Literatur von und zu Karl Wilhelm Diefenbach



Das frühe Meisterwerk von Karl Wilhelm Diefenbach



Neu herausgegeben von Georg Temme




 


Dissertation von Claudia Wagner 2007
Der Künstler Karl Wilhelm Diefenbach (1851 - 1913)




Umbruch Verlag 2006 /  2009

Meister Diefenbachs Alpenwanderung - Ein Künstler und Kulturrebell im Karwendel 1895/96
Herausgegeben
von Hermann Müller




Dokumentation zur Ausstellung ‚Der Prophet’ in der Wiener Hermesvilla über das Kommune-Experiment des Kulturreformers Karl Wilhelm Diefenbach. In Wien, in Ober St. Veit bei Hütteldorf, hat er die weisse Fahne der „Humanitas“ aufgezogen, in Wien wurde sein revolutionäres Unternehmen erst enthusiastisch begrüsst, dann boykottiert, schliesslich buchstäblich in den Untergrund und in den Bankrott getrieben. Diefenbach wurde entmündigt und aus dem Lande gejagt.

Dieses Buch dokumentiert zum ersten Mal, anhand von Auszügen aus Tagebüchern und Briefen, die dramatische Geschichte dieser Künstlerkolonie, die als Urzelle einer neuen, naturfrommen Kultur gedacht war.


Im Mittelpunkt steht der Jünger Gusto Gräser, der sich gegen seinen Meister erhob, die Gemeinschaft sprengte, um dann auf dem Weinberg über Ascona, dem Monte Verità, eine freiere und weitere „Humanitas“ zu errichten. Auch sein Wirken blieb eine Geheimgeschichte, die zunächst nur in dichterischer und philosophischer Verkleidung sich in die Öffentlichkeit wagen konnte: durch die Werke von Hermann Hesse, Gerhart Hauptmann, Martin Heidegger und anderen. Erst in den Alternativbewegungen der sechziger und siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts brach sie sich breitere Bahn und treibt seitdem den Umbruch zu einer spirituellen Natur-Kultur.


Hermann Müller (Hg.): Himmelhof. Urzelle der Alternativbewegung, 1897-1899. Umbruch-Verlag Recklinghausen 2011. 210 Seiten, viele Abbildungen. € 24.80
ISBN 978 393 772 60 83. www.umbruch-verlag.de. Mail: tg@umbruch-verlag.de


Fidus-Serie
Die 1904 in Zürich gezeichneten Illustrationen für die Preisliste der Günther Wagner

Karl Wilhelm Diefenbachs Schüler Fidus, eigentlich Hugo Höppener (1868–1948), prägte mit seinen Illustrationen für Bücher, Zeitschriften und Druckschriften, seinen Bildern und den Drucken und Postkarten davon sowie seinen Tempelentwürfen die Bilderwelt der Lebensreform in Deutschland seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Populär ist sein Lichtgebet, das zur Ikone der Jugend- und Freikörperkulturbewegung geworden ist.
1904 zeichnete Fidus in Zürich eine Serie von elf Vorsatzblättern, Kopfleisten und eine Schlussvignette für eine Preisliste der Günther Wagner (heute Pelikan). Die Serie ist ein exemplarisches Beispiel für die Konflikte zwischen der Reklame einerseits und Kunst andererseits, die für Fidus persönlicher Ausdruck von vielschichtigen seelischen oder psychischen und damit letztlich religiösen Empfindungen sein sollte und gleichzeitig Mittel zur Formulierung, aber auch Verwirklichung seiner künstlerischen und gesellschaftlichen Utopien.
Fidus hielt sich wiederholt in der Schweiz auf und setzte sich sogar mit dem Gedanken auseinander, sich mit seiner Familie hier niederzulassen oder jedenfalls längere Zeit zu leben und zu arbeiten. Mit Ausnahme der Aufenthalte in Amden im Sommer 1903 und vom Spätsommer oder Herbst 1903 bis Ende Jahr oder Anfang 1904 wurde bisher in der Literatur Fidus und seinen Aufenthalten in Zürich (1904 und 1906/07) sowie der Vortragsreise durch die Schweiz (1933) wenig Beachtung geschenkt.
Die Publikation ist die erste Veröffentlichung einer Reihe, die sich mit dem Künstler und seinen Beziehungen zur Schweiz und insbesondere zu Zürich auseinandersetzt.

Inhalt:
Einleitung – Über Amden nach Zürich – Zwischen Druckwerk und Tempelkunst – Das Unternehmen Günther Wagner – Theosophie und Reklame – Das geschlossene Bild – Doppelmenschen – Anspielungen und Spielereien
Anhang:
Fidus, «Zu den Katalogbildern» und «Theosophie und Kunst» – Zeittafel – Biographien.

ISBN 978-3-9523855-0-0. 128 Seiten, 16 x 22 cm, zahlreiche farbige und schwarzweisse Abbildungen. SFr. 21.80/EUR 17,80 (+ Versand SFr. 2.50/EUR 3,00).

