Assisi: Hermann Hesse. Er schreibt, ergriffen von der Erscheinung Gusto Gräsers, eine Biografie des Heiligen Franz. Aber mehr: Er schreibt lebenslang Gedichte, Erzählungen und Romane, in denen ein Wanderer und Weiser im Mittelpunkt steht. Um ihn sammelt sich ein Bund, der Bund und Orden der Zukünftigen. Sie nennen sich, in Hesses Erzählung, auch „Morgen-landfahrer“. In Scharen wandern sie dem heiligen Osten zu, zur Quelle des Lichts.

Ein Dritter macht sich auf, ein erfolgreicher Dramatiker: Reinhard Goering. Lässt Geld und Geltung hinter sich, begibt sich, wie Buddha von Almosen lebend, auf eine „buddhistische Wanderschaft“, bis er entkräftet zusammenbricht. Er kehrt in das bürgerliche Leben zurück, kann sich aber nicht mehr zurechtfinden, endet durch Selbstmord.

Ein Vierter macht sich auf, ein ungarischer Vagabund, der jetzt in Südamerika eine Kolonie gründen will nach dem Muster des gräserischen Monte Verità, tolstoianisch-kommunitär: Emil Szittya. Er wandert 1909 zusammen mit Hans Richter nach Paris, entdeckt die avantgardistischen Maler um Picasso und Matisse, schreibt die Chronik des Untergrunds und den ersten Roman über den Monte Verità: ‚Klaps‘.

Ein Fünfter macht sich auf, ein amerikanischer Tänzer und Dichter: Raymond Duncan, Bruder der berühmten Tänzerin Isadora. Er gründet Kommunen in Frankreich, England und USA und lehrt in seiner Akademia in Paris das „Gusto Gräsersche Evangelium“ von Einfachheit, Armut und Arbeit. Seine Kunstwerke hängen in den großen Museen Nord-amerikas.

Diese Fünf kann man die ersten Barfußpropheten oder Wanderheiligen nennen, auch wenn nicht alle barfuß gingen und nicht unbedingt Heilige waren. „Dichtervagabunden“ wäre ein weniger feierliches aber doch nicht zutreffendes Wort. Denn diese Wanderer waren keine „Speckbrüder“ und „Klinkenputzer“ sondern eher Pilger nach einem noch unbekannten Heiligtum, einem Utopia.

Gusto Gräser Hermann Hesse Raymond Duncan Reinhard Goering Bruno Goetz

Esslingen 1907

Der zweite Knotenpunkt dieser „Morgenlandfahrer“ wurde 1907 die Stadt Esslingen am Neckar. Hier trafen sich die „Esslinger Sieben“: Künstler, Literaten und Jugendbewegte. Ihr Stützpunkt war die dort entstehende „Heimstätten“-Siedlung Neckarhalde. Einer ihrer Vordenker war der Theologe und Kierkegaard-Übersetzer Christoph Schrempf. Zum Kern um Gusto Gräser gehörten der Maler Willo Rall, der Dichter Georg Stammler und der Kaufmann Friedrich Muck-Lamberty. Rall wanderte zeitweise mit Gräser, illustrierte seine Schriften, gründete nach dem Krieg die Künstlersiedlung „Freistatt“ im Schwäbischen Wald. Stammler verfasste die ‚Worte an eine Schar‘, eine Art Programm für die Gruppe, das später in der ‚Neuen Schar‘ Wirklichkeit werden sollte. Muck versuchte Kommunen zu gründen, wanderte mit dem Wandervogel Karl Bittel bis nach Italien auf der Suche nach geeignetem Land. 1913 gründete er in Esslingen den „Freundeskreis für Gusto Gräser“. Der Krieg zersprengte diesen Kreis.

