Doktor Knölges Ende



 
In der Erzählung "Doktor Knölge’s Ende", die 1910 veröffentlicht wurde, verarbeitet Hermann Hesse auf humoristische Weise seine Erfahrungen, die er im April 1907 während einer vierwöchigen Kur auf dem Monte Verità machte.


Jonas der Vollendete

(Auszüge aus ‚Doktor Knölges Ende’)

Es geschah, daß Doktor Knölge erst durch Zeitungen, dann durch direkte Mitteilungen aus dem Kreise seiner Bekannten von der großen Gründung der Internationalen Vegetarier-Gesellschaft hörte, die ein gewaltiges Stück Land in Kleinasien erworben hatte und alle Brüder der Welt bei mäßigsten Preisen einlud, sich dort besuchsweise oder dauernd nieder-zulassen.

Es war eine Unternehmung jener idealistischen Gruppe deutscher, holländischer und österreichischer Pflanzenesser [1], deren Bestrebungen eine Art von vegetarischem Zionismus waren und dahin zielten, den Anhängern und Bekennern ihres Glaubens ein eigenes Land mit eigener Verwaltung irgendwo in der Welt zu erwerben, wo die natürlichen Bedingungen zu einem Leben vorhanden wären, wie es ihnen als Ideal vor Augen stand. ...

Mancher von ihnen hatte zu Fuß ganz Europa wiederholt durchmessen als bescheidener Klinkenputzer bei wohlhabenden Gesinnungsgenossen oder als predigender Prophet oder als Wunderdoktor, und Knölge fand bei seinem Eintreffen in Quisisana [2] manchen alten Bekannten, der ihn je und je in Leipzig als harmloser Bettler besucht hatte.

Vor allem aber traf er Größen und Helden aus allen Lagern des Vegetariertums. Sonnenbraune Männer mit langwallenden Haaren und Bärten schritten alttestamentlich in weißen Burnussen auf Sandalen einher, andere trugen Sportkleider aus heller Leinwand. Einige ehrwürdige Männer gingen nackt mit Lendentüchern aus Bastgeflecht eigener Arbeit. Es hatten sich Gruppen und sogar organisierte Vereine gebildet, an gewissen Orten trafen sich die Frugivoren, an anderen die asketischen Hungerer, an anderen die Theosophen oder Lichtanbeter. Ein Tempel war den Verehrern des amerikanischen Propheten Davis erbaut, eine Halle diente dem Gottesdienst der Neo-swedenborgisten. ...

Die auffallendste Gruppe war jedoch die der reinen Frugivoren. Diese hatten auf Tempel und Haus und Organisation jeder Art verzichtet und zeigten kein anderes Streben als das, immer natürlicher zu werden und, wie sie sich ausdrückten, "der Erde näher zu kommen" [3]. Sie wohnten unter freiem Himmel [4] und aßen nichts, als was von Baum oder Strauch zu brechen war [5]. ...

Unter den Frugivoren ragte der verehrungswürdige Bruder Jonas hervor, der konsequenteste und erfolgreichste Vertreter dieser Richtung.  Er trug zwar ein Lendentuch, doch war es kaum von seinem behaarten braunen Körper [6] zu unterscheiden, und er lebte in einem kleinen Gehölz, in dessen Geäste man ihn mit gewandter Hurtigkeit sich bewegen sah. Seine Daumen und großen Zehen waren in einer wunderbaren Rückbildung begriffen, und sein ganzes Wesen und Leben stellte die beharrlichste und gelungenste Rückkehr zur Natur vor, die man sich denken konnte. Wenige Spötter nannten ihn unter sich den Gorilla, im übrigen genoß Jonas die Bewunderung und Verehrung der ganzen Provinz.

Auf den Gebrauch der Sprache hatte der große Rohkostler Verzicht getan. Wenn Brüder oder Schwestern sich am Rande seines Gehölzes unterhielten, saß er zuweilen auf einem Aste zu ihren Häupten, grinste ermunternd oder lachte mißbilligend, gab aber keine Worte von sich und suchte durch Gebärden anzudeuten, seine Sprache sei die unfehlbare der Natur und werde später die Weltsprache aller Vegetarier und Naturmenschen sein.







Seine nächsten Freunde waren täglich bei ihm, genossen seinen Unterricht in der Kunst des Kauens und Nüsseschälens und sahen seiner fortschreitenden Vervollkommnung mit Ehrfurcht zu, doch hegten sie die Besorgnis, ihn bald zu verlieren, da er vermutlich binnen kurzem, ganz mit der Natur eins [7], sich in die heimatliche Wildnis der Gebirge zurückziehen werde.

Einige Schwärmer schlugen vor, diesem wundersamen Wesen, das den Kreislauf des Lebens vollendet und den Weg zum Ausgangspunkt der Mensch-werdung zurückgefunden hatte [8], göttliche Ehren zu erweisen. Als sie jedoch eines Morgens bei Aufgang der Sonne in dieser Absicht das Gehölz aufsuchten und ihren Kult mit Gesang begannen, erschien der Gefeierte auf seinem großen Lieblingsaste, schwang sein gelöstes Lendentuch [9] höhnisch in Lüften und bewarf die Anbeter mit Pinienzapfen.

