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Soeben
erschienen:
‚Die
deutsche Seele’
von
Thea Dorn und Richard
Wagner
Albrecht
Knaus Verlag, München 2011. 560 Seiten, viele Abbildungen. €
26.99

Aus dem Vorwort:
„Wir
machen uns keine
Sorgen, dass
Deutschland sich abschafft. Wir sehen nur, dass es sich
herunterwirtschaftet.
Sein Gedächtnis verliert. Die einen haben die deutsche Scham, die
keiner
ablegen kann, der diesem Land entstammt, zum Schuldpanzer verhärtet,
hinter dem
sie sich verschanzen. Die Verbrechen des Nationalsozialismus sind ihnen
weniger
Schmach und Schmerz als der Beweis, dass alles Deutsche mit der Wurzel
ausgerissen gehört. Die anderen tummeln sich in dem Kahlschlag, den die
wohl-meinenden Nashörner angerichtet haben. Ihnen fehlt nichts, solange
der
Fernseher läuft und im Kühlschrank genügend Bier steht. Und dennoch
spüren wir
ein wachsendes Deutschlandsehnen.“
Ein
wichtiges Buch! Hier folgen einige Auszüge, die Diefenbach und
Gräser betreffen. Die Verfasser sind allerdings sehr im Irrtum, wenn
sie
glauben, der Monte Verità habe nicht mehr als Hüllenlosigkeit zu bieten
gehabt.
In Wirklichkeit erlebten hier die Emigranten aus Alteuropa –
Reformer, Dichter und Künstler – eine „Revolution der
Seele“, eine Ausweitung
und Befreiung nicht der deutschen Seele allein, aber gerade auch der
deutschen,
hin zu einem weltumgreifenden, menschheitumfassenden, anationalen,
kosmopolitischen „Reich der Seele“, das Indien und China, Russland und
Amerika
genauso in sich schloss wie die besten deutschen Traditionen. „Es gab
hier
einfach alles, was im übrigen Europa nicht existieren konnte, verboten
wurde,
die Menschen nicht zu leben wagen konnten. Hier wurde es versucht;
vorgelebt,
existierend, nicht bloß theoretisch angeschaut“, schrieb damals der
Dramatiker
Reinhard Goering. „Entschieden, man war ja jenseits von Europa.“ Und
ein
anderer Gast und Gräserfreund, Hermann Hesse: „Hier war Liebe und
Seele, hier
lebte das Märchen und der Traum“.
„Schick“
war das Leben dieser Aussteiger-Siedler nicht im geringsten,
vielmehr härteste Realität: Arbeit und Hunger, Kampf und Gefahr. Nicht
Wenige
sind daran zerbrochen, starben durch Selbstmord oder im Irrenhaus. Erst
im
ahnungslosen Nachschmecken des Feuilletons wurde daraus ein „schicker
Mythos“.
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Aufrufe von Gusto Gräser, um
1914
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Raus! Raus
aus den verpesteten Städten! Raus aus den engen Gassen! Raus aus dem
„stahlharten Gehäuse“ von Bürokratie und Industrie, von Technik und
Geldwirtschaft! …
Rousseau ist
seit über hundert Jahren tot – doch nie und nirgends fíndet sein Ruf
„Zurück
zur Natur!“ ein kräftigeres Echo als im deutschsprachigen Raum an der
Wende vom
19. zum 20. Jahrhundert.
Am
wörtlichsten
nehmen das große anti-zivilisatorische „Raus!“ jene, die glauben, die
Kluft
zwischen Leib und Seele, zwischen Kosmos und Mensch, zwischen Reich und
Arm
schließen zu können, indem sie die Hüllen fallen lassen.
Der erste
Nudist aus Überzeugung ist der Maler Karl Wilhelm
Diefenbach. Seine Konversion
zum Lebensreform-Glauben geschieht in den 1870er Jahren: Nach einer
Typhus-Erkrankung muss er operiert werden, sein rechter Arm bleibt
verkrüppelt.
Diefenbach ist überzeugt, Naturheilkunde und fleischlose Kost hätten
ihn
kuriert, weshalb er zum Verkünder einer vegetarisch-naturnahen
Lebensweise
wird. Barfuß, mit wildem Haarwuchs und in eine Kutte gekleidet wandelt
er durch
München und predigt gegen den „Verzehr von Tierfetzen“. Obwohl man im
Schwabing
jener Jahre esoterische Exzentriker gewohnt ist, kommt es zu
regelmäßigen
Zusammenstößen zwischen dem „Kohlrabiapostel“ und der Obrigkeit. 1887
zieht
sich Diefenbach nach Höllriegelskreuth ins Isartal zurück – und gründet
dort in
einem stillgelegten Steinbruch die erste Kommune, in der nach seinen
Vorstellungen gelebt werden darf bzw. muss. Der Aussteiger entpuppt
sich – wie
manch einer nach ihm - als autoritärer Guru: Fleisch, Tabak, Alkohol,
Privatbesitz und bürgerliche Ehe sind tabu, der Meister bestimmt, wer
wann mit
wem in welcher Weise verkehren darf oder auch nicht. Gemeinsam wird ein
Körperkult zelebriert, der auf „Licht, Luft, Sonne, Nacktheit und
Beschwingtheit“ fußt.
Weltanschaulich
nicht weniger aufgeladen, aber deutlich mondäner gibt sich die
Künstler-Kolonie
„Monte Verità“, die 1900 auf einem Hügel oberhalb des schweizerischen
Ascona u. a. von Gusto Gräser
gegründet wird. Seine ersten
Erfahrungen mit alternativem Leben hat der siebenbürgische Dichter bei
Diefenbach gesammelt. Der Friede zwischen Pazifisten und Anarchisten,
Nudisten
und Ausdruckstänzerinnen, Anthroposophen und Psychoanalytikern,
Veganern und
Vegetariern ist zwar stets ein wackliger, dennoch existiert die Kolonie
in
ihrer ursprünglichen Form bis 1920. (Und kann heute noch als
Hotel/Museum/Konferenzcenter besucht werden.) Prominente Gäste wie der
dadaistische Künstler Hans Arp, der Philosoph Ernst Bloch oder die
Schriftsteller Gerhart Hauptmann und Hermann
Hesse machen den „Wahrheits-Berg“ zum radikal schicken Mythos.
Aus Thea Dorn, Richard Wagner:
Die deutsche Seele, S. 153-155
(4.12.2011)
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