Georg Stammler Willo Rall Friedrich Lamberty

Stuttgart um 1920

Der dritte Knotenpunkt bildete sich zwischen 1919 und 1924 in Urach und Stuttgart. Aus der Uracher Landkommune am Grünen Weg machten sich alle drei Gründer als „Barfuß-apostel“ auf den Weg: Karl Raichle, Theodor Plievier und Gregor Gog. Raichle zu den Kommunarden vom Vogelhof auf der Alb, Plievier organisierte eine Spendensammlung für Hungernde in Russland, Gregor Gog, selbst vagabundierend, gründete die „Bruderschaft der Vagabunden“. In Urach soll auch die „Christ-Revolutionäre Bewegung“ um Karl Strünckmann und Alfred Daniel aus der Taufe gehoben worden sein. Der Anwalt Alfred Daniel war schon vor dem Krieg Gräsers engster Freund und sein Verteidiger gewesen, hatte wie dieser den Kriegsdienst verweigert und dadurch sein Anwaltspatent verloren. Nun gab er dem Graswurzeldenken Gräsers ein christlich-sozialistisches Vorzeichen, wollte Jesus und Marx in einem religiösen Sozialismus verbinden. Während der christre-volutionären Tagung von Juli 1921 im Stuttgarter Gustav Siegle-Haus erlebte der Maler Max Schulze-Sölde seine Berufung zum „Johannes der Jugend“, d.h. zum Apostel der Christ-Revolutionäre.

Theodor Plievier Alfred Daniel Max Schulze-Sölde Gregor Gog

Thüringen 1920

Den vierten Knoten dieser Wandergemeinde knüpfte 1920 Muck-Lamberty mit seiner „Neuen Schar“, die singend und tanzend durch Nordbayern und Thüringen zog und Tausende mit sich riss. Gusto Gräser sprach an den Lagerfeuern dieser Jugend, seine Gedichte flatterten ihrem Zug voran. Der Diefenbach-Enkel Fridolin von Spaun, der Wandervogel Harry Wilde, die Märchenerzählerin Lisa Tetzner und der Schriftsteller Kurt Kläber beteiligten sich an diesem „Kreuzzug der Fröhlichkeit“. Hermann Hesse gestaltete diese „Revolution der Seele“ dichterisch in seiner Erzählung ‚Die Morgenlandfahrt‘.

Einzug der Neuen Schar in Eisenach

Stuttgart 1929

Der fünfte Knotenpunkt dieser Bewegung wurde der Vagabunden-Kongress in Stuttgart von Pfingsten 1929. Einberufen von Gregor Gog versammelte sich hier erstmals die Vagabundenschaft als gesellschaftliche Kraft und gab sich eine öffentliche Stimme. Schriftsteller wie Heinrich Lersch und Maler wie Max Ackermann bekannten sich zu ihr. Gräser, der als Sprecher auftrat, lernte hier den Glasmaler Willy Ackermann kennen, der in der Folge, wandernd und werbend, eine „Deutsche Gandhi-Bewegung“ ins Werk setzte, die eigentlich eine Gusto Gräser-Bewegung war.


Willy Ackermann Willy und Gusto in Stuttgart Max Ackermann

Willy mit Freunden Plakat in Hamburg Flugblatt

1930 1979 Willy – ein Vorbild für die neue Alternativbewegung

Berlin um 1930

Der sechste Knoten entfaltete sich breit zwischen 1927 und 1933. Aus Bayern ausgewiesen arbeitet Gräser 1927 in Berlin im Antikriegsmuseum des Anarchosozialisten Ernst Friedrich. In seinem Haus lernt er (vermutlich) den dort verkehrenden Maler, Schriftsteller und Anarchosozialisten Artur Streiter kennen. Weihnachten 1927 feiert er zusammen mit dessen Freunden im Roten Luch vor Berlin, wo Streiter sich angesiedelt hat. Im Berliner Scheunenviertel befreundet sich Gräser mit dem Setzer Henry Joseph, der sich in seine siebzehnjährige Tochter Gertrud verliebt. Alle drei zusammen ziehen in die Nähe von Flarchheim, wo das junge Paar bei Gräsers Verleger Erich Röth Arbeit findet. Auch der Maler und Christ-Revolutionär Schulze-Sölde, inzwischen „Christ-Sozialist“, stellt sich dort ein. Um ihren alten Wunsch nach einer Lebensgemeinschaft auf dem Land zu erfüllen, verbinden sich diese drei mit dem Maler-Schriftsteller Artur Streiter und dessen Frau, die in ihrer Nachbarschaft einen freiwerdenden Gutshof entdeckt haben, und taufen ihre Landkommune auf den Namen „Grünhorst“. Gusto Gräser ihr häufiger Gast.