Weitere Informationen und Bestellungen:
Monsalvat Verlag, Engimattstrasse 30, CH-8002 Zürich, Tel. +41 (0)43 539 65 26

‚Die deutsche Seele’

von Thea Dorn und Richard Wagner
Albrecht Knaus Verlag, München 2011. 560 Seiten, viele Abbildungen. € 26.99

Aus dem Vorwort:

„Wir machen uns keine Sorgen, dass Deutschland sich abschafft. Wir sehen nur, dass es sich herunterwirtschaftet. Sein Gedächtnis verliert. Die einen haben die deutsche Scham, die keiner ablegen kann, der diesem Land entstammt, zum Schuldpanzer verhärtet, hinter dem sie sich verschanzen. Die Verbrechen des Nationalsozialismus sind ihnen weniger Schmach und Schmerz als der Beweis, dass alles Deutsche mit der Wurzel ausgerissen gehört. Die anderen tummeln sich in dem Kahlschlag, den die wohl-meinenden Nashörner angerichtet haben. Ihnen fehlt nichts, solange der Fernseher läuft und im Kühlschrank genügend Bier steht. Und dennoch spüren wir ein wachsendes Deutschlandsehnen.“

Ein wichtiges Buch! Hier folgen einige Auszüge, die Diefenbach und Gräser betreffen. Die Verfasser sind allerdings sehr im Irrtum, wenn sie glauben, der Monte Verità habe nicht mehr als Hüllenlosigkeit zu bieten gehabt. In Wirklichkeit erlebten hier die Emigranten aus Alteuropa – Reformer,  Dichter und Künstler –  eine „Revolution der Seele“, eine Ausweitung und Befreiung nicht der deutschen Seele allein, aber gerade auch der deutschen, hin zu einem weltumgreifenden, menschheitumfassenden, anationalen, kosmopolitischen „Reich der Seele“, das Indien und China, Russland und Amerika genauso in sich schloss wie die besten deutschen Traditionen. „Es gab hier einfach alles, was im übrigen Europa nicht existieren konnte, verboten wurde, die Menschen nicht zu leben wagen konnten. Hier wurde es versucht; vorgelebt, existierend, nicht bloß theoretisch angeschaut“, schrieb damals der Dramatiker Reinhard Goering. „Entschieden, man war ja jenseits von Europa.“ Und ein anderer Gast und Gräserfreund, Hermann Hesse: „Hier war Liebe und Seele, hier lebte das Märchen und der Traum“.

„Schick“ war das Leben dieser Aussteiger-Siedler nicht im geringsten, vielmehr härteste Realität: Arbeit und Hunger, Kampf und Gefahr. Nicht Wenige sind daran zerbrochen, starben durch Selbstmord oder im Irrenhaus. Erst im ahnungslosen Nachschmecken des Feuilletons wurde daraus ein „schicker Mythos“.

 
  

Aufrufe von Gusto Gräser, um 1914

Raus! Raus aus den verpesteten Städten! Raus aus den engen Gassen! Raus aus dem „stahlharten Gehäuse“ von Bürokratie und Industrie, von Technik und Geldwirtschaft! …

Rousseau ist seit über hundert Jahren tot – doch nie und nirgends fíndet sein Ruf „Zurück zur Natur!“ ein kräftigeres Echo als im deutschsprachigen Raum an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.

Am wörtlichsten nehmen das große anti-zivilisatorische „Raus!“ jene, die glauben, die Kluft zwischen Leib und Seele, zwischen Kosmos und Mensch, zwischen Reich und Arm schließen zu können, indem sie die Hüllen fallen lassen.

Der erste Nudist aus Überzeugung ist der Maler Karl Wilhelm Diefenbach. Seine Konversion zum Lebensreform-Glauben geschieht in den 1870er Jahren: Nach einer Typhus-Erkrankung muss er operiert werden, sein rechter Arm bleibt verkrüppelt. Diefenbach ist überzeugt, Naturheilkunde und fleischlose Kost hätten ihn kuriert, weshalb er zum Verkünder einer vegetarisch-naturnahen Lebensweise wird. Barfuß, mit wildem Haarwuchs und in eine Kutte gekleidet wandelt er durch München und predigt gegen den „Verzehr von Tierfetzen“. Obwohl man im Schwabing jener Jahre esoterische Exzentriker gewohnt ist, kommt es zu regelmäßigen Zusammenstößen zwischen dem „Kohlrabiapostel“ und der Obrigkeit. 1887 zieht sich Diefenbach nach Höllriegelskreuth ins Isartal zurück – und gründet dort in einem stillgelegten Steinbruch die erste Kommune, in der nach seinen Vorstellungen gelebt werden darf bzw. muss. Der Aussteiger entpuppt sich – wie manch einer nach ihm - als autoritärer Guru: Fleisch, Tabak, Alkohol, Privatbesitz und bürgerliche Ehe sind tabu, der Meister bestimmt, wer wann mit wem in welcher Weise verkehren darf oder auch nicht. Gemeinsam wird ein Körperkult zelebriert, der auf „Licht, Luft, Sonne, Nacktheit und Beschwingtheit“ fußt.

Weltanschaulich nicht weniger aufgeladen, aber deutlich mondäner gibt sich die Künstler-Kolonie „Monte Verità“, die 1900 auf einem Hügel oberhalb des schweizerischen Ascona u. a. von Gusto Gräser gegründet wird. Seine ersten Erfahrungen mit alternativem Leben hat der siebenbürgische Dichter bei Diefenbach gesammelt. Der Friede zwischen Pazifisten und Anarchisten, Nudisten und Ausdruckstänzerinnen, Anthroposophen und Psychoanalytikern, Veganern und Vegetariern ist zwar stets ein wackliger, dennoch existiert die Kolonie in ihrer ursprünglichen Form bis 1920. (Und kann heute noch als Hotel/Museum/Konferenzcenter besucht werden.) Prominente Gäste wie der dadaistische Künstler Hans Arp, der Philosoph Ernst Bloch oder die Schriftsteller Gerhart Hauptmann und Hermann  Hesse machen den „Wahrheits-Berg“ zum radikal schicken Mythos.

Aus Thea Dorn, Richard Wagner: Die deutsche Seele, S. 153-155
(4.12.2011)