Doktor Knölges Ende |
| In der Erzählung "Doktor Knölge’s Ende", die 1910 veröffentlicht wurde, verarbeitet Hermann Hesse auf humoristische Weise seine Erfahrungen, die er im April 1907 während einer vierwöchigen Kur auf dem Monte Verità machte.
|
![]() |
![]() |
![]() |
Seine nächsten
Freunde waren täglich bei ihm, genossen seinen
Unterricht in der Kunst des Kauens und Nüsseschälens und sahen seiner
fortschreitenden
Vervollkommnung mit Ehrfurcht zu, doch hegten sie die
Besorgnis, ihn bald zu verlieren, da er vermutlich binnen kurzem, ganz
mit der
Natur eins [7],
sich in die heimatliche Wildnis der Gebirge zurückziehen werde.
Einige Schwärmer
schlugen vor, diesem wundersamen Wesen, das den
Kreislauf des Lebens vollendet und den Weg zum Ausgangspunkt der
Mensch-werdung
zurückgefunden hatte [8],
göttliche Ehren zu erweisen. Als sie jedoch eines Morgens bei Aufgang
der Sonne
in dieser Absicht das Gehölz aufsuchten und ihren Kult mit Gesang
begannen,
erschien der Gefeierte auf seinem großen Lieblingsaste, schwang sein
gelöstes
Lendentuch [9]
höhnisch in Lüften und bewarf die Anbeter mit Pinienzapfen.

Dieser Jonas der
Vollendete, dieser "Gorilla", war
unserm Doktor Knölge im Innersten seiner bescheidenen Seele zuwider. ... Und der Gorilla, der auf seinem Aste alle
Arten von Gesinnungsgenossen, Verehrern und Kritikern mit Gleich-mut
betrachtet
hatte, fühlte ebenfalls wider diesen Menschen, dessen Haß sein Instinkt
wohl
witterte, eine zunehmende tierische Erbitterung. Sooft der Doktor
vorüber kam,
maß er den Baumbewohner mit vorwurfsvoll beleidigten Blicken, die
dieser mit
Zähnefletschen und zornigem Fauchen erwiderte.

Schon hatte Knölge
beschlossen, im nächsten Monat die Provinz zu
verlassen und nach seiner Heimat zurückzukehren, da führte ihn, beinahe
wider
seinen Willen in einer strahlenden Vollmondnacht ein Spaziergang in die
Nähe
des Gehölzes. Mit Wehmut dachte er früherer Zeiten
...
Da brach krachend aus
dem Gebüsch der Waldmensch [10]
hervor ... stürzte sich auf den Schwachen und hatte ihn im Augenblick
mit seinen
furchtbaren Händen erdrosselt.

Als
Hesse sich im Frühjahr 1907 Gusto Gräser anschloss, wurde er von seinen
Freunden
und Bekannten als „Kohlrabi-Apostel“ und „Waldmensch“ ver-spottet. Dem
Druck
des Spiessertums war der bisher von der Publikumsgunst Verwöhnte nicht
gewachsen. Mit der Satire ‚Doktor Knölges Ende’, die er 1910 in München
veröffentlichte,
wollte er seiner Leserschaft beweisen, dass er sich von seinem
ehemaligen
Freund und Meister losgesagt habe und wieder ganz ihresgleichen
geworden sei.
Den Hohn, der ihn selbst getroffen hatte, wendet er nun gegen den
einstigen
Freund.
Dass
die Satire ‚Doktor Knölges Ende’ sich auf den Monte Verità und Gusto
Gräser
bezieht, wäre auch dann für jeden Kundigen offensichtlich, wenn der
Lago
Maggiore, Locarno und die „Eselsführer vom Monte Verità“ im Text nicht
ausdrücklich erwähnt würden. Hesse distanziert sich in dieser
Schmähschrift
radikal und brutal von dem Menschen, den er eben noch in der Erzählung
‚Freunde’ und in den ‚Legenden aus der Thebais’ als heiligmäßiges
Vorbild
verehrt hatte.
***********************************
[1] Die Begründer des Monte Verità kamen aus Deutschland (Lotte Hattemer), Holland (Henri Oedenkoven) und Österreich (Karl und Gusto Gräser, Ida Hofmann).
[2] Ein Hotel dieses Namens gab es damals in Locarno.
[3] „Genesen hatte ich wollen und frei und neu werden, und ich hatte es mir wundersam und mächtig vorgestellt, wie Sonne, Wind, Felsen und Pflanzen mir nahe kommen und Freund werden würden.“ - „Ich höre und sehe das Leben der Erde, lebe und atme mit, bin ruhig und bescheiden geworden.“ (HH: In den Felsen. In: Materialien zu Hermann Hesses ‚Siddharta’, hg. Von Volker Michels, Frankfurt 1974, 2. Band, S. 342 und 345f.)
[4] "Die Hütte habe ich mir so ziemlich abgewöhnt, sie dient nur noch meinem Rucksack als Unterkunft, denn ich schlafe fast immer im Freien, in dem weichen, kurzen, silbrig behaarten Berggras." (HH: In den Felsen. In: Materialien zu Hermann Hesses ‚Siddharta’, hg. Von Volker Michels, Frankfurt 1974, 2. Band, S. 345)
[5] "Das erste Eßbare, was ich in einer Spalte zwischen Felsklippen fand, waren üppig grünende Stauden von Sauerampfer. Ich kaute und schluckte einige Blätter, ohne üble Folgen zu spüren. " (HH: In den Felsen. A. a. O., S, 345)
[6] "Meine Haut war ganz geheilt und erzbraun geworden, auf dem Kopf trug ich meine Ginstermütze. ... Vor allem erfreute ich mich meiner braunen, geschmeidigen, gesunden Haut". (HH: In den Felsen. A. a. O., S. 344f.)
[7] "Einswerden mit der Natur hatte ich gesucht". (HH: In den Felsen. A. a. O., S. 343)
[8] "Ich bin zum ursprünglichsten Leben zurückgekehrt und habe meine eingeschlafenen Instinkte erwachen sehen." (HH: In den Felsen. A. a. O.; S. 339)
[9] "Ich lebe nackt und aufmerksam wie ein Hirsch in meinem Geklüfte". (HH: In den Felsen. A. a. O., S. 345)
[10] „’Und jetzt ziehst du zu dem Waldmenschen hinaus und wirst sein Jünger?’“, wird Hans Calwer (Hesse) von seinem Freund Erwin Mühletal gefragt, der für Ludwig Finckh steht (HH: Freunde. In: Die Erzählungen, Frankfurt/M. 1973, 1. Band, S. 368). Vgl. auch die Erzählung ‚Der Waldmensch’ von 1913 und die weitergehende Reihe von Waldmenschen in ‚Siddharta’ und in den Lebensläufen des ‚Glasperlenspiels’.