Schulze-Sölde ist ein Weggenosse des Spartakisten und Biologen Hugo Hertwig und ein Schüler des Dichters und Biosophen Ernst Fuhrmann, dessen ökologisch-organische Denk-weise der Grünhorst-Gemeinschaft eine theoretische Grundlage bietet. Der Schriftsteller und Kommunist Franz Jung, von der Psychoanalyse des Freudschülers Otto Gross und insofern vom Monte Verità herkommend, gründet 1930 die Zeitschrift ‚Der Gegner‘, zu deren Mitarbeitern und Herausgebern später Ernst Fuhrmann, Hugo Hertwig und Harro Schulze-Boysen gehören. Im Gegner-Kreis, der durch Boysen auch mit „Gegner-Abenden“ in Berlin an die Öffentlichkeit tritt, sammeln sich unabhängige liberale Sozialisten, die von der Jugendbewegung, der Lebensreform und der Biosophie Ernst Fuhrmanns geprägt sind. Sie suchen einen dritten Weg jenseits der Parteien von links und rechts, in steter Auseinandersetzung mit diesen und klarer Fronstellung gegen den aufkommenden Nationalsozialismus. Nachdem 1933 der ‚Gegner‘ verboten worden ist, schließt sich Harro Schulze-Boysen mit dem Verleger Erich Röth zusammen, der die inzwischen ebenfalls verbotene Zeitschrift ‚Die Kommenden‘ verlegt hatte. Sie gründen eine Zeitschrift ‚Wille zum Reich‘, die unter scheinbarer Anpassung in Wirklichkeit den Widerstand gegen Hitler vorbereitet. Ihre Gruppe „Partei des Lebens“, die auch mit den späteren Attentätern von 1944 verbunden ist, wird 1942 enttarnt. Boysen und 150 seiner Mitverschwörer werden hingerichtet; Erich Röth, ebenfalls zum Tode verurteilt, überlebt nur durch das Scheitern der Diktatur. Franz Jung, Karl Otto Paetel und Ernst Fuhrmann entziehen sich ebenso wie Harry Wilde, Gregor Gog, Theodor Plievier und Ernst Friedrich durch Flucht ins Ausland dem Zugriff des Diktators. Willy Ackermann wird von den Nazis gefoltert. Gräsers „Schwiegersohn“ Otto Großöhmig erleidet KZ-Haft, wird später ein Vorbild für den Widerständler Paul Buscher aus der illegalen bündischen Jugendbewegung. Sein zweiter Schwiegersohn Henry Joseph wird zu Zwangsarbeit im Bergwerk verurteilt. Seine Tochter Gertrud versteckt jüdische Kinder. Er selbst kann nach wiederholten Verhaftungen und Schreibverbot sich nach München absetzen, wo er halbverhungert die Jahre des Terrors übersteht.

Artur Streiter Henry Joseph, Gertrud Gräser, Schulze-Sölde, Heidi Gräser

Zeitschriften aus dem Umfeld von Grünhorst

Herausgeber: Waldemar Rafalowitz Herausgeber: Harro Schulze-Boysen


Kommt die Natur der Revolution zuvor? Stehen wir vor einer Natur-Katastrophe?“ – Unter dem Einfluss des Biosophen Ernst Fuhrmann und des Naturpropheten Gusto Gräser stellten selbst Kommunisten wie Hugo Hertwig und Waldemar Rafalowitz damals schon die richtigen Fragen. Während Gräser und Otto Großöhmig im Eselkarren über Land zogen und ihre Schriften verteilten, bot Sölde 1933 dem Widerständler Rafalowitz, Herausgeber von ‚Strom‘ und ‚Utopia‘, der kommu-nistische Flugblätter druckte, in Grünhorst einen Unterschlupf. Die Eselfahrt der beiden Grünhorster endete, nach Aussage von Paul Buscher, im KZ.