Dieser Jonas der Vollendete, dieser "Gorilla", war unserm Doktor Knölge im Innersten seiner bescheidenen Seele zuwider.  ... Und der Gorilla, der auf seinem Aste alle Arten von Gesinnungsgenossen, Verehrern und Kritikern mit Gleich-mut betrachtet hatte, fühlte ebenfalls wider diesen Menschen, dessen Haß sein Instinkt wohl witterte, eine zunehmende tierische Erbitterung. Sooft der Doktor vorüber kam, maß er den Baumbewohner mit vorwurfsvoll beleidigten Blicken, die dieser mit Zähnefletschen und zornigem Fauchen erwiderte.

Schon hatte Knölge beschlossen, im nächsten Monat die Provinz zu verlassen und nach seiner Heimat zurückzukehren, da führte ihn, beinahe wider seinen Willen in einer strahlenden Vollmondnacht ein Spaziergang in die Nähe des Gehölzes. Mit Wehmut dachte er früherer Zeiten ...

Da brach krachend aus dem Gebüsch der Waldmensch [10] hervor ... stürzte sich auf den Schwachen und hatte ihn im Augenblick mit seinen furchtbaren Händen erdrosselt.

„schmeckt knochig und zäh, dieser knölge,
 und so trocken wie papier!“

(HH: Doktor Knölges Ende. In: Die Erzählungen, 2. Band, S. 12-17)

Als Hesse sich im Frühjahr 1907 Gusto Gräser anschloss, wurde er von seinen Freunden und Bekannten als „Kohlrabi-Apostel“ und „Waldmensch“ ver-spottet. Dem Druck des Spiessertums war der bisher von der Publikumsgunst Verwöhnte nicht gewachsen. Mit der Satire ‚Doktor Knölges Ende’, die er 1910 in München veröffentlichte, wollte er seiner Leserschaft beweisen, dass er sich von seinem ehemaligen Freund und Meister losgesagt habe und wieder ganz ihresgleichen geworden sei. Den Hohn, der ihn selbst getroffen hatte, wendet er nun gegen den einstigen Freund.

Dass die Satire ‚Doktor Knölges Ende’ sich auf den Monte Verità und Gusto Gräser bezieht, wäre auch dann für jeden Kundigen offensichtlich, wenn der Lago Maggiore, Locarno und die „Eselsführer vom Monte Verità“ im Text nicht ausdrücklich erwähnt würden. Hesse distanziert sich in dieser Schmähschrift radikal und brutal von dem Menschen, den er eben noch in der Erzählung ‚Freunde’ und in den ‚Legenden aus der Thebais’ als heiligmäßiges Vorbild verehrt hatte.

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[1]   Die Begründer des Monte Verità kamen aus Deutschland (Lotte Hattemer), Holland (Henri Oedenkoven) und Österreich (Karl und Gusto Gräser, Ida Hofmann).

[2]   Ein Hotel dieses Namens gab es damals in Locarno.

[3]    „Genesen hatte ich wollen und frei und neu werden, und ich hatte es mir wundersam und mächtig vorgestellt, wie Sonne, Wind, Felsen und Pflanzen mir nahe kommen und Freund werden würden.“  - „Ich höre und sehe das Leben der Erde, lebe und atme mit, bin ruhig und bescheiden geworden.“ (HH: In den Felsen. In: Materialien zu Hermann Hesses ‚Siddharta’, hg. Von Volker Michels, Frankfurt 1974, 2. Band, S. 342 und 345f.)

[4]   "Die Hütte habe ich mir so ziemlich abgewöhnt, sie dient nur noch meinem Rucksack als Unterkunft, denn ich schlafe fast immer im Freien, in dem weichen, kurzen, silbrig behaarten Berggras." (HH: In den Felsen. In: Materialien zu Hermann Hesses ‚Siddharta’, hg. Von Volker Michels, Frankfurt 1974, 2. Band,  S. 345)

[5]  "Das erste Eßbare, was ich in einer Spalte zwischen Felsklippen fand, waren üppig grünende Stauden von Sauerampfer. Ich kaute und schluckte einige Blätter, ohne üble Folgen zu spüren. " (HH: In den Felsen. A. a. O., S, 345)

[6]  "Meine Haut war ganz geheilt und erzbraun geworden, auf dem Kopf trug ich meine Ginstermütze. ... Vor allem erfreute ich mich meiner braunen, geschmeidigen, gesunden Haut". (HH: In den Felsen. A. a. O., S. 344f.)

[7]   "Einswerden mit der Natur hatte ich gesucht". (HH: In den Felsen. A. a. O., S. 343)

[8]  "Ich bin zum ursprünglichsten Leben zurückgekehrt und habe meine eingeschlafenen Instinkte erwachen sehen." (HH: In den Felsen. A. a. O.; S. 339)

[9]   "Ich lebe nackt und aufmerksam wie ein Hirsch in meinem Geklüfte". (HH: In den Felsen. A. a. O., S. 345)

[10]   „’Und jetzt ziehst du zu dem Waldmenschen hinaus und wirst sein Jünger?’“, wird Hans Calwer (Hesse) von seinem Freund Erwin Mühletal gefragt, der für Ludwig Finckh steht (HH: Freunde. In: Die Erzählungen, Frankfurt/M. 1973, 1. Band, S. 368). Vgl. auch die Erzählung ‚Der Waldmensch’ von 1913 und die weitergehende Reihe von Waldmenschen in ‚Siddharta’ und in den Lebensläufen des ‚Glasperlenspiels’.