Franz Jung Ernst Fuhrmann Hugo Hertwig Harro Schulze-Boysen

1920: Der proletarische Vorläufer Januar 1933: Ein letzter Aufschrei

Gusto Gräser 1930: „Herzlich zum Grund – oder herrlich zugrundegehn!“

Erich Röth: Verleger von Gräser und Sölde, Der Dom, Die Kommenden, Wille zum Reich

Gusto

Stuttgart 1968Sttuttgart 1968

Als die Jugend aufsteht gegen die Greuel des Vietnam-Kriegs, stellt sich der 80-jährige Alfred Daniel sofort an ihre Seite. Er gründet in Stuttgart den „Botnanger Kreis“ und greift, dem Umfeld von Petra Kelly verbunden, mit zwei Büchern in die Debatte ein. Die Kulturrevolution der 68er und die neue Alternativbewegung sieht er als einen „Ver Sacrum“, einen heiligen Frühling, in dem seine „Christ-Revolution“ von 1919 zu Blüte und Reife kommt. Tatsächlich hatte er schon damals sein Radikal-christentum mit dem Humanismus von Marx verbunden. Er schreibt im Jahre 1968:

Nach dem Ersten Weltkrieg gab es in Stuttgart und in einigen Städten des Ruhrgebiets eine ‚Christ-Revolutionäre Bewegung‘. Es war dies eine Gruppe junger Menschen, die … eine geistige und religiöse Erneuerung des deutschen Volkes erstrebten – auf der Linie etwa einer Versöhnung von Luther-Hegel-Marx mit Kierkegaard-Nietzsche-Dostojewski (Berdjajew). Dieser Bewegung hatte auch ich mich angeschlossen. Als sie zerflatterte, setzte ich ihre Arbeit im stillen fort, und ich bin angesichts des inneren Zerfalls aller machtstaatlichen Gebilde … mehr als je davon durchdrungen, daß jener christrevolutionäre Impuls aus dem Anfang der zwanziger Jahre nur der vorausfallende Schatten dessen war, was heute Wirklichkeit zu werden sich anschickt. … Was heute in der Jugend der ganzen Welt aufbricht, kann niemand mehr dämpfen:

Lange bist du, an eine Planke dich klammernd,

Ängstlich am Ufer entlang gewatet.

Jetzt will ich, daß du ein mutiger Schwimmer werdest,

Abspringst mitten in die See, auftauchst

Und jauchzend das Wasser aus deinem Haar schüttelst.

Walt Whitman

(Alfred Daniel: Die protestantische Revolution. Bellnhausen 1968, S. 7 und 10)

Gusto Gräser hatte das Motto vorgegeben: „Links oder rechts? – Krankengekrächz! – Rings! so jubeln die Heilen“. Getreu diesem Wahlspruch hatten seine Freunde und Bewunderer versucht, die Fronten von Links und Rechts zusammenzubringen – und sich damit zwischen alle Fronten gesetzt. Der Wille zu einer „neuen Einheit“ über den Parteiungen – und zwar unter religiös-sozial-ökologischem Vorzeichen – verband die „Barfußpropheten“ Alfred Daniel, Friedrich Lamberty, Willy Ackermann, Max Schulze-Sölde, Ernst Fuhrmann, Hugo Hertwig, Franz Jung, Artur Streiter, Harro Schulze-Boysen, Waldemar Rafalowitz, Henry Joseph, Gertrud Gräser und andere. Was 1933 erstickt wurde, erwachte mit den Umwelt- und Bürgerbewegungen seit den Sechzigerjahren zu neuem Leben.

Alfred Daniel Gräser an Daniel, Budapest 1915: „Mir bleibt nur ein einziger Weg“ –

die Kriegsdienstverweigerung.

Alfred Daniel 1977:

Graeser war eine "Natur", Eruption und Seismograph zugleich. Er hat am Anfang des 20. Jahrhunderts gespürt, wo es enden wird. Und suchte zu warnen, nicht bloss mit Worten, sondern existenziell.

Graeser war für seine Zeit Anstoss und Aergernis in einem. Selbst den Progressiven war er zuradikal, und so diente er ihnen im Wesentlichen nur als "Alibi".

Graeser hat es - allein auf weiter Flur - in einer wohlstandsbesessenen Zeit gewagt, das Evangelienwort: dass den zuvörderst nach dem REICH Trachtenden "das Übrige zufalle", experimentell zu prüfen und zu erhärten.

Ascona 1978

Siebte Station: 1978, auf dem Höhepunkt der Alternativbewegung, wird von Harald Szeemann der Monte Verità von Ascona wiederentdeckt und durch Ausstellungen bekannt gemacht. Gleichzeitig sammelt Hermann Müller im Wald von Arcegno und bei der Höhle Gusto Gräsers die neuen Alternativen in drei „Fiestas Monte Verità“, die Herman Hesse und anderen frühen „Bar-fußpropheten“ gewidmet sind. Gräsers Dichtungen werden in den Felsen von Arcegno vorgetragen, wo Hesse 70 Jahre früher seine Aufnahme in den Bund „derer mit dem Zeichen“ erlebt hatte. Gräsers Schwiegersohn Otto Großöhmig wird 1979 ein Mitgründer der Partei der „Grünen“. Das Werk der Exilanten Ernst Fuhrmann, Franz Jung, Karl-Otto Paetel, Oskar Maria Graf, Theodor Plievier, Hermann Broch und anderer kehrt nach Deutschland zurück. Hermann Hesses Erzählungen über den „Waldheiligen“ Gusto Gräser beflügeln die Fantasie der New Age-Generation.

Tanz um den Weltenbaum Fiesta Monte Verità 1978

Zusammenfassung

Bei den Barfußpropheten und Wanderheiligen handelt es sich um eine reformatorisch-prophetische Bewegung. Der Pantheismus von Giordano Bruno, Goethe und Hölderlin wird existenziell und kulturrevolutionär, wird zur Tat. Anstoßgeber und Zentralgestalt ist der Naturprophet Gusto Gräser; Ausgangspunkt und Urzelle ist der von ihm gegen den „Monte Verità“ von Oedenkoven begründete „Monte Gusto“ von Ascona und Grünhorst.

Der Grundzug dieser Bewegung ist als pazifistisch, ökologisch, kommunitär und spirituell zu beschreiben. Das genossenschaftliche Anfangsstadium des Monte Verità kann als Modell gesehen werden: eine Landkommune, die sich von staatlichen, industriell-kommerziellen und religiösen Zwängen so weit wie möglich frei macht, naturehrend und naturschonend, antikapitalistisch und antiautoritär, anational, pluralistisch und multikulturell, mit dem Hauptziel der Suche nach der Wahrheit, also offen und undogmatisch.

Nach dem Scheitern dieses Experiments in Ascona hat Gusto Gräser das ihm zugrundeliegende Konzept, verkörpert in seiner Person, in die Welt getragen. Seine selbstentworfene Tracht zeigte seine Botschaft an. Sie erinnerte einerseits an Jesus und damit an den Gang in Besitzlosigkeit, Armut und Ohnmacht. Sie erinnerte andrerseits durch ihre bunte Fleckenhaftigkeit an Rübezahl, also an den Geist der Natur. Es geht ihm ums „Gemeingedeihn“, gegen allen Widerstand um eine Natur und Kultur versöhnende „Dochblütezeit“. Seine dichterische „Erdsternreligion“ verschmilzt westliche und östliche Weisheit zu einer Einheit.

Gusto Gräser fand Freunde. Manche wanderten mit ihm, manche suchten ihren eigenen Weg. Zu den zeitweiligen Wanderern in seinem apostolischen Sinn gehörten u. a. sein Bruder Karl Gräser, der amerikanische Tänzer und Dichter Raymond Duncan, der Maler und Dichter Willo Rall, der Dramatiker Reinhard Goering, der Kunstdrechsler Friedrich Lamberty, der Schriftsteller Theodor Plievier, der Gärtner und Schriftsteller Gregor Gog, der Glasmaler Willy Ackermann, der Maler und Schriftsteller Max Schulze-Sölde, Gräsers Töchter Gertrud und Theodora, seine Lebensgefährtin Elisabeth Dörr und der Arzt Hans Braumann, sein Schwiegersohn Otto Großöhmig und der Metalldesigner Paul Buscher.

Andere standen ihm als Unterstützer und Sympathisanten nahe. Zu ihnen gehörten der Rechtsanwalt und Schriftsteller Alfred Daniel, die Maler Georg Lührig und Hans Thoma, die Architekten Karl Fassbender und Friedrich Blaschke. Seine stärkste Wirkung fand er bei den Dichtern. So in den Werken von Hermann Hesse, Gerhart Hauptmann, Thomas Mann, Alfred Döblin, Georg Trakl und Hermann Broch, auch im Frühwerk des Philosophen Ernst Bloch.

Er löste Erschütterungen und Ergriffenheiten aus, doch blieb sein Sprachdenken und Mythendichten den Meisten unzugänglich. Selbst ihm Nahestehende wie Hermann Hesse und Alfred Daniel konnten ihn nur unter traditionellen Mustern einordnen, verglichen ihn mit Jesus, mit Zarathustra, mit Laotse, Diogenes, Franziskus und Buddha. Einen Hauptstrang seiner Wirkung bildeten die Christ-Revolutionäre, die sich mit freien Sozialisten und Biosophen zusammenfanden und in der Siedlung Grünhorst einen zweiten Monte Gusto schufen. Dieser Ansatz einer Zentrumsbildung wurde durch die braune Diktatur zerstört und zerstreut. Erst in der zweiten Alternativbewegung von 1960/70 wurden die Impulse der ersten wieder aufgegriffen, vermittelt vor allem durch die Dichtungen Hermann Hesses und die Ausstrahlung des Monte Verità. Ein anderer Strang bildete sich in der Jugend- und Reformbewegung, verkörpert durch Friedrich Muck-Lamberty und ehemalige Mitglieder des Gräser-Bundes wie Hans Paasche und Magnus Schwantje. Auch diese wirkten hinein in den Grünhorst-Kreis und damit in den politischen Widerstand.

Seit 1978 gibt es eine Wiederkehr des zu seinen Lebzeiten so oft verfolgten Wanderdichters Gusto Gräser. Der Verfemte und Verschwiegene erlebt in einer Vielzahl bisher verschlüsselter Dichtungen seine öffentliche Wiederkehr. Am nächsten kommt einem angemessenen Gräser-Bild das Werk von Hermann Hesse, das Buch des Amerikaners Martin Green über den Monte Verità und die Dichtung von Hermann Broch. Broch verwandelt seine Gräsererfahrung in den Heilbringer Lebrecht Endeguth, der singend aus dem Wald zu den Menschen kommt. „Als einen, der von dort drüben kommt, sahen sie ihn, als einen Teil der Wälder, der Flüsse, der Hügel, als einen Teil der Natur, als einen Teil des Todes, er selbst schon heilende Natur, er selbst schon heilender Tod. … Hinaufspähend zum schwebenden Firmament, hinablauschend zur ruhenden Erde, so wurde er selber zum schwebenden und ruhenden Erspüren der Ganzheit, er selber Ganzheit, welcher die Ganzheit der Welt erfüllt und von ihr erfüllt wird“. Der Wanderlehrer, Imker und Sänger Endeguth wird für seine Zeitgenossen zum „Steinernen Gast“, d. h. zum Mahner und Richter, doch zu einem solchen, der lachend alle Schuld erlässt.

Tiefer und echter erfassen wir freilich Gräsers Wollen und Wesen in seiner eigenen Dichtung, seinem „Fühledenken“, seinem seherisch-prophetischen Wort. Er sah sich als „Sinnbildner“, und das war er: ein Bilder und Bildner von Sinn.



Der Historiker Ulrich Linse über Gusto Gräser:

Gräser (schuf) sozusagen einen neuen Menschentyp, der bis in die heutige Jugendbewegung nachwirkt … wurde damit zum Urbild des wandernden Suchers und Gurus. … (Er) kreierte eine neue antibürgerliche und antiproletarische Existenzform. Für alle war ins Auge fallend, daß er nicht einfach ein Landstreicher oder Bohemien war, sondern eher ein Mönch oder Prophet, wenn auch nicht in einem orthodox-konfessionellen Sinne. Der religiöse Grundzug dieses Wanderheiligen ist nicht zu verkennen. Barfüßige Propheten, S.68f.


Der Literaturwissenschaftler Paul Michael Lützeler:

Gusto Gräser: Urbild des ‚peregrinus‘, des Wanderers, des Wanderpredigers, des Propheten einer neuen Glücksbotschaft. Die richtete sich gegen das Leistungsprinzip der Industriegesellschaft, gegen alle Formen der Vermassung, der Einschränkung individueller Freiheit durch Ausbeutung und Versklavung. … Es war eine Botschaft, die dem franziskanischen Ideal mittelalterlicher Christlichkeit nicht fernstand, wenn auch alles Theologische im dogmatischen Sinne keine Rolle spielte. … Just in den Tagen, als Hitler 1933 an die Macht kommt, taucht [in der Dichtung von Broch] der Imker in mythisierter Gestalt auf. Vorher hat der Erzähler gezeigt, wie nahe der wandernde Imker den Auffassungen von einem naturgemäßen Leben steht, wie es von den Reformbewegten auf dem Monte Verità angestrebt wurde. ... Der Imker mutiert zum ‚Steinernen Gast‘ … Broch selbst nannte den mythisierten Imker den ‚geisthaften Träger einer neuen Welteinsicht‘“.

Aussteigen um 1900, S.37-40



Nachbemerkung zu Ludwig Christian Häusser:

Er wird in dieser Darstellung nicht erwähnt, obwohl er eine Zeit lang als Barfußprophet gelebt hat. Er hat sich jedoch schon Ende 1918 von Gräser losgesagt („Mein Abschied von Gusto Gräser. 30. 12. 1918“), und dieser ist gegen ihn und Leonhard Stark öffentlich aufgetreten. Alfred Daniel hat schon 1921 Häusser als Betrüger und Hochstapler entlarvt:

Am 12. und 13.September [1921] traf ich in Stuttgart mit Häußer zusammen und lernte ihn vollständig kennen. Bereits am nächsten Tage, am 14. September, verließ ich das Haus, in dem ich Häußer so intim kennen gelernt hatte, weil mir alles daselbst so unrein erschien, daß ich einen Tag später, zum 15. September, unsere christ-revolutionäre Jugend in Stuttgart zusammenrief, um sie vor dem Häußerkreis zu warnen. … Es handelt sich um … einen Fälscher und Schwindler! Alfred Daniel

Gleichwohl hatte Häusser in der Öffentlichkeit eine starke Wirkung mit der Folge, dass Gräser von Gegnern mit ihm in einen Topf geworfen wurde. Die dadurch entfachte Hetze hat dazu geführt, dass Gräser Ende 1921 in Naumburg verhaftet und Muck-Lamberty mit seiner Schar aus Thüringen ausgewiesen wurde. Häusser wurde zum Zerstörer des Aufbruchs der Neuen Schar und zum bösen Schatten der echten Barfußpropheten.